Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

  • Zum Thread-Titel passend erhielt ich heute folgendes Rundmail:

    "Yes, we know that the direction opera has been moving to for quite a long time from concentrating on the quality of the voices to focusing on the visual aspects of the stage director's vision of the opera, which is often contradictory to the composer's intentions, unfortunately. When I think about some of the productions I played in Germany, they had practically nothing to do with the plot of the story at all! Do you know Albert Dohmen, by the way? I think he is quite right saying also that the role of the singer has diminished to almost a visual one and that the quality of singing is not considered as important as it used to be."
    Lorne Richstone

    Professor Lorne Richstone was born and raised in Montreal, Canada. From 1982 to 2006 he was on the coaching staff of the Deutsche Oper Berlin, Germany, where he played under a host of prominent conductors and coached and appeared in performance with many of the world’s leading singers.

    https://www.ou.edu/finearts/music…lorne-richstone

  • the stage director's vision of the opera, which is often contradictory to the composer's intentions, unfortunately

    (Entschuldigung, es sind natürlich nicht Deine Aussagen, sondern aus dem Artikel.)

    Mein Kommentar dazu aber, wie oft schon:

    (a) ....was noch zu beweisen wäre.

    (b) ein Regisseur will eventuell ein Werk kritisieren oder Brüche aufzeigen. Ich meine das kann durchaus gelingen. Und solange sich sowohl Kritik wie Brüche aus dem Werk und seinem Umfeld ergeben, ist es mMn auch gerechtfertigt so vorzugehen.

    When I think about some of the productions I played in Germany, they had practically nothing to do with the plot of the story at all!

    Betonung auf "some".

  • we know that the direction opera has been moving to for quite a long time from concentrating on the quality of the voices to focusing on the visual aspects of the stage director's vision of the opera

    Das wäre allerdings auch für mich nicht befriedigend. Ich kann mich aber selber an keine Gelegenheit erinnern, bei der es mir so erschienen wäre. Auch da hat wohl jeder seine eigene Schmerzgrenze.

  • Die Äußerungen Herrn Richstones enthalten nichts Neues zum Thema. Auf die Inkonsistenz seiner Behauptungen wurde hier ja schon mehrfach verwiesen.

    :tee1:

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Neu ist für mich allerdings schon, daß die sängerische Qualität gegenüber der visuellen vernachlässigt wird (diminished) im Vergleich zu früher. Das habe ich eigentlich noch nicht so empfunden.

    Allerdings muß es der gute Mann wissen, der ist (oder war) Sänger-Coach.

    Und ich weiß auch nicht, ob man seine Behauptungen "inkonsistent" nennen kann. Ich würde auch nicht den Begriff "Behauptungen" verwenden, sondern durch "Erfahrungen" ersetzen. Denn die hat er direkt und aus eigener Anschaung heraus gemacht. So nah dran sind ja nicht viele.

  • Neu ist für mich allerdings schon, daß die sängerische Qualität gegenüber der visuellen vernachlässigt wird (diminished) im Vergleich zu früher.

    Eine Variante davon habe ich aber schon gehört. Und zwar dem Sinn nach, dass eine visuell überlastete Inszenierung riskiere, das Publikum von der Musik abzulenken. Mit anderen Worten, man hat dann am Ende nichts Nachhaltiges davon gehabt, weder vom einen noch vom anderen.

    Das kann ich theoretisch sehr gut nachvollziehen. Aber erinnern kann ich mich nicht, dass es mir schonmal so ergangen wäre. Vielelicht habe ich es aber nur nicht bemerkt.....

  • Und zwar dem Sinn nach, dass eine visuell überlastete Inszenierung riskiere, das Publikum von der Musik abzulenken.

    Das ist sicher so. Man ist doch ständig damit beschäftigt, herauszufinden, was dies oder jenes bedeuten soll. Mir geht es zumindest so.

    In dem Fall ist aber wohl gemeint, daß nicht mehr so viel Wert auf Sängerleistungen gelegt wird.

  • In dem Fall ist aber wohl gemeint, daß nicht mehr so viel Wert auf Sängerleistungen gelegt wird.

    Ich würde sagen: Jein..... Er kritisiert, dass nicht mehr so viel Wert auf "die Qualität der Stimmen" gelegt wird. Das ist etwas anders als "auf die Sängerleistungen". Er kritisiert zwar den visuellen Fokus von Inszenierungen, aber das schliesst für mich automatisch eine Kritik am visuellen Fokus auf Sänger ein, leider hinweg vom Fokus auf die Stimmqualität.

