Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • Nur am Rande, weil es nicht zum Thema gehört:

    Die Definition im MGG verzichtet interessanterweise (oder gar aus Weisheit) auf das Erwähnen des Quint-/Quart-Abstands von Dux und Comes, der doch die allermeisten Fugen, "die man so spielt oder bespricht",i kennzeichnet.

    Das wird in der MGG-Definition natürlich auch genannt, ich habe es aber (wegen der Zitierregeln, und weil es in dem Zusammenhang hier nicht nötig ist) ausgelassen.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Wette gewonnen

    Keineswegs. Es ging ja hier nicht um das Thema Inszenierung.

    Wenn schon, dann habe ich eine Wette gewonnen. Nämlich, daß Du mir mal wieder etwas unterstellst, was ich nicht geschrieben habe.

  • :pop:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Dabei mag ich gar kein Popcorn.


    <X

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Keineswegs. Es ging ja hier nicht um das Thema Inszenierung.

    Jetzt wird’s aber oberpeinlich. Es ging um diesen Diskusssionsfaden. Wenn Du jetzt plötzlich schreibst, dass das für Detailthemen nicht gelten würde, ist das für mich eine nachträgliche Verdrehung (ein Verhalten, auf das Christian Köhn hier auch schon mehrfach hingewiesen hat).

    Das ist mein größter Einwand gegen Musik, dass Österreicher darin exzelliert haben.
    (Arno Schmidt: Das steinerne Herz)

  • Wenn schon, dann habe ich eine Wette gewonnen. Nämlich, daß Du mir mal wieder etwas unterstellst, was ich nicht geschrieben habe.

    Gut, dann wolltest Du also sagen, dass die "Prügelfuge" keine Fuge ist, und Du hast Argonaut nur zur Untermauerung und als Autorität in Sachen Meistersinger zitiert. Schön, dass Du das anerkennst.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Gut, dann wolltest Du also sagen, dass die "Prügelfuge" keine Fuge ist, und Du hast Argonaut nur zur Untermauerung und als Autorität in Sachen Meistersinger zitiert. Schön, dass Du das anerkennst.

    Es gab eine lange Diskussion mit Luxorioes, ich glaube, so hieß er damals und er hat wirklich Überzeugungsarbeit geleistet. Mit diversen Begründungen, Hinweisen und Noten-Beispielen. Ich habe mich damals sehr mit dem Thema beschäftigt, auch den Klavierauszug (Partitur habe ich nicht) genauestens studiert und bin schließlich zu dem Schluß gekommen, daß er recht hat.

  • Aus der "Presseschau", anknüpfend dort: RE: Capriccio-Presseschau

    "Für mich ist eine Produktion ein Misserfolg, wenn die Geschichte nicht verständlich rübergebracht wird."

    Quelle:

    »Für mich ist eine Produktion ein Misserfolg, wenn die Geschichte nicht verständlich rübergebracht wird.«
    Hat die Metropolitan Opera, die seit 2006 von Peter Gelb geleitet wird, einfach nur ein paar schwere Jahre hinter sich, oder sind die Missstände, die an einer…
    van-magazin.de


    Bemerkenswert, was Peter Gelb hier als positives Beispiel anführt, nämlich die Inszenierung einer Lucia di Lammermoor, die die Handlung von Schottland in die USA und vom 17. in die Gegenwart versetzt:

    Zitat von Peter Gelb

    Für mich ist eine Produktion ein Misserfolg, wenn die Geschichte nicht verständlich rübergebracht wird. Simon Stone hat kürzlich Lucia für uns produziert, sein Debüt an der Met, und das Publikum hat alles verstanden. Obwohl das Stück in der Gegenwart spielte, in einer abgehängten Stadt in Michigan voller Schurken und Opiatsüchtigen, war es trotzdem die Story von Lucia. Nicht im Sinne einer Metapher, es war Lucia. Sie stand im Mittelpunkt. Die Figuren waren die Figuren. Sie alle wurden getrieben von grundlegenden Motiven, die denen im Libretto entsprachen. Die Geschichte wurde auf eine völlig moderne, fesselnde Art und Weise erzählt, die sie meiner Meinung nach für das Publikum viel unmittelbarer macht.

