Physiognomische Differenzen zwischen Rollentypus und Darsteller

  • Ok, ab hier ist keine normale Diskussion mehr möglich, deswegen steige ich aus.

    Ja, ich weiß schon, Humor ist nicht so Deins. Aber bei vielen anderen gehört er halt irgendwie dazu. Also nix für ungut ... ;+)

    "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold

  • Andererseits: wenn Sänger auch als Schauspieler auf der Bühne auftreten und damit auch optisch (im Gegensatz zu Plattenaufnahmen) eine Rolle verkörpern sollen, ist es dann nicht ein wenig so wie beim Film? Da gibt es auch ein Casting, wo man bestimmte Schauspieler für bestimmte Rollen engagiert. Da nimmt man auch keine 50 jährige, um eine Jugendliche zu spielen, und umgekehrt keine Jugendliche, um eine 50 jährige darzustellen.

    Auch andere Schauspieler werden gerne wegen ihrer Augen, ihrem Gesicht etc. als Bösewichte oder als Gute eingesetzt. Ich glaube, ich habe z.B. Terence Hill noch nie in eine wirklich bösen Rolle gesehen, und wahrscheinlich würde den auch niemand für so eine Rolle besetzen, weil das Gesicht viel zu "gutmütig" wirkt.

    Ohne jetzt den Rest des Threads detailliert gelesen zu haben - ich kann es ja irgendwo nachvollziehen, wenn die Menschen, die für ein Casting verantwortlich sind, sich möglichst wenig Mühe machen wollen und froh sind, wenn jemand hereinspaziert kommt, der genau so aussieht wie sie das gern hätten. Aber in der Oper kommt eben noch der Faktor Stimme hinzu und es mag ja fürchterlich altmodisch sein, aber für mich ist die Stimme (und damit die Fähigkeit eines Sängers ,seine Partie zu bewältigen, ohne aus dem letzten Loch zu pfeifen) in der Oper immer noch der entscheidende Faktor. Da kann eine Salomé noch so schön und rank und schlank und anmutig sein, wenn ich das Gefühl habe "Hätte sie mal lieber Soubrette gesungen" (übrigens ist die Soubrette ein großartiges und nicht zu unterschätzendes Stimmfach, nicht dass hier Missverständnisse aufkommen) fühle ich mich "underwhelmed" wie der Amerikaner sagt. Wenn also bei 2 Sängerinnen eine dabei ist, die optisch passt, aber stimmlich nicht und eine, die stimmlich passt, bei der man aber ein paar maskenbildnerische Modifikationen vornehmen muss, würde ich eher die 2. Dame bevorzugen. Aber mich fragt ja keiner :D

    "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)


    But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)

  • Zitat

    Volle Zustimmung. Wenn jemand nur die optischen Voraussetzungen erfüllt, dann ist das doch ein bisschen arg wenig. Natürlich wünsche ich mir den Idealfall, dass beides zusammenpasst, aber wenn ich wählen muss, dann entscheide ich mich zuerst einmal für jemanden, der singen kann. Ganz schlimm finde ich die Fälle, in denen jemand eher unzureichend singt und das dann durch Überaktionismus zu überspielen versucht. Häufig fällt ein großer Teil des Publikums nämlich darauf rein und bejubelt den, der am meisten gehampelt und am lautesten gebrüllt hat, übersieht aber den, der wirklich gut gesungen hat.


  • Nein, weil der Ring vor der Zeit spielt, bevor sich der Mensch überhaupt entwickeln konnte, Menschenaffen etc.

    Nochmal: wir sollten nicht von UNSERER Geschichte auf das Aussehen von Figuren schließen, die VOR unserer Zeit gelebt haben und mit unserer Entwicklung gar nichts zu tun haben.

    Verstehst du mich absichtlich falsch? Es gibt schon Menschen, aber der einzige Mensch, der auch auftritt auf der Bühne (die anderen Figuren wie die Mutter, die Sippe Hundings etc. treten nur in Erzählungen auf und haben KEINE Rolle), ist Hunding.