    Und es tut mir leid es nochmal zu sagen, aber genau das haben wir doch oben gelesen:

    Anstelle einer Stimmqualität den Vorrang zu geben, wird etwas Visuelles, also das Aussehen der Person unter dem Deckmantel, dass dieses die Verkörperung der Rolle störe, zum Show-stopper. Diese Störung ist aber mMn rein visuell getriggert, wie ich oben einige Beiträge verstanden habe. Auf einer CD würde man es nicht bemerken und eventuell den Sänger hervorragend finden.

    PS: nun ist eine Oper keine CD, das ist schon klar, und man geht auch wegen des Visuellen hin, aber nicht nur. Also, ich weiss auf dieses Problem keine generelle Antwort. Ich selber lasse mich von einer Körperfigur aber nicht abschrecken.

  • In dem Fall ist aber wohl gemeint, daß nicht mehr so viel Wert auf Sängerleistungen gelegt wird.

    Ja, das ist wirklich traurig, dass einige weniger darauf achten, wie ein Sänger singt, sondern mehr darauf, wie er aussieht.

    Beste Grüße vom Stimmenliebhaber

  • Ich habe Mr. Richstone eher so verstanden, daß bei der Ausbildung nicht mehr so viel Wert auf die Qualität des Singens gelegt wird, vielmehr die visuellen Aspekte von Seiten der Regie im Vordergrund stehen.

  • Ich habe Mr. Richstone eher so verstanden, daß bei der Ausbildung nicht mehr so viel Wert auf die Qualität des Singens gelegt wird, vielmehr die visuellen Aspekte von Seiten der Regie im Vordergrund stehen.

    Es wäre mir neu, dass bei der Ausbildung von Sängern/-innen nicht mehr so viel Wert auf den Gesang gelegt wird, sondern auf visuelle Aspekte der Regie. Das klappt schon deswegen nicht, weil die Regie-Ausbildung von der Sängerausbildung ziemlich unabhängig abläuft. An welcher Hochschule wird denn bitte ein solches Konzept verfolgt?

    Es kann natürlich sein, dass Du Herrn Richstone falsch verstanden hast, aber dann fragt man sich, wieso Du ein Zitat einstellst, das Du nicht verstehst.

    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Es wäre mir neu, dass bei der Ausbildung von Sängern/-innen nicht mehr so viel Wert auf den Gesang gelegt wird

    Das ist nicht nur "neu" sondern hanebüchener Unsinn. Auch für die in dem oben von Frau Melzer verlinkten Artikel vorgebrachte Behauptung, Bewerber seien an Musikhochschulen aufgrund ihres Körpergewichts abgewiesen worden, möchte ich gern mal einen Beleg sehen. Gäbe es den, könnten die Betroffenen die Hochschule verklagen.

  • Es kann natürlich sein, dass Du Herrn Richstone falsch verstanden hast, aber dann fragt man sich, wieso Du ein Zitat einstellst, das Du nicht verstehst.

    Zum einen ist das kein Zitat, sondern ein Email, das ich bekommen habe, zum andern heißt es:

    "I think he is quite right saying also that the role of the singer has diminished to almost a visual one and that the quality of singing is not considered as important as it used to be."

    Wenn generell die Qualität des Singens nicht mehr so wichtig ist, wie es üblicherweise gewesen ist, dann betrifft das doch zwangsläufig auch die Wertigkeit des Singens bei der Ausbildung. So verstehe ich das zumindest. Aber möglicherweise interpretiere ich da etwas hinein, was so nicht gemeint ist. Hoffentlich.

  • Dann fragen Sie doch Michael Stallknecht. Der wird schon einen Beleg haben.

    Wenn er den hätte, gäbe es keinen Grund, ihn im Artikel zu verschweigen. Es gibt eben nicht nur Capriccio-User sondern auch Journalisten, die einfach mal ins Blaue hinein irgendetwas behaupten und das als Beleg für ausreichend halten. Vielleicht hat er ja irgendeine ominöse E-Mail unbekannter Herkunft bekommen oder beruft sich auf "Informationen aus erster Hand", die er "nicht ausbreiten" möchte. Auf solches Geschwätz gebe ich nichts.

