Claudio Abbado (1933-2014)

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  • Claudio Abbado (1933-2014)

    Die Nachricht vom Tod Claudio Abbados veranlasst mich, diesen Thread zu eröffnen.


    Biographisches und Daten seiner Karriere kann man anderswo lesen. Hier nur ein paar Sätze zur Charakterisierung und wenige Erinnerungen an Konzerterlebnisse.


    Die ersten ca. 30 Jahre von Abbados Karriere kann ich nur anhand von Tonträgern beurteilen. Er hat schon immer herausragende Aufnahmen gemacht (man denke nur an einige Operneinspielungen aus seiner Mailänder und Wiener Zeit), er hat besondere Akzente durch sein politisches Engagement (zusammen mit Pollini und Nono) und seinen Einsatz für zeitgenössische bzw. gerade "klassisch-modern" werdende Musik gesetzt (z.B. die Gründung des Festivals "Wien modern"). Trotzdem hatte ich manchmal das Gefühl, dass Abbado gelegentlich doch zu sehr im Mainstream des Klassik-Betriebes und der Musikindustrie zu schwimmen drohte, auch noch zu Beginn seiner Zeit bei den Berliner Philharmonikern.


    Abbado hat dann aber die neben Günter Wand erstaunlichste "Alterskarriere" aller Dirigenten gemacht: geprägt durch den fast völligen Ausstieg aus dem institutionalisierten Orchesterbetrieb - nur die Berliner Philharmoniker hat er noch bis zuletzt einmal im Jahr dirigiert. Ansonsten widmete er sich ganz seinen unzähligen Orchesterneugründungen, häufig solchen mit jungen Musikern, aber auch einem einzigartigem Projekt wie dem "Lucerne Festival Orchestra". Schließlich öffnete er sich sogar der historischen Aufführungspraxis und gründete mit dem "Orchestra Mozart" ein Ensemble, das überwiegend auf period instruments spielte.


    Seit der Mitte der 90er Jahre habe ich Abbado immer mal wieder live gehört, überwiegend mit den Berliner Philharmonikern und mit dem Lucerne Festival Orchestra. Viele dieser Konzerte gehören zu den wunderbarsten Musikerlebnissen meines Lebens. Seine späten Bruckner- und Mahler-Dirigate waren überwältigend - niemals sonst habe ich die Musik dieser beiden Komponisten so singend, so wenig gewaltsam, so schön gehört. Das bedingte bei Mahler durchaus eine Zurücknahme von Brüchen, Grellheiten, Schärfen. Auch habe ich keinem Dirigenten mit Ausnahme von Carlos Kleiber so gerne zugeschaut wie Abbado. Er vermittelte dabei, andere Worte fallen mir nicht ein, Liebe und Zuneigung zur Musik und zu den Musikern. Zeugnisse von Sängern, Instrumentalsolisten, Orchestermitgliedern, aus denen tiefe Verehrung für Abbado spricht, gibt es zuhauf. Ich werde meine Live-Erlebnisse mit Abbado immer im Gedächtnis behalten und seine zum Glück überaus zahlreichen Tonträger (und Ton/Bild-Träger) immer wieder hören und ansehen.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Zitate aus dem Nekrologthread:

    Hmm, das ist wirklich traurig. Erst am Freitag hatte ich noch was Schönes über Abbado gelesen, was mir im Gedächtnis geblieben war:


    Danke für sehr viel schönes Musik-machen!


    Meine Stehplatzzeit in der Wiener Staatsoper und im Großen Musikvereinssaal fiel in die Jahre 1985 bis 1993. Unvergessliche Opernerlebnisse, unvergessliche Konzerte unter Claudio Abbados Leitung sind damit untrennbar verbunden. Etwa "Pelleas et Melisande" oder "Fierrabras", nicht nur das waren exemplarische Vorstellungen, Mahlers Zweite und Schönbergs Gurrelieder mit Jugendorchestern, Erinnerungen fürs Leben. Da ist wieder mal ein ganz, ganz Großer gegangen.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Danke für die schöne Würdigung, Bernd!