    Und was ist mit Mr. Gunther and Mrs. Gutrune Gibich?

    “There’s no point in being grown up if you can’t act a little childish sometimes” (Doctor Who, der Vierte Doktor)


  • Ohne jetzt den Rest des Threads detailliert gelesen zu haben - ich kann es ja irgendwo nachvollziehen, wenn die Menschen, die für ein Casting verantwortlich sind, sich möglichst wenig Mühe machen wollen und froh sind, wenn jemand hereinspaziert kommt, der genau so aussieht wie sie das gern hätten. Aber in der Oper kommt eben noch der Faktor Stimme hinzu und es mag ja fürchterlich altmodisch sein, aber für mich ist die Stimme (und damit die Fähigkeit eines Sängers ,seine Partie zu bewältigen, ohne aus dem letzten Loch zu pfeifen) in der Oper immer noch der entscheidende Faktor.

    Ja, ich lass mir den Siegmund dann doch auch lieber von Johan Botha singen als von Brad Pitt ...

    "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold

  • Nun, immerhin gab und gibt es immer wieder gute Sänger mit der virilen Ausstrahlung eines Brad Pitt. Ich erinnere an Peter Hofmann ( damals ) und Jonas Kaufmann oder Klaus Florian Voigt ( heute ), die sich im Heldentenorfach tummelten bzw. tummeln. Da bleibt Johan Botha die verstörende Ausnahme - Gott sei Dank.

    Ciao. Gioachino :wink:

    miniminiDIFIDI

  • Da gebe ich "oper338" ausnahmsweise auch mal recht, wenn er schreibt:

    "unter ihnen das Zwillingspaar, die sich auf der Bühne nie ähneln, Siegmund und Sieglinde"


    Lieber Merkatz!

    Danke für den Hinweis wegen den Beistrichen und oper337 ist meine Signatur, aber in vielen gebe ich Dir doch Recht was Du da von Dir gibst.

    Liebe Grüße sendet Dir Peter. :wink:

  • Sorry, das 338 habe ich jetzt nachträglich korrigiert in meinem vorigen Beitrag.

    Aber ist doch wahr, zumindest ein bisschen ähnlich könnten sie sich doch schauen ... dann hätte man nicht das Gefühl, dass einfach nur irgendwer wegen seiner Stimme genommen wurde, sondern dass die beiden auf der Bühne wirklich verwandt sein könnten.

    Ich habe leider noch keine Walküre live erlebt, von daher weiß ich nicht, wie es da ist, aber bei der Salome werden SängerInnen regelmäßig vom Orchester verschluckt, sogar Richard Strauss selbst hat in die Staatsopern-Partitur vermerkt, dass die Sängerin den Schlussmonolog an der Rampe halten soll. Ich denke, auch wenn eine STIMME wirklich großartig ist, kann es trotzdem leicht sein, dass man sie nicht immer hört.

    Und schlussendlich, natürlich ist auch mir wichtig, dass die Stimmen passen, es kommt nicht NUR auf die Optik an. Allerdings ist es in der Oper nunmal so, dass die Rollen nicht nur gesungen, sondern auch gespielt werden. Wie Margarita schon sagte, idealerweise passen die Stimmen UND die Optik, aber ich denke, dass diese beiden Dinge gleich viel Wert haben.

    Hier wäre es interessant, was Komponisten dazu sagen würden, wenn ihr Stück von tollen Sängern gespielt wird, aber die Optik überhaupt nicht passt. Strauss war ja noch sehr zurückhaltend, als er meinte, dass Frau Wittich als Salome "figürlich" nicht in die Rolle passt.


    Oder vereinfacht gesagt:

    Wenn die Stimme nicht passt, die Optik schon, dann ist das ein Ungleichgewicht. Da stimme ich auch vollinhaltlich zu.