  • Das sind alles nur Vermutungen. Die SZ recherchiert normalerweise zuverlässig.
    Woher wissen Sie denn, dass das nicht passiert ist und hinterher genau das gemacht wurde, was Sie vermuten, nämlich geklagt?

  • Zum einen ist das kein Zitat, sondern ein Email, das ich bekommen habe

    Wenn die Aussage von einem anderen Autor als Dir stammt und Du sie unter Nennung dieses anderen Autors hier einstellst, ist das ein Zitat. Es ist dafür vollkommen unerheblich, ob Du diese Aussage per e-mail, Post oder auf Keilschrifttafeln erhalten hast.

    "I think he is quite right saying also that the role of the singer has diminished to almost a visual one and that the quality of singing is not considered as important as it used to be."

    Wo steht da etwas von Ausbildung? Dafür müssten doch wohl Begriffe wie z. B. "training" oder "education" auftauchen.

    Wenn generell die Qualität des Singens nicht mehr so wichtig ist, wie es üblicherweise gewesen ist, dann betrifft das doch zwangsläufig auch die Wertigkeit des Singens bei der Ausbildung. So verstehe ich das zumindest. Aber möglicherweise interpretiere ich da etwas hinein, was so nicht gemeint ist. Hoffentlich.

    Das mit dem Interpretieren tust Du offensichtlich. Hättest Du Ahnung vom Hochschulbetrieb (so wie ChKöhn), wäre Dir klar, dass das Unsinn ist. Es ist Dir aber leider nicht klar, so dass uns zwei Möglichkeiten bleiben: (i) der Autor der Aussage hat es so gemeint, was seine Kompetenz in der Sache gelinde gesagt nicht gerade untermauert; oder (ii) der Autor der Aussage hat es nicht so gemeint, was m. E. nicht nur deutlich wahrscheinlicher ist als (i), sondern auch bedeutet, dass Du ein Zitat eingestellt hast, das Du nicht verstehst.

    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Dann habe ich es eben mißverstanden, das soll vorkommen. Und so klar ist das mMn eben nicht.

    Und jetzt?

    Setze ich mich zur Strafe an der Hochschule in den Gesangs-Unterricht, um mich davon zu überzeugen?

  • Dann habe ich es eben mißverstanden, das soll vorkommen. Und jetzt?

    Setze ich mich zur Strafe an der Hochschule in den Gesangs-Unterricht, um mich davon zu überzeugen?

    Nö, alles gut. Ich frage mich nur, was wir diesem Zitat denn bitte entnehmen sollen. Ein (sicherlich verdienter) Sänger sagt etwas zu "Optik vs. Stimme", aber wir wissen aus dem eingestellten Auszug aus seinen Ausführungen nicht, auf wen er sich bezieht. Das Publikum? Die Intendanten? Wer achtet denn nun (angeblich) eher auf optische Aspekte als auf den Gesang?

    Mal ganz nebenbei: ich möchte die offensichtlichen Verdienste des guten Mannes ja wirklich nicht kleinreden, aber wie kann man mit seiner Erfahrung denn bitte den ollen Quark von den Intentionen des Komponisten aufwärmen? Wir wissen ganz schlicht nicht, was die Intentionen des Komponisten x Jahre nach dessen Tod für eine Aufführung seines Stücks in der heutigen Zeit gewesen wären. Vielleicht würde der gute Wagner - wenn wir ihn denn irgendwie kontaktieren könnten - uns raten, statt seiner alten Stücke heutzutage etwas vollkommen Anderes aufzuführen. Woher wollen wir das wissen? Wir kennen den Text des Stücks, aber die Intentionen des Komponisten für eine Aufführung über 100 Jahre nach Verfertigung des Stücks kennen wir eben nicht. Unter anderem das ist es ja gerade, was die Aufführung hier und heute spannend macht.

    LG :wink:

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  • Das sind alles nur Vermutungen. Die SZ recherchiert normalerweise zuverlässig.
    Woher wissen Sie denn, dass das nicht passiert ist und hinterher genau das gemacht wurde, was Sie vermuten, nämlich geklagt?

    Mit genauem Lesen hast Du es wohl nicht so: Ich habe nicht behauptet, dass das "nicht passiert" ist, sondern ich habe für die aufgestellte Behauptung, es sei so passiert, einen Beleg verlangt. Üblicherweise muss derjenige, der eine Sache behauptet, sie auch belegen. Aber offensichtlich bist Du da anderer Meinung.

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