Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • Liebe Fairy,

    denn halbnackt bzw sehr leciht bekleidet ist ja schon beinahe die Norm

    wie kommst Du denn auf das schmale Brett??

    Zitat

    Was ist z.B. wenn ein Regisseur die Orchestermusiker, den Dirigenten oder auch das Publikum in seine Inszenierung mithineinnimmt und plôtzlich die Forderung an Alle stellt, sich nackt auszuziehen, um damit sein Konzept der aufgeführten Oper zu verdeutlichen? Für mcih ist das nur die logische Fortsetzung und muss dann genauso begrüsst und mitgetragen werden wie ein nackter Sänger.

    Das meinst Du hoffentlich nicht ernst. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich mit dem Erwerb einer Eintrittskarte schon einmal vertraglich verpflichtet hätte, Anweisungen von Regisseuren zu folgen. Sänger an Opernhäusern haben aber genau das - und freiwillig! - getan. Außerdem: Der einzige Nackte, den ich bisher auf einer Opernbühne gesehen habe (Jens Larsen) hat sich im Publikumsgespräch eher amüsiert über die erstaunten bis empörten Nachfragen geäußert. Du solltest Dir für die Verteidigung der bedauernswerten Stimm-Sensibelchen ein anderes Thema suchen, z.B. böse Pianisten, die den Flügeldeckel öffnen oder mal zwei Stunden am Stück proben wollen :hide: .

    Viele Grüße,

    Christian

  • Dieses Forum ist bestimmt nicht das erste, daß sich mit dem Thema "Nacktheit auf der Bühne" beschäftigt. Wer es vertiefen möchte, ist möglicherweise hier ganz gut aufgehoben (ich begnüge mich damit, einen Tip von Bernd/Zwielicht a. a. O. weiterzugeben; selber gelesen habe ich das Buch noch nicht, doch schon aus dem Klappentext wird klar, daß eine Reduktion darauf, daß angeblich sensationsgeile Regisseure von Sänger/innen Unzumutbares verlangen, an der Sache vorbeigeht):


    Ulrike Traub: Theater der Nacktheit. Zum Bedeutungswandel entblößter Körper auf der Bühne seit 1900, Transcript Verlag 2010

    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Meine Lieben!

    "Theater der Nacktheit" finde ich äußerst praktisch, falls dem Publikum das eine Stück [Oper oder literarisches Werk] plötzlich doch nicht gefällt, kann man ohne, lästiges Umziehen, das Stück sofort ändern. Proben braucht man auch keine, jeder Darsteller soll sehen, wie g'sund sein Partner aussieht - und man erspart sich den Kostümbldner, am Besten auch ohne Bühnenbild, denn das ist unnötig. "My fair Lady" im Gesang der "Macht des Schicksals" - das wäre höhere Macht. :juhu: :juhu:

    Liebe Grüße sendet Euch Euer, nicht immer enst zunehmender Peter aus Wien, hoaß is, vielleicht habe ich einen Sonnenstich. :wink: :wink:

  • Nacktheit auf der Bühne

    Scheinbar ist in der heutigen Zeit alles erlaubt, könnt ihr euch z.B. die Rothenberger oder Schwarzkopf nackt auf der Bühne vorstellen, hätten sie das gemacht? Ich glaube nicht, es war eine ganz andere Generation noch nicht so locker war wie die heutige. :juhu:

    viele Grüße von musica

  • Liebe musica!

    Doch nicht die Anneliese oder die Elisabeth, die haben noch nicht das richtige Einsehen dafür gehabt, aber heutzutage kann man das machen, ein schöner Busento [Fluss in Italien] kann die höchsten Töne ersetzen, schrecklich würde es sein, aber man hat beim Theater schon mehr ausgehalten, man muss es aber nicht.

    Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Peter aus Wien. :wink: :wink:

  • Ist das nicht vielleicht unlauterer Wettbewerb gegenüber den Nachtlokalen? Ach nein, wir leben im Zeitalter des Neoliberalismus, wo alles erlaubt sein muß.
    lg Robert :-I

  • In Christine Mielitz' Wiener Staatsopern- "Parsifal" trat Kundry mit nacktem Oberkörper auf, solange Angela Denoke die Rolle sang. Vor vielen Jahren, 1976, gab's im selben Haus drei echt nackte "Junfrauen" in Schönbergs "Moses und Aron". Ob sie bei der ersten Aufführungsserie, 1973, bereits nackt waren, weiß ich nicht, 1976 schafften sie es aber immerhin auf's Titelblatt der führenden Boulevard-Zeitung Österreichs.
    :wink:


    Lieber Edwin!

    Ich versteh Dich zur Gänze - Kundry oben ohne ist einmal was anderes, aber bei Schönberg, drei Jungfrauen - wo haben die denn herbekommen, die müssen alle, bis in die kleinsten Konservatorien, durchgesucht haben, denn das mit den drei Jungfrauen, das gab es höchstens bei Hedwig Courhts-Mahler. Ich kann nicht alles ernst nehmen, denke ich. :klatsch: :klatsch: Bei Kirchenchören gibt es wenig Chancen. 8+) 8+)

    Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink:

  • Lieber Peter,
    bist Du nicht etwas zu kleinlich? Welche Frau sagt morgens nicht: "Jetzt hab ich wieder nichts anzuziehen!"
    Vielleicht sind ja nur wir Männer so prüde?????????? :-H :o:
    lg Robert

  • wie kommst Du denn auf das schmale Brett??