    Wenn aber die Optik nicht stimmt, die Stimme aber schon - ist das dann in einer Opernaufführung nicht ebenfalls ein Ungleichgewicht? Wiegt das nicht genauso schwer wie umgekehrt?


    Bis ich einen besseren Hänsel gehört habe, ist die Grümmer für mich die Nummer 1 in dieser Rolle. Allerdings: würde sie sie auf der Bühne spielen, das wäre einfach nicht überzeugend, weil sie optisch, soweit ich das beurteilen kann, überhaupt nichts jugendliches an sich hatte (nicht im negativen Sinne!), bzw. überhaupt nichts, was in Richtung burschikos geht. Und figürlich weiß ich auch nicht, ob das so überzeugend wäre.

    Umgekehrt habe ich schon Hänsel live gesehen, die optisch gepasst haben, aber stimmlich ziemlich unspektakulär waren.

    Ich finde das in beiden Fällen schade.

  • Verstehst du mich absichtlich falsch? Es gibt schon Menschen, aber der einzige Mensch, der auch auftritt auf der Bühne (die anderen Figuren wie die Mutter, die Sippe Hundings etc. treten nur in Erzählungen auf und haben KEINE Rolle), ist Hunding.


    Lieber Merkatz,

    ich hoffe sehr, Dich nicht falsch zu verstehen.

    Du sagst, der einzige Mensch, der auf der Bühne auftritt, sei Hunding. Für die Walküre ist das sicher richtig. Jedenfalls, wenn man von den gefallenen Helden absieht, die im dritten Aufzug von den Walküren zusammengetragen werden. Aber die sind ja schon tot und haben keine Rolle, wie Du ganz richtig sagst.

    Deine Argumentation war aber:

    Denn der Ring spielt zu einer Zeit, bevor es überhaupt die uns bekannten Menschen und die verschiedenen Arten davon gab.


    Das ist zumindest für die Walküre durch die zahlreiche Erwähnung anderer Menschen falsch. Bzgl. der verschiedenen Arten gebe ich Dir recht, die werden nicht explizit erwähnt. Wir wissen aber, dass der "Siegfried" spätestens in der Eisenzeit spielt, denn Mime sagt:

    Zuschanden kam ein Schmied,
    den Lehrer sein Knabe lehrt:
    mit der Kunst nun ist's beim Alten aus,
    als Koch dient er dem Kind.
    Brennt es das Eisen zu Brei,
    aus Eiern braut der Alte ihm Sud.

    ("Stahl" wird noch häufiger erwähnt.) In der Eisenzeit gab es aber schon alle Hautfarben. Die zwanzig, maximal dreißig Jahre Abstand zwischen Walküre und Siegfried machen da wohl kaum einen Unterschied.

    Also, wenn wir wollen, dass alle Informationen des Textes Berücksichtigung finden, dann fände ich es sinnvoll, diese Information nicht zu übersehen.

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Das ist zumindest für die Walküre durch die zahlreiche Erwähnung anderer Menschen falsch. Bzgl. der verschiedenen Arten gebe ich Dir recht, die werden nicht explizit erwähnt. Wir wissen aber, dass der "Siegfried" spätestens in der Eisenzeit spielt, denn Mime sagt:

    Zuschanden kam ein Schmied,
    den Lehrer sein Knabe lehrt:
    mit der Kunst nun ist's beim Alten aus,
    als Koch dient er dem Kind.
    Brennt es das Eisen zu Brei,
    aus Eiern braut der Alte ihm Sud.

    ("Stahl" wird noch häufiger erwähnt.) In der Eisenzeit gab es aber schon alle Hautfarben. Die zwanzig, maximal dreißig Jahre Abstand zwischen Walküre und Siegfried machen da wohl kaum einen Unterschied.

    Also, wenn wir wollen, dass alle Informationen des Textes Berücksichtigung finden, dann fände ich es sinnvoll, diese Information nicht zu übersehen.

