BADARZEWSKA-BARANOWSKA: Gebet einer Jungfrau - ein Gipfelwerk?

  • Sonderbarerweise ist es auch melancholischer und harmonisch geringfügig abwechslungsreicher (und klingt nach Filmmusik für Alpenromanzen oder Bayernkrimis). Die Titel würden irgendwie umgekehrt viel besser auf die Musikstücke passen...

    Ob man jetzt die Titel umdrehen muss, will ich nicht entscheiden, aber es ist schon etwas mehr dran an dem "erhörten Gebet", auch wenn auch da irgendwie ab der Mitte nichts mehr passiert. Die Figurationen "klingen" irgendwie mehr...

    Populärmusik hat doch die Hauptaufgabe, eine Art Lebensgefühl zu transportieren und innerhalb dessen bestimmte Emotionen zu kitzeln. Die Reduktion auf eine Variationsfolge, die kaum variiert, unterstützt das. Man muss als Hörer, um den Erfolg des Stückes zu verstehen, also durch das musikalische Thema entzückt und emotional angeregt sein. Ich krieg das hin.

    Herzlichen Glückwunsch! na gut, wenn man sich Mühe gibt... Aber irgendwie ist man von moderner "Populärmusik" doch eine andere Ereignisdichte gewöhnt, zumindest von gut gemachter, und die jibbet ja nu mal auch. Is ja nich alles "Plastikmusik von heute", da gibts Unterschiede, und die gabs früher auch schon, deswegen habe ich mich ja dagegen gewehrt, das Stück mit "ist halt Populärmusik, die hatte eine bestimmte Funktion, die man kulturgeschichtlich würdigen kann" zu verteidigen.

    Nordrhein-westfälische Abiturient/innen werden beauftragt, das "Gebet" mit Schumann ("Träumerei") und Beethoven (op. 111) zu vergleichen.

    Das ist nicht uninteressant, immerhin wird die "Träumerei" ja auch gern als Kitsch gehört. Und diente schon Schönberg in seiner berühmten Analyse als Beispiel für eine strukturell absolut un-stereotype Formgebung und Gestaltung.
    Manches, was als Kitsch gehört wird, ist auch nicht mehr als Kitsch, manches dagegen ist eine Perle...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Zitat

    Sollte es nicht möglich sein, heute eine Wertung ohne Häme zu schreiben? Oder berührt das Werk tatsächlich noch so, dass da solche Emotionen kochen?


    Ich glaube, besonders hämisch oder emotional waren meine Beiträge jetzt nicht. Schon im Vergleich mit dem erhörten Gebet finde ich das Gebet einer Jungfrau nicht sonderlich berührend. Es ist einfach sehr simpel, nicht mal besonders schrill oder süßlich. In der Hinsicht haben deutsche Schlager der 1970er mehr zu bieten.


    Immerhin werden hier Kriterien, überprüfbare Kriterien genannt. Zwar wird ihre Inspiration als beschränkt, aber immerhin als vorhanden, ihre Beherrschung des Handwerks anerkannt - alles mehr, als ich aus den doch zum Teil mehr als abwertenden Charakteristiken hier las.


    Solche "melodischen Einfälle" hatte ich auch schon. Es ist einfach nichts Besonderes. Die Beherrschung des Handwerks, die der Badarzewska niemand absprechen wird, besteht zunächst einmal im simplen Fakt, dass sie ihren Einfall in eine abdruckbare Form zu bringen vermochte. Sie konnte sich auf dem Klavier ausdrücken und diesen Ausdruck in Noten festhalten.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Man kann das Stück ja schwer beurteilen, wenn man sonst nichts aus der Populärmusikproduktion der Zeit kennt.
    Der Radetzkymarsch und seine Dreiviertelgeschwister sind ja schon wieder eine Schublade weiter.


    Warum ein Gebet schrill sein soll, erschließt sich mir nicht. Dieser Kritik, dass es nicht "besonders schrill oder süßlich" sei, kann man ja schon entnehmen, dass der Autor mit der zu evozierenden Gefühligkeit nichts anfangen kann und zu sehr von der später kommenden Unterhaltungsproduktion aus denkt oder empfindet. Vielleicht mal etwas Waldmüller tanken und dann nochmal probieren.
    ;+)

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Warum ein Gebet schrill sein soll, erschließt sich mir nicht. Dieser Kritik, dass es nicht "besonders schrill oder süßlich" sei, kann man ja schon entnehmen, dass der Autor mit der zu evozierenden Gefühligkeit nichts anfangen kann und zu sehr von der später kommenden Unterhaltungsproduktion aus denkt oder empfindet. Vielleicht mal etwas Waldmüller tanken und dann nochmal probieren.


