Johannes Brahms: Klavierquintett f-Moll Op. 34 - eine Reverenz an Schubert?

  • Und der handschriftliche Befund lässt in diesem Fall (wie eigentlich immer) eine Vielzahl von Deutungen zu: "Halbe=Viertel" kann z.B. einfach bedeuten, dass der Puls entsprechend anders notiert ist, ohne dass damit zwingend dasselbe Tempo des Pulses gemeint ist.


    Vor allem schlägt sich die Vorschrift "Halbe=Viertel" in der Auslegung von Abakus meiner Meinung nach doch irgendwie mit den Tempo- bzw. Charakterbezeichnungen. Auch wenn ich im Einzelfall zu abweichenden Meinungen kommen könnte, und ohne Brahms-Spezialist zu sein, würde ich als Arbeitshypothese bei der Erarbeitung eines Stückes den Puls eines "Poco sostenuto"-Alla breve langsamer ansetzen als den eines "Allegro non troppo" im 2/4-Takt. Als Komponist würde ich außerdem Viertel=76 auch nicht mehr als Allegro bezeichnen, mit welchen einschränkenden Zusätzen auch immer. Und: wozu überhaupt die Tempobezeichnung ändern, wenn man auch nur "Halbe=Viertel" schreiben könnte?


    Über die Bedeutung von Tempoangaben haben wir uns übrigens auch schon mal hier unterhalten - ein meiner Meinung nach sehr spannendes (aber auch sehr kontroverses) Thema.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • Das Gute liegt so nah...

    Gestern erst aufgestöbert: Das infrage stehende Klavierqintett, eingespielt vom Cuarteto Casals mit dem Ehemann der Primaria, Claudio Martinez-Mehnert.
    Und siehe da: Die Einleitung des Finales wird mit großer Sostenuto-Geste vorgetragen mit - man halte sich fest - den 76 Schlägen pro Minute, die ich vorgeschlagen habe. Mein Einfluss kann das aber nicht sein, weil die Aufnahme von Ibérica bereits 2008 vorgelegt wurde. Das Allegro non troppo spielen sie mit 86, also letztlich im gleichen Tempobereich. Dadurch entsteht kein Bruch zwischen Einleitung und dem Allegro, sondern dieses wächst organisch aus den ersten 41 Takten heraus - wundervoll!
    Das "Pochettino più animato" nehmen sie verhältnismäßig flott - ca. 116 Schläge, also um fast 35% schneller. Wenn das "CHKöhn" wüsste, der bei den von mir vorgeschlagenen schlappen 26 Prozent schon in harte Gagenverhandlungen einsteigen wollte...!

  • Nachtrag: RONDO-Artikel zur CC-Aufnahme

    Aus der Zeit der Aufnahme des Brahmsquintetts stammt ein Artikel aus RONDO, in dem sich auch das Quartett höchst zustimmungsfähig äußert:


    :L:

  • Und siehe da: Die Einleitung des Finales wird mit großer Sostenuto-Geste vorgetragen mit - man halte sich fest - den 76 Schlägen pro Minute, die ich vorgeschlagen habe. Mein Einfluss kann das aber nicht sein, weil die Aufnahme von Ibérica bereits 2008 vorgelegt wurde.


    Hat nichts mit der Diskussion hier zu tun, vielleicht trotzdem interessant: In einem anderen deutschsprachigen Klassikforum wurde mal lang und breit die Winterreise analysiert. Die Ergebnisse der Analyse passten hervorragend zur FiDi/Brendel-Aufnahme des Werkes, als ob der Autor seine Analyse auf Grundlage dieser Einspielung gemacht hätte. (Was später andernthreads vom Autor bestätigt wurde.)


    Nach der Analyse wurde dann bei der Besprechung von Aufnahmen erklärt, dass die FiDi/Brendel-Aufnahme bevorzugt würde, weil sie "den kompositorischen Intentionen Schuberts", we sie aus dem Notentext herausgelesen wurden, "am nächsten kämen". Eine herrliche Tautologie.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Zitat

    Und siehe da: Die Einleitung des Finales wird mit großer Sostenuto-Geste vorgetragen mit - man halte sich fest - den 76 Schlägen pro Minute, die ich vorgeschlagen habe.