    Ich glaube, dass Wagner hier einfach Dinge, die man aus "unserer" Zeit (also von den Menschenaffen bis zum Menschen heute) kennt, auch eingebaut hat in diese Urzeit. Dass es solche Dinge wie Stahl, Eisen etc. durchaus gab, aber, nachdem der Ring vorbei ist, sich alles neu entwickelt hat.

    Oder anders gesagt: er hat keine Dinge eigens für diese Zeit neu erfunden, wie z.B. Fantasie-Materialien, sondern sich dessen bedient, was es auch wirklich gab. Aber dabei geht es ja nur um materielle Dinge. Wenn da steht "Eisen", dann kann man auch davon ausgehen, dass es so aussah wie man heute Eisen kennt. Aber wenn Figuren auftauchen, und die nicht explizit beschrieben werden, was die Hautfarbe etc. angeht, dann ist es ziemlich unsicher, ob es hier auch eine Entsprechung zu "unserer" Entwicklung gibt.

  • Nun, immerhin gab und gibt es immer wieder gute Sänger mit der virilen Ausstrahlung eines Brad Pitt. Ich erinnere an Peter Hofmann ( damals ) und Jonas Kaufmann oder Klaus Florian Voigt ( heute ), die sich im Heldentenorfach tummelten bzw. tummeln. Da bleibt Johan Botha die verstörende Ausnahme - Gott sei Dank.

    Allerdings gehen die Meinungen darüber, ob Herr Kaufmann und Herr Vogt im Heldentenorfach wirklich so gut aufgehoben sind, durchaus auseinander. Aber dieses Thema wird ja bereits woanders diskutiert.


    Wenn aber die Optik nicht stimmt, die Stimme aber schon - ist das dann in einer Opernaufführung nicht ebenfalls ein Ungleichgewicht? Wiegt das nicht genauso schwer wie umgekehrt?

    Natürlich ist das auch ein Ungleichgewicht, für mich persönlich aber kein so gravierendes, denn wie andere schon schrieben - eine nicht ganz perfekte Optik kann man durch gute Personenführung, Anpassung der Inszenierung, Kostüme, Perücken, etc. zu einem gewissen Teil ausgleichen, bei der Stimme wird das schon schwieriger. Und nein, Spielfreude macht für mich auch nicht alles wett. Und dann sollte man auch bedenken, dass Theater auch nicht immer das Geld haben, um sich jedes Mal Gäste einzukaufen (und vorher die "perfekte" Besetzung) zu suchen und dann natürlich auf Ensemblemitglieder zurück greifen. Dann kann es zwar passieren, dass nachher beides nicht passt, aber das ist mir, soweit ich mich erinnern kann, noch nicht untergekommen. Aber wie ein Intendant zu Schulzeiten einmal meinte, als wir ihn mit unserer Opern-AG mit Fragen löcherten und jemand meinte, der Tamino sähe doch gar nicht aus wie ein Prinz, sondern eher wie ein Verwaltungsangestellter "Einen guten Tenor erschießt man nicht …" :stumm:

    "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)


    But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)

  • Nein, weil der Ring vor der Zeit spielt, bevor sich der Mensch überhaupt entwickeln konnte, Menschenaffen etc.

    Die Götter werden bekanntlich von den Menschen erfunden und werden schon einem gewissen Anthropomorphismus unterzogen. Dazu bei Wiki:

    Zitat

    Eine starke Ausprägung des Anthropomorphismus findet sich in den christlichen, hinduistischen, germanischen, griechischen, keltischen, shintoistischen japanischen, ägyptischen und römischen Religionen und Mythologien, in denen die Götter ausgesprochen menschliche Züge tragen, obwohl sie zum Teil auch die Fähigkeit besitzen, (in besonderen Situationen) eine zoomorphe Gestalt anzunehmen.

    (meine Hervorhebung).

