Otto Klemperer - "ein hervorragend guter und trotz seiner Jugend schon sehr routinierter Musiker"

  • Otto Klemperer - "ein hervorragend guter und trotz seiner Jugend schon sehr routinierter Musiker"

    Mit den im Titel genannten Worten empfahl Gustav Mahler den jungen Oto Klemperer ; die Visitenkarte, auf der die Empfehlung niedergeschrieben war, hütete er zeitlebens als seinen größten Schatz. Da wir auch für ihn bisher keinen Thread haben, sei er hiermit eröffnet. Auch zu ihm die biographischen Daten kurzgefaßt:
    14.5.1885 in Breslau geboren
    Musikstudium in Frankfurt und Berlin, u.a. bei Pfitzner
    1907-1910 Chorleiter und Kapellmeister in Prag
    1910-1912 Kapellmeister am Stadttheater in Hamburg
    1914-1917 Erster Kapellmeister in Straßburg
    1917-1924 Kapellmeister und GMD in Köln
    1924-1927 GMD in Wiesbaden
    1927-1931 Leiter der Krolloper in Berlin
    1933 Emigration, ständiger Dirigent beim Los Angeles Philharmonic Orchestra
    1947-1950 Musikalische Leitung der Oper Budapest
    ab 1954 Chefdirigent des Philharmonia Orchestra und New Philharmonia Orchestra London
    6.7.1973 in Zürich gestorben

    Ein Dirigent, der immer ins Extreme ging, nicht zuletzt wegen seiner manisch-depressiven Erkrankung. Kompromißlos gegenüber dem Publikum, den Musikern, dem Werk und sich selber, ein "großer Amoralist" (wie er mal über sich selber sagte). Es gibt Fälle, wo seine Diskographie sowohl die schnellste als auch die langsamste Interpretation eines Werks umfaßt. Vorkämpfer für Mozart und Mahler, selber durchaus begabter Komponist.
    Was fasziniert heute an ihm? Welche Aufnahmen haben Bestand?

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Ich höre mich gerade durch seinen Beethoven, die Erste fand ich grauslig; die Dritte hat mich so mitgenommen, dass ich mich erst einmal ohrfeigen musste, um wieder normal zu werden ...:

  • re Welche Aufnahmen haben Bestand?

    Hi,
    bevor man sich entscheidet, welche Aufnahmen Bestand haben werden, ich werde mich sicherlich noch einmischen, verweise ich hier auf die umfangreichen Verdienste von Prof. Werner Unger.
    Er hat eine wahrscheinlich vollständige Discographie zusammen getragen.
    Der geneigte Leser und Hörer mgöe sie durchstöbern und erstaunt sein.
    "http://www.archiphon.de/arde/discologi…onologic_WU.pdf"
    Am Wochenende mehr.
    Bis dahin
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • verweise ich hier auf die umfangreichen Verdienste von Prof. Werner Unger.
    Er hat eine wahrscheinlich vollständige Discographie zusammen getragen.
    Der geneigte Leser und Hörer mgöe sie durchstöbern und erstaunt sein.
    "http://www.archiphon.de/arde/discologi…onologic_WU.pdf"

    Großer Gott, was für eine gewaltige Fleißarbeit!!! :juhu: Respekt!!! :juhu: Trotzdem bitte nicht zurückhalten mit Links und anderen Hinweisen zu den diversen Aufnahmen ... 8+)

  • Fangen wir also an!

    Zunächst Klemp mit Mahler!

    Klemperer hat nur die 2., 4. und das Lied von Erde in seiner "Glanzzeit" wiederholt aufgeführt.

    Die 7. gibt es genau 1-mal als Studioversion von 1968, die Liveaufnahme zur Studioproduktion scheint nicht zu existieren.
    Die 7. ist was für ... ich weiß nicht, wohl für Hardcore-Klempfans! Er hatte das Werk zuvor Ende der 20iger gespielt.

    Im hohen Alter von 81 Jahren begann er sich für die 9. zu interessieren.
    Daher gibt es die bekannte Studioaufnahme sowie weitere 9. als Liveaufnahmen aus Edinburgh, Wien und Jerusalem.
    Die Studioaufnahme ist die Beste!