    Der Intendant der New Yorker Metropolitan Opera ist also keineswegs der Meinung, daß eine Oper heute so gespielt werden muß, daß Zeit und Ort des Librettos übernommen werden. Dabei nimmt er das Libretto ernst!


    Die Arbeit von Simon Stone kann ich selbstverständlich nicht beurteilen, weil ich sie nicht kenne. Peter Gelbs Auffassung finde ich allerdings nachvollziehbar, auch wenn man natürlich lange darüber streiten kann, ob in einer bestimmte Aufführung die "Geschichte [...] verständlich rübergebracht" wurde.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Peter Gelbs Auffassung finde ich allerdings nachvollziehbar

    So, wie er das beschreibt, finde ich das auch nachvollziehbar. Da macht es dann die Personenregie aus.

    Vor 2 Wochen lief auf ARTE eine "Tosca" in der Inszenierung von Barrie Kosky aus Amsterdam.

    Das hatte auch nichts mit der Zeit um 1800 und der Schlacht von Marengo zu zun, hat mir aber trotzdem gefallen. Der 1. Akt spielte korrekt in einer Art Kirche (Hintergrund ein dreigeteiltes Gemälde über das Jüngste Gericht), der 2. Akt war allerdings dämlich, er spielte in einer modernen Küche, und Scarpia bereitete Sushi zu, der 3. Akt spielte nicht auf der Engelsburg, aber in einem Gefängnis. Es war wie von Peter Gelb beschrieben die Story von Cavaradossi, Tosca und Scarpia, in einer astreinen, hervorragenden Personenregie. Außerdem waren die Sänger ausgezeichnet (Malin Byström, Joshua Guerrero).

    Die Produktion war gelungen.

    Ganz im Gegensatz zu dieser "Tosca" von Martin Kusej:


    Theater an der Wien - "Tosca" als Blutrausch im Schneesturm
    Giacomo Puccinis "Tosca" im Theater an der Wien mit platt drastischen Bildern und ruppigem Klang.
    www.wienerzeitung.at


    In dieser Inszenierung blieb kein Stein auf dem anderen.

  • Das mit der Verständlichkeit ist freilich auch empfängerabhängig. (Siehe Lichtenberg.)

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Schau Dir mal diese von mir oben erwähnte "Tosca" in der Inszenierung von Kusej an.

    Wer in dieser Lesart das Werk zum ersten Mal hört und sieht, hat hinterher keinen blassen Schimmer von dieser Oper. Das hat nichts mit "empfängerabhängig" zu tun.

    Denn in anderen Worten willst Du doch sagen, die Leute sind halt dann zu blöd, den Schmarrn zu kapieren. Wenn Texte "angepaßt" werden, hört es mit der Freundschaft auf.

    Lichtenbergs Aphorismen hin oder her.

  • Das mit der Verständlichkeit ist freilich auch empfängerabhängig. (Siehe Lichtenberg.)

    Das stimmt zwar, aber ein Regisseur oder eine Regisseurin arbeitet ja immer für ein bestimmtes Publikum. Und wenn er oder sie die eigenen Ideen nicht in prägnante, funktionierende Bilder umsetzen kann, ist die Aufgabe verfehlt. Wie Musik muss auch Regie im Moment der Aufführung wirken und die Adressaten erreichen.

    Theater ist schließlich Theater - und keine theoretische Abhandlung im Programmheft und auch kein Rätselspiel.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wie Musik muss auch Regie im Moment der Aufführung wirken

    Da bin ich mir nicht sicher. Im Gegenteil, ein Bild, eine Personenführung, ein Kostüm etc. , die sich nicht sofort deutlich machen, kann mich viel länger beschäftigen, arbeitet in mir länger und selbst wenn sie sich endgültig nicht klären lassen - um wie vieles spannender können sie sein, als die sofortige Auflösung. Was für die Musik übrigens ja auch oftmals gilt.


    :wink:Wolfram

  • Das mit der Verständlichkeit ist freilich auch empfängerabhängig. (Siehe Lichtenberg.)

    Das stimmt zwar, aber ein Regisseur oder eine Regisseurin arbeitet ja immer für ein bestimmtes Publikum. Und wenn er oder sie die eigenen Ideen nicht in prägnante, funktionierende Bilder umsetzen kann, ist die Aufgabe verfehlt. Wie Musik muss auch Regie im Moment der Aufführung wirken und die Adressaten erreichen.