    Claudio Abbado stand nie so im Mittelpunkt meiner Hörerlebnisse. Live habe ich ihn leider nie erlebt, aber einige Aufnahmen sind mir doch immer wieder begegnet. Ganz bemerkenswert fand auch ich seinen Wandel im Alter, zumal die Aufnahmen mit dem Orchestra Mozart. Am beeindruckendsten fand ich Abbado immer als Konzertbegleiter, z. B. bei den Jahreszeiten mit Mullova, beim b-Moll-Konzert von Tschaikowsky mit Pogorelich, bei Chopin und Liszt mit Argerich, jüngst bei Mozarts Violinkonzerten mit Carmignola, um nur ein paar für mich besonders herausragende Beispiele zu nennen.

  • Um Caudio Abbado tut es mir herzlichst Leid.


    Was waren das für herrliche Rossini Abende an der Staatsoper mit ihm.


    Die Aufführungen der "Itaienerin in Algier" mit Agnes Baltsa und Ruggero Raimodi. "Il Vaggio a Reims", wobei ja die "Italienerin" es nie zu einer DVD brachte - ist eine Schande +


    wie er Gustav Mahler dem Publikum näher gebracht hat, verdient schon uneingeschränktes Lob.


    Denn seitdem er Wien verließ und Direktor Ioan Holender viele prominente SängerInnen gleich gar nicht einlud war ein Fehlgriff sondergleichen.


    Ich werde Claudio Abbado - nicht nur in den Neujahrskonzerten - eine beibende Erinnerung bewahren.


    Ich danke Gott das es ihn gab. Peter aus Wien.


    R. I. P. +

  • "Alterkarriere" klingt etwas schräg, da Abbado ja anders als Wand schon lange vorher ein internationaler Superstar gewesen ist, selbst wenn er umgänglich und weitgehend frei von divenhaftem Verhalten war.
    Klar, hat er schon vor der Berliner Chefposition viel "Mainstream" gemacht. Aber sich eben auch für Nono u.a. eingesetzt, um (mehr als) philologische Korrektheit bei Mussorgsky und Rossini bemüht und das Chamber Orchestra of Europe und das Gustav-Mahler-Jugendorchester (mit)gegründet. Von daher lassen sich die Aktivitäten der letzten 12 Jahre (Orchestergründung und HIP-Mozart) auch als Fortsetzung dieser Linie auffassen.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Meine persönlichen Erinnerungen an Claudio Abbado:


    Was Oper betrifft, so habe ich viele Werke in den späten 80er Jahren durch Stehplatzbesuche in der Wiener Staatsoper kennengelernt. Die meisten Premieren (und Folgevorstellungen dieser Premieren) dirigierte in der Ära Claus Helmut Drese (1986-1991) dessen Musikdirektor Claudio Abbado. Für mich war das eine große Opernzeit. Abbado Aufführungen entfalteten stets eine immense musikalische Spannung. Das waren zum Teil richtige Opernfeste. Einzig seine Repertoirevorstellung "Il barbiere di Siviglia" (1987), die erste (und Abbados letzte) Premiere der Ära Wächter/Holender "Boris Godunow" und die Miller Inszenierung "Le nozze di Figaro" (1991) habe ich nicht live gesehen. Mit dem "Rest" verknüpfe ich unvergessliche Opernabende:


    Carmen - hat er wie andere auch Repertoire dirigiert, die Zeffirelli Inszenierung (Premiere 1978 mit Kleiber), ich habe diese Oper zweimal mit Abbado gehört, einmal mit Baltsa/Luis Lima 1988 und einmal 1990, bei Carreras´ Rückkehr als Opernsänger in die Staatsoper (ebenfalls mit Agnes Baltsa), einen Tag nach "Lohengrin" mit Domingo


    Chowanschtschina - unvergesslich, ein ganz großes Werk, das hätte es ohne Abbado in Wien nicht gegeben, gibt es als CD Ausgabe und auf DVD. Eindringliche Regiearbeit von Alfred Kirchner, der in dieser Zeit auch viel am Burgtheater inszeniert hat.