    Ich halte mich nicht fest, aber Hauptsache, Du fühlst Dich bestägtigt.
    Freue Dich darüber.
    Und darüberhinaus ist es ganz einfach nicht wirklich wichtig.
    Aber jedem Menschen ist es freigestellt, aus einem Furz einen Donnerschlag zu machen.
    Schade.
    LG,
    Michael

  • Ich halte mich nicht fest, aber Hauptsache, Du fühlst Dich bestägtigt.
    Freue Dich darüber.
    Und darüberhinaus ist es ganz einfach nicht wirklich wichtig.
    Aber jedem Menschen ist es freigestellt, aus einem Furz einen Donnerschlag zu machen.

    Es löst vor allem die Tempoprobleme dieses Finalsatzes überhaupt nicht: Die bestehen wie gesagt im Verhältnis dreier Teile zueinander, nämlich der "poco sostenuto"-Einleitung, des "Allegro non troppo"-Beginns und des "un pocchetino più animato"-Themas ab T. 93. Das Allegro soll im Verhältnis "Halbe=Viertel" zur Einleitung stehen, das zweite Thema "ein klein wenig bewegter" sein. Das Allegro soll außerdem noch "tranquillo", also ruhig klingen. Angenommen, man nimmt da die nach Meinung von Abakus einzig richtigen "Viertel=76": Dann ist im äußersten Fall zwar durch ein sehr zügiges "sostenuto" in der Einleitung noch die Vorschrift "Halbe=Viertel" zu erfüllen, aber man muss beim zweiten Thema ganz erheblich (und nicht nur "ein klein wenig") beschleunigen, weil es sonst überhaupt nicht mehr "bewegt" klingt. Man könnte nach dieser praktischen Erfahrung nun auf die Idee kommen, das Allegro doch schneller zu nehmen, damit es sich nur "un pocchetino" vom zweiten Thema unterscheidet, aber dann ist es erstens sehr bald nicht mehr "tranquillo" und man stößt vor allem wiederum beim Tempo der Einleitung an eine Grenze, die man höchstens überschreiten will, wenn einem deren von Intervallspannungen und suchender Harmonik geprägter Charakter egal ist, weil man lieber Erbsen zählt. Fazit: Wie man es auch dreht und wendet, wörtlich genommen führen die Vorschriften zu keinem musikalisch befriedigenden Ergebnis. Das, und nicht die Denkfaulheit der Musiker ist der Grund, dass es keine einzige Aufnahme gibt, bei der die Verhältnisse wörtlich realisiert sind. Man muss sich also entscheiden, ob man die "Halbe=Viertel"-Vorschrift nicht ganz wörtlich nimmt, oder die "un pochettino"-Anweisung ignoriert, oder von beidem etwas macht. Theoretisch könnte man zwar die Einleitung und das Allegro z.B. in 76 spielen und dann wirklich nur "un pochettino" (und nicht um 36%) beschleunigen, aber das wäre dann wirklich unfreiwillig komisch, weshalb es offenbar bis heute auch noch kein Ensemble gemacht hat.
    Wenn man sich Brahms' Temporelations-Anweisungen (also so etwas wie "Halbe=Viertel" oder "doppio movimento") mal bei anderen Stücken anschaut, wird man sehr schnell bemerken, dass er es damit entweder nicht allzu genau genommen oder sie nur als grobe Anweisungen für einen Puls verstanden hat, der sich aber mehr oder weniger dem Charakter der jeweiligen Stelle anpasst:
    In der ersten Ballade aus op. 10 steht z.B. beim Dur-Teil in T. 27 im Autograph "doppio movimento", was wahlweise zu einem absurd schnellen Allegro oder zu einem absurd langsamen Andante davor führen würde. Schon Robert Schumann hat darüber sein Unverständnis geäußert und kritisch nachgefragt, ob das nicht "zu schnell" würde. Vermutlich hatte auch der keine Zeit zu vertiefenden Gedanken :D . Jedenfalls hat Brahms die Kritik angenommen, noch vor der Drucklegung die Vorschrift "doppio movimento" gestrichen und durch "Allegro (ma non troppo)" ersetzt. Das mathematische Verhältnis war ihm offenbar doch nicht so wichtig wie der Charakter beider Teile. In der F-Dur-Romanze aus op. 118 gibt es nach dem Andante-Beginn in 6/4 einen "Allegretto grazioso"-Teil in 4/4 alla breve, der dann mit der Vorschrift "Viertel=Halbe" wieder zu den 6/4 überleitet. Ginge es hier allein um einen gemeinsamen Metronom-Schlag beider Teile, dann hätte zwingend am Beginn des Allegretto-Teils die umgekehrte Vorschrift "Halbe=Viertel" stehen müssen, die aber dort fehlt. Statt dessen steht dort eine neue Charakterisierung des musikalisch neuen Abschnitts durch die Vorschrift "Allegrettto grazioso". Auch hier bleibt also wieder der Schluss, dass die Charaktieriserung der Teile wichtiger ist als eine mathematische Beziehung zwischen ihnen.
    Zum Schluss noch einmal zum Quintett-Finale: Bei der Abwägung, entweder die Temporelation zwischen Einleitung und erstem Allegro-Thema zu relativieren oder die zwischen erstem und zweitem Allegro-Thema ist mir persönlich das erstere musikalisch sinnvoller, denn eine Einleitung ist definitionsgemäß - und erst recht bei diesem Charakter - vom Allegro-Teil abgesetzt, während die beiden Allegro-Hauptthemen zum selben Formteil und damit auch zueinander in enger Beziehung stehen. Deshalb mag ich keine Darstellungen dieses Satzes, bei dem das zweite Allegro-Thema unverhältnismäßíg schneller als das erste ist, während mir eine moderat langsamere Einleitung passender erscheint. Aber selbstverständlich sind da auch andere Lösungen möglich. Nur eins ist ganz sicher keine Lösung: Das bloße Abbuchstabieren des Notentextes.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Übrigens noch zum Vorwurf der "Wurstelei":