    Ganz einfach, lieber Christian: indem ich in die Oper gehe und mir sehr viele aktuelle Opernübertragungen/Mitschnitte von internationalen Bühnen ansehe. Oper ganz ohne nackte Haut scheint inzwischen eher die Ausnahme zu sein. An der MET gibt's das noch, ja.....die Kostüme dort sind halt so aufwändig und teuer, dass sie hergezeigt werden müssen und das amerikanische Publikum ist wohl auch ein bissel anders sozialisiert als das europâische. Aber eine grosse Opernproduktion, in der niemand in Unterwäsche oder Nachthemd oder sonstwie leicht geschürzt auf der Bühne steht, ist mir in letzter Zeit nciht allzu hâufig vorgekommen. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, solange es sich im vertretbaren Rahmen hält, die ausführenden einverstanden sind und vor allen Dingen das Ganze der Botschaft zutrâglich ist, aber der Einfluss den diese Praxis auf das Sänger-Casting und die gesamte Berufssparte hat, lâsst sich wohl kaum leugnen.
    Ansonsten schliesse ich mich der unwiderstehlichen Argumentation des Streiferl an: man spart mit (Halb-) Nacktheit eine Menge Geld, denn statt aufwändiger Roben gibt's eben nur Negligés und Unterwâsche oder gar nix. Honi soit qui mal y pense!


    Du solltest Dir für die Verteidigung der bedauernswerten Stimm-Sensibelchen ein anderes Thema suchen, z.B. böse Pianisten, die den Flügeldeckel öffnen oder mal zwei Stunden am Stück proben wollen :hide: .

    Du scheinst ja durch deine Erfahrungen mit Sängern so extrem traumatisiert zu sein, dass ich schon fast wieder Mitleid habe! :stern: :troest:
    Vielleicht solltest du mal einen Tag in den Mokkassins eines Sängers laufen(frei nach einem indianischen Sprichwort), ehe Du solche abfälligen Urteile abgibst.
    Ich hatte jedenfalls noch nie Probleme mit Pianisten und habe deren Launen immer tapfer ertragen, ohne ihnen vor Wut den Klavierdeckel auf den Fingern zuzuknallen! ;+)

    :fee:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Lieber Edwin!

    Danke, wenn sie die nur spielen müssen, jetzt bin ich wirklich aufgeklärt, dafür Dir ein schönes Wochenende! :thumbup: :thumbup: :thumbup:

    Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink: :wink:

  • Komisch, was für ein Aufreger ein nackter Mensch auf der Theaterbühne sein kann. Was Soziologen und Psychologen davon wohl halten?

    Es sind übrigens nicht immer nur die unbekannten Nobodies am Anfang ihrer Karriere, die sich nackt auf die Bühne wagen. Es gibt mindestens 3 Salome-Produktionen, in denen namhafte Hauptdarstellerinen alle 7 Schleier fallen lassen und splitterfasernackt den Tanz beenden:
    - Catherine Malfitano in der Berliner Produktion in der Regie von Peter Weigl (1990 oder so),
    - Maria Ewing in einer Londoner Produktion von 1992 in der Regie von Peter Hall (der, nebenbei bemerkt, damals mit Maria Ewing verheiratet war),
    - Karita Mattila an der MET in New York (man wundert sich) in 2004, Regie Jürgen Flimm.

    Wer scharf drauf ist, kann die ersten beiden Produktionen auf DVD kaufen. Karita Mattila gibt es allerdings nicht nackt auf Video (jedenfalls nicht offiziell): Als die MET diese Salome 2008 live in die Kinos übertragen hat, sorgten Kameraführung und Schnitt dafür, dass es keine "full frontal nudity" im Kino zu sehen gab.

    Die Peter-Hall-Produktion mit Maria Ewing ist später durch die USA getourt, und mancherorts (Los Angeles, ausgerechnet) war die Aufführung mit der Auflage verbunden, dass Ewing einen String-Tanga tragen musste. Ewings Kommentar dazu war, dass sie sich mit dem Tanga wie in einem billigen Nachtklub gefühlt habe. Oder anders gesagt: Der Tanga war ihr peinlicher als die vollständige Nacktheit.

    Wie auch auf mich krampfhaft verhüllte Pseudo-Nacktheit meist peinlicher wirkt als wirkliche Nacktheit. Zum Beispiel "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" neulich in Stuttgart (siehe Händel: "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" - Staatstheater Stuttgart, 28.05.11:( Im Schlussbild entkleiden sich Belezza und Tempo und umarmen sich gegenseitig - nach den Wirrungen der vorangegangenen Handlung auch ein Zueinanderfinden in wieder gewonnener Unschuld. Aus der Nähe der dritten Reihe betrachtet sahen allerdings die flatternden fleischfarbenen Unterhosen der beiden Sänger schon etwas doof aus - wären sie wirklich nackt gewesen, hätte das Bild noch anrührender gewirkt. In Bieitos Inszenierung herrscht weiß Gott kein Mangel an drastisch sexuell aufgeladenen Szenen, die Piacere-Figur läßt es ganz schön krachen. Aber in der Szene, in der sich die Hauptpersonen entkleiden, spielen Erotik und Sex gar keine Rolle.