     


    Don Carlo - eher konservative Inszenierung 1989, musikalisch für mich damals unglaublich intensiv, wie alle Abbado Dirigate


    Don Giovanni - hatte 1990 im Theater an der Wien Premiere, Inszenierung Luc Bondy, Ruggero Raimondi als Don Giovanni. "Skandalproduktion", weil sie aus technischen Gründen nicht in die Wiener Staatsoper übernommen werden konnte. Abbado war als Mozart Dirigent umstritten. Ich hatte kein Problem damit und hätte auch keines, stünde ich damit (weiter) allein.


    Elektra - Kupfer Regie mit Agamemon-Fuß im Bühnenzentrum, Elektra klammerte sich an Schnüre, die von oben herabhingen. Auch das war ein umstrittenes Abbado Dirigat. Ich fand die paar Aufführungen in denen ich drin war ungeheuer intensiv, und das lag ganz sicher nicht nur am Werk. Im Journalistengespräch in der gewaltigen Holender Bibel "Close up" meint der nach wie vor engagierte Abbado Gegner der Zeitung Die Presse, hier sei eine "Katastrophe" auf DVD nachprüfbar. Sicher kann er es besser und weiß genau, dass Richard Strauss dieses Dirigat nicht gefallen hätte. Zur Saisoneröffnung am 1.9.1989 war ich nach der Vorstellung endlich auch mal beim Portier Operngasse und habe mir mein Abbado Autogramm fürs Programmheft geholt. (Die Sänger kamen meist beim Portier Kärntnerstraße raus, Abbado auf der anderen Seite, mit Blick zu "Caruso", alles Vergangenheit...)




    Fierrabras - eines meiner eindringlichsten Opernerlebnisse. Zuerst Theater an der Wien mit dem Chamber Orchestra of Europe, dann Wiener Staatsoper. Eindringliche Ruth Berghaus Inszenierung, und ein Plädoyer für Schubert als Opernkomponist. Auch dank Harnoncourt, aber zuerst dank dieser Produktion gehöre ich zu denjenigen, die Schubert auch für einen genialen Opernkomponisten halten. Schubert für Wien als Opernkomponist wiederbelebt zu haben, war damals vor allem Claudio Abbados Verdienst.


     


    Il viaggio a Reims - das war ein Opernspektakel sondergleichen. Der König (ein Statist) ist durch die Stadt Wien in Richtung Oper kutschiert worden, dort hat Madame Cortese (Montserrat Caballe) und eine Schar an Spitzensängerinnen und -sängern ihn empfangen, und die Inszenierung hat das als große Show aufgezogen, mit Videoeinspielungen der Kutschfahrt während der Aufführung. Das war eine extrem teure Produktion, Drese und Abbado wurden deswegen angegriffen, aber das war halt Oper damals in Wien. Im ORF liefen in einem Programm die Liveübertragung aus der Oper, im anderen eine Livedokumentation mit Einblicken hinter die Kulissen. Drese wurde vom damaligen Unterrichts- und Kunstminister Zilk geholt, die bestmögliche Oper zu verwirklichen, Drese hat alles dafür getan, das wurde halt schnell zu teuer, dann musste sich Drese mit Kürzungen herumschlagen und führte Sponsoring ein. Il viaggio a Reims war purer Luxus - aber für uns Opernnarren ein köstlicher, melodienreicher und unvergesslicher.

    L' italiana in Algeri - eine der letzten Ponnelle Regiearbeiten, grandioses Rossini Musiktheater. Wie oper337 richtig feststellt: leider nur auf CD, nicht auf DVD verfügbar. Erste Premiere der Saison, in der auch "Il vaggio..." Premiere hatte. Wiener Kritikertenor: Zwei Rossini Premieren in einer Saison, muss das sein...



    Lohengrin - für mich unvergeßlich, mit Domingo 1990. Stehplatzanstellen die ganze Nacht davor, und am nächsten Tag gleich nach der Vorstellung wieder für die Carreras-Carmen. Mit Abbado konnte man meist die allerbesten Sängerbesetzungen hören, wir wurden verwöhnt. Den Wagner Orchesterklang unter Abbado live im Opernhaus gehört zu haben gehört für mich auch zu den bleibenden akustischen Eindrücken des Lebens. Liegt als DVD vor. (Die CD Aufnahme mit Siegfried Jerusalem entstand später.)



