Musik aus zweiter Hand - Transkriptionen, Paraphrasen und Variationen

  • Musik aus zweiter Hand - Transkriptionen, Paraphrasen und Variationen

    Musik aus zweiter Hand muss nicht zweitklassige (zweitklassische :D ) Musik sein. Bei der Form der Variation leuchtet das vielleicht am ehesten ein. Aber was ist mit den anderen Formen musikalischer Weiterverarbeitung, zu denen Bearbeitungen unterschiedlicher Art kommen, selten vom Komponisten selbst (wie bei Beethoven), gar nicht so selten mit Billigung des Komponisten, meistens aber unabhängig vom Schöpfer.


    Allgemeinbeiträge sind ebenso erwünscht wie Einzelvorstellungen. Begonnen habe ich mit einer Komposition von Ernst in "Eben gehört", ein Beitrag, den ich bearbeitet ;+) hier einstellen werde.


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)


  • Heinrich Wilhelm Ernst: Fantaisie brillante sur la Marche et la Romance d'Otello de Rossini op. 11


    Diese Komposition ist ein Beispiel für einen Typus, den man häufig in der Konzertliteratur findet. Ob nun der Virtuose das Publikum bat, ihm ein Thema zu nennen, ob er es selbst auswählte, der Charakter der Improvisation, des Erschaffens von Musik aus dem Moment, ist dann in der Regel gegeben. Später wird sich dann der Virtuose, erhielt das Stück Beifall oder interessierte es ihn ohnedies, sich daran setzen, die Improvisation zu rekonstruieren. Die Bezeichnung "Fantasie" ist eine andere für Improvisation. Oft genung war der Ausgangspunkt eine Oper bzw. ein Singspiel, so etwa Glucks La rencontre imprevu (Die Pilger von Mekka), aus dem Mozart die Melodie "Unser dummer Pöbel meint" entlieh, um eine Reihe von kunstvollen Variationen zu improvisieren.


    Es ist das Stück eines Virtuosen, geschaffen, um sein Publikum durch die Kunst der Darbietung zu überwältigen. Ernst greift wie Mozart zurück auf eine zeitgenössische populäre Oper, Rossinis "Otello" und benutzt zwei Stücke, den Marsch und die Romanze des Otello in einer Transkription für Klavier und Violine. Zunächst wird der Marsch eingeführt und dann kunstvoll variiert, dann folgt die Vorstellung der Romanze, die im weiteren kunstvoll ausgeführt wird, bis sich in dem dritten Teil in einer kühnen Improvisation mit allen violinistischen Schwierigkeiten die Motive mischen. Typischist hier auch die Coda, die noch einmal alle Kunstgriffe auffährt, um einen unwiderstehlichen Sog in Richtung des Schlussbeifalls zu erzeugen. Bei Ernst wird die Violine bestens platziert und ihr Raum zur virtuosen Gestaltung gegeben. Das Klavier spielt einen eher bescheidenen Part, es geht nicht um ein Konzertieren zwischen den beiden Instrumenten. Aber dann fängt der Teil an, der zwischen Talent und Meister, zwischen Meister und Genie unterscheidet - es folgt eine freie Gestaltung des musikalischen Materials in Form einer Fantasie. Da gilt das poetische Vermögen, die künstlerische Gestaltungskraft. Und die hat Ernst zweifellos besessen, deshalb begegnet man seinen zirzensischen Stücken auch heute noch in Konzerten - meist als Zugaben. Ich bin Ernst das erste Mal in einem Konzert mit Maxim Vengerov begegnet. Von der Einfallskraft und der Kunstfertigkeit überzeugten mich Solist und Komponist, so dass ich mich auf die Suche nach einer CD machte.


