Die Renaissance-Polyphonie an der Peripherie Europas

  • Die Renaissance-Polyphonie an der Peripherie Europas

    Wenn man sich mit der Zeit zwischen 1400-1600 beschäftigt, stößt man immer zuerst auf die geistliche Vokalpolyphonie. Sie wurde sicherlich als Erstes schriftlich fixiert, da sie ja zumeist von Geistlichen komponiert wurde. Diese Epoche wurde praktisch von den Franko-Flamen bestimmt (auch Niederländische Schule genannt), die aus der Region des heutigen Belgien und Nordfrankreich stammten. Namen wie Dufay, Desprez, di Lasso fallen schnell ein. Sie reisten durch Europa und nahmen ihre Anstellungen überall dort auf, wo man sie gut bezahlte. Neben Königen und mächtigen Fürsten waren es reiche Bistümer mit Kathedralen oder große Klöster. Sie hinterließen ihre Kompositionen überall in Codices oder Manuskripten, und später, als der Musikdruck Einzug hielt, kam man viel leichter in den Genuß ihrer Werke.


    Doch waren sie natürlich nicht allein. Da gab es Palestrina in Italien, de Morales oder de Victoria in Spanien, Hassler in Deutschland oder Senfl (vermutlich) in der Schweiz. Die Franko-Flamen waren nicht allein, aber sie dominierten fast alles. Das zeigt sich eigentlich auch heute, wo man sehr schnell über die Renaissance-Polyphonie in Italien, Frankreich, Österreich oder inzwischen auch Spanien zu berichten weiß, aber was ist mit den anderen Ländern? Es gibt Polen, Böhmen, Mähren, Schweiz, Rußland, Skandinavien - was geschah da? Es ist nicht so, daß dort nicht auch polyphon gesungen und komponiert wurde, aber es gibt nicht soviel darüber zu berichten.



    Deshalb dieser Thread - ich möchte einige Länder mit Komponisten und Aufnahmen vorstellen, die bisher doch stark zu kurz gekommen sind. Ich werde mit Portugal beginnen...



    Links:
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitalter_der_Franko-Flamen"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Komponisten_der_Renaissance"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Renaissance_composers"



    jd :wink:

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Ich werde mit Portugal beginnen...


    Eine schöne Idee! Da bin ich schon mal sehr gespannt, die iberische Halbinsel hat ja in der Hinsicht doch einiges zu bieten, weil die Entwicklung dort anders als im übrigen Europa verlief.
    Spontan fallen mir zu Portugal zwei Namen ein:


    Alonso Lobo und Manuel Cardoso:



    :wink: :wink:


    Auf Lobo bin ich über Umwege gestoßen, da Stücke von ihm auf einer CD der Tallis-Scholars enthalten waren. Gekauft hatte ich die Aufnahme ursprünglich wegen Victorias Requiem ;+)


    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Portugal

    Man könnte leicht denken, daß Portugal und Spanien stark zusammengehören; sicherlich ist die gegenseitige Nähe nicht auszuschließen, aber Portugal hat immer noch eigene Komponisten hervorgebracht - nur: man kennt sie kaum. Als bekanntester kann sicherlich Manuel Cardoso gelten, gefolgt von Duarte Lobo (den man allerdings schnell mit dem Spanier Alonso Lobo verwechseln könnte). Doch wie sieht es mit de Escobar, Carreira, Lusitano, de Magalhâes oder de Brito aus?


    Portugal war bis 1580 ein eigenständiges Königreich und neben Spanien das Land mit den meisten Kolonien. Als das Herschergeschlecht der Avis in jenem Jahr ausstarb, fiel die Königswürde an die spanischen Habsburger, und Portugal war nunmehr nichts anderes als eine spanische Provinz. Erst 1640 konnte sich dank eines Aufstandes Johann IV. (1604-1656) aus dem Hause Braganza als König von Portugal wieder von Spanien loslösen. 1668 mußte Spanien den Anspruch der Braganza als Könige von Portugal endgültig anerkennen.


    Die portugiesische Musiklandschaft war im 16. Jahrhundert sehr reichhaltig, auch wenn das Land nicht groß war. Es gab in Coimbra das Augustinerkloster Santa Cruz, welches die wohl größte handschriftliche Sammlung an Musik besitzt. Weiterhin sind Évora und Braga zu erwähnen, damals zwei wichtige geistliche Zentrem. Später kam das Stammhaus der Braganza dazu, welches in Vila Vicosa ansässig ist; dort sind die meisten Bestände aus dem 18. Jahrhundert erhalten, da die Musikbestände des Königspalast in Lissabon durch das Erdbeben 1755 unwiederbringlich verloren gegangen sind.


    Insgesamt blieb aber Portugal in der Zeit der spanischen Herrschaft (1580-1640) musikalisch nicht auf der Höhe der Zeit, so daß man die Epoche der Renaissance-Polyphonie durchaus bis etwa 1650 (als Cardoso starb) ausweiten kann; es gab gute Gründe dafür: durch die Gegenreformation und der Einführung der Inquisition in Portugal wurde das gesellschaftliche Klima zugunsten der geistlichen Musik besonders gefördert. Überall in Europa hatte sich die Prattica secunda mehr oder weniger erfolgreich durchgesetzt, nur in Portugal wurde die alte Tradition sehr lange aufrecht erhalten.


    Der Beginn der Renaissance in Portugal ist aber auch nicht einfach aufzuzeigen: die erste polyphone Kunst wurde angeblich vom Franzosen Jehan Simon de Haspre (gest. um 1428) eingeführt, als er am Hofe Fernandos I. von Portugal (1345-1383) weilte (ca. 1378-80). Die Capela Real praktizierte unter König Edward/Duarte (1391-1438) bereits Dreistimmigkeit, und unter Alfonso V. (1432-1481) wurde der Kapellmeister Álvaro Afonso (fl. 1440-1471) nach England geschickt, um am Hofe Heinrichs VI. (1421-1471) die Statuten für dessen Hofkapelle niederzuschreiben.


