Igor Levit (geb. 1987) - ein zukünftiger Jahrhundertpianist?

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  • Igor Levit ist ein Pianist, der zu einem großen Teil Standardrepertoire aufführt (Bach, Beethoven, Brahms etc.). Also das, was fast alle anderen auch tun

    Ich habe ihn bisher einmal live gehört, und da bestand sein Programm aus der Bach-Chaconne in der Brahms-Bearbeitung für die linke Hand, Frederic Rzewskis "Dreams II", der Passacaglia des 1627 geborenen Johann Kaspar Kerll und der "Fantasia contrappuntistica" von Feruccio Busoni. Nicht gerade Standardrepertoire. Auf seiner Doppel-CD "Encounter" spielt er zwar Bach, aber Choralbearbeitungen von Busoni, zwar Brahms, aber Bearbeitungen der "Vier ernsten Gesänge", dazu Reger und Morton Feldman.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • da bestand sein Programm aus der Bach-Chaconne in der Brahms-Bearbeitung für die linke Hand, Frederic Rzewskis "Dreams II", der Passacaglia des 1627 geborenen Johann Kaspar Kerll und der "Fantasia contrappuntistica" von Feruccio Busoni. Nicht gerade Standardrepertoire.

    Die Chaconne von Bach/Brahms ist für mich Standardrepertoire. Habe ich schon mehrfach von anderen Pianisten im Konzertsaal gehört (u.a. von Trifonov).


    Rzewskis etwa 10-minütiges Stück "Dreams II" spielte Levit auch bei einem Konzert in Hamburg - und rate mal, was es den Rest des Abends gab? Genau: Beethoven-Sonaten. Dieses Werk war also das zeitgenössische "Feigenblatt" neben dem Standardrepertoire.


    Kerlls Passacaglia, die Levit 2017 in seinem Tourneeprogramm hatte
    Igor Levit ~ Johann Caspar Kerll Passacaglia ~ 2017 live - YouTube
    gehört natürlich ganz dick angestrichen zu den Pluspunkten seines Repertoires. Auch der Busoni. Das deckt sich mit meinem Eindruck, dass er superspannende Sachen macht. Um dann wieder zu den üblichen Beethoven-Sonaten und den üblichen Klavierkonzerten von Beethoven und Brahms zurückzukehren.

  • Darf ich mal fragen, was so schlimm am Spielen von üblichem Repertoire ist? Noch zumal Levit dies ja beileibe nicht ausschließlich macht, sondern immer wieder auch seltener gespielte Stücke in seine Programme und CDs einbaut.


    Edwins Bemerkung zielte wohl auch kaum darauf ab, Levit als ausgewiesenen Spezialisten für Exotisches darzustellen, sondern wies vielmehr auf seine geradezu musikdramaturgische Denkweise hin. Diese Denkweise speigelt sich eben gerade darin wider, dass Levit das übliche Repertoire alles andere als ignoriert, es aber über Querbezüge mit ungewöhnlicheren Stücken mischt.


    Das einzige, was man an Edwins Aussage vielleicht kritisieren mag, ist die Behauptung, Levit tue dies "wie kaum ein anderer". Den Rest seiner Ausführungen finde ich überaus plausibel.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Das einzige, was man an Edwins Aussage vielleicht kritisieren mag, ist die Behauptung, Levit tue dies "wie kaum ein anderer".

    Genau das "wie kaum ein anderer" hat mich ja gestört. Levit macht das, was viele tun. Auch ein Glenn Gould hat viel Bach, Beethoven, Mozart, Brahms, sogar Chopin gespielt und sich dann immer wieder "exotisches" Repertoire wie Sweelinck oder Gibbons (den er als seinen Lieblingskomponisten bezeichnete) vorgenommen. Wer spielt schon - wie Gould - frühe Werke für Klavier solo von Richard Strauss? Solche Wege beschreiten aber viele Pianisten. Pollini mit seinem ganzen Chopin und Beethoven, aber dann eben auch Nono und Stockhausen. Yuja Wang mit ihrem ganzen Rachmaninow und Prokofiew, aber dann eben auch Ligeti und John Adams. Levit ist da nichts Besonderes. "Wie kaum ein anderer" nehmen sich hingegen die von mir genannten Pianistinnen und Pianisten Repertoire-Raritäten vor.