    Siegfried Ochs hat berichtet, dass Brahms im fünften Satz des "Deutschen Requiems" die Chor-Passage bei den Worten "wie einen seine Mutter tröstet" sowie eine spätere Passage "sehr langsam und mit großem Ausdruck" gesungen haben wollte, und dass dabei das Tempo auf Achtel=72 (bei 104 als Angabe für den Satz!) reduziert werden sollte. Als Ochs daraufhin anmerkte, dass es schwierig sei, nach einem derart großen Ritardando wieder zum Grundtempo beim Sopran-Solo zurückzukommen, antwortete Brahms: "Ja, da müssen Sie halt sehen, wie Sie durchkommen."
    Auch der hatte wohl keine Zeit für "grundsätzliche Überlegungen" :D .


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • "un pocchetino più animato"


    was mir da gerade einfällt:


    ist das vielleicht eine "ironisch" gemeinte Vorschrift? so etwa:


    "nur ein kleines, kleines bißchen zugeben -- ach merk's doch selber, was du hier machen sollst!".


    wenn jemandem, wäre das ja wohl Brahms zuzutrauen.
    wäre mir jedenfalls lieber als die Vorstellung, ein Brahms hätte nicht recht gewußt, was er da schreibt.


    würde natürlich manches konterkarieren, was ich sonst gern vertrete - aber nur bei Brahms!


    "Ja, da müssen Sie halt sehen, wie Sie durchkommen."


    das klingt für allerdings nach: "mach, was da steht - wie du es hinkriegst ist deine Angelegenheit!"

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Die Ausführungen von Christian finde ich sehr erhellend, da ich beim anhören des Finales noch nie so explizit darauf geachtet habe.