    Pelléas et Mélisande - eine der ganz wesentlichen Produktionen der Drese/Abbado Ära, szenisch wie musikalisch. Ich war damals in so ziemlich jeder Repertoirevorstellung, und wir Stehplatzler waren alle immer total bewegt nach diesen Opernabenden. Die CD Produktion erfolgte parallel, es ist kein Livemitschnitt.



    Simon Boccanegra - Premiere war 1984, noch in der kurzen Ära Maazel, diese auch beeindruckende Produktion blieb aber die Jahre darauf im Spielplan. So jemand wie ich war froh, so etwas im Repertoire unter Abbados Leitung sehen und hören zu können.

    Un ballo in maschera - das war die erste Abbado Premiere der Ära Drese, bei der Premiere sang Margaret Price, bei der Fernseh-Direktübertragung dann aber Einspringerin Gabriele Lechner, von Pavarotti großartig "mitgenommen".


    Wozzeck - Dresen/Kapplmüller Arbeit sechs Jahre vor deren "Ring" an der Staatsoper. Werk wie Interpretation gingen mir damals ungemein nahe. Bin froh, dass es das auf CD und DVD gibt.


     


    Dazu einige Konzerte, vor allem in lebendigster Erinnerung sind mir eine Mahler Zweite mit dem Europäischen Jugendorchester sowie im Konzerthaus die Schönberg-Gurrelieder mit den beiden damaligen Herzensprojekten Abbados, dem Europäischen Jugendorchester und dem Gustav-Mahler-Jugendorchester, dazu vor allem damals auch "Wien modern", ein ab 1988 stattfindendes herbstliches Musikfestival, bei dem etwa einen Monat lang zeitgenössische Musik aufgeführt wird. Abbado dirigierte die ersten Jahre meist mindestens ein Konzert dabei, etwa auch im Schömer Haus in Klosterneuburg, ein Bauwerk mit Galerien, wo man akustisch viel ausprobieren kann. Abbado hat damit für die zeitgenössische Musik in Wien ganz, ganz wichtige Impulse gesetzt.


    Zuletzt konnte ich ihn, seit dem Jahr 2000 in München lebend, auch hier noch einmal live erleben, mit Mahlers 4. Symphonie.


    Einer der prägendsten Dirigenten (wenn nicht der prägendste) meiner musikalischen Sozialisation. Obwohl ich schon (viel zu viele) Mahler Aufnahmen habe, möchte ich irgendwann alle Mahler Aufnahmen mit Abbado (Chicago, Wien, Berlin, Luzern), CD und DVD, kennengelernt haben. Zum Abschluss noch der Hinweis auf seine Aufnahmen der Zweiten Wiener Schule mit den Wiener Philharmonikern. Wenn jemand Probleme mit dieser Art von Musik hat empfehle ich immer diese Aufnahmen, denn die sind vielfach "so schön wie Mozart und Schubert" ;+) .


       

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Von daher lassen sich die Aktivitäten der letzten 12 Jahre (Orchestergründung und HIP-Mozart) auch als Fortsetzung dieser Linie auffassen.


    Klar sind diese Aktivitäten nicht aus dem Nichts entstanden und klar verhält es sich bei Abbado völlig anders als bei Wand. Seine Karriere war vor 2002 glanzvoll genug - gerade deshalb ist es beachtlich, dass Abbado sich nicht auf den Lorbeeren ausgeruht und gelegentliche Auftritte mit diversen Spitzenorchestern absolviert hat (wie viele seiner gleichaltrigen Kollegen: Mehta, Maazel, Haitink usw.). Stattdessen verabschiedete er sich mit der Ausnahme Berliner Philharmoniker vollständig von den institutionalisierten Spitzenorchestern. Ebenso von den Opernhäusern: der Falstaff 1998 an der Berliner Staatsoper dürfte seine letzte Arbeit an einem solchen Haus gewesen sein, sein letzter Auftritt bei den Salzburger Osterfestspielen war 2002 Parsifal. Danach Opernaufführungen nur noch mit den Orchesterneugründungen und neu zusammengestellten Ensembles an verschiedenen Orten, weitgehend ohne institutionelle Zwänge (was aber wohl nicht immer so gut geklappt hat wie bei der Orchestermusik, auch aufgrund von Abbados relativer Indifferenz bezüglich Regiefragen).


