Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • Welche Inszenierung ist besser? Wenn wir nicht mehr darüber wissen als das, was ich hier vorgegeben habe, dann lautet meine Antwort: Das kann nicht beurteilt werden. Natürlich gibt es Leute, die allein aufgrund dieser Informationen sich für A, B oder C entscheiden. Finde ich legitim. Aber eine kompetente Beurteilung der Qualität der Arbeit von A, B und C ist so nicht möglich. Dazu müßten wir die Aufführungen erst kennen.

    Ja, und dann müssten wir eben noch bestimmte Kriterien haben, nach denen wir die Qualität der Arbeit bemessen! "Ich hatte einen netten Abend" reicht da meiner Meinung nach als Kriterium nicht aus.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Ja, und dann müssten wir eben noch bestimmte Kriterien haben, nach denen wir die Qualität der Arbeit bemessen! "Ich hatte einen netten Abend" reicht da meiner Meinung nach als Kriterium nicht aus.

    Einverstanden. Und wenn Du mich nach meinen Kriterien fragst, ist meine Antwort: Wenn Du darüber Näheres wissen möchtest, lies, was ich hier im Forum über meine Besuche von Opernaufführungen geschrieben habe. Dort habe ich versucht, meine Eindrücke einigermaßen nachvollziehbar wiederzugeben, jedenfalls steht da etwas mehr drin als "Ich hatte einen netten Abend". Vielleicht kannst Du damit etwas anfangen.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Nachtrag: Lieber Cherubino, ganz ausgezeichnete, informative und luzide Besprechungen findest Du übrigens, wenn Du nach denen suchst, die vor Jahren Alviano in Capriccio vorgelegt hat. Ich denke, gerade in seinen Berichten lassen sich sehr schön Kriterien für gutes Theater entdecken. Nach wie vor noch sehr gut lesbar, sehr zu empfehlen!


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Helmut Lachenmann

  • Das sehe ich nicht so. Im Prinzip ist nämlich die Haltung, die ich beschreibe, bereits eine mögliche Position innerhalb dieser theoretischen Diskussion: Aufgabe und Ziel einer Operninszenierung sollte es sein, gutes Theater zu bieten, wobei "Texttreue" kein Kernkriterium für "gutes Theater" ist. Man mag diese Position ja gerne unzureichend finden (aus welchem Grund auch immer), aber das ändert nichts daran, dass es eine mögliche Position ist.

    Sie ist deshalb unzureichend, weil der Kern der theoretischen Diskussion ja gerade darin liegt, zu bestimmen, was "gutes Theater" ausmacht und wie man es produziert.


    Ok, dann hast Du erläutert, warum Du diese Position unzureichend findest, weil nämlich der Begriff vom "guten Theater" zu unscharf ist und wir dafür Kriterien benötigen.


    Allerdings enthält die o.g. Position bereits die Negation zumindest eines Kriteriums, nämlich der "Texttreue".


    Wir könnten jetzt entweder so vorgehen, dass wir andere Kriterien sammeln und diese diskutieren, oder wir könnten darüber diskutieren, ob die Negation des Kriteriums "Texttreue" tatsächlich Sinn macht und akzeptabel ist.


    Bleiben wir mal beim letzteren. Wenn wir es rein empirisch angehen, so können wir feststellen, dass es an vielen Opernhäusern Inszenierungen gibt, die nicht "texttreu" sind, die aber trotzdem von professionellen Künstlern beauftragt und angefertigt werden, und die trotzdem von Publikum besucht werden. Es scheint also (salopp gesprochen) sozusagen einen "Markt" dafür zu geben.


    Wäre Texttreue ein eindeutiges Kernkriterium für "gutes Theater", dann dürfte das o.g. Phänomen eigentlich nicht zu beobachten sein, denn dann würde ja ein Haufen professioneller Theatermacher sehenden Auges schlechtes Theater machen, und ein Haufen operninteressierter Leute würde mit voller Absicht Aufführungen besuchen, die schlechtes Theater bieten.