    Die Situation mit dem LvdE ist relativ klar. Es gibt meines Wissens drei Aufnahmen: Eine aus Budapest auf ungarisch (unter 50 Minuten, wenn ich mich nicht irre), dann eine Aufnahme, die er auf der Rückreise aus Budapest in die USA 1951 in Wien gemacht hat und schließlich die "berühmte" mit Christa Ludwig und Fritz Wunderlich.
    Eine späte Liveaufnahme von 1970 mit Janet Baker scheint verschollen.

    Ich finde, die 1951 Aufnahme hat in ihrer Gewalttätigkeit einen speziellen Reiz, den Abschied in 22 Minuten zu bringen, hat was. Das wirkt gannz anders als viele langsamen Aufnahmen ab der 60iger. Und er hält eine Spannung, unglaublich!

    Die Vierte war sein Glanzstück in den 50igern. Daher ist es fast schade, dass die einzige Studioaufnahme mit Frau Schwarzkopf erst Anfang der 60iger entstand.
    Die greifbaren Liveaufnahmen aus den 50iger sind klanglich unterlegen, insbesondere die bei Testament erschienene ist unterirdisch, ich rate zu Berlin RSO oder Köln RSO mit Elfriede Trötschel, dann hat man Klemperer mit der Vierten, wie es sein sollte.

    Dann die 2, sein Icon Stück bei Mahler. Da gibt es mind. 6 Aufnahmen, davon 2 Studioaufnahmen (Wien 1951 und London 1961)
    Die 1951er Aufnahme aus Amsterdam ist arg schlecht im Ton, aber so "wild und herausfordernd", wie es selten dokumntiert wurde.
    Ich mag besonders die 1965 er Aufnahme aus München, obwohl sooo viel besser als die berühmte Studioaufnahme von 1961 ist sie nicht, nur eben Janet Baker...
    Und dann die ganz späte 1971er Aufnahme zum 60. Todestag Mahlers, eine Aufnahme, für die er 28 Minuten mehr benötigt als 1951 in Amsterdam und die so was von "schwarz" interpretiert wird , das man das Thema "Totenfeier" einmal ganz anders wahrnimmt.

    Die anderen Sinfonien hat er nie oder nur vereinzelt angefasst.
    Nie eine 6. oder 3., die hielt er für Kitsch, wie auch die 5. Die 8. scheiterte an seinem hohen Alter und die 1. hat er nur in den 20iger Jahren aufgeführt.
    Old Klemp war eben wählersich bei der Musik seines Vorbilds.
    Recht so.
    Gruß aus Kiel

    Nachtrag: Lieder
    Er hat vier Aufnahmen von Liedern hinterlassen. Die erste mit Herrmann Schey stammt aus den späten 40igern und dem Concertgebouw und sind Lieder eines fahrenden Gesellen, die zweite ist mit Kathleen Ferrier, ja genau die und stammt von 1951 ebenfalls aus Amsterdam, die dritte ist mit George London und von 1955 aus Köln. Beides sind Aufnahmen der Kindertotenlieder. An Londons Artikulation muss man sich gewöhnen.
    Himmlisch und geradezu einzigartig sind die paar Rückert und Wunderhorn Lieder mit Christa Ludwig, die parallel zu den Aufnahmen des "Lied von der Erde" entstanden sind.
    Ich kenne von "Ich bin der Welt abhanden gekommen" keine bessere Version. Einzigartig in der Schlichtheit und berückend gesungen.

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Weiter geht es!

    Nee!! Kein Beethoven,
    das ist mir zu unübersichtlich heute abend.

    Nehmen wir Bruckner!
    Es gibt keine 1,2,3.
    Das vereinfacht die Sache.

    Die 4. gibt es mehrfach. Die Amsterdamer Aufnahme von 194x und die aus 1951 aus Wien sind deviant. Die 4. in knapp 50 Minuten! Das wäre was für Celi!!

    Die erste Aufnahme nach seiner Rückkehr nach längerer Pause war von 1954 aus Köln. Die Studioaufnahme aus London ca. 8 Jahre später ist ähnlich, intensiver aber ebenso im Zuschnitt ist die aus München von 1966. Ich empfehle dennoch die Studioaufnahme.

    In Sachen 5. gibt es eine frühe Aufnahme aus Amsterdam von 1957, sehr wild. Mit dem Concertgebouw gelingt dieser wilde Ritt, nur die Aufnahmetechnik machte nicht mit.
    Die späten Aufnahmen ab 1967 (London, London live und Wien) sind nicht so flexibel und intensiv, dafür massiger. Die Wiener Aufnahme gefällt mir am Besten.