    Wie gesagt: Eusebius könnte zum Thema Raritäten noch viel mehr sagen.

  • Das deckt sich mit meinem Eindruck, dass er superspannende Sachen macht. Um dann wieder zu den üblichen Beethoven-Sonaten und den üblichen Klavierkonzerten von Beethoven und Brahms zurückzukehren.

    Die "üblichen Beethoven-Sonaten" sind ja auch das beste, was es aus ihrer Zeit gibt. Warum sollte ein Pianist die nicht ins Zentrum seines Repertoires stellen? Ich mag (und spiele) ja durchaus Programme mit "Raritäten", aber ein bisher unentdeckter Beethoven oder Schubert ist mir bisher noch nicht untergekommen. Also spiele (und höre) ich auch die.

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  • Yuja Wang mit ihrem ganzen Rachmaninow und Prokofiew, aber dann eben auch Ligeti und John Adams.


    Da schlage ich doch mal glatt zurück: Ligetis Klavierwerk ist m. E. mittlerweile auch so gut wie "Kernrepertoire". Jedenfalls dürfte es nur recht wenig Klaviermusik geben, die nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist und eine ähnlich starke Rezeption erfährt wie (mittlerweile) Ligetis Etüden. Alfred Brendel empfahl diese übrigens seinen Schülern, spielte sie selbst aber nicht öffentlich, da er meinte, das Niveau eines Aimard bei diesen Stücken nicht erreichen zu können.


    LG :wink:

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  • Ligetis Klavierwerk ist m. E. mittlerweile auch so gut wie "Kernrepertoire".

    Wenn es so sein sollte und nur an mir bisher vorbeigegangen ist, würde es mich freuen. Außer der Aufführung der gesamten Etüden durch Aimard in der Elbphilharmonie sowie den diversen einzelnen Etüden, die Yuja Wang öfter mal im Konzertsaal (und auch auf ihrer Debüt-CD) spielt, habe ich aber noch nie einen Pianisten im Konzertsaal ein Soloklavierwerk von Ligeti spielen hören. Ist aber vielleicht einfach nur Zufall.


    Wieviel lohnenswertes Klavierrepertoire abseits der großen Namen zu entdecken ist, hat gerade Yulianna Avdeeva in der Elbphilharmonie gezeigt. Sie spielte als Zugabe die Toccatina aus der Suite "Das Leben der Maschinen" von Wladyslaw Szpilman. Ein tolles Stück, sehr fein von ihr gespielt.

  • Ligetis Klavierwerk ist m. E. mittlerweile auch so gut wie "Kernrepertoire"

    Gute Idee: Hier Jürgen Hocker.

    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Wenn es so sein sollte und nur an mir bisher vorbeigegangen ist, würde es mich freuen. Außer der Aufführung der gesamten Etüden durch Aimard in der Elbphilharmonie sowie den diversen einzelnen Etüden, die Yuja Wang öfter mal im Konzertsaal (und auch auf ihrer Debüt-CD) spielt, habe ich aber noch nie einen Pianisten im Konzertsaal ein Soloklavierwerk von Ligeti spielen hören. Ist aber vielleicht einfach nur Zufall.


    Dem könnte ich jetzt entgegnen, dass ich vor Levit noch nie eine Live-Darbietung der Brahms-Version von Bachs Chaconne gehört habe. ;) Deren Existenz war mir wohl geläufig, ich hielt bisher aber die Busoni-Bearbeitung für die weitaus populärere Fassung. Erstmals gehört habe ich das Stück dann von Levit in einem seiner "Wohnzimmer"-Online-Konzerte im Frühjahr 2020.


    Bei Ligeti sind es ja nicht nur die Etüden, sondern auch die "Musica ricercata", die sich durchaus einiger Beliebtheit erfreuen. Das zweite Stück daraus ist durch Kubricks Film "Eyes wide shut" ziemlich bekannt geworden, und Kit Armstrong hat die Stücke auch eingespielt. Wenn man bei jpc mal "Ligeti Etüden" eingibt, findet man (außer den "üblichen Verdächtigen" Aimard, Wang und Banfield) einige Pianistinnen und Pianisten, die sich dieser Musik mittlerweile angenommen haben. So war mir z. B. bisher nicht bekannt, dass auch eine Khatia Buniatishvili zumindest mal eine Etüde eingespielt hat.