    Sofern wir uns nicht mit irgendwelchen randständigen Verschöwrungstheorien über opernzerstörende linke Theaterzersetzer abgeben wollen, wäre eine sinnvolle Schlussfolgerung, dass es zumindest sehr unwahrscheinlich ist, das "Texttreue" ein objektives (!) Qualitätskriterium für gutes Theater ist.


    Ganz anders kann es natürlich mit subjektiven (!) Kriterien einzelner Personen aussehen, die eventuell sehr großen Wert auf "Texttreue" legen, wenn sie eine Aufführung besuchen. Das ist selbstverständlich vollkommen legitim, aber in einer allgemein gehaltenen Diskussion zum Thema ein recht unzureichender Standpunkt - de gustibus etc.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich weiß es nicht. Aber es würde ja vorläufig auch schon die Erklärung reichen, was Du unter diesem Begriff verstehst, denn schließlich hast Du ihn verwendet. Dasselbe gilt für die ominöse "Kernaussage", die neuerdings von Dir ins Spiel gebrachte "Hauptaussage" und so weiter

    Und Du glaubst also wirklich, daß ich über jedes Stöckchen springe, das Du mir hinhältst?

    Da muß ich Dich leider enttäuschen.

    Wenn man schon ein sich selbsterklärendes Wort wie "Hauptaussage" hier umständlich erläutern muß, dann erübrigt sich für mich jede Diskussion. Für Geschwurbel bin ich nicht zu haben.

    Wie unendlich langweilig wäre die künstlerische Welt, wenn es zu jedem 'Werk' nur eine 'Haupt'-aussage geben würde.

    Habe ich von einer einzigen Hauptaussage gesprochen? Nein, denn sonst hätte ich "DIE Hauptaussage" geschrieben. Nur zur Richtigstellung, ich lasse mir nicht gern das Wort im Mund herumdrehen.


    Was ist denn das "Original" der "Meistersinger"?

    Alles, was die wesentlichen Inhalte, den Kern (nein, ich werde jetzt nicht erklären, was ich damit meine) abbildet. Und nicht das Gegenteil.

  • Was ist denn das "Original" der "Meistersinger"?

    Alles, was die wesentlichen Inhalte, den Kern (nein, ich werde jetzt nicht erklären, was ich damit meine) abbildet. Und nicht das Gegenteil.


    Nun bin ich verwirrt, weil Du erst im Singular geschrieben hast ("das Original"), jetzt aber einen Plural andeutest. Verstehe ich Dich richtig: als "Original-Meistersinger" erkennst Du jegliche Aufführung an, die "den Kern" abbildet (von was eigentlich - dem Stück)?


    Damit hast Du natürlich die unvermeidliche Rückfrage anhängen, was denn "der Kern" des Stücks sein soll. Ich gebe Dir mal ein Beispiel: gehört die Kulisse des historischen Nürnbergs zum "Kern"? Mir würden Argumente dafür und dagegen einfallen.


    Die andere Rückfrage wäre, wie Du anhand der bloßen Beschreibung einer Opernaufführung beurteilen möchtest, ob diese Aufführung den "Kern" wiedergibt oder nicht. Das Rumreiten auf einem Regieeinfall und der Frage, ob man diesen aufgrund seiner bloßen Beschreibung für gelungen hält, ist für eine solche Beurteilung wohl kaum ausreichend.


    LG :wink:

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  • Das war eine generelle Aussage und nicht explizit auf diese Kritik gemünzt.


    Dann kannst Du aber die Aufführung anhand dieser Kritik und Deines von Dir formulierten Kriteriums eigentlich nicht vernünftig beurteilen.


    Womit immer noch die Frage bleibt, was "der Kern" des Stücks "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner sein soll und ob z. B. die Kulisse des historischen Nürnbergs zu diesem "Kern" gehört.