    Numero 6. Die Studioaufnahme ist legendär, obwohl man die Pauken nicht hört. Dazu muss man die Amsterdamer Aufnahme von 1961 hören. Es gibt noch eine mit dem BBC Orchestra, die kenne ich nicht.

    Die 7. gibt es oft. Zu oft beinahe. Es gibt sie aus den 50igern aus Berlin und Wien und diverse mehr. Siehe oben Diskographie.
    Die beste ist neben der Studioaufnahme, die klanglich gelungen ist, die aus Hamburg von 1966. Mein früherer (nun im Ruhestand) Buchhändler und Klassikfan, der Kieler Eckhard Cordes, wußte mit glühenden Augen das Konzert zu beschreiben. Als ich ihm nen Mitschnitt auf Tonband gab, war er schier glücklich.
    Dieses Glück kann man bei Music and Arts teilen.

    Die 8 gibt es 2-mal. Als "Ready Steady Go" Aufnahme aus Köln und als Altersdokument aus London. Beide sind heute nicht mehr konkurrenzfähig (Wand, Karajan) einzig vielleicht das Adagio der 1970iger Aufnahme.

    Die 9. von 1971 ist seltsam. Ich finde sie deviant, schroff und abweisend und voller Orchesterfehler. Aber je älter diese Aufnahme wird, desto mehr Bewunderer findet sie.
    Mich nicht.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Zum langen Beethoven-Nachmittag:

    Lieber Kollege im Forum!
    diese Biographie kannst den Hasen geben,
    Du brauchst Sie nicht mal grün anstreichen.
    Lies Heyworth. Frau Weissweiler ist schröcklich. ich habe mich in Alfreds Forum expilzit darüber ausgelassen.
    Gruß aus Kiel

    Ja, es ist eine Schande: Bis heute gibt es in deutscher Zunge keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie oder Monografie über einen der wichtigsten deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts!!! Der zweite Band des eigentlichen "Standardwerks" ist nur in englischer Sprache und nie deutscher erschienen, weil die Kritik es (wohl zu Recht) für zu schwach hielt und eher eine Anekdotensammlung. Was aber obige Frau abliefert, spottet jeder Beschreibung. Nicht nur, dass auch sie die zweite Lebenshälfte ausklammert, ihr Buch entspricht weder wissenschaftlichen Richtlinien noch ist es stilistisch zu ertragen.

  • Beethoven Teil 1 Sinfonien

    Hallo allerseits,
    Klemperer galt in seinen letzten 15 Lebensjahren als Garant für Beethoven Konzerte, die "massiv, steinern und noch sonn Gedöns" bei Schreiberlingen aller Coleur auslösten.
    Ich gebe gerne zu, dass ich jede Menge Klemperer Aufnahmen horte, beileibe nicht alle, aber doch genügend.
    Daher kann ich einen Beethoven Zyklus zusammenstellen und empfehlen, der Klemperer meines Erachtens besser gerecht wird, als der Studiozyklus von 1957/1959, der bei aller Qualität teilweise doch etwas zurückgenommen wirkt. Allerdings hat er den Vorteil, das er mit modernem Mastering erstaunlich gut klingt.