    Parallel dazu taucht Pedro de Escobar (ca. 1465-1535) auf, der ab 1489 vor allem in Spanien tätig war. Er galt allerdings dort immer als Portugiese. Er war Kapellmeister bei Isabella I. von Kastilien und später an der Kathedrale von Sevilla. Doch scheint er der Einzige zu sein, der heute noch besonders erwähnt wird; aus seiner Generation gibt es keine anderen namentlich bekannten Komponisten.


    Erst mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts tauchen Namen von Komponisten auf, die zumeist an den Klöstern oder Diözesen ihre Tätigkeiten begannen. Coimbra, Braga und vor allem Évora wurden zu Keimzellen der polyphonen Musik in ihrer besten Ausprägung. Das hielt sich gut 150 Jahre. Manuel Mendes (ca. 1547-1605) begann 1575 sein Wirken in Évora als Komponist und Lehrer; ihm verdankt man die Ausbildung der wohl glorreichsten Generation der Renaissance-Komponisten in Portugal: Cardoso, Lobo und de Magalhâes. In Vila Vicosa etablierte sich das Haus Braganza und baute ihre eigene Hofkapelle auf; Cardoso sollte später dort wirken.


    Mit dem Trio Manuel Cardoso (1566-1650), Duarte Lobo (ca. 1565-1646) und Filipe de Magalhâes (ca. 1571-1652) begann das Goldene Zeitalter der portugiesischen Polyphonie. Ihre Werke wurden häufig gedruckt, sie waren hochgeachtet und hatten die wichtigsten musikalischen Ämter Portugals inne. Sie blieben ihrem Stil treu, während ein Italiener wie Monteverdi einer der großen Wegbereiter des Barock wurde.


    Die 1650er Jahre brachten dann den engültigen Umbruch mit sich. Das Goldene Zeitalter war nun Vergangenheit, die alten Meister verstorben. Manuel Correira (1600-1653) oder Joâo Lourenco Rebelo (1610-1661) standen am Beginn, später folgten u.a. Joâo Rodrigues Esteves (1700-1751), Francisco António de Almeida (vor 1722-ca. 1755) oder Joâo de Sousa Carvalho (1745-1798).



    Als Letztes führe ich noch weitere Komponisten der Renaissance auf, die ich bisher nicht erwähnt hatte:
    Cosme Delgado (ca. 1530-1596), Heliodoro de Paiva (fl. 1552), Bartolomeo Trosylho (1500–1567), António Carreira (ca. 1520/30-ca. 1597), Diogo Dias Melgás (1638-1700), Pedro de Cristo (1545/1550-1618), Estêvâo de Brito (ca. 1570–1641), Manuel Machado (c. 1590–1646), Vicente Lusitano (fl. 1550-1561).


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    Kommen wir doch nun zu den wichtigsten Komponisten. Ich entlehne sie aus diesen Listen:
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Renaissance_composers#Portuguese"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Portuguese_composers#Renaissance"



    Pedro de Escobar (ca. 1465-1535) gilt als der älteste portugiesische Renaissance-Komponist von Rang. Seine Werke waren hochgeschätzt und wurden selbst in Guatemala als kopierte Handschriften gefunden. Neben Hymnen, Antiphonen und Motetten sind auch zwei Messen erhalten - die eine ist das älteste Requiem, welches auf der iberischen Halbinsel komponiert wurde.





    Manuel Mendes (ca. 1547-1605) ist allein deshalb schon zu nennen, weil er der Lehrer von Lobo, Cardoso und de Magalhâes war, den drei bedeutendsten Komponisten Portugals in der Endphase der Renaissance. Allerdings sind nur wenige Kompositionen von ihm erhalten, noch weniger aufgenommen:


    [Track 1]



    Duarte Lobo (ca. 1565-1646) war sehr erfolgreich, war er doch Kapellmeister in Évora sowie in Lissabon, was zwei der prestigeträchtigsten Stellungen in Portugals Musikleben darstellten. Seine Werke sind in sechs Bänden überliefert und umfassen Messen, Motetten, Antiphonen oder Hymnen.



    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/513jwtoNjpL._SX355_.jpg]



    Manuel Cardoso (1566-1650) war in Évora geboren und ab 1589 war er im Karmelitenkloster in Lissabon ansässig. In der 1620er Jahren war er einige Zeit in Vila Vicosa und freundete sich dort mit dem späteren Johann IV. an. Als er mit knapp 84 Jahren starb, wurde er mit größter Zuneigung und Respekt betrauert. Seine Werke waren im Stil zumeist sehr traditionell; er schrieb aber auch progressive polychorale Werke, die allerdings in Lissabon gelagert worden waren. Die erhaltenen Drucke mit seinen Messen basieren immer wieder auf Motetten, die Johann IV. komponiert hatte. Das zeigt die innige Beziehung der beiden nochmals deutlich.





    Filipe de Magalhâes (ca. 1571–1652) stand Lobo oder Cardoso kaum nach in seiner Profilierung: er war direkter Nachfolger Lobos als Kapellmeister in Évora und wurde später Kapellmeister der Capela Real, also der königlichen Hofkapelle. Viele seiner Kompositionen liegen in Sammeldrucken vor, die Werke verschiedener Komponisten zusammenfassen.