    LG :wink:

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  • Ok, dann hast Du erläutert, warum Du diese Position unzureichend findest, weil nämlich der Begriff vom "guten Theater" zu unscharf ist und wir dafür Kriterien benötigen.

    Genau, und ich glaube nicht, dass es eine einzige, allgemein gültige Definition davon gibt, was "gutes Theater" ist. Der Begriff ist genau so schwammig wie "gute Musik" oder "ein gutes Buch". Was das konkret ausmacht, ist ganz stark von ästhetischen, weltanschaulichen, historischen, regionalen usw. Faktoren abhängig und einem steten Wandel unterworfen. Wäre das anders, wäre die Theaterwissenschaft arbeitslos und die Theaterpraxis langweilig. ^^


    Warum jetzt gerade die Texttreue da ein besonderes Kriterium sein sollte oder nicht sein sollte, mag mir nicht einleuchten. Das Verhältnis zwischen Text und Aufführung ist dann doch ein bisschen komplexer. Aber ich glaube, dass es dieses komplexe Verhältnis gibt.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Genau, und ich glaube nicht, dass es eine einzige, allgemein gültige Definition davon gibt, was "gutes Theater" ist.


    Die gibt es höchstwahrscheinlich nicht. Letztlich ist die Beurteilung der Qualität einer Theateraufführung innerhalb des ästhetischen Systems "Theater" vermutlich ähnlich komplex wie die Beurteilung einer musikalischen Aufführung innerhalb des ästhetischen Systems "Musik".


    Es wird aber wahrscheinlich nicht plausibel gehen, die Kriterien eines ästhetischen Systems dem anderen überzustülpen. Deswegen funktionieren auch Argumentationen wie "man verändert ja auch nicht den Notentext, also darf man auch an der Handlung nichts ändern" für das Musiktheater nicht.


    Warum jetzt gerade die Texttreue da ein besonderes Kriterium sein sollte oder nicht sein sollte, mag mir nicht einleuchten.


    Mir leuchtet das auch nicht ein, aber es gibt offensichtlich Leute, denen dieses Kriterium besonders wichtig ist. Es ist ihnen sogar so wichtig, dass sie anhand der bloßen textlichen Beschreibung einer Opernaufführung auf die Qualität dieser Aufführung meinen schließen zu können, die sie wohlgemerkt gar nicht gesehen haben - bloß weil in dieser Beschreibung Regieeinfälle wiedergegeben werden, die nicht im Text des Stücks stehen.


    Von mir aus kann man ja gerne für sich selbst ein solches subjektives Kriteriensystem definieren, nur sollte man dann nicht dem Irrtum unterliegen, damit allgemeine Aussagen über die gegenwärtige Theaterpraxis rechtfertigen zu können.


    Wohlgemerkt würde ich vor dem Trugschluss warnen, dass aus einer Einstufung von "Texttreue" als minderwichtiges Kriterium geschlussfolgert wird, dass der Text komplett irrelevant wäre. Das ist er m. E. keineswegs, denn für die Konzeption der Aufführung hat man sich ja entschieden, das fragliche Stück mit seinem Text im Grundsatz erstmal zu verwenden. Ich halte es nur für weitaus wichtiger zu erfahren, was aus und mit diesem Text theatralisch gemacht wird, als zu überprüfen, ob man ihm buchstabengetreu gefolgt ist. Letzteres wäre wohl sogar ein gutes Beispiel für eine "Beckmesserei" - dies nur als kleiner Hinweis an alle Freunde des "Originals" der "Meistersinger". ;)


    LG :wink:

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  • Mir leuchtet das auch nicht ein, aber es gibt offensichtlich Leute, denen dieses Kriterium besonders wichtig ist.

    Mir ist es eher ziemlich unwichtig, ob eine Inszenierung texttreu ist oder nicht.


    Dennoch möchte ich einwerfen, dass es auf dem Gebiet der Instrumentalmusik (und nicht nur da) eine Menge qualifizierter Leute gibt, die sich mit so etwas wie einem "Urtext" befassen.