    Fangen wir also an:
    Sinfonie Nr. 1. Am besten von 1924! Staatskapelle Berlin, alternative Turin 1956. (Ich fand Klemp mit der 1. nie besonders gut, kurios ist seine letzte Aufnahme von 1970 aus Bonn)
    Sinfonie Nr. 2 Wunderbar ist die Liveaufnahme zur Stereoproduktion von 1957. Sie hat das Quentchen Druck, dass der Studioaufnahme fehlt.
    Sinfonie Nr. 3. Hier wird es schwer. Denn die Eroica (siehe dort im Thread) war sein Markenzeichen. Nachdem bei Archiphon die 1955er Eroica aus Amsterdam endlich erhältlich ist, finde ich diese trotz aller klanglichen Mängel neben der Kölner von 1954 und der letzten von 1970 aus Bonn absolut hörenswert.
    Aber eigentlich hat er die Eroica immer drauf gehabt.
    Sinfonie Nr. 4 auch hier gibt es jede Menge Aufnahmen. Die Liveaufnahme von 1957 ist ein guter Kompromiss, denn wie schon in der 2. war er in den begleitenden Konzerten zu der Studioproduktion einfach besser (s.u.)
    Sinfonie Nr. 5 Wie wäre es mal mit Klemp aus den USA? 1935 in Los Angeles. Was für ein Feuer (das knistern liefert die LP Matrize kostenfrei). Und dann gibt es eine, auf die man sich einlassen muss: Wien 1968. Dazwischen mind. 10 andere Aufnahmen, die sich lohnen. Aber wenn man die Kleibers gehört hat, relativiert sich das.
    Sinfonie Nr. 6. Unerreicht Klemp in Amsterdam 1955 oder 1956 aber auch in Berlin 1964, wo er das Karajan Orchester komplett umdreht. Die Probe ist auf der CD dabei.
    Vorsicht. Klemps Interpretation des Tanzes ist immer bewußt schwerfällig, er war der Meinung, das Bauern mit Holzschuhen nicht elegant dahertanzen können.
    Sinfonie Nr. 7. völlig unübersichtlich, denn mehr noch als die 3. hat er die 7. genutzt, um sich aus Krisen zu befreien. So hat er mal ein Konzert in Portland/Oregon mit einem Amateurorchester gegeben, das angeblich dort noch 50 Jahre später in vieler Munde war.
    Also gehe ich auf Nr. sicher: Amsterdam 1951 (die schnellste) und Amsterdam 1956, wer es klanglich besser haben will, greife zu London 1957 Live (gekoppelt mit der 2.)
    Die 8. Tja, ich bin der Meinung, dass Klemperers Einspielungen der 8. zu den besten verfügbaren gehören. Auch hier, es wird langweilig, empfehle ich wieder das Concertgebouw Orchester, dieses mal von 1956!
    Und dann die 9.! Die Studioaufnahme von 1957 ist berühmt, weil der Chor und die Solisten in einer 9. endlich mal gut sind. (Was hört man nicht für nen Murks selbst bei bedeutenden Kollgen hier)
    Ich bevorzuge 2 Aufnahmen: Amsterdam 1956 und 1 Jahr später die Liveaufnahme zur Studioproduktion in gleicher Besetzung. Diese beiden Aufnahmen zähle ich zu den besten 9., die ich bisher gehört habe.
    Spätere Aufnahmen sind ebenfalls gut, die DvD zeigt den berühmten Klemp Shuffle, wie er sich zum Podium quält.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Teuerster Doc,

    erst einmal herzlichen Dank für diese tolle Aufstellung. Ich arbeite mich gerade an Klemperer heran und würde mich über ein wenig Führung durch einen Kenner freuen. Allerdings scheinen mir viele der genannten Aufnahmen doch entlegener, weshalb hier und da Links doch angebracht wären, wenn es es sich irgendwie ermöglichen lässt.

  • Re

    Hallo Yorick,
    nimm bitte Werner Ungers Diskografie. Dort findest Du die Publikationen zu meinen Empfehlungen.
    Vor allen: Da ich manche Aufnahme seit ca. 20 Jahre habe, dürften einige längst vergriffen sein, so meine Music and Arts Aufnahmen, aber woanders neu aufgelegt worden sein.
    Eine aktuelle Discographie ist da viel besser!
    Hier ist sie nach Komponist geordnet:
    Alle meine Empfehlungen findet man dort: "http://www.archiphon.de/arde/discologi…composer-WU.pdf"
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Beethoven Teil 2 Konzerte

    Hallo,
    Klemperer hat auch Beethovens Konzerte mehrfach eingespielt.

    Leider wird eine Bewertung überschattet von der 1967er Einspielung der 5 Klavierkonzerte mit Daniel Barenboim, wo Klemp bereits zu alt und Barenboim noch zu jung war. Auch wenn beide ein wunderbares 4. Konzert ablieferten, so bleibt doch neben aller persönlichen Verbundenheit der Eindruck, dass diese Aufnahmen nicht so richtig gelungen sind.

    Auch die frühen Aufnahmen mit Guiomar Novaes (u.a. 4. Klavierkonzert) sind nicht gelungen, das war auch mehr was zufälliges, was VOX als Plattenfirma da an Ensemble zusammengestellt hatte.