    Ich möchte aber noch eine Einspielung vorstellen, die mir seinerzeit das Tor zu dieser Musik geöffnet hat:


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/616ND52gYXL._SL1024_.jpg]


    .. übrigens auch eine LP aus der 61er Serie von CBS


    Für mich war Leon Fleisher immer schon der ideale Brahms Interpret, und wäre nicht das mit seiner Hand passiert, hätte er gewiss alle Klavierwerke auch eingespielt. In Kollaboration mit dem Juilliard Quartet ist hier nach meinem Empfinden eine exemplarische Aufnahme gelungen. Das Werk wird ja so häufig aufgeführt, und man meint es gut zu kennen, aber man kehrt dann doch immer wieder zu seinen persönlichen Meilenstein-Aufnahmen zurück.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Die Sache mit Zitaten

    Als Ochs daraufhin anmerkte, dass es schwierig sei, nach einem derart großen Ritardando wieder zum Grundtempo beim Sopran-Solo zurückzukommen, antwortete Brahms: "Ja, da müssen Sie halt sehen, wie Sie durchkommen."
    Auch der hatte wohl keine Zeit für "grundsätzliche Überlegungen"

    Zitate sind - wie Fremdwörter - manchmal Glückssache. Die Brahms'sche Bemerkung steht eher für das Gegenteil, dafür nämlich, dass Brahms offenbar auf seinen Tempovorstellungen beharrte und Ochs dazu verdonnerte, das - gehe es wie es wolle - möglich zu machen.

  • Zitate sind - wie Fremdwörter - manchmal Glückssache.


    Und Repliken sind, wie Zitate, manchmal Pechsache...


    Vielleicht geht es insgesamt auch etwas freundlicher im Ton. Das gilt für alle.


    Also: Contenance bitte!


    Danke.


    Algabal für die Moderation

    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.

  • ist das vielleicht eine "ironisch" gemeinte Vorschrift? so etwa:


    "nur ein kleines, kleines bißchen zugeben -- ach merk's doch selber, was du hier machen sollst!".


    wenn jemandem, wäre das ja wohl Brahms zuzutrauen.

    Halte ich für sehr unwahrscheinlich. Zwar hat Brahms sich privat (z.B. in Briefen) bisweilen in solcher Art selbstironisch geäußert ("ein ganz kleines Klavierkonzert" über das B-Dur-Konzert), aber doch nicht in den Partituren. Mit Satie hatte er keine Seelenverwandtschaft... Und auch inhaltlich finde ich einen extremen Tempounterschied zwischen diesen beiden Themen nicht überzeugend, weil der Satz dann in lauter Episoden zerfällt (was ohnehin schnell passieren kann).

    Zitat von »ChKöhn«
    "Ja, da müssen Sie halt sehen, wie Sie durchkommen."


    das klingt für allerdings nach: "mach, was da steht - wie du es hinkriegst ist deine Angelegenheit!"

    Nein, der Tempowechsel steht ja gerade nicht da! Und an anderer Stelle hat Brahms bekanntlich geschrieben "Machen Sie es wie Sie wollen, machen Sie es nur schön"...


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Weil's gerade so schön ist:


    Die Vorschrift "Halbe=Viertel" ist sogar im umgekehrten Sinn denkbar, also die neuen Halben = die alten Viertel. Das hätte dann eine deutlich langsamere Sostenuto-Einleitung zur Folge, der sich ein schneller als üblich gespieltes Allegro anschließt, was dann den Vorteil hätte, dass das zweite Thema tatsächlich nur "ein klein wenig" beschleunigt werden müsste. Also zum Beispiel in der Einleitung Halbe um die 50, im Allegro Viertel ca. 96, beim zweiten Thema "ein klein wenig" schneller, also sagen wir 104 bis 108, bei der triolischen Entwicklung danach noch etwas beschleunigt. Gegen diese Deutung spricht vielleicht, dass es bei einer alla-breve (also in Halben) notierten Einleitung und einem 2/4-Allegro recht ungewöhnlich wäre, die Tempoverhältnisse gerade mit den umgekehrten Notenwerten zu beschreiben. Außerdem ist das "tranquillo" bei einem so zügigen Allegro vielleicht nicht mehr genügend spürbar. Aber in der besagten Romanze aus op. 118 hat Brahms jedenfalls die Relationsvorschrift "Viertel=Halbe" eindeutig in dieser Reihenfolge verwendet: Die neuen Viertel entsprechen den alten Halben. Es wäre also doch einigermaßen bemerkenswert, wenn er die Notation im Laufe seines Komponistenlebens plötzlich im umgekehrten Sinn verwendete, ohne sich dazu irgendwie zu äußern. Und musikalisch funktioniert eine solche Deutung im Quintett für mein Empfinden durchaus, wenn man sie - wie jede andere - nicht zu starr sondern flexibel und mit Geschmack handhabt.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Die Vorschrift "Halbe=Viertel" ist sogar im umgekehrten Sinn denkbar, also die neuen Halben = die alten Viertel. Das hätte dann eine deutlich langsamere Sostenuto-Einleitung zur Folge, der sich ein schneller als üblich gespieltes Allegro anschließt, was dann den Vorteil hätte, dass das zweite Thema tatsächlich nur "ein klein wenig" beschleunigt werden müsste.