    Und wenn jemand Beethovens Mondscheinsonate nicht in cis-Moll, sondern in es-Moll spielte, würde man das auch kaum durchgehen lassen ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Dennoch möchte ich einwerfen, dass es auf dem Gebiet der Instrumentalmusik (und nicht nur da) eine Menge qualifizierter Leute gibt, die sich mit so etwas wie einem "Urtext" befassen.


    Und wenn jemand Beethovens Mondscheinsonate nicht in cis-Moll, sondern in es-Moll spielte, würde man das auch kaum durchgehen lassen ...


    Ich bin mal so frei, mich selbst dazu zu zitieren:


    Letztlich ist die Beurteilung der Qualität einer Theateraufführung innerhalb des ästhetischen Systems "Theater" vermutlich ähnlich komplex wie die Beurteilung einer musikalischen Aufführung innerhalb des ästhetischen Systems "Musik".


    Es wird aber wahrscheinlich nicht plausibel gehen, die Kriterien eines ästhetischen Systems dem anderen überzustülpen. Deswegen funktionieren auch Argumentationen wie "man verändert ja auch nicht den Notentext, also darf man auch an der Handlung nichts ändern" für das Musiktheater nicht.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Da bin ich ja grundsätzlich dabei. Nur den philosophischen Unterbau habe ich noch nicht ganz verstanden - warum darf man da, aber dort nicht? Schwierig das alles ...


    Gruß

    MB


    :wink:

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  • Wenn man schon ein sich selbsterklärendes Wort wie "Hauptaussage" hier umständlich erläutern muß, dann erübrigt sich für mich jede Diskussion. Für Geschwurbel bin ich nicht zu haben.

    Das ist dann wohl auch besser so. Wenn Du schon die Klärung der von Dir verwendeten Begriffe als "Geschwurbel" bezeichnest, bist Du als Diskussionspartnerin für mich ohnehin raus. Für

    das übliche triviale Gewäsch

    bin ich nicht zu haben.


    Mir ist es eher ziemlich unwichtig, ob eine Inszenierung texttreu ist oder nicht.


    Dennoch möchte ich einwerfen, dass es auf dem Gebiet der Instrumentalmusik (und nicht nur da) eine Menge qualifizierter Leute gibt, die sich mit so etwas wie einem "Urtext" befassen.


    Und wenn jemand Beethovens Mondscheinsonate nicht in cis-Moll, sondern in es-Moll spielte, würde man das auch kaum durchgehen lassen ..

    Ich habe gegen beide Argumente Einwände: Urtextausgaben ermöglichen im Vergleich zu den früher vorherrschenden "instruktiven Ausgaben" nicht weniger sondern mehr künstlerische Freiheit, weil sie dem Musiker das Material zur Verfügung stellen, dessen Möglichkeiten er dann nach eigenem Ermessen und Können erforschen und nutzen kann. Frühere Herausgeber wollten ihn statt dessen quasi an die Hand nehmen und haben deshalb die Freiheit durch eine Flut von eigenen Vorschriften eingegrenzt, ganz extrem z.B. bei Bach und Mozart. Und zur Mondscheinsonate in es-Moll sei an die Kammertondiskussion erinnert: Was "cis-Moll" konkret bedeutet, steht also keineswegs fest, auch hier gibt es kein "Original" ;).


    warum darf man da, aber dort nicht?

    Natürlich darf man auch Wagners oder Beethovens Notentexte verbessern. Wenn man es kann.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Urtextausgaben ermöglichen im Vergleich zu den früher vorherrschenden "instruktiven Ausgaben" nicht weniger sondern mehr künstlerische Freiheit, weil sie dem Musiker das Material zur Verfügung stellen, dessen Möglichkeiten er dann nach eigenem Ermessen und Können erforschen und nutzen kann. Frühere Herausgeber wollten ihn statt dessen quasi an die Hand nehmen und haben deshalb die Freiheit durch eine Flut von eigenen Vorschriften eingegrenzt, ganz extrem z.B. bei Bach und Mozart.