    Schön dagegen das 4. Klavierkonzert mit Leon Fleisher in Köln. Fleisher beschreibt in seiner Biografie die Begegnung sehr intensiv, denn immerhin war Klemp der Freund und Begleiter seines Lehrers Arthur Schnabel in Berliner Jahren.
    Auch das 3. mit Annie Fischer ist gelungen, das 3. aus Berlin leider nicht, da der Pianist indisponiert war. Gleiches gilt für sein letztes Konzert (KK4) von 1971 mit Daniel Adni. Klemps Zugriff ist ok, aber Adni spielt wie neben der Spur.

    Seltsam, dass die absolut gelungenen Live-Aufnahmen (3-5) von 1957 mit Claudio Arrau in der Tonqualität gegenüber den zeitgleich entstandenen Mitschnitten der Sinfonien so abfallen. Arrau soll behauptet haben, dass er beim 5. nie so gut begleitet worden wäre wie an diesem Tag. In der Tat, die 3 Konzerte sind einzigartig.

    1964 sollte Klemperer alle 5 Klavierkonzerte einspielen, als Pianist wurde Leon Fleisher erwogen. (Fleisher Biografie)
    Daraus wurde nix, weil Fleishers rechte Hand bekanntlicherweise nicht mehr mitmachte. Das wäre wohl was geworden! 1964 war Klemp noch erheblich flotter drauf als 3 Jahre später.

    Das Violinkonzert gibt es 2-mal. 2 Aufnahmen mit Menuhin(-Studio und Live), die Klemp selbst enttäuschend fand, da Menuhin deutlich über seinen Zenit als Geiger war und eine Liveaufnahme mit Szeryng, die sehr gelungen ist, aber bereits Anzeichen des Altersstil Klempererscher Massigkeit in der Begleitung zeigt.

    Fazit. Was bei den Sinfonien an riesiger Auswahl vorhanden ist, ist hier eher dürftig.
    Empfehlung: KK4 mit Fleisher, 3-5 mit Arrau und das Violinkonzert mit Szeryng. Den Rest kann man ignorieren!


    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Beethoven: Werke, wo Leute die Frechheit haben und singen!

    Hallo,
    Klemperer war mit ganz wenigen Menschen außerhalb der Familie per Du, so mit dem Philosophen Ernst Bloch, der anläßlich einer Fidelio Aufführung in der Kroll Oper schrieb, "Nirgends brennen wir genauer."
    Klemp, der katholisch gewordene Jude, der vor dem 1. Weltkrieg noch zu den Kaisertreuen gerechnet werden konnte, war nun auf der poltisch linken Seite in der Kroll Oper angelangt und die wenigen Jahre dieses Opernhauses brachten frischen Wind in die an sich traditionelle Berliner Musiklandschaft.
    Die von Bloch kommentierte Neuaufführung des Fidelio mit Bühnenbildern von Dülberg, brachte die "Regietheatergegner" an den Rand des Wahnsinns und Klemp bekam schon bald Ärger mit den braunen Horden, die sich auch der Politik bedienten. WAs sich mit dem fliegenden Holländer noch steigern sollte (siehe dort).
    Fidelio blieb im Zentrum seines Opernschaffens: Wann immer er konnte, so in Budapest 1948 so in London (61/62/70), brachte er Fidelio auf die Bühne, zuletzt 1970, ein Mitschnitt davon exisitiert leider nicht.

    Am 24.2.1961 war die Premiere seines ersten Fidelio aus London! Der Mitschnitt, früher im Telefonsound verbreitet, ist nun ordentlich klingend bei Testament erschienen, das Remake im Studio fast 1 Jahr später ist nicht ganz so packend, aber sie ist die berühmte Studioproduktion, die heute noch bei den maßstäblichen mitgerechnet wird.

    Das andere Werk ist die Missa Solemnis. Wie hat er sich mit diesem Werk abgemüht! Es gibt mind. 6 auf Tonträgern dokumentierte Versuche! Er ist immer wieder gescheitert an seinen eigenen Ansprüchen, mal war er nicht gut genug, mal das Ensemble, mal alle zusammen.
    Seltsamerweise ist die Studioeinspielung von 1965 als Sternstunde des alten Klemp so gut, das man die 5 Versuche vorher wie beim Diskuswurf, wo der letzte Versuch sitzen muss, entschuldigen kann. Aber besitzen muss man die anderen 5 nicht.

