Dvořák: Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60

  • Dvořák: Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60

    Gewidmet ist Dvořáks sechste Sinfonie dem Kapellmeister der Winer Philharmoniker Hans Richter, der nach einem Konzert Dvořáks in Wien 1879 den Wunsch äußerte, eine neue Sinfonie für sein Orchester zu schreiben. Nach nur zwei Monaten vollendete der Komponist sein neues Werk im Oktober 1880. Die geplante Uraufführung in Wien wurde durch Krankheit Richter und Ablehnung der Phiharmoniker allerdings abgeblasen und wurde 25. März 1881 in Prag von Adolf Čech durchgeführt.
    Der folkloristische Tonfall, der in bereits in der fünften Sinfonie wahrnehmbar ist, wird hier fortgesetzt. Deren große motivisch-thematische Einheit erinnert an Brahms.


    1. Allegro non tanto


    Die Sinfonie wird mit Bratsche und Hörnern im pianissimo eröffnet. Nach stimmen die Celli und Flöten ein optimistisches folkloristisches Thema an, welches vom Orchester aufgenommen und verarbeitet wird. Den weiteren Verlauf bestimmen lyrische Melodien der Holzbläser. Trotz einiger scharfer Kontraste, wie das zweite Thema in h-moll, bleibt die Grundstimmung sehr freudig. Die Musik erzeugt viel Wärme. Man fühlt sich in eine spätsommerliche böhmische Landschaft versetzt. Zudem besitzt dieser Satz die dynamische Lebendigkeit, die man von Dvořák kennt. Die Coda scheint leise auszuklingen, bis aber doch einige freudige Tuttieinwürfe den Kopfsatz beschließen.


    2. Adagio


    Die Holzbläser stimmen eine lyrisches Melodie, die von den Streichern begleitet wird. Zwischendurch wirft das Horn einige verhaltene Rufe dazwischen. Die Musik ist sehr organisch und besitzt einen steten ruhigen Fluss. Doch im Mittelteil des Satzes drängt sich ein kurzes, düsteres Thema dazwischen und versucht die Idylle zu stören. Doch nach und nach setzt sich das Anfangsthema wieder durch und verklingt innig, nach ein paar kurzen dynamischen Tuttiausbrüchen.


    3. Scherzo: Furiant, presto


    Das Scherzo ist ein sehr stimmungsvoller Tanzsatz, in dem der Tschechische (Bauern-)Tanz "Furiant" seinen Einzug erhält. Die einzelnen Instrumentengruppen spielen nacheinander im Wechsel und im Tutti und erzeugen so eine packende Melodie. Das Trio (poco meno mosso), eingeleitet von einer getragenen Flötenmelodie, beruhigt das Geschehen fröhlich. Das Tanzthema steigert sich wieder aus dem Fluss heraus und erfährt nach seiner Wiederholung ein jähes, ruppiges Ende.


    4. Finale: Allegro con spirito, presto


    Das Finale ist ein sehr heiterer Schlusssatz. In ihm werden zwei fröhlich, harmonisch-frische Themen vorgestellt und verarbeitet. Harmonisch dicht und brillierend. Lebensfreude kennzeichnet nicht nur diesen letzten Satz, sondern das ganze Werk. Die effektvolle Stretta schließt diese Sinfonie sehr feierlich ab.


    Quellen:
    reclams Konzertführer
    Kulturserver Niedersachsen
    Wikipedia


    :wink:

  • Eine schöne Symphonie, finde ich. Höre ich gern. Das sehnsuchtsvolle Hauptthema im Kopfsatz, der derb-tänzerische Furiant. Macht Freude.


    Die Aufnahme mit dem bestimmt schnellsten Tempo im Furiant:

    Leider ohne Wiederholung der Exposition im Kopfsatz. Ansonsten frisch, lebendig, flexibel, keineswegs starre HIP-Hatz.