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Hier wäre es interessant, was Komponisten dazu sagen würden, wenn ihr Stück von tollen Sängern gespielt wird, aber die Optik überhaupt nicht passt. Strauss war ja noch sehr zurückhaltend, als er meinte, dass Frau Wittich als Salome "figürlich" nicht in die Rolle passt.

    Ich weiß nicht, ob Strauss sich zur Figur Emmy Destinns geäußert hat, aber sie war die Sängerin, die er für die Berliner und Pariser Erstaufführungen von Salome unter seiner Leitung erwählt hatte. Sie war nicht unbedingt eine Sylphide und hat den Tanz der sieben Schleier einer Tänzerin überlassen. Stimmlich machte sie einen gewaltigen Eindruck.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Aber abgesehen davon: wenn keine genaue Spezifizierung drinsteht, sollte man im Sinne des Stückes UND DES LIBRETTOS dennoch nicht absichtlich völlig abwegige Entscheidungen treffen, wer für eine Rolle verwendet wird.


    Warum eingentlich nicht? Es ist ein ganz wesentliches Element des epischen Theaters, die Dinge so darzustellen, wie man sie gerade nicht erwartet, um so eine intellektuelle Distanz zum Zuschauer aufzubauen. Der soll über das Gesehene und Gehörte reflektieren und es nicht im Sinne antiker Theatertradition "miterleben" oder sich gar - wg. Katharsis - mit den Protagonisten identifizieren.

    Die meisten werden sich eher denken "Was soll das? Wieso ist der eine schwarz, der andere ein Asiate", manche werden sich ärgern, andere werden sich wundern und es halt hinnehmen, aber kaum jemand wird sich ernsthafte Gedanken über irgendeine Bedeutung machen.


    Tatsächlich? s. oben...
    Aber ehrlich gesagt, ich finde mich da nicht wieder, ich denke in der Oper weder über Anthropologie noch über Mendels Gesetze oder gar die Hautfarbe von Göttern nach. So viel Abstraktion muß sein. Klar muß auch ich innerlich schmunzeln, wenn z.B. in Innsbruck in Forza del Destino eine doch etwas rundliche Leonora (Jennifer Maines) in ihrer Klause verschwindet und später, nach "jahrelangem Fasten" wie uns Fra Melitone mitteilt, genauso rundlich daraus hervorsteigt. Aber für mich sind das eigentlich peanuts - nicht kriegsentscheidend

    Nicht wirklich. Denn der Ring spielt zu einer Zeit, bevor es überhaupt die uns bekannten Menschen und die verschiedenen Arten davon gab. Im ganzen Ring gibt es einen einzigen Menschen: Hunding. Alle anderen sind Götter oder Halbgötter. Wieso reden wir hier dann überhaupt von den unterschiedlichen Typen, die es HEUTE gibt, also weiss, schwarz, asiatisch etc.?

    Wir können nicht wissen, wie die Götter damals ausgesehen haben, also besetzen wir sie mit dem was wir heute haben und kennen und als Rechtfertigung sagen wir "Es könnte ja so gewesen sein"? Nö.


    Ja: Mythenzeit. Aber die ist doch ja gerade nicht relativ zur Realhistorie verortet. Und was den zweiten Punkt betrifft: Wenn man nicht weiß, wohin man will ist jeder Weg der richtige. Oder anders: Wenn ich nicht weiß, wie etwas aussieht, ist jede Darstellung treffend. Dazu fällt mir folgender Witz ein:

    Jurij Gagarin, der erste Mensch im Weltall, hat ein Treffen mit Staats- und Parteichef Chruschtschow.
    "Hast du da oben Gott gesehen?", fragt Chruschtschow.
    "Ja, das habe ich.", meint Gagarin.
    "Das habe ich befürchtet. Hier hast du 10.000 Rubel, und kein Mensch erfährt davon."