    LG :wink:

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  • Dem könnte ich jetzt entgegnen, dass ich vor Levit noch nie eine Live-Darbietung der Brahms-Version von Bachs Chaconne gehört habe. ;)

    Treffer für Dich :D :cincinbier:
    Es ist wohl wirklich ein wenig Zufall, was man als Standardrepertoire empfindet und was nicht. Ein Werk, das ich nur ein einziges Mal im Konzertsaal erlebt habe, sind die "Gesänge der Frühe" op. 133 von Schumann (meisterhaft gespielt von Maurizio Pollini). Anderen, die woanders als ich wohnen, hängt dieses Werk vielleicht schon zum Hals heraus, weil zufälligerweise während einer Saison drei Pianisten sich genau dieses Spätwerk ausgesucht haben.

  • Dann hast Du noch nicht Avi Avital mit den vier Kompositionen Beethovens für Mandoline gehört :D Für mich jedenfalls völliges Neuland:Avi Avital | Video | Über Beethovens Kompositionen für die Mandoline (deutschegrammophon.com)

    Du hast mich missverstanden: Ich meinte nicht, dass es von Beethoven (oder Schubert) nichts mehr zu entdecken gäbe, sondern dass mir bei allen durchaus schönen Ausflügen ins "Randrepertoire" noch kein "zu Unrecht vergessener" Komponist begegnet ist, der diesen (und einigen anderen) im Rang gleichkäme. Ich würde nicht soweit gehen wie Artur Schnabel, der nur Musik spielen wollte, "die schöner ist, als sie gespielt werden kann", sondern höre (und spiele) immer wieder auch unbekanntere Komponisten. Aber ich könnte notfalls auf Robert Volkmann, Clara Schumann oder Ernst von Dohnanyi verzichten, niemals aber auf Beethoven, Schubert oder Brahms. Ich kann also Igor Levit verstehen, dass er neben Rzewski, Stevenson usw. dann doch Beethovens Sonaten ins Zentrum seines derzeitigen Repertoires stellt. Joachim Kaiser hat über die Hammerklaviersonate geschrieben: "Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen". Das ist vielleicht etwas überspitzt, weil man (ich) beim Hören oder Spielen unbekannterer Werke nicht ständig an op. 106 im Vergleich denkt, aber wenn man sich an solchen Gipfeln dann mal wirklich abarbeitet, dann ist der Unterschied doch gewaltig intensiv zu erleben.

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  • Das leuchtet mir ein, was Du schreibst. Als Konzertpianist verstehst Du einen Igor Levit, der sich das Kernrepertoire nicht nehmen lassen will, nur weil (fast) alle anderen es auch beackern, natürlich viel besser als ich. Meine Perspektive eines reinen Musikhörers ist aber eine andere. Es gibt zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende von lohnenswerten Klavierkompositionen. Kit Armstrong hat dies gerade wieder einmal mit seinem phänomenal guten Doppelalbum mit Werken von John Bull und William Byrd bewiesen. Gespielt werden im Konzertleben aber höchstens 3 % dieser Kompositionen. Soll ich sterben, ohne die anderen 97 % gehört zu haben, nur weil den allermeisten Pianisten nichts anderes einfällt als das Wiederkäuen des ewig gleichen?


    Übrigens empfinde ich gerade Dich als einen Musiker, der sich um vernachlässigtes Repertoire verdient macht. Und dabei rede ich nicht nur von Giselher Klebe. Du erwähntest zum Beispiel einmal, dass Du Dir den Klavierpart der Hindemith-Sonate für Tuba und Klavier erarbeitet und mit einem Tubisten aufgeführt hast, woraufhin sich andere Tubisten bei Dir meldeten und die Sonate auch mit Dir spielen wollten. Andere Pianisten rühren solches Repertoire nämlich nicht an.