    Das ist ein Kunstgriff, den Bieito auch anderswo schon eingesetzt hat: In seiner großartigen Baseler "Lulu" geht es natürlich zur Sache, und das nicht zu knapp - dass Sex bei diesem Stück ein wichtige Rolle spielt, überrascht nicht wirklich. Wirklich nackt ist Lulu aber nur in einem Bild, ganz am Schluss, bevor sie sich Jack the Ripper ausliefert - ein unvergessliches Bild von Einsamkeit, Verletzlichkeit und Verlorenheit.

    Nacktheit auf der Bühne kann eine starke Wirkung haben und je nach Kontext ganz Unterschiedliches vermitteln: Erotik, Sex, Vulgarität, Unschuld, Verletzlichkeit, Verlorenheit, Einsamkeit, Intimität, Freiheit, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein. Oder eine Kombination von alldem und noch mehr. Nun gibt es anscheinend immer wieder Zuschauer, die beim Anblick einer Vagina oder eines Penis auf der Bühne permanent nur noch auf diese starren oder nur noch an Geschlechtsorgane denken können. Und dann dem Regisseur Obsessionen unterstellen :D . Soll der Regisseur deswegen auf ein solch starkes und vielschichtiges Stilmittel verzichten? Natürlich nicht.

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Maria Ewing in einer Londoner Produktion von 1992 in der Regie von Peter Hall

    Stand aber nur Sekundenbruchteile ohne was im Licht. Zumindest live in der ENO.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • :faint:


    Invaliden reden schreiben gerne vom Krieg...


    :fee:

    "You speak treason" - "Fluently"
    "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"

  • :faint:


    Invaliden reden schreiben gerne vom Krieg...


    :prost: (- manchmal bin ich ganz gerne Invalid . . . .)


    "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
    Joris-Karl Huysmans

  • Aus der Nähe der dritten Reihe betrachtet sahen allerdings die flatternden fleischfarbenen Unterhosen der beiden Sänger schon etwas doof aus - wären sie wirklich nackt gewesen, hätte das Bild noch anrührender gewirkt.

    Das-ist-nicht-ganz-so-anrührend-Effekte und Das-sieht-etwas-doof-aus-Effekte gehören einfach nicht ins Regietheater! ;+)

    In einer perfekten Regiemusiktheaterproduktion könnte es nicht passieren, daß man in der dritten Reihe noch Phantasie braucht. Da müßte man auch in der ersten Reihe nicht fürchten, noch etwas nur Angedeutetes zu entdecken.

    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

  • Ja, was die Psychologen davon halten...
    ...z.B. davon, daß immer nur die nix dabei finden und die Auffassung vertreten es, die Welt wäre super in Ordnung und alles nicht so schlimm und die Sänger sollten sich nicht so haben, ja nocht nicht einmal die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß es vielleicht wirklich hinderlich sein könnte und das mit Einzelfällen zu belegen versuchen, die nie, nie, nie, nie, nie in die Situation kommen werden...
    :-I

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • daß immer nur die nix dabei finden (...), die nie, nie, nie, nie, nie in die Situation kommen werden...

    ...ist nachweislich falsch. Jens Larsen hat in Berlin im Publikumsgespräch sogar erzählt, dass er es war, der die vollständige Nacktheit in seiner Szene einfach konsequent fand und es Bieito deshalb vorgeschlagen hat. Aufgeregt haben sich nur ein paar Spießer im Publikum und in Internetforen.

    Viele Grüße,

    Christian

  • ...ist nachweislich falsch

    ... und zwar gelesen.
    Weder Bustopher, noch FairyQueen, noch ..., noch ich dürften zu den Zuschauern gehören, die sich an unsinnfreier Nacktheit stören.
    In den letzten etwa 40 Beiträgen ging es auch um das Schamgefühl von Interpreten.
    Um Bustophers Hinweis aufzugreifen:
    Ich möchte wissen, wieviele von denen, die Lust hätten, eine interessante Regietheaterinszenierung (ohne Nackt-Effekte) im Laientheater nachzuspielen, auch dann noch dabei wären, wenn es Nacktheit erforderte.

    Ach natürlich, Profis wurden ja ausgebildet, trotz Schamgefühlen eine Darstellung liefern zu können. Genau, Mimosen haben auf der Bühne nichts zu suchen. Überhaupt Schamgefühle, im Jahre 100 nach Freud, lächerlich, einfach nur prüde.

    Viele Grüße


    "Unter den bekannten Malern in Deutschland bin ich der ärmste, der schlecht bezahlteste."
    Markus Lüpertz (http://www.focus.de, 17.4.2015)

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