    Einige Tage später hat Gagarin eine Audienz bei Papst Johannes XXIII.
    "Hast du da oben Gott gesehen?", fragt der Papst.
    "Nein", gibt Gagarin zu.
    "Das habe ich befürchtet. Hier hast du 10.000 Lire, und kein Mensch erfährt davon."

    Schließlich hat Gagarin ein Meeting mit dem Präsidenten der USA, Lyndon B. Johnson.
    "Hast du da oben Gott gesehen?", fragt Johnson.
    "Ja", antwortet Gagarin.
    Johnson überlegt kurz und sagt: "Nun, letztlich ist mir das ja egal. Ich habe genauso viele Atheisten wie Theisten unter meinen Wählern."
    Meint Gagarin: "Das schon...aber sie ist schwarz..."

    Ohne jetzt den Rest des Threads detailliert gelesen zu haben - ich kann es ja irgendwo nachvollziehen, wenn die Menschen, die für ein Casting verantwortlich sind, sich möglichst wenig Mühe machen wollen und froh sind, wenn jemand hereinspaziert kommt, der genau so aussieht wie sie das gern hätten. Aber in der Oper kommt eben noch der Faktor Stimme hinzu und es mag ja fürchterlich altmodisch sein, aber für mich ist die Stimme (und damit die Fähigkeit eines Sängers ,seine Partie zu bewältigen, ohne aus dem letzten Loch zu pfeifen) in der Oper immer noch der entscheidende Faktor. Da kann eine Salomé noch so schön und rank und schlank und anmutig sein, wenn ich das Gefühl habe "Hätte sie mal lieber Soubrette gesungen" (übrigens ist die Soubrette ein großartiges und nicht zu unterschätzendes Stimmfach, nicht dass hier Missverständnisse aufkommen) fühle ich mich "underwhelmed" wie der Amerikaner sagt. Wenn also bei 2 Sängerinnen eine dabei ist, die optisch passt, aber stimmlich nicht und eine, die stimmlich passt, bei der man aber ein paar maskenbildnerische Modifikationen vornehmen muss, würde ich eher die 2. Dame bevorzugen. Aber mich fragt ja keiner

    Es gab mal (ich weiß nicht mehr wo) eine Inszenierung der "Entführung" mit Doppelbesetzung für alle Darsteller: pantomimischer Schauspieler für das "Szenische" und gleichzeitig auf der Bühne Sänger-Doppelgänger für den Gesang. Da könnte man die Salomé mit irgend einem anorektischen Model halbbesetzen, egal, wie die Sängerin aussieht... Obwohl: orientalisches Schönheitsideal ist doch irgendwie doch eher vollschlank, oder..?

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • In der Tat, man sollte bei all dem wohl auch aufpassen, dass man nicht zu sehr von unserem westlichen / durch Werbung beeinflussten Schönheitsideal ausgeht.

    "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)


    But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)

  • a) Solange es nicht nur um "große Namen" geht, wir auch nach Aussehen besetzt. Das ist Fakt und hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen besser sehen als hören ;+)

    b) Ich persönlich mache mir keine Gedanken über die Herkunft oder Hautfarbe einer Sängerin oder eines Sängers. Ich nehme es noch nicht mal bewusst wahr, vermutlich, weil es nichts Außergewöhnliches mehr auf den Bühnen ist.

    c) Eine Besetzung, die sich streng zB. ans gemutmaßte Alter einer Bühnenfigur hält, ist nicht sinnvoll. Was nützt mir eine Kinderstimme bei Hänsel und Gretel, was will ich mit einem Anfang 20jährigen als Don Carlo, wenn er die Rolle stimmlich nicht bewältigt?

    d) Die Figur eines Menschen sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, ob er sich auf der Bühne bewegen und einer Figur Leben einhauchen kann.