    Sonst bei dieser Symphonie bei mir die üblichen Verdächtigen: Neumann, Kertesz, Rowicki

  • Die 6. Dvorak höre ich auch sehr gerne.


    Treffend fand ich eine Bemerkung im Penguin Guide, in der es sinngemäß hieß, dass der Kopfsatz der 6. Dvorak zwischen Beethovens Pastorale und Brahms' 2. Sinfonie derjenige sei, der sich am selbstverständlichsten, am organischsten entwickele.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Mindestens das Hauptthema des Kopfsatzes und auch das Finale sind doch sehr deutlich von Brahms 2. (1877) "inspiriert". Insofern ist das "zwischen Beethovens 6. und Brahms' 2." historisch nicht richtig.
    Aber ich schätze das Werk auch und finde es gegenüber den letzten dreien (und besonders der 9.) eher unterschätzt.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)


  • Tschechische Philharmoniker, Jiri Belohlávek


    Zeiten: 13:09/11:20/8:05/10:29


    Ähnlich wie bei der Fünften, wird auch die Sechste breit gespielt. Belohlávek lässt das Orchester sehr warme Klangfarben erzeugen. Heiter und auskostend wird musiziert. Böhmische Landschaft zum Anfassen. Die Transparenz muss leider auf Kosten des massigen Klangs stark zurückstecken. Dennoch sind etliche Details zu hören. Die Musik wird sehr idyllisch dargestellt, auch die dramatischeren Momente wirken eher unbedrohlich. Das Scherzo wird sehr folkloristisch lebhaft dargeboten. Auch das Finale munter optimistisch mit böhmischen Tonfall gespielt.
    Insgesamt ist mir in dieser Aufnahme aber zu wenig Spannung drin.


    :wink:


  • Staatskapelle Berlin, Otmar Suitner


    12:44/10:13/8:26/9:56


    Suitner präsentiet mir einen vitalen Dvorák, der Lebensfreude ausstrahlt. Die Berliner spielen freudig und sehr transparent. Die lyrischen Stellen werden gefühlvoll und fließend dargeboten. Das Scherzo wird sehr kontrastreich und lebendig gespielt. Die Pauken galoppieren hier richtig. Böhmische Vitalität. Die kräftig gespielten Bleche bringen die Musik zum Strahlen, besonders im Finale. Es strahlt und macht einfach nur Freude. Der Klang ist top.


    :wink:

  • Vielen Dank an Treborian für den Threadstart!


    Das war für mich der entscheidende Impuls, endlich auch diese Symphonie konzentriert durchzuhören.


    Und wirklich - da steckt so viel Brahms drin, unglaublich! Die Motivik, die Feinarbeit der Durchgestaltung...



    Laut Beiheft der mir zur Verfügung stehenden CD Aufnahme hatte die Ablehnung der Wiener Philharmoniker keine musikalischen Gründe, sondern politische – man wollte den Nationalströmungen in der K&K Monarchie (hier den böhmischen) keinen Vorschub leisten. 119 Jahre später stand der CD Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Myung-Whun Chung (CD DGG 469 046-2, aufgenommen im April 1999 im Großen Wiener Musikvereinssaal) längst nichts mehr im Wege.


    Mein Höreindruck, diese Aufnahme betreffend:


    Es versteht sich, dass das Wiener Orchester mit schönster Wiener Klangkultur aufwartet – und mit im besten Sinn routinierter Brahms-Tradition. ;+) Die Wiener Philharmoniker kosten den zweiten Satz besonders klangschön aus. Plötzliche Schicksalsschwere in der Mitte wird sofort wieder lyrisch aufgefangen, diese Passage hat für mich eine besondere Magie.