    Eine hervorragende Einspielung dieser Literatur bietet Ingo Turban, wenn ich auch hier dazu neige, die Droge in kleinen Dosen zu nehmen - ein Stück reicht erst mal, das nächste soll im zeitlichen Abstand kommen. Man verdirbt sich ja auch nicht den Magen, indem man ungehemmt Süßspeise in sich hinein stopft - wenigstens besser nicht ;+) Aber hier kann man hören, wie überwältigend ein Stück eines wahren Virtuosen sein kann, der einen hypnotisch in den Bann schlägt. Auf CD wird man davon nur eine Ahnung gewinnen. Aber wenn man - wie ich damals - einen hochvirtuosen Künster - wie Maxim Vengerov - erlebt, wie er die Magie eines solches Stückes erweckt, kann man sich vorstellen, welchen Eindruck es schon zur Zeit seines Entstehens machte - ohne großangelegte Lasershow und massiven Einsatz außermusikalischer Mittel benahm es dem Publikum den Atem - bis nach dem letzten Ton sich die ungeheuere Spannung in einen tobenden Beifall löste. Zirzensische Musik vom Feinsten.


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Hallo


    eine meiner liebsten Transkriptionen ist die Bearbeitung der "Bilder einer Ausstellung" durch den japanischen Gitarristen Kazuhito Yamashita:



    Es gibt, neben dieser Studioaufnahmen, noch eine Live-Einspielung, aber nur als mp3 bei amazon oder iTunes, die ich fast noch besser finde.


    Mein Leib- und Magenstück - die Cellosuiten Bach´s - ist schon auf jede mögliche und unmögliche Weise für die verschiedensten Instrumente bearbeitet worden. Da gibt es Versionen für Viola, Violoncello da Spalla, Viola da Gamba, Kontrabass, Laute, Theorbe, Saxophon, Marimba, Klavier, Harfe u.s.w.


    Sehr gelungen finde ich die Transkriptionen für Gitarre, bzw. Laute und Querflöte





    Viele Grüße


    Bernd

  • Frappierend finde ich die Sinfonia aus J. S. Bachs Kantate Nr. 29 "Wir danken dir, Gott, wir danken dir". Die ist eine Bearbeitung des "Preludio" aus der Partita Nr. 3 E-Dur BWV 1006 für Violine solo.


    Bach setzte die Sinfonia für konzertierende Orgel und "Orchester" (was immer das bei Bach hieß). Er gab die virtuose Violinpartie der rechten Hand des Organisten, ließ diesen nach Möglichkeit den B. c. mitspielen und orchestrierte eine prächtige Begleitung drumherum mt Streichern, Oboen, Trompeten und Pauken.


     


    Dieselbe Sinfonia wurde auch von Rachmaninow für Klavier bearbeitet (mit zwei weiteren Sätzen der Partita) und von vielen anderen mehr ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich finde diese Bearbeitung genial:


    Bach`sche Orgelsonaten BWV 525 - 530 gesetzt für ein Trio d`Anches:




    Und Beethovens Trio mit Variationen über "La ci darem la mano" aus Mozarts Don Giovanni C-Dur WoO 28; eine schöne Aufnahme findet sich z.B. hier:


    Viele Grüße - Allegro


    "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés

  • Guten Tag,


    noch ein paar - wie ich finde - sehr schöne Bearbeitungen:


    1. "Die Kunst der Fuge" aufgenommen von dem Calefax Reed Quintet:



    2. Die "Goldbergvariationen" in der Bearbeitung von Sitkovesky für Streichtrio



    3. Godowskys Bearbeitungen der Etuden von Chopin, hier von einem meine Lieblingspianisten:



    Die Liste ließe sich noch erweitern.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Schöner Thread!


    Mir fallen spontan Variationen über die 24. Caprice von Paganini ein. Z. B. Brahms' Paganini-Variationen (muss ich unbedingt mal wieder hören) und mein Lieblingswerk von Rachmaninow, die Paganini-Rhapsodie Op. 43





    Viele Grüße, Braccio

  • Passend zum Thema - morgen in den ARD-Radiosendern



    morgen Abend!