  • Das leuchtet mir ein, was Du schreibst. Als Konzertpianist verstehst Du einen Igor Levit, der sich das Kernrepertoire nicht nehmen lassen will, nur weil (fast) alle anderen es auch beackern, natürlich viel besser als ich. Meine Perspektive eines reinen Musikhörers ist aber eine andere. Es gibt zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende von lohnenswerten Klavierkompositionen. Kit Armstrong hat dies gerade wieder einmal mit seinem phänomenal guten Doppelalbum mit Werken von John Bull und William Byrd bewiesen. Gespielt werden im Konzertleben aber höchstens 3 % dieser Kompositionen. Soll ich sterben, ohne die anderen 97 % gehört zu haben, nur weil den allermeisten Pianisten nichts anderes einfällt als das Wiederkäuen des ewig gleichen?

    Ich finde ja wirklich, Igor Levit sollte sich bei dir für die Bemerkung von Edwin Baumgartner entschuldigen.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Als Konzertpianist verstehst Du einen Igor Levit, der sich das Kernrepertoire nicht nehmen lassen will, nur weil (fast) alle anderen es auch beackern, natürlich viel besser als ich. Meine Perspektive eines reinen Musikhörers ist aber eine andere.

    Ja, das ist sicher ein Unterschied. Vor ein paar Tagen habe ich (mit Maria Lott) ein Konzert mit Hindemiths Es-Dur-Sonate begonnen: Ein wirklich schönes und lohnendes Stück, mit einem wunderbar ausdrucksvollen zweiten Satz bis zum "Herzstillstand" am Schluss. Sollte man kennen, sollte man spielen. Aber dann die Kreutzer-Sonate: Deren Größe, die unergründliche Tiefe ihres Ausdrucks hat mich wieder mit solcher Intensität gepackt, dass ich mir einfach mein Musiker-Leben nicht ohne sie vorstellen kann. Ich erlebe so etwas auch nur (und wenn es gelingt) im Konzert, nie in der Probe und schon gar nicht beim Hören von Aufnahmen, wie gut auch immer die sein mögen. Das ist einfach unbeschreiblich.


    Übrigens empfinde ich gerade Dich als einen Musiker, der sich um vernachlässigtes Repertoire verdient macht. Und dabei rede ich nicht nur von Giselher Klebe.

    Vielen Dank für die Blumen :) . Es macht mir wie gesagt auch wirklich Freude, das Dohnanyi-Sextett, die Trios von Paul Schoenfiield, die Romanzen von Clara Schumann, das b-moll-Trio von Robert Volkmann, die Klaviermusik von Jehan Alain oder was weiß ich alles zu spielen. Aber dann die G-Dur-Violinsonate von Brahms oder die C-Dur-Fantasie von Schumann: Ohne solche Werke wäre ich ein anderer Mensch (was mancher hier wahrscheinlich gar nicht so schlecht fände :D ) und höchstwahrscheinlich kein Musiker.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
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    (Theodor W. Adorno)

  • Ich habe heute die erste Hälfte von Levits Schostakowitsch-Einspielung gehört und bin sehr beeindruckt. Vor allem gefällt mir, dass er nicht der Versuchung erliegt, durch aufgeblähte Kontraste "Wirkung" zu erzielen, sondern fein in die Musik hineinhört und immer nach Differenzierung sucht. Er versucht nicht, diese merkwürdig unzeitgemäße Musiksprache mit ihrer emotional distanzierten Stabilität zu "modernisieren", sondern er erzählt in dieser im Grunde fremden Sprache ganz persönliche, stellenwese fast intime und sehr bewegende Dinge. Die Musik klingt bei ihm sozusagen gleichzeitig alt und neu.

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Rezension in der FAZ von Levits Konzert in der Berliner Philharmonie (2.12.2021) mit Schostakowitschs pianistischem Opus magnum. (Ich war leider nicht da.)


    "...geht hier Igor Levits stupende technische Meisterschaft mit Schostakowitschs bohrender Selbstsuche eine bruchlose Synthese ein..." (Gerald Felber)


    Levit spielt Schostakowitsch: Unter Spätherbsthimmeln
    Zu sich kommen vor einem Gebirge der Zumutungen: Der Pianist Igor Levit spielt die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch und ringt dabei, wie die…
    www.faz.net



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