Otto Klemperer - "ein hervorragend guter und trotz seiner Jugend schon sehr routinierter Musiker"

  • Gestern die 3. Sinfonie von Beethoven mit dem Kölner Rundfunkorchester unter Klemperer von 1954
    gehört und kann nun auch den Sog den so manche Interpretation von Klemperer ausstrahlt nachvollziehen.
    Wobei ich nicht einmal sagen könnte , was diesen Sog bei der 3, Sinfonie von Beethoven ausmacht.
    Aber ich war vom ersten Moment an gefesselt.

    Gruß, HollaD

  • RE Gestern die 3. Sinfonie von Beethoven...Aber ich war vom ersten Moment an gefesselt.

    Na also,
    ich bin nicht mehr allein mit meiner Ansicht. :klatsch:
    Wie schrieb Eigel Kruttge, Klemps Mitarbeiter aus Köln, der ihn engagiert hatte: "Vom ersten Takt an die Pranke des Löwen"

    b-major: Völlig klar, es sind sehr sehr viele Großtaten dabei. Siehe meine Auslassungen. Danke, dass Du das nochmal betont hast.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • So auch mit Haydn. Es ist "Ssssünnnde" (wie der Flensburger es "ausssprechen" würde), dass er keine Vokalwerke Haydns eingespielt hat, So bleiben uns nur diverse Sinfonien, die im Zeitraum 1960- 1971 aufgenommen wurden.
    Ich gebe hier meine Zuneigung zur letzten aufgenommenen, der Oxforder zu erkennen, obwohl sie nix mit dem "Mainstream" der Aufnahmen der Oxforder zu tun hat.
    Sie ist aber enorm ausgehört, zwar unendlich langsam, aber witzig und vor allem geradezu liebevoll aufgenommen. Und es ist seine letzte Aufnahme einer Sinfonie überhaupt. :juhu:
    Ganz anders die Millitärsinfonie: Da meint man den tödlichen Ernst, der hinter dem Millitärklamauk und all den tollen Uniformen steckt, fast körperlich zu spüren.

    Klemperer und Haydn: Aufnahmen, die etwas quer zum üblichen Haydn stehen und wie Scherchens Genietaten ihren Platz in der Geschichte finden sollten.


    BOAH, DOC !!!!!!!

    Du weißt, wie sehr ich Deine exorbitante Musikkenntnis schätze. Aber das war wirklich die beste Empfehlung von Dir jemals!

    Ich bin gerade mit der ersten CD der 3 CD-Box mit den Haydn-Sinfonien unter dem Dirigat von Klemperer durch

    Das schlägt ja alles, was ich bisher kennengelernt habe! Selbst Furtwängler und Szell! Welch ein Haydn-Spiel. Wahnwitz und Spannung pur. Was freue ich mich auf die beiden folgenden CDs!

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Passenderweise kam der Thread hier wieder zum Vorschein als ich über die Klemperer-Aufnahmen nachdachte, die ich so kenne. Anlass war das Hören seiner "Zauberflöten"-Aufnahme gestern Abend.

    DIe Zauberflöte ist eine klassische Einspielung, die die Dialoge auslässt und daher heute so nicht mehr aufgeführt würde.
    Die Besetzung ist von Legge handverlesen: Frick, Gedda, Crass, Unger, Janowitz, Popp und natürlich Frau Schwarzkopf.


    Ich muss sagen, dass ich gar nicht mal so eine große Liebhaberin dieser Oper bin. Die Besetzung ist wie schon gesagt erstklassig, was man auch hört, aber vor allem was das Orchetsrale angeht, hat mich das sehr beeindruckt.
    Der Schlusschor ist großartig.
    Ansonsten kenne ich noch die bekannte LvdE-Aufnahme mit Ludwig und Wunderlich, sowie Mahlers 2te mit Janet Baker.
    Die anderen Opernaufnahmen, die ich von Klemperer kenne, sind sein "Don Giovanni" bei dem mich vor allem jedes Mal wieder das große Finale beeindruckt, wenn er mir sonst auch etwas zu düster-brütend ist.
    Ganz großer Wurf auch für mich, der hier schon erwähnte Live-Holländer.

    und eben den fliegenden Holländer von 1968!
    Der "Flying Dutchman" hat es in sich.

    es gibt davon eine Liveaufnahme, die alle Maßstäbe sprengt. So etwas von Energie, Gewalt und Konzentration!


    Damit ist eigentlich alles gesagt und ich persönlich finde, dass gilt für alle Klemperer-Aufnahmen, die ich bisher hören durfte.
    Er schafft es jedes Mal eine Anspannung zu erzeugen, die diese Aufnahmen ungemeint spannend und mitreißend machen und eine Steigerung scheint immer möglich. Es wirkt spontan-aufregend, aber bei genauerer Betrachtung erkennt man schon das durch"komponierte" System darin, was dem Genuss aber kein Abbruch tut, ganz im Gegenteil, es ist faszinierend wie er seine Dirigate baut und dabei doch diese scheinbar urwüchsige Wucht erzeugt. Manchmal kam mir der Gedanke, dass das genauso klingen müsste, so und nicht anders.
    Sein Beethoven und Bruckner ist mir noch unbekannt, auch, weil ich es mit den beiden Komponisten bisher noch nicht so habe.
    Aber zumindest werde ich demnächst mal seine Aufnahme von Schuberts 8ten und Mendelssohns 3ten austesten.