    Heute werde ich die Symphonie gleich noch einmal hören.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK


  • Es ist sicher gut nachvollziehbar, dass diese hier noch nicht erwähnt wurde, gibt es von der Sechsten doch eine ganze Menge Einspielungen mit sehr prominenten Orchestern und Dirigenten. Ich will die Aufnahme mit der Seattle Symphony unter Gerard Schwarz von 2009 trotzdem mit in den Ring werfen. Zum einen hat sie den Vorzug, dass die Wiederholung der Exposition im Kopfsatz beachtet wird, zum anderen fand ich interessant, dass das US-Orchester in deutscher Aufstellung spielt. Und das wirkt an einigen Stellen tatsächlich sehr einleuchtend. Bspw. habe ich bislang nie wahrgenommen, dass der markante Forzando-Einsatz beim più animato in Takt 23 (T. 350 in der Reprise) von den zweiten Violinen kommt. Auch "funktionieren" Passagen, in denen sich erste und zweite Violinen mit dem gleichen Motiv abwechseln (z. B. ab T. 257 oder ab T. 280) schon irgendwie besser, wenn sich die Geigen gegenübersitzen. Ab T. 480 peitschen sich erste und zweite Violinen quasi gegenseitig hoch. Auch dies - die zweiten Violinen spielen hier zur Abwechslung oft in einem höheren Register als die ersten - geht unter, wenn die zweiten Geigen neben den ersten sitzen.


    Auch ansonsten war ich mit der Aufnahme ziemlich zufrieden. In den Accelerandi geht ordentlich die Post ab, sehr inniger langsamer Satz. Einzig der Klang war mir etwas zu wenig transparent.


    Aufnahmen der Sechsten mit antiphonisch positionierten Violinen sind vermutlich eher selten. Gestern habe ich in ein paar weitere Einspielungen hineingehört, bislang habe ich nur Bosch mit den Nürnbergern als weiteres Beispiel entdeckt.



    Aber ich werde die Suche fortsetzen.


    Partitur

  • Sonst bei dieser Symphonie bei mir die üblichen Verdächtigen: Neumann, Kertesz, Rowicki

    Václav Neumann mit der Tschechischen Philharmonie Prag (rec. 1982)

    und István Kertész mit dem London Symphony Orchestra (rec. 12/1965)

    sind auch bei mir in der Sammlung. Wobei ich deutliche Vorteile bei der Kertész-Einspielung sehe. Die 1982er Aufnahme von Neumann ist mir einfach zu lahm. Ich höre mir gerade - angeregt durch Dein Dvorák 6-Posting über Gerard Schwarz (den ich übrigens für einen ganz hervorragenden Dirigenten halte, ich habe einiges von ihm im Regal) - den 1. Satz mit Neumann und Kertész im Hörvergleich an. Und das Ergebnis ist schon krass. Kertész dirigiert mit enormen Schwung und Leidenschaft, produziert mit "seinen" Londonern einen herrlichen, blühenden Orchesterklang. Demgegenüber ist die Neumann-Aufnahme so saft- und kraftlos, dass sie eigentlich in die second hand-Verwertung wandern kann. Oder irre ich mich, lieber Braccio?

  • Neumann und Kertész im Hörvergleich

    Den Vergleich, lieber music lover, habe ich in letzter Zeit nicht vorgenommen. Neumann schätze ich grundsätzlich meistens. Mein Posting von vor knapp 10 Jahren (oh mein Gott, wie die Zeit vergeht) bezog sich wohl auf die älteren Aufnahmen aus den Siebzigern, aber auch die habe ich in der letzten Zeit bei der Nr. 6 nicht gehört. Kertesz habe ich kürzlich mit op. 60 gehört, hat mir klanglich (m. E. den älteren Neumann-Einspielungen deutlich überlegen) und vom Drive sehr gut gefallen, und er macht die Expo-Wiederholung, die Neumann wohl konsequent in allen Symphonien weggelassen hat.

  • die älteren Aufnahmen aus den Siebzigern

    Ich kann mir gut vorstellen, dass Neumann in jüngeren Jahren mit mehr Feuer dabei war als bei meiner 1982er Aufnahme (bei welcher er allerdings auch erst Anfang 60 war).