    Auch der Wandel zu einem anderen Musizierstil bei Werken der Wiener Klassik hat sich lange vorbereitet (was man anhand der Beethoven-Aufnahmen gut verfolgen kann). Und Anregungen aus der historischen Aufführungspraxis haben einige Dirigenten auch erst in relativ hohem Alter aufgenommen (z.B. Haitink). Trotzdem: mit über 70 Jahren sich noch einmal auf ein ganz anderes Musizieren mit Originalinstrumenten einzustellen, ist schon erstaunlich. Überhaupt haben m.E. Abbados Interpretationen nach seiner Krankheit und dem Abschied von Berlin nochmal eine andere Richtung genommen.


    Eine gewisse Verengung seines Repertoires war wie bei anderen Musikern im Alter auch bei ihm zu beobachten. Von der Moderne hatte er sich (mit Ausnahme Strawinsky und Berg) weitgehend verabschiedet. Nochmal alle Mahler-Sinfonien (außer der Achten), nochmal seine Lieblingswerke von Bruckner, nochmal die Fantastique von Berlioz, nochmal - das war ab 2014 in Luzern geplant - alle Orchesterwerke von Brahms. Aber er hat doch auch noch Neuland betreten, z.B. seine erste Aufnahme einer Schumann-Sinfonie überhaupt, die Zweite mit dem Orchestra Mozart 2012.


    Natürlich hat Abbado zuletzt auch die Früchte seiner früheren Arbeit geerntet: die Musiker im Lucerne Festival Orchestra stammen ja größtenteils aus Orchestern, die er vor 2002 dirigiert hat.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Ich erlebe es tatsächlich zum ersten Mal, dass mich der Tod eines Künstlers wirklich traurig macht.


    Mit Abbado habe ich die klassische Musik kennengelernt. Meine erste klassische CD war Mahlers 4. mit Abbado und den Wienern, mein erstes Konzert war Beethovens 3tes Klavierkonzert und die Bilder einer Ausstellung mit den Berlinern. Die Hochphase meiner Konzertbesuche fiel mit Abbados Wirken in Berlin zusammen, keinen Dirigenten habe ich öfters live erlebt. Insofern hat mich die Art, wie er Musik mache, vermittelte, seine physische Signatur beim Dirigieren, entscheidend geprägt.


    Bernd hat es schön gesagt, ich kann mich anschließen. Einige der wunderbarsten, schönsten Musikerlebnisse live hat mir Abbado (mit Hilfe ihm folgender Musiker) bereitet. Da ist die Erinnerung an Mahler (Sinfonien 2, 6 und vor allem neun...unfassbar, nicht beschreibbar.) Verdi...das Requiem, Otello und Fallstaff, der Brahmszyklus ...und und und. Unvergessen auch sein Abschiedskonzert in Berlin.


    Für die Musikwelt ein schmerzlicher Verlust, wie er sich aber Jahr für Jahr vielfach ereignet. Für mich tatsächlich eine neue schmerzliche Erfahrung. Die Gewissheit, "seine" Musik nie mehr live erleben zu dürfen, macht mich traurig.


    Gruß
    Sascha


    "You realize that it’s not necessary to own 50 Beethoven cycles, 46 of which you never play, when you can be just as happy with 20 of them, 16 of which you never play.
    "
    , David Hurwitz

  • Abgesehen von Musorgski-Schostakowitsch hat er nie Schostakowitsch aufgenommen, stimmt doch, oder? Sehr schade, Man könnte sich gut eine Vierte im Decca-Klanggewand vorstellen oder eine Lady Macbeth. Mochte er Schostakowitsch nicht oder wollte er die Kritik nicht riskieren, dass er einen Parteibuchkommunisten dirigiert? Dafür gibt es manchen Tschaikowski unnötigerweise doppelt bis dreifach, zum Teil sehr gut, zum Teil routiniert-langweilig.