    den Verdacht habe ich sogar sehr, mochte nur nichts dazu sagen, da zur Zeit keine Möglichkeit, mir diese Lesart näher zu Gemüte zu führen.
    Definiendum steht links, Definiens rechts.
    bei Schumann gibts das in verbaler Form: "die Halben wie vorher die Viertel" (des öfteren in den Faustszenen).

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • den Verdacht habe ich sogar sehr, mochte nur nichts dazu sagen, da zur Zeit keine Möglichkeit, mir diese Lesart näher zu Gemüte zu führen.
    Definiendum steht links, Definiens rechts.
    bei Schumann gibts das in verbaler Form: "die Halben wie vorher die Viertel" (des öfteren in den Faustszenen).

    In diesem Sinne wird die Vorschrift auch meist verwendet. Michael Struck (renommierter Brahms- und Schumann-Forscher sowie u.a. Herausgeber des Klavierquintetts in der Neuen Brahms-Ausgabe), mit dem ich mich über das Problem im Klavierquintett unterhalten habe, glaubt allerdings, dass Brahms hier die umgekehrte Reihenfolge gemeint habe. Ich bin mir nicht sicher, finde aber, dass die o.g. Lesart die einzige ist, bei der man einigermaßen plausibel die musikalischen Charaktere mit Brahms' Notentext in Übereinstimmung bringen kann. Probleme wie das "tranquillo" bleiben allerdings immer noch.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Gegen diese Deutung spricht vielleicht, dass es bei einer alla-breve (also in Halben) notierten Einleitung und einem 2/4-Allegro recht ungewöhnlich wäre, die Tempoverhältnisse gerade mit den umgekehrten Notenwerten zu beschreiben. Außerdem ist das "tranquillo" bei einem so zügigen Allegro vielleicht nicht mehr genügend spürbar


    Lieber Christian,


    das stimmt zwar, dass es ungewöhnlich wirkt, aber eigentlich: wie hätte Brahms denn, falls er diese Temporelation gemeint hat, das sonst ausdrücken sollen? Als Viertel=Achtel? Als Ganze=Halbe? Als 2 Viertel = 1 Viertel? Mich überzeugt diese Deutung eigentlich schon, auch vor dem Hintergrund, dass es ja eigentlich die übliche Reihenfolge darstellt, auch wenn ich mich auch durch das Alla breve habe irritieren lassen.


    Ist Viertel=96 für ein Allegro tranquillo oder Allegro non troppo wirklich schon zu zügig? Bei einem noch deutlich langsameren Tempo (wie etwa den von Abakus favorisierten Viertel=76) hätte ich eher Bedenken, dass das "Allegro" nicht mehr genügend spürbar ist. Meine Erfahrungen beschränken sich da aber auf (hauptsächlich geistliche) Vokalmusik.


    Liebe Grüße,
    Areios

    "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
    Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.

  • das stimmt zwar, dass es ungewöhnlich wirkt, aber eigentlich: wie hätte Brahms denn, falls er diese Temporelation gemeint hat, das sonst ausdrücken sollen?

    Er hätte höchstens (wie in den beiden ersten Balladen) "doppio movimento" schreiben können. Aber dass er das nicht getan hat, ist natürlich kein Beweis gegen die Deutung.

    Ist Viertel=96 für ein Allegro tranquillo oder Allegro non troppo wirklich schon zu zügig?