  • Kertesz' klassische Aufnahme steht auch bei mir vorne, trotz Talich, Ancerl, Kubelik (DG), Gunzenhauser, Chung und Belohlavek.


    Die einzige, die bei mir mithalten konnte, war Kubeliks Live-Aufnahme vom 16. Oktober 1981 mit dem BRSO, gekoppelt mit einer wunderbaren Janacek-Sinfonietta.


    Chung habe ich als vollsaftig-opulente Alternative notiert, sollte mir jemals nach solchen Klängen sein, lege ich sie wieder auf ... ansonsten hängt mein Herz am drahtigen Spiel der Londoner unter Kertesz.


    Just my 5 cts ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Einige ahnen schon , was jetzt kommt , aber wat mut , dat mut . Wenn schon klassische Aufnahmen der Sechsten Erwähnung finden , sollte Karel Sejna nicht fehlen . Für mich ohne Folter- und Marternandrohung letztlich die einsame Insel 6. von Dvorak . Tschechen unter sich , noch tief in der Tradition stehend . Wie überall hörbar , geht es auch anders . Aber jeder höre , was er verdient .(Wenn , dann unbedingt die alte Supraphon CD hören , die neue Praga SACD soll grauenhaft klingen ).



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    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

    Einmal editiert, zuletzt von b-major ()

  • "Kertesz' klassische Aufnahme" habe ich ebenfalls, angeregt von diesem Thread, gerade gehört. Eine kleine Enttäuschung war es, die maßgeblich dem opulenten cinemascope Klangbild geschuldet ist. Bigger than life hört sich das in meinen heutigen Ohren an. Habe mir dann die empfohlene Sejnja-Aufnahme runtergeladen (für nen schlappen 5er). Die läuft jetzt und höre ich lieber. Ein konzentriertes Vergleichs-Hören findet nicht statt (soll ja keine Arbeit sein).

    Nachtrag: Bevor Fragen kommen, Die Kertesz-Aufnahme besitze ich in den 24-96er-Version. Wurde womöglich zu stark " dran gedreht"?

  • Einige ahnen schon , was jetzt kommt , aber wat mut , dat mut . Wenn schon klassische Aufnahmen der Sechsten Erwähnung finden , sollte Karel Sejna nicht fehlen . Für mich ohne Folter- und Marternandrohung letztlich die einsame Insel 6. von Dvorak . Tschechen unter sich , noch tief in der Tradition stehend

    aber echt. Ich frage mich wirklich, warum sich niemand unter den heutigen Dirigenten mal ein Beispiel an so einer Aufnahme nimmt. Die Feinheiten dieses idiomatisch-tänzerischen Stils liegen doch auf dem Tisch. Stattdessen stümpert ein Marcus Bosch mit seinen Nürnbergern stilistisch so herum dass man fast Mitleid bekommt (schon der Cello-Kontrapunkt kurz nach dem Anfang ist bei Šejna* trotz der historischen Klangqualität besser zu hören als bei Bosch).

    [* lies "schäjna" = nürnbergisch für "schöner" :) ]


    Die einzige, die bei mir mithalten konnte, war Kubeliks Live-Aufnahme vom 16. Oktober 1981 mit dem BRSO, gekoppelt mit einer wunderbaren Janacek-Sinfonietta.

    sehe ich auch so, immerhin mit antiphonischen Violinen, leider ohne Expo-Wiederholung. Die live-Sinfonietta ist auch viel besser als Kubeliks DG-Produktion.

  • :cincinbier:


    Die Auguren schwärmen noch von der Aufnahme unter Marin Alsop.


    Gramophone folgt b-major und schreibt etwas von "while Karel Sejna’s early 1950s (6/54R) version is still something of a post-war benchmark."


    Kennt jemand die Aufnahmen mit Rowicki und Dohnanyi?


    Hat sich jemand die Empfehlungen aus der Folklore-Abteilung angetan?

    Repertoire: The BEST Dvořák Symphony No. 6 - YouTube



    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

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