Igor Levit (geb. 1987) - ein zukünftiger Jahrhundertpianist?

  • Ich meine und befürchte leider, dass das Thema "Selbstvermarktung eines Künstlers", wie das "Legato", von Mauro nur vergeschoben war. Ich sehe das, leider, tatsächlich viel politischer, und zwar in Richtung Antisemitismus. Und gerade deshalb fände ich wichtig, dies zu thematisieren und nicht darüber zu schweigen. Ehrlich gesagt ist mir ziemlich egal oder nur sekundär wichtig, was Künstler (oder andere Personen) so twittern. Das andere, m. E. eigentliche, Thema geht uns aber essentiell an, wollen wir weiter in einem Kulturland leben. --- Insofern sehe ich leider in der Tat wenig Chancen, bei den Forenregeln hier, da offen zu sprechen. Und tatsächlich hätte ich auch keine Lust, "vor dem Verzehr die Kerne aus der Kiwi zu picken" (Felix Meritis). Und des bleibt mir nur das Bedauern.

    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga

    Ich lieb‘ den Schlaf, doch mehr noch: Stein zu sein.
    Wenn ringsum nur Schande herrscht und nur Zerstören,
    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
    Drum leise, Freund, lass mich im Schlaf allein.
                       --- Michelangelo Buonarroti (dt. Nachdicht. J. Morgener)

  • Was meinst du? Da ist kein Trio im 3. Satz von op. 13. Das ist ein Rondo.
    :wink:

    Entschuldigung, ihr wart ja bei op.13. Ich habe das Gelesene auf op. 28 bezogen (und mich schon gewundert, weil mir keine überkreuzten Hände im 1. Satz in Erinnerung waren). Versuche, zukünftig wieder etwas genauer zu lesen/überlegter zu posten.

    ...schreibt Christoph :wink:

  • Ich meine und befürchte leider, dass das Thema "Selbstvermarktung eines Künstlers", wie das "Legato", von Mauro nur vergeschoben war.

    Ich glaube das nicht, ich glaube, dass das Thema "Selbstvermarktung eines Künstlers" das eigentliche Thema des Artikels ist und dass man die Mechanismen, unter denen Igor Levit als Influencer in den sozialen Medien funktioniert, auch getrennt von seiner künstlerischen Arbeit betrachten kann. Levit saß ja nicht wegen seines Klavierspiels in der Talkshow von Maybrit Illner und beim Bundespräsidenten. Levit twittert ja nicht in erster Linie über die Musik, die er spielt. Aber da steht jetzt glauben gegen glauben - und wenn wir diskutieren wollten, wer richtig glaubt, müssten wir über Mauros Text sprechen.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Ich sehe das, leider, tatsächlich viel politischer, und zwar in Richtung Antisemitismus.


    Gibt es dafür einen Beleg?

    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Was mich auch etwas verwundert bei der Diskussion: Politische Aussagen eines Künstler auf sozialen Medien werden ganz selbstverständlich als Selbstvermarktung herabgetan. Wenn sich jemand politisch äußert und sich dann in eine Talkshow setzt, dient das alles nur um die Gage zu frisieren?

    Was aber zum Beispiel die DGG mit Trifonov aufführt (was er in meinen Augen nicht verdient hat) oder die Peinlichkeiten der Lang-Lang-Maschinerie wird hingenommen.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Wenn sich jemand politisch äußert und sich dann in eine Talkshow setzt, dient das alles nur um die Gage zu frisieren?

    Nein

    Was aber zum Beispiel die DGG mit Trifonov aufführt (was er in meinen Augen nicht verdient hat) oder die Peinlichkeiten der Lang-Lang-Maschinerie wird hingenommen.

    Nein

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Gibt es dafür einen Beleg?

    LG :wink:

    Belege m. E. ja. Beweise nicht. Aber das hat ja durchaus Methode.

    maticus

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  • Naja, von "Opferanspruchshaltung" zu sprechen, finde ich schon "dreist", zumal Levit, weil er jüdischer Abstammung ist, Morddrohungen erhält und Leibwächter benötigt.

    maticus

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    so heißt mein Glück: nicht sehen und nicht hören.
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  • Naja, von "Opferanspruchshaltung" zu sprechen, finde ich schon "dreist"


    Das ist wahrscheinlich der kontroverseste Passus in dem Artikel, den ich aber anders aufgefasst habe.

    Es gibt ja insbesondere in der US-amerikanischen Kultur seit einiger Zeit Diskussionen über "cancel culture", die Rolle sozialer Medien dabei, die Bewegung der "social justice warriors", die damit verbundene (angebliche) Generation der "Snowflakes" etc. In einem Artikel dazu (dessen Autor ich leider nicht entsinne - er entstammte aber definitiv nicht dem rechten Spektrum) fand ich vor einiger Zeit den Begriff der "oppression olympics". Sarah Silverman sprach über einige Twitter-Aktivitäten mal von "righteousness porn". Vorwürfe wie den vom "playing the victim card" könnten auch ohne weiteres von Bill Maher stammen, immerhin einer Quasi-Ikone der etwas traditionelleren amerikanischen Linken, der nicht müde wird, diese neu-linken Bewegungen zu kritisieren.