    "Allwissende! Urweltweise!
    Erda! Erda! Ewiges Weib!"

  • Re: Das schlägt ja alles, was ich bisher kennengelernt habe!

    Danke für die Blumen lieber Musiclover.
    In der Tat: Klemps trockener Witz scheint mit Haydn eine einzigartige Verbindung eingegangen zu sein.
    Auch wenn man heute vieles anders machen würde, bleibt es doch was Wunderbares.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Radiosendung

    Hallo,
    die Sendung ist zum Teil interessant, sie kommt mir aber vor wie die Vorwegnahme der unsäglichen, weil schlampigen Biografie der Frau Weissweiler. Zumal seine späten Jahre kaum beleuchtet werden.
    Der Text beginnt bereits mit "dummen Zeugs"

    Zitat

    er dirigiert mit den Fäusten, weil er keinen Taktstock mehr halten kann, aber er dirigiert, weil er unerschütterlich an die Kraft und Notwendigkeit der Musik glaubte.


    Was für ein Sch...!
    Er dirigierte grundsätzlich ohne Taktstock, griff aber ab 1967 zum Taktstock, weil es für ihn einfacher war. Man schaue sich bei youtube Beethoven 1970 an!
    Manche Redakteure haben eben keine Ahnung und schreiben dann noch von denen ab, die auch keine Ahnung haben.

    Vor einiger Zeit gab es bei youtube noch die Dokumentation von Philo Bregstein. "Otto Klemperers long journey.." zu sehen. Davon erfährt man unendlich mehr.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Genaueres zur Taktstocklegende

    Es war eben so (Heyworth Klemperer Life and Times Band 2), dass er bei den Aufnahmen zu Mahler 9 zum Taktstock 1967 eher aus Verlegenheit griff und feststellte, dass es so besser ging. Seine rechte Hand war partiell gelähmt und mit Taktstock gings für ihn besser.
    Heyworth Seite 321ff:

    Zitat

    At one of the early sessions Klemperer idly picked up a baton that happened to be lying around. Though he had not used a stick for over thirty years, he started to play with it and wondered whether he should not use one again. In Lotte's view his hand was more effective, but he asked the orchestral players for their opinion, which was divided more or less equally. Klemperer opted for the baton, which he continued to use until the end of his career


    Das dürfte dann so alles erklären, oder? Eine redaktionelle Legende, eine Ente, um eine Geschichte redaktionell aufzupimpen!
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Besser als George Szell ist Otto Klemperer sicher nicht bei Joseph Haydn, aber er ist durchaus gut. Natürlich sprechen Klemperers Ernsthaftig- und Gründlichkeit mal wieder für sich und so sind auch hier gültige Aufnahmen entstanden trotz verschleppter Tempi (ist aber hier nicht so schlimm wie bei Robert Schumann).
    Aber die österreich-ungarische Verbindung zu Haydn hatte Klemperer eben nicht, Szell aber schon und das hört man halt auch (finde ich). Was Szell aus den Londoner Sinfonien rausgeholt hat, wurde wohl nicht mehr erreicht.

    i_e

  • Re Besser als George Szell ist Otto Klemperer sicher nicht bei Joseph Haydn

    Dem stimme ich zu. Er ist eben anders!
    Und ich finde es wunderbar, dass Haydns Musik dieses hergibt. Klemp brauchte nicht KuK Österreich, um Haydn zu verstehen, sondern Haydns scharfen Witz (In der Militärsinfonie besonders deutlich)
    Aber, ehrlich gesagt, mag ich Scherchen bei Haydn am liebsten, dann Old Klemp, dann Szell, "und was dann kommt, das ist mir egal!" (so ein Hamburger Volkslied)
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Zu Otto Klemperer als Dirigent kann ich wenig sagen, aber ich bin schwer beeindruckt von des Docs mit Kompetenz und Energie vorgetragenem Durchgang durch Klemperers Gesamtwerk. ich habe das jedes Mal mit viel Spaß gelesen und verbinde jetzt unendlich mehr mit dem Namen "Klemperer" als vor diesem Thread. Danke!

    Einen Beleg, wie prominent Klemperer schon in seiner Berliner Zeit als musikalischer Leiter der Kroll-Oper war, liefert das Kabarett-Chanson "Ich bin ein Vamp!", getextet von Marcellus Schiffer, Geza Herczeg und Robert Klein, komponiert von Mischa Spoliansky, erschienen 1932. Der "Vamp", der da auf die Berliner Kabarett-Bühne gestellt wird, berichtet in der zweiten Strophe: "Die tollsten Dinger samml ich mir, ich sammle nur, was wild und echt! Ich sammle Klemperers Klavier, ich hab die Mütze von Bert Brecht! Ich hab von Wallace jeden Band und ich verschlang ihn mit Genuß! Es hängt gerahmt an meiner Wand ein alter Valentino-Kuss! Ich sammle Ullsteins Gratisfahrt, das ist ein schöner, wilder Brauch! Ich habe sogar Hitlers Bart und Brünings alten Gehrock auch!".
    So wie Valentino der Frauenheld schlechthin war und Wallace der Inbegriff des Erfolgsautoren, waren 1932 offenbar Bert Brecht und Otto Klemperer die linken Literatur- bzw. Musik-Stars des Tages in Berlin. Das Klemperer in diesem Zusammenhang erwähnt wird, sagt sicher viel darüber aus, wie bekannt er 1932 war, aber auch, wie man ihn gesehen hat.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Und....