    Johann IV. von Portugal [Joâo IV. de Portugal] (1604-1656) wurde in Vila Vicosa geboren und hatte Zeit seines Lebens eine große Leidenschaft für die Kunst, besonders für die Musik. Seine Musikaliensammlung war zum Zeitpunkt seines Todes die größte der Welt - sie lagerte leider in Lissabon. Er komponierte auch, doch scheint davon wenig erhalten zu sein ("http://imslp.org/wiki/Category:Jo%C3%A3o_IV,_Dom"). Sein Cruz fidelis soll übrigens eine Fälschung sein, aber es gibt doch eine Aufnahme davon:


    [Track 4]



    Links:
    "http://en.wikipedia.org/wiki/Music_history_of_Portugal"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Renaissance_composers#Portuguese"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Komponisten_der_Renaissance#Spanien.2FPortugal"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Coimbra"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Braga"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Vila_Vi%C3%A7osa"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Baroque_composers#Early_Baroque_era_composers_.28born_1550.E2.80.931600.29"



    jd :wink:

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  • Alonso Lobo


    Duarte Lobo bitte - Alonso Lobo (1555-1617) war Spanier:


    "http://en.wikipedia.org/wiki/Alonso_Lobo"



    Auf der Doppel-CD ist von beiden (Duarte und Alonso) etwas drauf. Sicherlich etwas verwirrend.



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  • Danke fuer die Korrektur, lieber Josquin. Deinen Ueberblick ueber die portugiesische Musik des 16. Jahrhunderts fand ich sehr informativ.

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    Cato der Ältere

  • Deinen Ueberblick ueber die portugiesische Musik des 16. Jahrhunderts fand ich sehr informativ.


    Dem schließe ich mich an und freue mich auf die nächsten Peripherie-Gebiete!


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Vielen Dank euch beiden. Ich werde bald weiterschreiben, wenn ich mir einen Überblick geschaffen habe. Als Nächstes wird wohl Polen folgen.



    jd :wink:

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  • Da bin ich auf jeden Fall auch gespannt. Portugal hatte ich ja grad noch so auf dem Schirm, aber Polen, da hört sogar alles Hörensagen auf.

    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

  • Interessantes Thema!


    Zitat

    Es gibt Polen, Böhmen, Mähren, Schweiz, Rußland, Skandinavien - was geschah da?


    ich glaube, Teile dieser Frage lassen sich relativ schnell beantworten.


    Das, was wir heute als Franko-Flämische Polyphonie bezeichnen, ist im Kern katholische Kirchenmusik. Damit fält aber bereits Rußland aus dem Raster, da dieses aus katholischer Sicht absolute Diaspora war - ausgenommen den polnischen Teil ab dem späten 18. Jahrhundert. Die römisch-katholische Kirche ist in Rußland auch heute noch völlig unerwünscht. Erst 1705 durfte dort überhaupt eine katholische Kirche gebaut werden. Damit fehlte aber im 16./17. Jh. der Apparat, um polyphone Kirchenmusik im Gottesdienst aufführen zu können, da dieser auch im Westen nur an Klöstern oder größeren Kirchen existierte - die es in Rußland eben nicht gab. Die im 16. Jh. entstehende Mehrstimmigkeit der orthodoxen Kirchenmusik ist aber eine völlig andere, wie die der Westkirche dieser Zeit und mit ihrer parallelen Stimmführung eher dem Organum vegleichbar. Aufgrund westlicher Einflüße über Polen und Litauen entstand im 17. Jh. im Westen des Reiches eine mehrstimmige Form, in der zwei Stimmen den Cantus firmus und die Terzparallele dazu singen, der Bass liefert die Grunddöne und eine gegebenefalls vorhandene 4. Stimme ergänzt die Harmonie. Auch das ist nicht mit der Polyphonie westlicher Prägung vergleichbar. Das, was wir heute als "russische Kirchenmusik" kennen, ist im Wesentlichen im späten 18. und im 19.Jh. entstanden.


    In Skandinavien liegen die Verhältnisse ähnlich. Dort breitete sich im 16.Jh. relativ rasch und flächendeckend der Protestantismus aus, der sich ja musikalisch in der Folge deutlich von der katholischen Kirchenmusik absetzte. Auf dem gemäßigt-lutherischen Flügel dominierte der Choral, auf der reformierten Seite lehne man Musik in der Kirche grundsätzlich ab, oder duldete allenfalls einstimmigen Gesang und auch der Genfer Psalter ist vergleichsweise schlicht. Damit gab es im 16. Jh. keinen Bedarf an Polyphonie. Und im 15. Jh. und davor war Skanadinavien bezüglich elaborierter Kirchenmusik glaub' ich wirklich am Rande des Universums...


    In Polen gab es eine Reihe einschlägig tätiger Musiker, die aber im Westen kaum bis nicht bekannt wurden (ich habe gerade nicht sonderlich die Zeit, das weiter auszuführen, ich warte mal, was kommt... :P ), was möglichweise mit den dortigen permanenten politischen Umbrüchen und den damit verbundenen kulturellen Neuausrichtungen (und der Nichtzugänglichkeit von nun im Ausland liegenden Archiven) zusammenhängt.


    Möglicherweise ist die unübersehbare Dominanz der Franko-Flamen und Italiener zumindest zum Teil ein Artefakt der Geschichte: Vom Beginn des 16. bis Mitte des 17. Jhs. war etwa Deutschland der Schauplatz blutiger Bauernaufstände und "Religionskriege", denen regelmäßig auch die Klöster als zentrale Keimzellen der Polyphonie zum Opfer fielen und gebranntschatzt wurden. Gleiches gilt für viele Metropolitankirchen. Damit ging ein großer Teil des Repertoires unwiederbringlich verloren. Wir wissen also nicht, was es dort gegeben hatte. Es ist ein glücklicher Umstand, daß etwa Lasso fast sein gesamtes Leben in München verbrachte, und diese Stadt auch im Dreissigjährigen Krieg nicht zerstört oder geplündert wurde. Im protestantischen Norden wurden die Klöster ohnehin aufgelöst, wobei ebefalls viel Material verloren ging - Musikalien wurden üblicherweise als wertlos erachtet, wenn sie nicht in schön illuminieren Handschriften vorlagen. Die Säkularisation von 1803 hat dann ein Übriges getan - realistische Schätzungen gehen davon aus, daß hierbei bestenfalls 5-10% der Ende des 18. Jhs. vorhandenen Musikalen erhalten blieben. Ähnliche Verhältnisse gab es auch in England und Schottland inkl. der Klosteraufhebungen unter Heinrich VIII., auch wenn dort das Repertoire wenigstens von der Anglikanischen Kirche weitergeführt wurde, sodaß wir dort immer noch zahlreiche bedeutende Vertreter der Vokalpolyphonie finden - Byrd etwa.