    LG Rosenkavalier

    Ich glaube, dass es in jedem Sänger einen einzigen, reinen und kleinen Ton gibt, welcher der wahre Ton der Stimme ist, und was immer man tut und wie man auch seine Stimme auf diesen Ton aufbaut, man muss zu ihm zurückkehren können, sonst ist es aus. (Agnes Baltsa)

  • a) Solange es nicht nur um "große Namen" geht, wir auch nach Aussehen besetzt. Das ist Fakt und hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen besser sehen als hören ;+)

    b) Ich persönlich mache mir keine Gedanken über die Herkunft oder Hautfarbe einer Sängerin oder eines Sängers. Ich nehme es noch nicht mal bewusst wahr, vermutlich, weil es nichts Außergewöhnliches mehr auf den Bühnen ist.

    c) Eine Besetzung, die sich streng zB. ans gemutmaßte Alter einer Bühnenfigur hält, ist nicht sinnvoll. Was nützt mir eine Kinderstimme bei Hänsel und Gretel, was will ich mit einem Anfang 20jährigen als Don Carlo, wenn er die Rolle stimmlich nicht bewältigt?

    d) Die Figur eines Menschen sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, ob er sich auf der Bühne bewegen und einer Figur Leben einhauchen kann.

    LG Rosenkavalier

    Zustimmung! Es ist auch leider ein sehr verbreitetes Vorurteil, dass beleibtere Menschen behäbig sind und sich nicht bewegen können. Das mag ja auf einige zutreffen, aber gewiss nicht auf alle und ich habe schon 150kg-Männer auf der Bühne gesehen, von denen sich schlankere Artgenossen in Puncto Bühnenpräsenz und Beweglichkeit eine Scheibe abschneiden können. Und es war eine kleine und pummelige Amneris, die mich mit ihrer erotischen Ausstrahlung (und ihrer Stimme) in ihren Bann gezogen hat.

    "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)


    But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)

  • Obwohl: orientalisches Schönheitsideal ist doch irgendwie doch eher vollschlank, oder..?

    Wieso orientalisch? Die Handlung spielt in Palästina, zur Zeit der römischen Besetzung. Ich war geografisch nie gut, vielleicht ist das auch Orient, aber ich verbinde damit eher islamische Länder etc. Hör dir den Schleiertanz von Strauss an - ich höre da überhaupt keine Orientalismen, keine "typische Tanzmusik". Aber:

    In der Tat, man sollte bei all dem wohl auch aufpassen, dass man nicht zu sehr von unserem westlichen / durch Werbung beeinflussten Schönheitsideal ausgeht.

    Wieso ist es HIER auf einmal wichtig, dass alles historisch korrekt ist? Ich dachte, man braucht aktuelle Bezüge, damit sich der HEUTIGE Theaterbesucher damit identifizieren kann?

    Und: die Salome ist noch sehr jung, eigentlich noch ein Kind. Warum sollte die auch so dick sein? Würde man da nicht eher denken, dass die von den Eltern vollgestopft wurde?

    Und schließlich: DIESE Salome ist eine Figur von Oscar Wilde, genauso wie jede Salome, die im Laufe der Zeit von Malern portraitiert wurde, immer eine ganz eigene Erfindung der Maler ist. Wieso will man an diese eigentlich ziemlich symbolische Geschichte, in der auch "zauberhafte" Dinge passieren (Mondfinsternis, Wein verschwindet usw.), mit realistischen Fakten möglichst authentisch gestalten ... oder besser gesagt, wieso will man an eine erfundene Fantasiegeschichte so herangehen, dass man sie möglichst realistisch gestaltet, und sagt "Die sieht so aus, weil erwiesenermaßen zu der Zeit, in der der spielt, die Leute ebenfalls so ausgesehen haben"?

    Die Leute damals hatten auch schlechte Zähne, das ist auch eine historische Tatsche. Pharaonen hatten ziemlich kaputte Zähne, die vom Sand zermahlen waren, und wegen der mangelnden/fehlenden Zahnhygiene. Soll man die Figuren auf der Bühne deswegen auch mit falschen Gebissen auftreten lassen, damit es historisch akurat ist?

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