    Theater ist schließlich Theater - und keine theoretische Abhandlung im Programmheft und auch kein Rätselspiel.

    Selbstverständlich will der Regisseur das Publikum erreichen, nur ist damit so gut wie nichts gesagt, was seine praktische Arbeit bestimmen oder informieren könnte. Denn es ist doch alles völlig individuell bestimmt, ob jemand sich erreicht fühlt oder nicht. Das Publikum ist keine homogene Gruppe. An wen soll der Regisseur denn seine Inszenierung nun addressieren? Ein Bild funktioniert nicht für jeden Menschen gleich. Und es funktioniert auch nicht für jeden Menschen gleich schnell. Ich bin tagelang, manchmal wochenlang beschäftgit mit solchen "Bildern". Nicht intellektuell, aber ich brüte innerlich irgendwas aus, was ich zuerst nur unvoreingenommen angesehen habe. Dann fängt es an zu "arbeiten".


    Arbeitet ein Regisseur wirklich für ein bestimmtes Publikum? Ich glaube nicht. Er schafft Kunst, an der ein Publikum teilhaben wird. Und nur anbei, wird diese Kunst wirklich nur für das Publikum geschaffen, welches da am Abend sitzt? Eine Inszenierung kann viele Jahre lang aktiv sein und das Publikum sich ändern.

  • Und nur anbei, wird diese Kunst wirklich nur für das Publikum geschaffen

    Machen wir uns nichts vor, die Aufführung wird auch für die Kritiker geschaffen und auch für den eigenen Namen. Was immer so war, heute natürlich auch gilt und selbstverständlich dazugehört, völlig ok ist. Kunst geht auch nach Brot. ;) Das Schielen in diese Richtung darf nur nicht Überhand nehmen.


    Kleiner Einwurf, nur um noch mal festzuhalten, dass auf dem Theater es nicht nur um 'hehre' Kunstziele geht.


    :wink:Wolfram

  • Und wenn er oder sie die eigenen Ideen nicht in prägnante, funktionierende Bilder umsetzen kann, ist die Aufgabe verfehlt.

    Und wer entscheidet, ob die Bilder prägnant und/oder funktionierend sind (muss Kunst "funktionieren?" Hä?) bzw. ob er oder sie eigene Ideen in solche Bilder umgesetzt hat oder nicht? Du?


    Aufgabe? Welche Aufgabe hat ein Kunstwerk? Es ist.

    Wie Musik muss auch Regie im Moment der Aufführung wirken und die Adressaten erreichen.

    Kunst muss gar nix. Schon gar nicht irgendwelche Erwartungen erfüllen.


    Leute, die irgendetwas nicht kapiert haben und alles, was ihnen begegneten, an ihren eigenen kleinen Erwartungen gemessen haben, gab es immer, ob zu Beethovens Neunter, zu Bruckners Sinfonien, zur "Verklärten Nacht", zum "Sacre", ... offenbar immer ähnlich tickende Leute, denen es nicht gelungen ist, vorsichtig ausgedrückt, mit dem Gebotenen in positive Resonanz zu kommen und die die Ursache dafür selbstverständlich außerhalb von sich selbst verorteten.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • der Theaterdirektor hat auch ein Wörtchen mitzureden

    Der im Idealfall sich ja aber doch ziemlich oder ziemlich lange heraushält, jedenfalls wird das immer betont. :)


    Aber es gibt natürlich immer die Ausnahmen, wobei viele nicht bekannt werden. Schön dabei die Anekdote, die Rolf Liebermann erzählte. Dalí sollte nach Liebermanns Wunsch die Regie für Gounods 'Faust' in Paris übernehmen. Die vom Maler gewünschten 40 oder so lebendigen Schafe auf der Bühne akzeptierte er als Intendant noch, aber das Dalí nur telefonisch Regie führen wollte, war dann doch zu viel und er wurde entlassen. (Der Grund kann auch umgekehrt gewesen sein.) In Hamburg protestierte Leo Nucci gegen das Regiekonzept von Johannes Schaaf für den 'Rigoletto', woraufhin er den Regisseur entließ und den Bariton singen ließ, was Liebermann selber später als Riesenfehler bezeichnete.


    :wink:Wolfram

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