    [Nachtrag:]Mit anderen Worten: In Frankreich und Italien, speziell im Kirchenstaat blieb einfach mehr aus dieser Zeit an Musikalien erhalten, zumal diese Musik in Rom auch im 17. Jh. und später weiter gepflegt wurde.[/Nachtrag]


    Auch das "Abseitsliegen" der Komponisten der Iberischen Halbinsel ist möglicherweise eine Folge der Wahrnehmung und der Repertoirefestschreibung durch die Wiederentdecker dieser Musik im 19. Jh., eine Bewegung, die als Kirchenmusikreform im wesentlichen von Deutschland ausging und natürlich auf die von dort einfach zugänglichen Quellen angewiesen war. Und da lagen natürlich Italien, Frankreich und die Niederlande traditionell wesentlich näher als Spanien, vor allem jedoch Rom. Daß dabei Victoria und Morales in das Blickfeld rückten, hängt vermutlich damit zusammen, daß beide längere Zeit dortm tätig waren.


    Was für mich aber völlig abseits liegt (völlig unverständlicher Weise), ist das Polyphonie-Repertoire Lateinamerikas. Auch dort wurde diese Musik gepflegt. (Ich versuche schon immer, einschlägige Aufzeichnungen zu erwerben - mühsam...) Der erste lateinamerikanische Komponist, der in Europa überhaupt wahrgenommen wurde, war Heitor Villa-Lobos, und das vermutlich auch nur, weil er mehrere Jahre in Italien Frankreich war...

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Waclaw z Szamotuł

    Ich fang mal an mit Polen...


    Waclaw z Szamotuł (oder: Waclaw Szamotulski, Waclaw von Szamotuł, auch Venceslaus oder Wenzeslaus Samotulinus, Schamotulinus, Samotulius und Wenzel von Samter, ca.1520 - ca.1560)


    Waclaw z Szamotuły wurde nach 1520 in Szamotuły (1793-1918 preussisch "Samter") 35 km NW von Posen in einer bürgerlichen Familie geboren. Er begann sein Studium in Jura, Mathematik und Philosophie in Posen am Collegium Lubranscia, das er anschließend an der Universität Krakau fortsetzte. Er war einer der der universell gebildeten Renaisance-Menschen, neben seinem Studium widmete er sich auch der Musik und der Dichtkunst. Zunächst wurde er Sekretär Hieronim Chodkiewiczs, einem Adeligen aus dem Großfürstentum Litauen. Er muss sich aber auch schon bald eine Namen als Musiker gemacht haben, da er bereits 1547 oder 1548 an den Hof von König Sigismund Augustus als Komponist in die königliche Kapelle ernannt wurde, deren Mitglied er bis Ende 1555 war. Obwohl er dort eigentlich auch die Verpflichtung gehabt hätte, die Singknaben zu unterrichten, war er davon befreit, da er nicht singen konnte.


    Vermutlich aus dieser Zeit am Königshof stammen fragmentarische Lamentationes et Exclamationes Passionum 4 vocum (publiziert Krakau, 1553, s. unten), die Motetten "In te Domine speravi" (bei Berg und Neuber in Nürnberg gedruckt 1554 in "Tomvs Qvartvs Psalmorvm Selectorvm, Qvarvor Et Plvrivm Vocvm. Norimbergae, in officina Ioannis Montani, et Vlrici Neuberi, Anno salutis MDLIII"), "Ego sum pastor bonus" (bei den selben Verlegern, 1564) und "Nunc scio vere" (erhalten als Transkription in einer zeitgenössischen Orgeltabulatur). Andere Werke aus vermutlich der gleichen Zeit sind heute nur noch durch ihre Titel bekannt: Eine Messe für 8 Stimmen, zwei Sammlungen von Offiziengesängen zu 4 und 6 Stimmen, Exclamationes a 5 und a 4 und einer Komposition zur königliche Hochzeit im Jahre 1553. Seine Kompositionen signierte er mit den Initialen VS oder W.S., woduch sie heute zuzuordnen sind. Im 17.Jh. erwähnt der Historiograph Szymon Starowolski auch einige Werke zur Unterhaltung.


    Nach 1550 schrieb Waclaw z Szamotuły acht Kompositionen für 4 Stimmen auf polnische Texte, die aus dem Umfeld der polnischen Reformation stammten. Nach 1555 wirkte er in Wilna am Hofe des Woiwoden Mikolaj Radziwill, einem der mächtigsten Anhänger und Förderer der Reformation. Der einzige erhaltene Hinweis auf diesen Aufenthalt entstammt dem Titelblatt einer in Brest-Litowsk gedruckten Sammlung, die als Ganzes jedoch bis auf wenige in Kopie erhaltene Seiten heute verloren ist.


    Waclaw z Szamotuły starb etwa 34-jährig um 1560 in Pińczów, ungefähr 40 km NÖ von Krakau. Es existiert eine um 1560 entstandene Elegie von einem Freund, Andrzej Trzecieski, auf Waclaw z Szamotułys Tod. Der bereits erwähnte Szymon Starowolski schrieb (immerhin schon) 1625: "Wenn die Götter ihn hätten länger leben lassen, bestünde keine Notwendigkeit für die Polen, den Italienern ihre Palestrina, Lappi und Viadana zu neiden" Leider haben sich durch die wechselvolle Geschichte Polens nur sehr wenige seiner Kompositionen erhalten.