    Da es Mauro (den ich eigentlich gar nicht allzu sehr verteidigen möchte) im Kontext vor allem um das Verhalten bestimmter Gruppierungen in den sozialen Medien ging, habe ich den Begriff in diesem Kontext gelesen. Ich würde aber zustimmen, dass der Begriff zumindest für Missverständnisse geeignet ist, könnte man ihn doch z. B. auch als Rückbezug auf die unselige Walser-Rede in der Paulskirche auffassen.

    Ich kenne Mauro und seine Arbeiten nicht, habe aber auf die Schnelle das hier über ihn gefunden:

    "Rundfunksendungen (z. B. über die von den Nazis vertriebenen oder ermordeten Komponisten [...]"

    Das sind eigentlich nicht unbedingt übliche Aktivitäten für einen Antisemiten.

    LG :wink:

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  • In der FAZ hat deren Musik-Redakteur nun auch zu dem Artikel über Igor Levit und den Reaktionen darauf geschrieben. Dabei tut er das, was hier in der Diskussion auch eingefordert wurde: Den Influencer und politischen Meinungsmacher vom Künstler und Pianisten zu trennen:
    https://www.faz.net/aktuell/feuill…t-17013081.html

    Am lächerlichsten an dieser ganzen Diskussion finde ich, dass selbst in der F.A.Z. nun so getan wird, als ob sich der Musikliebhaber, wenn er über die Generation der Pianistinnen und Pianisten urteilt, die zwischen 25 und 35 Jahre alt sind, zwischen Daniil Trifonov (von Mauró gehätschelt) und Igor Levit (von Mauró abgelehnt) zu entscheiden habe:

    Zitat von F.A.Z.

    Ob man Igor Levit oder Daniil Trifonov für den besten Pianisten ihrer Generation hält, hängt von eigenen Kriterien, Vorlieben, Empfänglichkeiten ab. Wer verbindliche Arbeit am Text, Pflichtbewusstsein gegenüber manuellen und strukturellen Forderungen des Werkes, verlässliche Festlegung interpretatorischer Formulierungen, evidente Konsequenzlogik, aber auch hinreißenden Witz schätzt, wird eher zu Levit neigen. Wer Spontaneität, den Augenblicksreiz, Unvorhersehbarkeit von Farb- und Stimmungswechseln, das ekstatische Erleben von Polyphonie als fast körperlich spürbare Beziehungsdichte höher veranschlagt, wird Trifonov mehr mögen.

    Als ob es da nicht noch zahlreiche andere herausragende Pianistinnen und Pianisten in diesen Jahrgängen gäbe! Angefangen mit Yuja Wang (geboren am 10. Februar 1987; Igor Levit wurde am 10. März 1987 geboren und ist damit gerade mal einen Monat jünger), die weltweit kaum weniger (eher mehr) Beachtung findet als diese beiden. Weiter nennen könnte man z.B. Rafal Blechacz (Jahrgang 1985), Ingolf Wunder (Jahrgang 1985), Olga Scheps (Jahrgang 1986), Denis Kozhukhin (Jahrgang 1986), Khatia Buniatishvili (Jahrgang 1987), Alice Sara Ott (Jahrgang 1988), Lise de la Salle (Jahrgang 1988), Kit Armstrong (Jahrgang 1992), Seong-Jin Cho (Jahrgang 1994) sowie Jan Lisiecki (Jahrgang 1995). Und das sind nur ein paar Namen, die mir spontan einfallen. Wenn man mehr Zeit investierte, als ich sie jetzt habe, wäre die Liste derjenigen Pianistinnen und Pianisten, die für den Rang "der beste Pianist ihrer Generation" in Frage kämen, weitaus länger.

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Als ob es da nicht noch zahlreiche andere Pianistinnen und Pianisten in diesen Jahrgängen gäbe! Angefangen mit Yuja Wang (geboren am 10. Februar 1987; Igor Levit wurde am 10. März 1987 geboren und ist damit gerade mal einen Monat jünger), die weltweit kaum weniger (eher mehr) Beachtung findet als diese beiden. Weiter nennen könnte man z.B. Rafal Blechacz (Jahrgang 1985), Ingolf Wunder (Jahrgang 1985), Olga Scheps (Jahrgang 1986), Khatia Buniatishvili (Jahrgang 1987), Alice Sara Ott (Jahrgang 1988), Lise de la Salle (Jahrgang 1988), Kit Armstrong (Jahrgang 1992), Seong-Jin Cho (Jahrgang 1994) sowie Jan Lisiecki (Jahrgang 1995). Und das sind nur ein paar Namen, die mir spontan einfallen. Wenn man mehr Zeit investierte, als ich sie jetzt habe, wäre die Liste derjenigen Pianistinnen und Pianisten, die für den Rang "der beste Pianist ihrer Generation"" in Frage kämen, weitaus länger.


    Das stimmt allerdings. So gesehen könnte man hier fast schon von einer "goldenen Generation" sprechen.