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Sehr interessant finde ich auch diese beiden Transkriptionen der Schubertschen "Winterreise":


    - für Gitarrenduo


    - für Streichquartett


    … und diese:


    - für Cello und Klavier



    Grüße von Auscultator :wink:

    Mozart und Beethoven reichen bis zum Himmel – Schubert kommt von dort. Oskar Werner

  • Guten Tag,


    zwei habe ich noch:


    1. Eine der vielleicht bekanntesten Transkriptionen - die anscheinend aber noch gar nicht erwähnt wurde, vielleicht, weil sie auf Grund des Bekanntheitsgrades gar nicht mehr als Bearbeitung angesehen wird - sind wohl die "Bilder einer Ausstellung" in der Orchesterfassung von Ravel. Es gibt so viele Aufnahmen davon, ich habe auch mehrere, davon mal zwei:




    2. Eine ebenfalls schöne Orchesterfassung, diesmal eines Klavierquartetts von Brahms durch Arnold Schönberg ist diese hier:



    Und momentan sogar günstig.


    Viele Grüße


    Bernd

  • Die folgenden Beiträge wurden auf Anregung von Travinius und Gurnemanz aus dem Thread zu den Münchner Konzertbesuchen hierher verschoben.
    AlexanderK, Moderation

    Ich fand die Bearbeitung sehr interessant, ohne aber jetzt die Originalfassung zu kennen. Ich frage mich nun, ob solche Bearbeitungen legitim sind und überlege, was Mozart dazu gesagt hätte. Vielleicht hätte ihm diese Bearbeitung sogar besser gefallen, denn sein Konzert für Flöte, Harfe und Orchester war eine Auftragsarbeit. Mozart selbst konnte sich zudem für die beiden Instrumente Flöte und Harfe nie richtig erwärmen. Hat Victor Kissine also das ausgeführt, was Mozart selbst gerne getan hätte, aber wegen seines Auftraggebers nicht konnte oder sind Bearbeitungen dieser Art eher gegen den Komponisten gerichtet?


    Ich bin jetzt etwas verwundert, denn ich halte KV 299 für ein absolutes Meisterwerk Mozarts. Ohne über die Bearbeitung richten zu wollen: wenn Mozart eine solche Version unbedingt hätte haben wollen, hätte er sie dann nicht nach Erfüllung des Auftrags einfach anfertigen können?


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich frage mich nun, ob solche Bearbeitungen legitim sind

    Wenn sie gut sind, ja.

    und überlege, was Mozart dazu gesagt hätte.

    Der ist tot, der hat nichts mehr zu sagen :hide: .


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich frage mich nun, ob solche Bearbeitungen legitim sind


    Die Bearbeitung ist deshalb legitim, weil Argerich und Kremer das Stück vermutlich auf Harfe und Flöte kaum hätten spielen können, und spielen besser ist als nichtspielen.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Mozart standen die Instrumente eher fern, wie schon erwähnt wurde. Ein Konzert f. Klavier und Violine hätte er für die Solisten vermutlich doch erheblich anders geschrieben, da er diese Instrumente selbst virtuos spielte. Er hat ja etwas später sogar ein solches Doppelkonzert begonnen (vermutlich für sich und seine Schwester gedacht), aber leider nie vollendet.


    Überhaupt gibt es bei Mozart erstaunlich wenige Bearbeitungen oder Wiederverwendungen. Zwar hat er sogar ein frühes Klavierkonzert Kv 175 anscheinend in Wien mit einem neukomponierten Finale wieder aufgeführt, aber ansonsten dürfte er zur Zeit des Flöte&Harfe-Konzerts zu sehr an neuen Kompositionen interessiert gewesen sein, als dass er Energie auf eine Bearbeitung eines Werks, das er als abgehakten Auftrag betrachtete, gewendet hätte.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Überhaupt gibt es bei Mozart erstaunlich wenige Bearbeitungen oder Wiederverwendungen. Zwar hat er sogar ein frühes Klavierkonzert Kv 175 anscheinend in Wien mit einem neukomponierten Finale wieder aufgeführt, aber ansonsten dürfte er zur Zeit des Flöte&Harfe-Konzerts zu sehr an neuen Kompositionen interessiert gewesen sein, als dass er Energie auf eine Bearbeitung eines Werks, das er als abgehakten Auftrag betrachtete, gewendet hätte.