    Die folgende Liste umfasst alle seine (bisher) bekannten Werke: (die meisten erst nach dem 2. Weltkrieg entdeckt!)


    Quatuor parium vocum lamentationes Hieremiae Prophetae quibus adiunctae sunt exclamationes passionum, 4 Stimmen (Krakau, 1553)
    Zwei lateinische Motetten zu 4 Stimmen: "In te, Domine, speravi" und "Ego sum pastor bonus"; ersteres in einer Neuausgabe des polnischen Verlages PWN Edition verfügbar.
    Drei lateinische Gesänge für eine Stimme
    Vier polnische Psalmvertoungen zu 4 Stimmen (Krakau, 1558-64): Alleluja, Chwalcie Pana (Alleluia, preist den Herrn), Nakłoń, Panie, ku mnie ucho Twoje (Neige Dein Ohr, oh Herr), Kryste dniu naszej światłości (Oh Christ, der Du bist das Licht und der Tag), Błogosławiony człowiek (gesegnet ist der Mensch)
    Vier polnische Gesänge zu 4 Stimmen (Krakau), darunter zwei Weihnachtslieder
    Eine lateinische Motette (Nunc scio vere), Original verloren, erhalten als Orgelbearbeitung (genauer: als Photographie der Tabulatur)


    11 dieser Werke existieren in einer Neuausgabe:
    "http://www.triangiel.com/indexeng.html", dort bei "anient music"


    Lust auf Anhören? Auf Youtube gibt es zahlreiche Einspielungen. Einfach "Waclaw z Szamotuł" in die Suchmaske kopieren...

    viele Grüße


    Bustopher



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    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Mikołaj Zieleński

    Mikołaj Zieleński (nach 1550 - nach 1616)


    Über das Leben Mikołaj (oder Nicolaus) Zieleńskis ist nur sehr wenig bekannt. Er stammte aus Warka in der Woiwodschaft Masowien etwa 40 km S von Warschau. Der bereits bei Wacław z Szamotuł erwähnte Szymon Skorowolski schreibt, daß er in Rom ausgebildet worden sei. Der zeitliche und örtliche Rahmen dieses Aufenthaltes erlaubt es, seine potentiellen Lehrer einzuschränken. Man kann zumindest annehmen, daß er mit der Musik Palestrinas und vermutlich auch mit der Gabrialis bekannt wurde, möglicherweise auch mit den ersten Versuchen insrumentalbegleiteter Monodie. Diese Annahmen scheinen sich jedenfalls in zwei 1611 bei Jacobus Vincentius in Venedig gedruckten Sammlungen von Offertoria und Communiones zu bestätigen. Den darin enthaltenen Fronispizien und den Vorworten kann man entnehmen, daß er Komponist, Organist und Kapellmeister am Hof des polnischen Primas und Erzbischofs Wojciech Baranowski in Łowicz war. Baranowski war Kunstmäzen und wechsende Höfe jeweils ein musikalisches Zentrum in Polen war, dessen Kapelle offenbar ein sehr hohes Niveau hatte. 1595 bis 1596 war Baranowski Gesandter des polnischen Königs bei Papst Clemens VIII. in Rom. Vermutlich hat ihn sein Hofkapellmeister Zielenski auf dieser Reise begleitet. Baranowski ermöglichte Zieleński auch die Drucklegung seiner erwähnten Sammlungen in Venedig. Zieleński blieb auch weiterhin im Gefolge seines Förderers und ist 1604-1606 in Płock nachweisbar, wo Baranowski Bischof war und in dessen Nähe Zieleński ein Gut im bischöflichen Dorf Gromino nahe Pułtusk, dem Sitz des Bischofs, erhielt. Verheiratet war er mit einer Anna Feter. Während seiner Zeit in Łowicz erhielt er eine Mühle in Rudnik und war Vorsteher des Dorfes Bochnia.


    Dies sind die einzig bekannten Lebensumstände Zieleńskis. Es ist unbekannt, wann er genau geboren wurde, wann er starb, und wo er nach dem Tode Baranowskis verblieben ist.


    Die erste der oben erwähnten Sammlungen mit dem Titel "Offertoria totius anni (Quibus in Festis omnibus Sancta Romana Ecclesia uti consuevit, Septenis, & Octonis vocibus tam vivis, quam Instrumentalibus accomodata His accesserunt aliquod Sacrae Symphoniae cum Magnificat vocum Duodecim)" enthält 56 sieben- und achtstimmige (z.T. instrumentalbegleitete) Werke, die in ihrer polychoralen Anlage den Einfluß der Venetianischen Schule verraten und zum Typus der Symphoniae sacrae gehören - wie bereits der Untertitel verrät. Die Instrumentalbesetzung ist unbestimmt, eine a cappella-Aufführung ist immer möglich. Der Orgelpart besteht aus einer vereinfachten Intavolation der Vokalstimmen, ist also nicht unabhängig. Ein sehr qualitätvolles und ausgearbeitetes Magnificat für drei Chöre zu je vier Stimmen ist ebenfalls enthalten und beschließt den ersten Band.


    Der zweite Band ("Communiones totius anni (Quibus in solennioribus Festis Sancta Romana Ecclesia uti consuevit ad cantum organi, per unam, Duas, Tres, Quattuor, Quinque, Sex voces, cum Instrumentis Musicalibus, & vocis resolutione, guam Itali gorgia vocant decantandae. His acesserunt aliquod Sacrae Symphoniae, Quattuor, Quinque, et Sex vocum, et Tres Fantasiae Instrumentis Musicalibus accomodatae)" enthält 57 Werke für eine bis sechs Stimmen. Die meisten davon sind Motetten "punctus contra punctum", die ebenfalls im konzertierenden Stil angelegt sind und oft an Palestrina erinnern. Eine größere Gruppe von Stücken besteht aus Terzetten, Duetten und instrumental- d.h. orgelbegleiteter Monodie. Diese Solostücke enthalten im Gegensatz zu den übrigen einen eigenen, unabhängigen Orgelpart. Sowohl das Vorhandensein von konzertierendem, polychoralen Elementen als auch von begleiteter Monodie weist Zieleński als Musiker aus, der den innovativen Strömungen seiner Zeit aufgeschlossen war.