    Für mich nicht (in unserer Aufnahme der Fassung für zwei Klaviere haben S.-Th. Matthies und ich ziemlich genau 96 genommen), aber ich kann verstehen, dass wegen der pochenden Sechzehntel-Begleitung viele Musiker lieber ein etwas langsameres Tempo wollen. 76 finde ich allerdings eindeutig zu langsam, da fehlt mir das "Allegro-Gefühl", und vor allem funktioniert dann wie gesagt das Verhältnis zum zweiten Thema überhaupt nicht mehr.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Für mich war Leon Fleisher immer schon der ideale Brahms Interpret, und wäre nicht das mit seiner Hand passiert, hätte er gewiss alle Klavierwerke auch eingespielt. In Kollaboration mit dem Juilliard Quartet ist hier nach meinem Empfinden eine exemplarische Aufnahme gelungen.

    Diese Meinung teile ich . Die remasterte CD klingt noch packender / kompakter als die LP ; beide Medien lassen die mp3 Version schäbig klingen . Fleisher auf dem Höhepunkt (?) seines Könnens , das Juilliard Quartet in seiner stärksten Besetzung . Unbedingt wenigstens einmal anhören ! Leider nur in der Kiste zu erwerben . Aufgenommen 1963 . Ebenfalls hörenswerte Aufnahmen - einige , aber noch hörenswerter - keine . ( Gilt selbstredend nur für mich ) .


    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Der blog Ipromesisposi listet chronologisch 92 Aufnahmen des Klavierquintetts von Brahms auf . Dank dafür ! ( Und es wird noch mehr geben...)