    Ich weiß auch nicht, ob Levit und Trifonov wirklich als Antipoden taugen. Beide versenken sich in gewisse Bereiche des Repertoires, wenn auch durchaus verschiedene. Beide haben den Mut, auch wenig ausgetretene Pfade des Repertoires zu beackern. So befasste sich Levit z. B. mit "The people united will never be defeated" oder "Vexations", aktuell mit Busonis Bach-Barbeitungen (die im HIP-Zeitalter auch nicht unbedingt der letzte Schrei sind). Eigentlich ist der wesentliche Unterschied zwischen den beiden m. E. nicht ihr Legato, sondern die Nutzung (oder Nicht-Nitzung) sozialer Medien und die vorhandene (oder nicht vorhandene) politische Positionierung. Das hat aber mit dem Klavierspiel wenig zu tun.

    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Eigentlich ist der wesentliche Unterschied zwischen den beiden m. E. nicht ihr Legato, sondern die Nutzung (oder Nicht-Nitzung) sozialer Medien und die vorhandene (oder nicht vorhandene) politische Positionierung.

    Der Hauptunterschied zwischen Trifonov und Levit ist m.E. ein musikalischer: Trifonov komponiert, und zwar sehr beachtlich. Levit wie auch die anderen von mir genannten Pianistinnen und Pianisten ihrer Generation meines Wissens alle nicht (man möge mich gern korrigieren). Dafür gebührt Trifonov ein Riesenrespekt.

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Der Hauptunterschied zwischen Trifonov und Levit ist m.E. ein musikalischer: Trifonov komponiert, und zwar sehr beachtlich. Levit wie auch die anderen von mir genannten Pianistinnen und Pianisten ihrer Generation meines Wissens alle nicht (man möge mich gern korrigieren). Dafür gebührt Trifonov ein Riesenrespekt.

    Aber macht die Komponistentätigkeit einen Unterschied in der Interpretation aus? Es mag sein, dass er dadurch anders an Stücke herangeht, aber zählt das für den Rezipienten? Wird es dadurch besser?

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Dafür gebührt Trifonov ein Riesenrespekt.

    Das hängt m. E. von der Qualität der komponierten Musik ab. Kennt da jemand etwas? Wird das aufgeführt?

    Furtwängler sah sich selbst ja auch als Komponist, Dirigieren tat er nur nebenbei. Die Außensicht auf die Bedeutung der interpretorischen und der dirigentischen Lebensleistung mag heute dennoch eine andere sein.

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich denke alle MeisterpianistInnen können komponieren, aber ob sie es tun oder nicht, ist eine andere Frage (sei es dass sie ihre Produkte für unerheblich halten oder dass sie sich lieber andere Betätigungsfelder suchen).

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich denke alle MeisterpianistInnen können komponieren, aber ob sie es tun oder nicht, ist eine andere Frage (sei es dass sie ihre Produkte für unerheblich halten oder dass sie sich lieber andere Betätigungsfelder suchen).

    Komponieren kannst Du auch....jedenfalls heutzutage. :) (bitte weiterlesen, siehe unten).

    Das hängt m. E. von der Qualität der komponierten Musik ab. Kennt da jemand etwas? Wird das aufgeführt?
    Furtwängler sah sich selbst ja auch als Komponist, Dirigieren tat er nur nebenbei. Die Außensicht auf die Bedeutung der interpretorischen und der dirigentischen Lebensleistung mag heute dennoch eine andere sein.

    Genau....aber wer soll beurteilen, ob es "gut" ist ? Heutzutage, also demnach auch bei der Diskussion um Trifonovs Kompositionen, geht es nur noch um "gefallen", denn Qualität kann man mE nicht mehr nachweisen. Es ist ja alles erlaubt. Man kann komponieren ohne einen Funken Ahnung von Kontrapunkt oder Harmonielehre zu haben. Ob das eine wünschenswerte Entwicklung ist oder nicht, will ich damit nicht bewertet haben. Es kann auch sein, dass Trifonov Kontrapunkt auf dem Niveau beherrscht, wie es Bach getan hat - das will ich gar nicht bestreiten, denn ich weiss es nicht. Ich will nur sagen, dass man es nicht mehr können muss.

    Aber macht die Komponistentätigkeit einen Unterschied in der Interpretation aus? Es mag sein, dass er dadurch anders an Stücke herangeht, aber zählt das für den Rezipienten? Wird es dadurch besser?


    Da kommt man wieder bei den berüchtigten Fragen an: wie tief ein Interpret in das Werk eintauchen muss, was genau "tief eintauchen" bedeutet, wie man es tut UND wieviel davon das Publikum überhaupt bemerkt. Das kann man diskutieren, bis die Kühe fliegen können. Selber versuchen zu musizieren : dann kommt man der Sache näher - aber hat sie dennoch immer erst für sich selber entschieden.

    Unter dem Strich finde ich, dass Komponieren nichts damit zu tun hat, wie wir einen Interpreten als Interpreten einschätzen. Es ist interessant zu wissen, dass der eine es tut und er andere nicht, aber weiter nichts.

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