    Als Ergänzung sind in den "Communiones" auch drei Phantasien für Zink/Posaune, Dulcian und Orgel bzw. für Violine, Viola und Orgel enthalten, die in ihrer Anlage den Vokalwerken ähneln. Die zweite dieser Phantasien ist in der Form eines Ricercar gehalten, die dritte, homophon gehaltene entspricht einer Canzone.


    Wie prekär die Überlieferungslage alter Musik generell ist, wird aus dem Umstand erhellt, daß von den beiden Bänden (die Baranowski großzügig verschenkte, um seinen Ruf als Mäzen zu festigen) bis zum 2. weltkrieg nur ein einziges komplettes Exemplar erhalten blieb, das heute ebenfalls nicht mehr vollständig ist und das Gesamtopus nur aus einzelnen (mehr oder weniger zufällig angefertigten) Vorkriegsabschriften ergänzt werden kann. Das untermauert die Aussage, daß die Quellenlage einen erheblichen Einfluß auf die Wahrnehmung von "regionalen Zentren" in der Musikgeschichte hat.


    Es gibt eine Gesamtausgabe in den Monumenta Musicae in Polonia


    Auch von Mikołaj Zieleński gibt es zahlreiche Einspielungen auf Youtube. Dort wiederum "Mikołaj Zieleński" in das Suchfeld kopieren...

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Polen

    Mittelalter:
    Polens älteste musikalische Quellen stammen aus dem 13. Jahrhundert und enthalten anonyme polyphone Kompositionen im Stile der Notre-Dame-Schule in Paris. Spezifisch polnisch ist dagegen das Lied Bogurodzica, dessen Komponist unbekannt ist; dieses Lied war die Krönungshymne des polnischen Königs Wladyslaw I. von Polen (1424-1444). Als ersten namentlich erwähnten Komponist ist Wincenty z Kielczy (ca. 1200-nach 1262) zu nennen, der die Hymne Gaude Mater Polonia verfaßt hat. Diese erklang zuerst im Jahre 1254, als der Bischof Stanislaus von Krakau (um 1030-1079) heiliggesprochen wurde.




    Mikolaj Radomski, auch Mikolaj z Radomia oder Nicolaus de Radom (um 1400-nach 1450), ist als Person kaum faßbar; man kennt ihm praktisch nur namentlich von den Manuskripten, die erhalten sind. Geschrieben hat er ein Magnificat, eine Motette und neun dreistimmige Sätze im Stile des italienischen Trecento.




    Renaissance:
    Das 16. Jahrhundert brachte speziell in Krakau eine Flut an italienischen Musikern an den Hof der polnischen Könige - u.a. Luca Marenzio (1553-1599) oder Diomedes Cato (1560/1565-nach 1618). In Polen galten die italienischen Künstler und Musiker als die progressivsten ihrer Art, was einerseits eine äußerliche Idealisierung hervorrief, aber andererseits dem polnischen Eigenwillen des Adels entgegenstand, welches keine fremden Einflüsse in ihrer eigenen Kultur duldete. Diese als Sarmatismus bezeichnete Kultur wurde als Identität des Polnischen an sich angesehen und spielte auch politisch eine wichtige Rolle.


    So gab es neben den importierten Italienern auch Eigengewächse wie Waclaw z Szamotul (ca. 1520-1560), von dem bustopher schon freundlicherweise berichtet hat - Danke dafür! :kiss:




    Oder Mikolaj Gomólka (um 1535-zw. 1591-1609): als Zehnjähriger wurde er bereits von König Sigismund II. August (1520-1572) an seinen Hof genommen und erhielt eine umfassende musikalische Erziehung. Er trat später in die Dienste des mächtigen Bischofs Piotr Myszkowski (ca. 1510-1591) und vertonte unter dessen Schirmherrschaft die Psalmen Davids nach der polnischen Übersetzung von Jan Kochanowski (1530-1584). Diese 150 vierstimmig gesetzten Motetten sind die einzigen erhaltenen Werke von ihm, obwohl angenommen wird, daß er mehr komponiert hat. Dieser Psalter war damals weit verbreitet in Polen und wurde gleichermaßen von Katholiken und Protestanten geschätzt.


    Gomólka gilt als derjenige, der sich um einen polnischen Kunststil bemühte. Durch dem Psalter hatte er sicherlich ein wichtiges nationales Anliegen umgesetzt; was darüber hinaus geht, ist z.Z. leider nicht auffindbar.




    Als Letzter ist Mikolaj Zielenski (um 1560-um 1620) zu nennen: dessen Werk umfaßt immerhin über 100 Kompositionen, die alle in zwei Drucken vorliegen, die 1611 in Venedig entstanden sind. Es handelt sich um Propriumsstücke, die in Besetzungen von 3-12 Stimmen komponiert worden sind. Neben einem Magnificat sind Antiphonen, Offertorien, Communiones, Psalmen oder Responsorien zu finden, zumeist im alten Renaissance-Stil gehalten. Doch kannte Zielenski auch die neuesten Strömungen aus Italien, denn er hatte auch mehrchörige Vertonungen geschrieben, wie sie in Venedig unter Gabrieli entstanden waren.


    Zielenskis Bedeutung liegt im Wesentlichen darin, daß er die Venezianische Mehrchörigkeit und Monodie in ihren ersten Ausprägungen für die polnische Musik erarbeitet hat. Er ist also das Bindeglied zwischen Renaissance und Barock - sozusagen der Monteverdi Polens (von der Position her).