    01 Bauer, Flonzaley Quartet (Biddulph, 1925)

    02 Serkin, Busch Quartet (Warner, 1938)

    03 Szell, Budapest Quartet (Bridge, 1945)

    04 Johansen, Pro Arte Quartet (Archiphon, 1947)

    05 Tamarkina, Teatro Bolshoi Quartet (Vista Vera, 1947)

    06 Haskil, Winterthur Quartet (Andromeda, 1949)

    07 Hansen, Amadeus Quartet (Audite, 1950)

    08 Curzon, Budapest String Quartet (Naxos, 1950)

    09 Demus, Vienna Konzerthaus Quartet (Westminster, 1952)

    10 Chigi Quintet (Naxos, 1952)

    11 Aller, Hollywood String Quartet (Pristine, 1954)

    12 Gould, Montreal String Quartet (Sony, 1957)

    13 Bernathova, Janacek Quartet (DG, 1958)

    14 Richter, Borodin Quartet (SMC, 17.1.1958)

    15 Richter, Tátrai String Quartet (Doremi, 1958)

    16 Richter, Borodin Quartet (Victor, 1958)

    17 The Virtuoso Ensemble (Sunday Club, 1959)

    18 Badura-Skoda, Wiener Konzerthaus Quartett (Omagatoki, 1960)

    19 Fleisher, Juilliard String Quartet (Sony, 1963)

    20 Serkin, Budapest Quartet (Sony, 1963)

    21 Lee, Quatuor Danois (Naïve, 1965)

    22 Rubinstein, Guarneri String Quartet (RCA, 1966)

    23 Eschenbach, Amadeus String Quartet (DG, 1968)

    24 Solchany, Hungarian Quartet (EMI, 1968)

    25 Heidsieck & Heidsieck (Erato, 1971)

    26 Rosel, Brahms-Streichquartett (Edel, 1972)

    27 Previn, The Yale Quartet (Warner, 1972)

    28 Haas, Berlin Philharmonic Octet (Philips, 1973)

    29 Curzon, Amadeus Quartet (BBC Legends, 1974)

    30 Ránki, Bartók Quartet (Hungaroton, 1976)

    31 Pollini, Quartetto Italiano (DG, 1979)

    32 Quintetto Fauré Di Roma (Claves, 1980)

    33 Badura-Skoda, Küchl Quartett (Genuin, 1980)

    34 Ax, Cleveland Quartet (RCA, 1982)

    35 Maisenberg, Hagen Quartet (Philips, 1982)

    36 Vanden Eynden, Dimov Bulgarian String Quartet (Balkanton, 1982)

    37 Previn, Musikvereinsquartett (Philips, 1984)

    38 Saarinen, Orford String Quartet (Doremi, 1984)

    39 Leonskaja, Alban Berg Quartett (EMI, 1987)

    40 Ashkenazy, The Cleveland Orchestra String Quartet (Decca, 1989)

    41 Frankl, Lindsay String Quartet (ASV, 1990)

    42 Schiff, Takács String Quartet (Decca, 1990)

    43 Jandó, Kodály Quartet (Naxos, 1990)

    44 Virzaladze, Borodin Quartet (Teldec, 1990)

    45 Brown, The Nash Ensemble (CRD Records, 1991)

    46 Waal, Allegri String Quartet (Cala, 1991)

    47 Lill, Medici String Quartet (Lancaster, 1992)

    48 Lane, New Budapest Quartet (Hyperion, 1992)

    49 Gulda, Hagen Quartett (DG, 1992)

    50 Vladar, Artis Quartett (Sony, 1993)

    51 Perl, Neftel, Cunz, Rode, Schiefen (Oehms, 1995)

    52 Artymiw, American String Quartet (Arizona Friends of Chamber Music, 1995)

    53 Friedli, Quartet Sine Nomine (Claves, 1996)

    54 Komen, Rubio String Quartet (Globe, 1997)

    55 Okada, Das Wiener Philharmonia Quintett (Camerata, 1998)

    56 Browning, Feeney, Fukuhara, Schulman, Fitzgerald (Music Masters, 1999)

    57 La Gaia Scienza (Winter&Winter, 2000)

    58 Stevens, Ives String Quartet (Aix, 2000)

    59 Denk, Concertante (Meridian, 2002)

    60 Uriash, St. Petersburg Chamber Soloists (Northern Flowers, 2002)

    61 Staier, Leipziger Streichquartett (MDG, 2002)

    62 Vogt, Tetzlaff, Eberle, Weinmeister, Steckel (Avi, 2005)

    63 Argerich, Zilberstein, Hall, Romanoff, Drobinsky (EMI, 2005)

    64 Han, Fleezanis, Swensen, Phelps, Kirshbaum (BBC Music, 2005)

    65 Klánský, Prazak Quartet (Praga, 2005)

    66 Uriarte & Mrongovius (Arts, 2006)

    67 Divertimenti Ensemble (Celloclassics, 2006)

    68 Andsnes, Artemis Quartet (Virgin, 2006)

    69 Fleisher, Emerson String Quartet (DG, 2006)

    70 Avenhaus, Arcanto Quartet (HM, 2007)

    71 Martínez, Casals Quartet (HM, 2007)

    72 Hough, Takacs Quartet (Hyperion 2007)

    73 Yamamoto, Quatuor Ebene (Virgin, 2007)

    74 Rivkin, Ambartsumian, Azimhodzhaeva, Newman, Starkweder (Artservis, 2008)

    75 The Schubert Ensemble (Champs Hill, 2010)

    76 Neuburger, Quatuor Modigliani (Mirare, 2010)

    77 Nakamatsu, Tokyo String Quartet (HM, 2011)

    78 Laul, Gringolts Quartet (Orchid, 2013)

    79 Yang, Alexander String Quartet (Foghorn, 2013)

    80 Pressler, Pacifica Quartet (Cedille, 2014)

    81 Gerstein, Hagen Quartett (Myrios, 2014)

    82 Uchida, Formosa Quartet (Delos, 2014)

    83 Frankl, Artis Quartett Wien (Nimbus, 2015)

    84 Kudritskaya, Brodsky Quartet (Chandos, 2015)

    85 Fellner, Belcea Quartet (Alpha, 2015)

    86 Huang, Hába Quartett (Oehms, 2015)

    87 Ironwood (ABC, 2016)

    88 Subdin, Avanesyan, Brovtsyn, Poppen, Chaushian (BIS, 2016)

    89 Soldan, Silesian Chamber Soloists (Dux, 2017)

    90 Couteau, Quatuor Hermès (La dolce volta, 2018)

    91 Le Sage, Quatuor Strada (B Records, 2019)

    92 Coucheron, Opus 76 Quartet (The Friends of the Opus 76 Quartet, 2021)

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

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