    Richtig, danke. Da hatte ich den Begriffs des Urtexts schneller schreibend als denkend verkürzt auf das Anbieten einer einzigen Wahrheit - was eine kritische Ausgabe gerade nicht tut.


    Dennoch - was im Regietheater geschieht, ist eventuell nicht ganz dasselbe wie das Auswählen unter mehreren überlieferten Lesarten ...

    Und zur Mondscheinsonate in es-Moll sei an die Kammertondiskussion erinnert: Was "cis-Moll" konkret bedeutet, steht also keineswegs fest, auch hier gibt es kein "Original" ;) .

    Zugegeben. Dennoch spielt niemand in es-Moll, z. B. deswegen, weil in cis-Moll die grifftechnischen Gegebenheiten andere sind als in es-Moll, was in der einen Tonart leichtgängig ist, könnte in der anderen schwierig (und spannend) sein und umgekehrt, und Beethoven hat diese Gegebenheiten eventuell einkomponiert.

    Natürlich darf man auch Wagners oder Beethovens Notentexte verbessern. Wenn man es kann.

    Hmmm, da fällt mir manches ein ...


    1) Ja, man darf verbessern, aber keiner macht*s - oder er sagt es dazu wie etwa bei den Adaptionen der "Vier Jahreszeiten" Vivaldis von Red Priest oder Max Richter.


    2) Früher (entschuldige bitte den unscharfen Begriff) hat man mit weitaus weniger Gewissensbissen "verbessert". Siehe Mendelssohns Wiederaufführung der Mt-Passion mit Klarinetten, Klavier, Uminstrumentierungen, Transpositionen ... oder der Messias mit Beecham. Oder Mahlers Einrichtung von Schumann-Sinfonien oder Webers "Pintos". - Harnoncourt sagte mal sinngemäß, in Zeiten, in denen es eine lebendige Musikkultur gab, die authentischer Ausdruck ihrer Zeit war, war es selbstverständlich, die Werke der eigenen Auffassung anzupassen, und bezeichnet unseren denkmalschützenden Ansatz mit nicht so freundlichen Worten.


    3) Was heißt, "man kann es"? Wer entscheidet das denn?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hier ein Interview mit den Bratschisten Lawrence Power. Er spricht uA auch über seine Erfahrung mit neu komponierter Musik und vor allem von seiner persönlichen Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit gegenwärtigen Komponisten. Er spricht von einem Prozess, der ihn befreit. Der Text, also die Partitur, sei natürlich "paramount", aber es sei eigentlich jedesmal der Fall, dass Komponisten von ihm erwarteten, dass er auf ihre Partitur reagiert, sie mit Leben erfült und sie interpretiert. Dies hat ihn dann auch befreit, wenn es um Werke von zB Beethoven oder Bach geht. Hier ist er nun nicht mehr gelähmt von der Geschichte der Aufführungspraxis, der Frage des Stils, von der Erwartung der Zuhörer, der Frage, was sie über seinen Ansatz denken.


    "...to start from scratch and to present something without any influence, without any sort of influence from history.....When you go back to classical composers, having worked with composers a lot, I take back so much freedom. "


    Das Thema beginnt etwa bei 2:40 hier im YT video:


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    Ansonsten vermute ich, dass es zB die Mondscheinsonate bestimmt schon ungefähr irgendwo zwischen cis und ces moll gespielt gibt. Was Khampan dazu sagen würde? Ich habe mal im Orgelthread davon gesprochen, dass mir die Idee, dass ein Komponist eine bestimmte Tonart für sein Werk aussucht, auf einmal seltsam vorkommt, wenn ich mir überlege, wie unterschiedlich gestimmt Orgeln waren. Und dennoch ist etwas dran, dass wir von C Dur etwas anderes erwarten als von F Dur.