    Besonders am Herzen liegt mir der Berliner Brahms-Zyklus (Sinfonien und Chor-Orchester-Werke), die Wiener Chowanschtchina, Das Album mit den orchestrierten Schubert-Liedern mit Quasthoff und von Otter, manche Mahler-Aufnahme (hoffentlich kommt das LvdE noch auf CD!), ... u.v.a.

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Abgesehen von Musorgski-Schostakowitsch hat er nie Schostakowitsch aufgenommen

    Doch, ein bisschen:


    Kenne ich aber leider nicht. Auf den ersten Blick jedenfalls eine ungewöhnliche Besetzung für dieses Werk. Kennt die Aufnahme jemand?

  • Ich weiß es nicht genau, aber Abbado könnte auf der Avantgarde-Linie gewesen sein, die Schostakowitschs Musik weitgehend als rückständig abgelehnt bzw. schlicht ignoriert hat. Es gibt mit ihm, wenn ich recht erinnere, auch keinen Sibelius und nur wenig Richard Strauss. Und ich habe mich immer gefragt, ob es das 3. Bartok-KK nicht mit ihm und Pollini gibt, weil eben keine zweite Platte zustande gekommen ist oder weil es ihm oder Pollini nicht "modern" genug war.


    Ich besitze die Einspielung des Violinkonzerts in einer der "weißen" Sony-Boxen; habe die aber wegen anderen Sachen gekauft und bin nicht sicher, ob ich diese CD daraus schon gehört habe.
    Bei Sony gibt es übrigens auch die Faust-Szenen, außer dem Klavierkonzert (Pollini, Perahia...) anscheinend fast der einzige Schumann, den er aufgenommen hat.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • anscheinend fast der einzige Schumann, den er aufgenommen hat.

    Stimmt, war mir nie aufgefallen. Warum wohl so wenig Schumann, dafür aber z. B. viel Mendelssohn?
    Immerhin gibt es ja eine recht neue Veröffentlichung von Schumanns Nr. 2:


    "Seriös fesselnde Interpretation" steht da unter den Pressestimmen bei jpc. Hm. Weiß jemand mehr?

  • Manches mag auch äußerliche Gründe haben. Als Abbado in den 80ern für DG Sinfonien von Beethoven, Mendelssohn, Schubert komplett, dazu einiges an Mahler und Bruckner aufgenommen hat, kamen etwa gleichzeitig Schumann-Zyklen mit Bernstein, Levine und Sinopoli? heraus. Anders als Beethoven oder Brahms meinte man vielleicht, davon nicht noch einen weiteren Zyklus verkaufen zu können.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Guten Tag.


    Chowanschtschina - unvergesslich, ein ganz großes Werk, das hätte es ohne Abbado in Wien nicht gegeben, gibt es als CD Ausgabe und auf DVD. Eindringliche Regiearbeit von Alfred Kirchner, der in dieser Zeit auch viel am Burgtheater inszeniert hat.


    Ja. eindeutig eine der besten Aufnahmen die Claudio Abbado hinterlassen hat. Aber die CD-Ausgabe und die DVD-Ausgabe sind nicht so ganz identisch.


    Abgesehen von Musorgski-Schostakowitsch hat er nie Schostakowitsch aufgenommen, stimmt doch, oder?


    Leider ja. Als Claudio Abbado sich offiziell von Berlin verabschiedete, hatte er "König Lear" von Schostakowitsch gespielt. Vielleicht möglicherweise eventuell schummert eine Aufnahme davon irgendwo in Archiv. Aber es ist nur meine Vermutung…


    Bei Sony gibt es übrigens auch die Faust-Szenen, außer dem Klavierkonzert (Pollini, Perahia...) anscheinend fast der einzige Schumann, den er aufgenommen hat.