    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51hG1glN6tL.jpg]



    Mit Zielenski endet die Renaissance in Polen. 1628 wurde die erste italienische Oper in Polen aufgeführt (Galatea, Komponist unbekannt), und Giovanni Francesco Anerio (ca. 1567–1630) oder Marco Scacchi (ca. 1600–1662) brachten Polens Königshof in die Moderne des Barock.



    Links:
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Musik_in_Polen"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/Music_of_Poland"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Komponisten_der_Renaissance#Polen"
    "http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_Polish_composers#Middle_Ages"
    "http://pl.wikipedia.org/wiki/Wincenty_z_Kielczy"
    "http://de.wikipedia.org/wiki/Sarmatismus"



    jd :wink:

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Marcin Leopolita

    Marcin Leopolita (1540 - 1589)


    Jetzt wird es schon deutlich kürzer....


    Marcin Leopolita (auch Martinus Leopolita(nus), Marcin ze Lwowa, Marcin Lwowczyk, Martin von Lemberg und Martin Lwowczykiem), Komponist, Organist, Dichter, wurde 1530 in Lwów (Lemberg, heute Ukraine) geboren. Er studierte am Collegium Maius in Krakau und war ab 1550 Mitglied der Hofkapelle des Königs Sigismund August, also zur selben Zeit wie Waclaw z Szamotuły. Später kehrte er nach Lwów zurück, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte. Das ist im Prinzip schon alles, was man über ihn sagen kann, außer daß er einen sehr reifen Stil der franko-flämischen Polyphonie pflegte.



    Erhalten geblieben von ihm ist eine Ostermesse, Missa Paschalis a 5 (das Agnus Dei a 6) auf den cantus firmus von vier polnischen Osterliedern: "Chrystus Pan zmartwychwstał" (Christus, der Herr ist auferstanden), "Chrystus zmartwychwstał jest" (Christus ist auferstanden), "Wesoły dzień nam dziś nastał" (heute kam uns ein froher Tag) und "Wstał Pan Chrystus". (Christus, der Herr ist auferstanden). Es ist der älteste vollständige erhaltene Messzyklus aus der Feder eines polnischen Komponisten. Auch diese Messe existiert als Neuausgabe bei PWM Edition.


    Weiterhin sind heute noch 5 Motetten a 5 (Cibavit eos, Mihit autem, Resurgente Christo, Spiritus Domini, Veni im hortum me) als Orgeltranskiption ohne Text mit dem cantus fimus in der Mittelstimme bekannt.


    Youtube: "Marcin Leopolita" in das Suchfeld kopieren.

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Nicht gebürtiger Pole, aber immerhin zwischen 1549 und 1565 Lautenist am polnischen Königshof war der siebenbürgische Musiker


    Valentin (Bálint) [Greff] Bakfark (*~1526 in Kronstadt - + 1576 in Padua)


    Bakfark entstammte einer Musikerfamilie aus jener südöstlichen Peripherie des christlichen Europa und erhielt ab 1536 die Ausbildung zum Lautenisten am Hof des ungarischen Königs Johann Zápolya in Ofen. Sein Lehrer war vermutl. der Italiener Mathias Marigliano.


    1549 ging Bakfark dann an den polnischen Königshof unter Sigismund II. August in Krakau und Wilna. Er erlangte rasch einige Berühmtheit und unternahm in dieser Zeit Reisen u.a. nach Süddeutschland, Frankreich und Italien. Ferner besuchte er 1552 den preußischen Hof in Königsberg; sein Gastgeber Herzog Albrecht von Brandenburg schrieb über Bakfark "Er ist ein Musiker, dem in dieser Kunst kein zweiter an die Seite zu stellen ist und schwerlich besitzt irgendein König seinesgleichen".


    1566 wechselte der inzwischen mit Adelsprädikat versehene Bakfark (=Greff Bakfark) an den Kaiserhof Maximilians II. in Wien und kehrte 1568 über Padua nach Siebenbürgen zurück. 1571 übersiedelte er schließlich nach Padua, wo er 1576 verstarb.


    Valentin Bakfark ist offenbar weniger durch eigenes kompositorisches Schaffen sondern v.a. durch die kunstvolle Bearbeitung von europäischen vokalen Kompositionen (Clemes non Papa, Clément Jannequin, Josquin Desprez, Jacques Arcadelt, Jean Richafort, Philippe Verdelot u.a.) für die Laute hervorgetreten, wodurch er einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung der europäischen Instrumentalmusik geleistet hat.


    Überliefert sind allerdings auch im Falle Bakfarks lediglich zwei komplette gedruckte Werke:


    -Lautenbuch, dem Erzbischof von Lyon, Graf von Tournon, zugeeignet, Lyon 1553
    -Lautenbuch, dem polnischen König Sigismund II. August gewidmet, Krakau 1565


    Zudem ist Bakfark mit Einzelstücken in zahlreichen Sammelwerken überliefert, was seine Bedeutung unterstreicht und auf ein weit größeres Schaffen schließen läßt.


    Ich persönlich bin vor Jahren auf einer meiner Ungarnreisen auf diesen Komponisten gestoßen, da ich dort eine CD der Hungaroton "Music in Renaissance Transylvania", eingespielt vom Bakfark Bálint Lute Trio, erwarb - die aber offenbar mittlerweile vergriffen ist.


    Nichtsdestotrotz ist dieser Komponist (wie bereits andere weiter oben im Thread) auch bei Youtube vertreten und dort zu genießen.


    :wink:


    Magus


    Biogr. Ausführungen nach: Ingeborg Allihn (Hrg.): Barockmusikführer Instrumentalmusik 1550-1770, Metzler/Bärenreiter 2001, S.58 ff.