    Gruß aus Kiel

    Ach, es gibt ja noch die Chorfantasie. Mmmmh

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

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  • Seltsamerweise ist die Studioeinspielung von 1965 als Sternstunde des alten Klemp so gut, das man die 5 Versuche vorher wie beim Diskuswurf, wo der letzte Versuch sitzen muss, entschuldigen kann. Aber besitzen muss man die anderen 5 nicht.

    Sicher jene: , die ich zu meinen über 20 Missen zähle!

    Aber Amazon hat unter anderem noch:

       

     

    Ich nehme an, der eine oder andere der fünf Versuche ist hier dabei?

  • Klemp und Wagner!

    Vorweg! Ich halte es mit Walter Scheel, der als Bundespräsident das Privileg hatte, in Bayreuth eine Rede halten zu dürfen und daher unbeschädigt sagen konnte: Ich bin kein Wagnerianer!

    Klemperer war einer! Ende der 60iger als ein Engagement in Bayreuth als Altersgründen nicht mehr in Frage kam, war er zu Besuch und auf die Frage, was er dort aufführen wollte, kam "Zauberflöte"! Aber das war einer seiner Scherze. Man war dennoch "not amused."

    Er hat Zeit Lebens Wagner dirigiert, doch gibt es nur wenige Dokumente. Und quasi wegen Wagner musste er mal aus Hamburg fliehen und seinen Job verwaist zurücklassen.
    Er hatte ein Engagement aus New York an der MET in der Tasche, wo er den Tristan aufführen sollte, als er wegen eines Brandunfalls für 1 Jahr ausfiel.
    Was der Brandunfall mit seiner Karriere angerichtet hat, man kann es nur ahnen!

    Aus Budapest gibt es immerhin (in ungarischer Sprache) Lohengrin und die Meistersinger, beides hochgelobte Einspielungen.
    Aus London diverse Orchester(vor)spiele und Teile der Walküre (da war er 84) und eben den fliegenden Holländer von 1968!
    Der "Flying Dutchman" hat es in sich.
    Erst einmal hat er ihn Anfang der 30iger mit Dülberg als Bühnenbildner in Berlin inzeniert und die Welt wurde für ihn anders. Das muss ein Skandal gewesen sein damals! Allein das Bühnenbild! (aber damals jagte ihn kein Alfred :thumbup: , sondern es waren echte Nazis!)
    1968 hat er dann endlich dieses Werk nochmals aufgeführt, es gibt davon eine Liveaufnahme, die alle Maßstäbe sprengt. So etwas von Energie, Gewalt und Konzentration!
    Nebenbei soll er in seiner Euphorie heftigst Anja Silja angebaggert haben, natürlich vergeblich. Egal, wenn es dem Ergebnis nützt.
    Die Liveaufnahme des Holländer ist das beste Livedokument, das vom alten Klemp verfügbar ist. Und macht auch aus Wagnerhassern mögliche Bewunderer.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Re Aber Amazon hat unter anderem noch

    Hallo,
    die Emi Aufnahme ist mit der CD identisch, die Testament Aufnahme sein 5. Versuch, die Aufnahme aus Köln ist ok, aber eben klanglich nicht gelungen, die 1951er aus Wien ist grässlich verhetzt, aber im Cover mit einem ca. 20 Jahre älterem Klemp abgebildet.
    Mit der Aufnahme aus der Mitte 1. Reihe weiss ich nix anzufangen.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

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  • Nebenbei soll er in seiner Euphorie heftigst Anja Silja angebaggert haben, natürlich vergeblich. Egal, wenn es dem Ergebnis nützt.

    Es hat dem Ergebnis voll genützt , sie singt eine wundervolle Senta !!!!!! ;+)

    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong


  • Er hat Zeit Lebens Wagner dirigiert, doch gibt es nur wenige Dokumente. Und quasi wegen Wagner musste er mal aus Hamburg fliehen und seinen Job verwaist zurücklassen.