    Ich glaube, mit dem erhörten Gebet von der selben Komponistin im Tank fährt man hier auch schon recht gut. Vergleichsweise schrill und süßlich finde ich dieses Stück dann schon. Die Melodie, die kurz nach einer Minute in dem von mir angegebenen YT-Video einsetzt, ist schon ziemlich kitschig und klischeehaft. Das berührt mich mehr als das Ausgangswerk dieses Threads. Dafür ist der melodische Einfall dort eben nicht sehr weit gediehen.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Was ist denn daran schrill? Kann ich nicht nachvollziehen. Es ist etwas komplizierter und erinnert mehr an Kunstmusik. Vielleicht auch deshalb weniger Charts-geeignet?


    Welches Stück bleibt leichter und hartnäckiger im Ohr kleben?
    :P

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  • Was ist denn daran schrill? Kann ich nicht nachvollziehen.


    Ok, vielleicht passt dieses Prädikat hier auch nicht. Aber so fesselnd finde ich die Stücke nun auch wieder nicht, dass ich mich bemüßigt fühlte, eine konsistente Kitsch-Theorie zu entwickeln.

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  • Is ja nich alles "Plastikmusik von heute", da gibts Unterschiede, und die gabs früher auch schon, deswegen habe ich mich ja dagegen gewehrt, das Stück mit "ist halt Populärmusik, die hatte eine bestimmte Funktion, die man kulturgeschichtlich würdigen kann" zu verteidigen.

    Offenbar wird's ja heute noch gedruckt und gespielt! Und ich hab's jetzt oft genug gehört, dass ich es als Ohrwurm zu denen von ABBA, den Beach-Boys etc. in meinem Populärrepertoire ablegen kann. Merkwürdig ist wirklich der Unterschied, dass bei den beiden Badarzewska-Stücken konsequent nur ein Gedanke eingefroren wird, während die Pop-Musik zumindest zwei Wendungen pro Song haben möchte. Die Salonmusik kommt mir also vergleichsweise kontemplativer vor. Ist aber vielleicht zu schnell geschossen.

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  • Merkwürdig ist wirklich der Unterschied, dass bei den beiden Badarzewska-Stücken konsequent nur ein Gedanke eingefroren wird, während die Pop-Musik zumindest zwei Wendungen pro Song haben möchte.

    Vielleicht ein Reflex dessen, was wir bei der "Hochklassik" "Materialökonomie" nennen?


    dafür sind die Figurationen reichhaltiger als in Pop-Musik... die zumindest ansatzweise "virtuose Anmutung" gehört schon dazu, es soll ja irgendwie nach Hochkultur klingen, zumindest für die, die sie nicht kennen.
    Während Popmusik immer irgendwie einen Funken "Authentizität"=Ungekünsteltheit transportieren muss. also etwas fast schon gegenteiliges...

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  • Während Popmusik immer irgendwie einen Funken "Authentizität"=Ungekünsteltheit transportieren muss. also etwas fast schon gegenteiliges...


    Wobei die (zumindest früher) häufig auftretenden Gitarren-(oder Keyboard- Sax-...) Soli schon recht virtuos sein können/konnten.
    Genauso auch manche Begleitfiguren (Funkybässe etc.).

    zwischen nichtton und weißem rauschen

  • Wobei die (zumindest früher) häufig auftretenden Gitarren-(oder Keyboard- Sax-...) Soli schon recht virtuos sein können/konnten.
    Genauso auch manche Begleitfiguren (Funkybässe etc.).

    Stimmt. Nur - bloß nicht zu virtous - vor Allem nicht zu auffallend virtous... oder sollte man sagen: wenn virtuos, dann auf jeden Fall dem Rhythmus dienlich - die Funky-Bässe jetze... Die Grenze bildet jedenfalls die Aufnahmefähigkeit des Gehörs der angenommenen Zielgruppe, während sie bei den im 19.Jh. verlegten Salonstückchen bei den spielerischen Fähigkeiten der anvisierten "höheren Töchter" lag. Eigentlich sollte man bei der Konstellation annehmen, daß moderne Popmusik virtuoser sein darf...
    Daß sie das nicht ganz so oft ist, versuchte ich mir mit den verschiedenen Projektionsinhalten "klassische Virtuosität" versus "Authenzität" zu erklären.