    Thomas Mann nennt Klemp in Thomas Manns "Doktor Faustus" als Uraufführungsdirigenten des Werkes
    Apocalypse von Adrian Leverkühn in Frankfurt 1926.
    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Ganz großer Wurf auch für mich, der hier schon erwähnte Live-Holländer.

    Zitat von »Doc Stänker« und eben den fliegenden Holländer von 1968!
    Der "Flying Dutchman" hat es in sich.


    Zitat von »Doc Stänker« es gibt davon eine Liveaufnahme, die alle Maßstäbe sprengt. So etwas von Energie, Gewalt und Konzentration!

    Damit ist eigentlich alles gesagt und ich persönlich finde, dass gilt für alle Klemperer-Aufnahmen, die ich bisher hören durfte.
    Er schafft es jedes Mal eine Anspannung zu erzeugen

    Ich höre grade das Vorspiel. Das geht einem ja wirklich durch und durch. Ich habe das Apokalyptische der ganzen Thematik noch nie so gehört wie in dieser Aufnahme. Die Anspannung wird für mich v. a. durch die Pausen erzeugt. Es sind Pausen die "leben", "denken"... es könnte jedesmal virtuell auch ANDERS weitergehen, oder gar nicht - und dann kommt die nächste große Geste. Tempo- und Dynamikkontraste natürlich auch heftig. Notiert Wagner eigentlich Fermaten bei den Generalpausen? Fände ich interessant ob diese Klempersche Gestik die Partitur 'frei' oder aber 'beim Wort' nimmt..

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    Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi

  • Hallo zusammen,

    meines Erachtens ist auf diese Neuerscheinung noch nicht hingewiesen worden. Berufenere Kreise als meine Person wissen sicher, ob diese Aufnahmen bereits bekannt sind oder nicht:

    Haydn Symphonie D-dur Nr. 101 (aufgenommen im Oktober 1956)
    Brahms Symphonie e-moll Nr. 4 (aufgenommen im September 1957)

    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • EMI hatte mal eine Serie mit BR-Aufnahmen Klemperers.

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • EMI hatte mal eine Serie mit BR-Aufnahmen Klemperers.

    Da waren diese aber m.W. nicht dabei, sondern nur die Beethoven-Sinfonien Nr. 5 & 6, Mendelssohn 3 (Schottische), mit Klemperers "eigenem Finale", und Schuberts "Unvollendete", jeweils auf einer CD.

    LG, Fallada

  • Da waren diese aber m.W. nicht dabei, sondern nur die Beethoven-Sinfonien Nr. 5 & 6, Mendelssohn 3 (Schottische), mit Klemperers "eigenem Finale", und Schuberts "Unvollendete", jeweils auf einer CD.

    LG, Fallada

    Ich erinnere mich noch an die 2. Mahler

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)

  • Der Major hat es schon gesagt, es findet man alles bei Werner Unger in dessen Discografie.
    Brahms 4 war hier schon zu haben (bei Orfeo) Haydn 101 musste man suchen, aber es gab/gibt Alternativen. (siehe Unger)

    Wenn es denn die Originalbänder sind, von denen nun ne neue CD erzeugt wurde, dann mag es ne Legitimation geben.

    Bei Emi gabe es Folgendes aus "Bayern"
    Mahler 2, Bruckner4, Beethoven 4 und 5, Mendelssohn 3 mit Schubert 8, Mitsommernachts(hier eher ein Alp)traum, mit Hebriden.

    Gruß aus Kiel

    "Mann, Mann, Mann, hier ist was los!"

    (Schäffer)

  • Ich erinnere mich noch an die 2. Mahler

    Hallo, Armin Dietrich,

    stimmt! Die hatte ich total vergessen (bin nicht so der Mahler-Fan).


    Bei Emi gabe es Folgendes aus "Bayern"
    Mahler 2, Bruckner4, Beethoven 4 und 5, Mendelssohn 3 mit Schubert 8, Mitsommernachts(hier eher ein Alp)traum, mit Hebriden.

    Hallo Doc Stänker,

    an einen "Sommernachtstraum" aus München kann ich mich allerdings nicht erinnern. Es gibt m.W. nur die Studioproduktion aus London, von 1960:

    und die ist alles andere als ein Alptraum! Für mich eine der schönsten Aufnahmen dieser Musik.
    Außerdem gibt es noch einen Mitschnitt der Ouvertüre aus Amsterdam, mit dem CGO.

    LG, Fallada

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