    Besser "anläßlich", das war diese wilde Affäre mit Elisabeth Schumann, deren Mann beim "Lohengrin" mit der Reitpeitsche auf ihn losging, worauf Klemperer und Schumann mitten in der Nacht miteinander durchbrannten... Jahrzehnte später hätte Liebermann ihn gerne wieder mal nach Hamburg engagiert, doch als Oper schlug er ausgerechnet "Lohengrin" vor, so daß daraus nichts wurde.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Mozart Opern

    Hallo,
    von Zweitausendeins gab gaaaanz früher ne LP Serie unter dem Namen Klemperer Edition. Die umfasste alles von Klemp (ohne Dopplungen) von diversen Komponisten (Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler, Mozart und Wagner)
    Beethoven umfasste 20 LPs und Mozart deren 30!

    Die ersten LPs des Schubers waren Opern vorbehalten:
    Zauberflöte, Don Giovanni, Figaro und Cosi fan Tutte.
    Die Sinfonien habe ich mit meiner Schwester, sie hatte einen Sinfonienschuber, getauscht, so erhielt sie zwar auch alle Sinfonieeinspielungen, in ihrer Box waren aber auch die Ouvertüren auf den Schallplatten.
    Zu den Opern:
    Figaro und Cosi sind zwar hochkarätig besetzt, aber arg gewöhnungsbedürftig; es sind sehr spät entstandene Aufnahmen jeweils Beginn 1970 und 1971.
    Für Cosi hatte Legge dann auch nur neben Achselzucken die Bemerkung übrig, das ein fleissiger Kopist die Oper beim Zuhören mitschreiben könne und alles in der Oper unter Schopenhauerscher Misantropie begraben sei. (frei zitiert)
    Alfred Beaujean hatte für den Figaro die Höchstnote parat (Hifi Stereophonie) 10,10,10,10! So disparat waren damals Meinungen.

    Don Giovanni ist sicherlich großartig, Beiträge hier im Forum zeigen es. Doch wie ich schon an anderer Stelle schrieb, hat dieser Klemp Giovanni zwei Konkurrenten:
    Der von Giulini, er war nämlich von Legge für Klemperer eingerichtet worden, Termine waren gebucht, alles war vorbereitet, doch Klemp musste sich ja in Brand setzen, so dass dankenswerter Weise mit Giulini auf die Schnelle ein ausgezeichneter Ersatz gefunden werden konnte.
    Und es gibt einen aus Köln von 1955 mit George London als Don
    Giovanni. Ich finde diesen ausgezeichnet, zumal er erheblich mehr "brio" hat und daher nicht nur das Drama betont.
    allerdings bemüht sich das "deutsche Ensemble" doch arg.
    DIe Zauberflöte ist eine klassische Einspielung, die die Dialoge auslässt und daher heute so nicht mehr aufgeführt würde.
    Die Besetzung ist von Legge handverlesen: Frick, Gedda, Crass, Unger, Janowitz, Popp und natürlich Frau Schwarzkopf.

    Aus Ungarn gibt es meines Wissen auf jeden Fall "Die Zauberflöte" und "Don Giovanni". Er hat aber alle Da Ponte Opern zu Gehör gebracht!
    Die Tonqualität ist für Ende der 40iger Jahre nicht besonders, man könnte auch sagen: unterirdisch.
    Und es gibt eine "Entführung aus dem Serail".

    Pläne, die "Entführung" in London einzuspielen, gab es für 1973, aber Klemperer beendete seine Tätigkeit aus Gesundheitsgründen vorher.
    Wenn allerdings Klemps Musiziergeschwindigkeit weiter abgenommen hätte, dann wäre die Arie. "Ach wie werd ich triumphieren...." sicherlich sehr "strange" geworden.

    Es gibt noch einen Livemitschnitt der Zauberflöte von 1962 aus London, der gefällt mir aber überhaupt nicht. Klemperer muss völlig indisponiert gewesen sein.
    Bei Beethoven ist es so, dass der Live-Fidelio, entstanden 1 Jahr vor der Studioproduktion, heute höheren Stellenwert zu genießen scheint, jedenfalls bei denen, die beide Versionen kennen.
    Dagegen dürfte die Live-Zauberflöte keinerlei Zauber entfalten.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Doch doch

    Hallo,
    das sind genau die Aufnahmen der vier Opern, die er in London "gemacht" hat.

    Zitat

    Die ersten LPs des Schubers waren Opern vorbehalten:

    Zauberflöte, Don Giovanni, Figaro und Cosi fan Tutte.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

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