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • Mikołaj z Chrzanowa

    Mikołaj z Chrzanowa (1485–1562 in Krakau)


    Über Mikołaj z Chrzanowas (auch Nikolaus von Chrzanów) frühes Leben ist ebenfalls wenig bekannt. Sein Name deutet darauf hin, daß er in Chrzanów,etwa 30 km SW von Krakau geboren wurde. Er studierte ab 1507 in Krakau, wo er 1513 das Bakkalaureat ablegte. 1518 bis zu seimen Tod war er Organist an der Kathedrale auf dem Wawel und regens chori der dortigen Kapela Rorantystów. Anscheinend betätigte er sich auch als Orgelbauer oder wenigstens als Orgelgutachter (Biecz, 1543). Ab 1546 war er auch Cembalist am Hofe Sigismund Augusts [Dieser war zu dieser Zeit allerdings noch Kronprinz. Ansonsten wäre es Zygmunt/Sigismund I.]. Möglicherweise ist er identisch mit Mikołaj Gantkowicz (oder Gantkowiczem) und Mikołaj Bętkowski (Bętkowskim, Bentkowskim), die 1520/21 bzw. 1550 als Organisten an der Wawel-Kathedrale genannt werden.


    Die Qualität seiner Arbeit läßt sich nur an einem einzigen überlieferten Werk beurteilen, der Motette Protexisti me Deus a 4, die nicht einmal als solche erhalten ist, sondern nur in einer zwischen 1537 bis 1548 von Jan z Lublina (Jan/Johann von Lubin) für die königliche Kapelle angefertigten Orgeltabulatur. Eine weitere Orgeltabulatur aus dem Jahr 1580 stammt aus Łowicz. Dieses Werk lässt vermuten, daß Mikołaj z Chrzanowa Josqin Desprez kannte.


    Youtube: "http://www.youtube.com/watch?v=KZbuww15ycs"

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Diese CD hört sich beim Probehören unglaublich vielversprechend in meinen Ohren an :


    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

  • Jan z Lublina und seine Orgeltabulatur

    Jan z Lublina (ca. 1490 - ca. 1550)


    Man kann, glaube ich, nicht über polnische Renaissancemusik schreiben, ohne Jan z Lublina zu erwähnen. Auch über ihn weiß man nicht sehr viel, ausser, daß er Kanoniker der regulierten Chorherren war und als Organist und regens chori in Krasnik wirkte (ok: und ein bischen mehr). Wie bereits erwähnt fertigte er zwischen 1537 und 1548 die "Tabulatura Ioannis de Lyublyn Canonic[orum] Regulariu[m] de Crasnyk" an, die älteste dieser Art und mit 520 Seiten und 350 Stücken die weltweit umfangreichste Orgeltabulatur. Sie enthält neben eigenen Werken auch z.B. Werke (oft auch Orgelintavolationen von Vokalwerken) von Josquin Desprez, Heinrich Finck, Clément Janequin, Ludwig Senfl, Claudin de Sermisy, Philippe Verdelot, Johann Walter, Mikołaja z Chrzanowa und Thomas Stoltzer u.a. (insgesamt 20 Namen) sowie ein Orgeltraktat und gilt als das wichtigste Kompendium der Orgelmusik der Renaissance, nicht nur der aus Polen, sondern auch aus Deutschland und Frankreich.

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • LIeber Josquin Dufay, danke für deine schönen Überblicke.


    Das, was wir heute als Franko-Flämische Polyphonie bezeichnen, ist im Kern katholische Kirchenmusik.


    Naja, es gibt aber schon auch einige säkulare Traditionen, an den Höfen, wie auch schon in Städten (Ministrels/ Piffari/Stadtpfeiffer etc.) und Bürgerhäusern. Und natürlich gibt es säkulare Madrigale und Chansons usw.. Das kann alles natürlich - außer bei strengen Reformierten - auch nach der Reformation weiterleben, wie auch polyphone Kirchenmusik und die dominante Form des Lutheranismus keine Gegensätze waren.


    In Skandinavien liegen die Verhältnisse ähnlich. Dort breitete sich im 16.Jh. relativ rasch und flächendeckend der Protestantismus aus, der sich ja musikalisch in der Folge deutlich von der katholischen Kirchenmusik absetzte. Auf dem gemäßigt-lutherischen Flügel dominierte der Choral, auf der reformierten Seite lehne man Musik in der Kirche grundsätzlich ab, oder duldete allenfalls einstimmigen Gesang und auch der Genfer Psalter ist vergleichsweise schlicht. Damit gab es im 16. Jh. keinen Bedarf an Polyphonie. Und im 15. Jh. und davor war Skanadinavien bezüglich elaborierter Kirchenmusik glaub' ich wirklich am Rande des Universums...


    In Skandinavien gibt es ja keine Reformierten. In den Kirchen dominiert eher der Hymnus, eine volksmusiknähere Eigenform, die unter dem Einfluß franco-flämischer, niederländischer, italienischer, englischer und deutscher Musiker in Dänemark und Schweden gerade nach der Reformation gar nicht so selten auch polyphon gesetzt wurden.


    Ich schreibe dann demnächst mal mehr zu Dänemark, wo es besonders zur Zeit Christian IV. zu einer, relativ für diese Region, musikalischen Blütephase kommt, auch mit schönen polyphonen Messen und Madrigalen nicht nur von zugereisten, sondern auch von ein paar einheimischen Komponisten. Das meiste ist dann aber schon im Übergang zum Frühbarock.


    :wink: Matthias

  • Ich muß schon sagen: der schreibende Zuspruch erfreut mich besonders... :klatsch:


    Daß zu Polen soviel zusammen gekommen ist, finde ich wirklich knorke... :thumbup: Ich danke alle Beteiligten dafür ganz herzlich. Ich lade dazu ein, zu den Dingen, die noch nicht näher ausgeführt wurden (zu den bisher genannten Ländern und deren Komponisten oder besonderen Aspekten), weitere Berichte zu posten.


    Das nächste Ziel liegt südlich von Polen: Böhmen & Mähren.



    jd :wink:

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    Hudebux

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