    Genau dieser Meinung bin ich auch und frage mich, ob wir mit solch späten Bearbeitungen etwas Gutes für Mozarts Kunst tun, der ja nicht gerade arm an eigenen Kompositionen ist.


    :wink:

  • Genau dieser Meinung bin ich auch und frage mich, ob wir mit solch späten Bearbeitungen etwas Gutes für Mozarts Kunst tun, der ja nicht gerade arm an eigenen Kompositionen ist.


    :wink:

    Ich verstehe das Problem nicht: Bei einem künstlerischen Ereignis, das in der Gegenwart stattfindet (also z.B. einem Konzert) ist doch für das Gelingen entscheidend, ob es für uns "Gutes tut", nicht für Mozart. Dessen Kunst ist doch in Form der praktischen NMA längst und nahezu vollständig zugänglich, was soll man da noch "Gutes tun"?



    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ich verstehe das Problem nicht: Bei einem künstlerischen Ereignis, das in der Gegenwart stattfindet (also z.B. einem Konzert) ist doch für das Gelingen entscheidend, ob es für uns "Gutes tut", nicht für Mozart. Dessen Kunst ist doch in Form der praktischen NMA längst und nahezu vollständig zugänglich, was soll man da noch "Gutes tun"?


    Meine Bedenken werden vielleicht etwas klarer, wenn man das Thema ins Extreme treibt und - was hier zwar nicht der Fall war - die Musik von Mozart durch schlechte Transkriptionen ins Banale treibt. Wie weit also darf man Werke eines Komponisten verändern? Nichts gegen Jacques Loussier's "Play Bach", aber Manchem geht das eben zu weit, auch wenn es Vielen von uns heute gefällt.


    :wink:

  • Meine Bedenken werden vielleicht etwas klarer, wenn man das Thema ins Extreme treibt und - was hier zwar nicht der Fall war - die Musik von Mozart durch schlechte Transkriptionen ins Banale treibt.

    Ja eben: "durch schlechte Transkription". Dann ist aber meines Erachtens nicht die Transkription als solche sondern eben ihre mangelnde Qualität zu kritisieren. Wenn es beim Konzert in München gut war, was sollte dann dagegen sprechen?

    Wie weit also darf man Werke eines Komponisten verändern? Nichts gegen Jacques Loussier's "Play Bach", aber Manchem geht das eben zu weit, auch wenn es Vielen von uns heute gefällt.

    Das finde ich ziemlich gut. Und eine Verwechslungsgefahr mit einem wie auch immer gearteten "Original" besteht da ja noch weniger als bei dem Mozart-Arrangement für Klavier und Geige. Also gleich doppelt kein Problem.



    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Mein Kommentar war nicht auf die Fragwürdigkeit einer Bearbeitung HEUTE bezogen, sondern auf fragwürdige Spekulationen, was Mozart getan oder gewollt hätte. Wenn wir heute ein Stück, das Mozart vielleicht als lästige Gelegenheitsarbeit ansah, kanonisiert haben und gerne in üblicherer Besetzung hören (wobei ich schon gedacht hätte, dass die exotische Besetzung einen Teil des Reizes ausmacht), ist das natürlich unsere Sache.
    Mozart war zwar einerseits, wie fast alle damals, eminent praktisch und ersetzte einzelne Sätze durch populärere (m.E. bei den Konzerten KV 175 und 414 aber weniger überzeugende), andererseits hatte er vermutlich fast immer mehr Interesse an einer Neukomposition, um anderes auszuprobieren, als an einer Bearbeitung. Und er war bei seinen Händel-Bearbeitungen vermutlich weniger zimperlich als viele heutige Arrangeure, insofern glaube ich kaum, dass er strikt gegen eine solche Bearbeitung gewesen wäre. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, 50 Jahre alte Musik für Aufführungen neu zu bearbeiten, er wäre vermutlich erstaunt, dass bei uns 230 Jahre alte Musik möglichst "original" aufgeführt wird.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!