    Ein bisschen mehr schon:


     


    Schönen Tag.
    Penthesilea

    Auch Rom wurde nicht an einem Tag niedergebrannt - Douglas Adams

  • In der Kassette "Claudio Abbado Edition vol. 3" befinden sich auch die Konzertstücke op. 92 und op. 134 von Schumann (Solist: Perahia), immer noch selten gespielt. Man kann also fast schon von besonderer Bemühung Abbados um Schumann sprechen-

  • Ich weiß es nicht genau, aber Abbado könnte auf der Avantgarde-Linie gewesen sein, die Schostakowitschs Musik weitgehend als rückständig abgelehnt bzw. schlicht ignoriert hat. Es gibt mit ihm, wenn ich recht erinnere, auch keinen Sibelius und nur wenig Richard Strauss.


    Wie etwa Boulez und Gielen, wenn auch nicht ganz so rigoros. Das ist möglich, allerdings gehört Abbado ohnehin zu einer Dirigentengeneration, für die Schostakowitsch nicht von vornherein zum Kernrepertoire zählte - auch Maazel oder Abbados Wiener Studienfreund Mehta haben nur sehr wenig Schostakowitsch dirigiert. Sibelius ist allerdings eine auffällige Lücke, die er ebenfalls mit den "Hardcore-Moderne"-Verfechtern wie Boulez und Gielen gemeinsam hat.


    Was Richard Strauss betrifft: Da hatte Abbado ein relativ kleines Repertoire, das er allerdings immer wieder und bis zuletzt dirigiert hat: Don Juan, Till, Tod und Verklärung, diverse Orchesterlieder, insb. die vier letzten, sowie die Burleske für Klavier und Orchester. Von den Opern hat er m.W. nur Elektra gemacht, die ihm anscheinend besonders am Herzen lag und die er in zwei Produktionen einstudiert hat (Wien 1989, wie oben von Alexander beschrieben, und Salzburg 1995 mit den Berliner Philharmonikern). Vom Rosenkavalier nur konzertante Auszüge. Für Juni 2014 war mit den Berliner Philharmonikern zum Jubiläum ein Strauss-Konzert mit symphonischen Dichtungen geplant.


    Bei Schumann müsste man nachschauen, ob er vor 2012 überhaupt eine der Sinfonien aufgeführt hat. Das wäre schon eine merkwürdige Lücke, gerade angesichts der im Thread aufgeführten Vorliebe Abbados für einige weniger häufig aufgeführte Werke Schumanns.



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Diese Box möchte ich auch noch anführen, die habe ich geliebt, mit der habe ich erstmals alle Schubert Symphonien durchgehört - und auch so ein Kuriosum wie die Joachim-Orchesterfassung des Grand Duo kennengelernt.


     


    Und nicht nur bei diesem KV 488 war ich drin, eines der vielen unvergesslichen Abbado Konzerte in Wien (September 1986, Konzerthaus)...
    "http://www.youtube.com/watch?v=t2tNr9Po118"
    "http://www.youtube.com/watch?v=XXWB4d2goIs"
    "http://www.youtube.com/watch?v=evmyB5DONQg"

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Abbados Schumann bei den Salzburger Festspielen, habe auf die Schnelle nur zwei Werke im Archiv gefunden, keine Symphonie dabei:


    Ouvertüre zu Genoveva 1973:
    "http://www.salzburgerfestspiele.at/archivdetail?programid=2662&id=0&sid=32"


    Klavierkonzert mit Perahia 1993:
    "http://www.salzburgerfestspiele.at/archivdetail?programid=1542&id=0&sid=11"


    Berliner Philharmoniker Abbado/Schumann könnte man hier recherchieren (wer Zeit und Lust hat):
    "http://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/archiv/"

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • In der Kassette "Claudio Abbado Edition vol. 3" befinden sich auch die Konzertstücke op. 92 und op. 134 von Schumann (Solist: Perahia), immer noch selten gespielt. Man kann also fast schon von besonderer Bemühung Abbados um Schumann sprechen-


    Ja, und die Szenen aus Goethes Faust auf 2 CDs in eben derselben Schachtel nicht zu vergessen!

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Habe mir mal die Zeit genommen, fünf Spielzeiten der Berliner durchzusehen, bis auf die Faustszenen kein Schumann dabei. Man muß sich wohl damit abfinden, daß der ihm aus irgendeinem Grund nicht recht lag und er sich nur für einzelne Werke interessierte.

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

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