  • Da bin ich ja grundsätzlich dabei. Nur den philosophischen Unterbau habe ich noch nicht ganz verstanden - warum darf man da, aber dort nicht? Schwierig das alles ...


    Sofern die Sachen gemeinfrei sind, "darf" man alles, also auch eine Klaviersonate von Beethoven auf einem Casio-Keyboard spielen und dabei mit einem elektronischen Rhythmus unterlegen. Es wird halt in der künstlerischen Praxis nicht oder kaum gemacht.


    Wenn man sich vom "Dürfen" verabschiedet und einfach beobachtet, was gemacht wird, dann lässt sich feststellen, dass heutzutage im Bereich der Musik häufig der Gedanke einer gewissen "philologischen Korrektheit" vertreten wird, der dann auch noch mit der Frage nach dem "Originalklang" kombiniert ist (Stichwort HIP). Im Bereich des Theaters hingegen scheint ein recht freier Umgang mit dem verwendeten Material durchaus üblich zu sein.


    Du hast ja selbst bereits darauf hingewiesen, dass dies beileibe nicht immer so war, es sich also um Aspekte der Ästhetik handelt, die im Laufe der Jahrhunderte erheblichen Änderungen unterworfen war.


    Ob es für diese Entwicklungen einen "philosophischen Unterbau" gibt und worin dieser besteht, dürfte eine nicht ganz triviale Frage sein, derer man sich vermutlich kulturwissenschaftlich annehmen müsste - wahrscheinlich ist dies auch bereits gemacht worden. Das übersteigt meine persönlichen Kenntnisse und Einblicke bei weitem, aber ich bin sehr dankbar für jeglichen Hinweis, den jemand mit mehr Kenntnissen zum Thema hier beiträgt.


    LG :wink:

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  • Natürlich darf man auch Wagners oder Beethovens Notentexte verbessern. Wenn man es kann.


    Man "darf" das auch tun, wenn man es nicht kann. Allerdings ist man in diesem Fall sehr schlecht beraten, das Ergebnis der eigenen Bemühungen in irgendeiner Form öffentlich zu präsentieren - es sei denn, man möchte sich blamieren.


    LG :wink:

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  • Bezüglich der Neuinszenierung der "Meistersinger" in der DOB, die ja in der Presse nicht gut wegkam, kann ich anmerken, das die mit dem Werk verbundenen Begriffe "Katharinenkirche", "Butzenscheiben" und ähnliche hier völlig fehl am Platze sind. Allerdings gebe ich persönlich nichts auf Kritiken, ich schaue mir die Aufführung (so gestern geschehen) an, um mir selbst ein Urteil zu bilden. Eine Inszenierung nach Bildern und Kritiken zu beurteilen, halte ich für falsch. Das die Inszenierung mich nicht in allen Details überzeugt hat (besonders der zweite Aufzug) , ist persönliches Empfinden. Natürlich ist eine solche Werkdeutung gewöhnungsbedürftig, aber man sollte sich auch auf ungewohntes, auf Neues, einlassen.

    Zu den Interpreten kann ich anmerken, dass Klaus Florian Vogt als Stolzing eine Spitzenleistung bot, eben so Philipp Jekal als Beckmesser und Thomas Lehman als Kothner. Albert Pesendorfer als Pogner machte seine Sache ebenfalls hervorragend. Johan Reuter als Sachs hatte einige Intonationsschwierigkeiten, die aber die Leistung nicht minderten. Heidi Stober als Eva wirkte zeitweilig stimmlich, gerade in der Höhe, unfrei. Last, but not least Annika Schlicht als Magdalene und ya-Cung Huang als David waren rollendeckend eingesetzt. Markus Stenz am Pult tat ein übriges, das diese Aufführung (bis auf zwei Bläserpatzer) ein voller Erfolg wurde. Meint Fazit: Hingehen.

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten...


    GB

    Einmal editiert, zuletzt von Bassbariton ()

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