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  • Beiträge 44 - 58 - 60

    Beitrag 58 würde ich zustimmen, die Reaktion in Beitrag 60 entzieht sich meiner Assoziationskraft. Liegt in Beitrag 44 die Wahrheit?


    Ich poker mal mit; geschissen habe ich heute schon. :P


    In milder Verwirrung: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Lieber andréjo,


    ich werde gerne versuchen, Dir meine Meinung neu zu formulieren. Wenn Du das OP anschaust, so darf ich den ersten Abschnitt zitieren:


    Zitat

    Heute las ich mal wieder im Forum, dass man sich ihr erinnerte, der Polizistentochter Thekla Badarzewska-Baranowsky. Doch ihr Name ist wohl den wenigsten geläufig, wohl aber der Erfolgstitel der 22jährigen - und tatsächlich wohl eher der Titel als die Musik selbst: Das Gebet einer Jungfrau. Kommt da nebst dem schlechten Ruf eines Salonstückes nicht ein Stück viktorianische Verklemmtheit zum Ausdruck, scheint doch Sexualität und Religion hier im Bunde, also ein schlagendes Beispiel für Kitsch, eine selbstredende Verlogenheit, über die wir heute doch so souverän stehen?


    Da findest Du schon die Stichwörter, auf die ich im folgenden reagiert habe (ich habe sie der Einfachkeit haber unterstrichen): das eine war der Titel des Stückes (areios ist darauf als erster eingegangen), weiter der schlechte Ruf (was soll das anders als ein Rezeptionsphänomen sein?), es folgt "Kitsch", darauf habe ich ausführlicher geantwortet, und dann "Verlogenheit", was in der Umkehr auf die Frage der "Wahrheit der Kunst" zielt.


    Wie kann man dann behaupten, ich habe immer auf diese Begriffe abgelenkt, wenn diese doch gerade der Ausgangspunkt meiner Gedanken waren? Ich mache es niemanden zum Vorwurf, seine eigene Gedanken zu dem Stück zu machen, die Diskussion durch andere Aspekte bereichert haben. Wenn ich mich aber geäußert habe - und da habe ich mich bis dato eher zurück gehalten, um einfach mal Gesichtspunkte sich sammeln zu lassen - habe ich Antworten auf meine Ausgangsfragen zurückgeführt, wer "Taube" sehen will, verkehrt hier einfach die Kausalität.


    Er mag ja durchaus der Meinung sein, ich sollte mich über andere Aspekte des Stückes noch äußern. Aber er kann mir doch nciht vorwerfen, dass ich auf meinen Ausgangsfragen, die noch bei weitem nicht beantwortet sind, beharre.


    Dass ich im Folgendem versuche, Argumente gegen den "schlechten Ruf" zu sammeln und nicht gleich in die Einstimmigkeit des Urteils auch selbst einstimme, kann doch gerade die Argumentation interessanter machen, als dass alle sich in holder Einigkeit auf den Rücken klopfen. Und mich als begeisterten (Zu-)Hörer als "Tauben" zu bezeichnen, zeichnet sich nicht durch Anstand und Herzensbildung aus. Nun bin ich ja kein Neuling und kann dann auf solche Zuwendung verzichten :D


    Dass das Thema für mich einige satirische Aspekte hat, will ich nicht verleugnen. Deshalb habe ich auch so ausführlich aus dem Booklet zitiert. Ich sehe also durchaus diese Aspekte, darf mir aber vorbehalten auch andere zu akzentuieren.


    Was ist nun so schwierig in meiner Antwort auf eine reichlich unfreundliche Anrede? Dass ich sie "unfreundlich" genannt habe? Das erläutere ich gerne noch ausführlicher, wenn ich auch meine, dass man das eher in den Thread "Warum schreiben Neulinge so wenig" setzen könnte. Diesen Thread denke ich aber nicht fortzusetzen ... Aber per PN antworte ich Dir gerne.


    Liebe Grüße Peter
    (dem die notwendige Abgrenzung zwischen Salonstück und Popmusik bislang doch schmerzlich fehlt, inwieweit da ein tertium comparationis des Erfolges ausreicht, will mir nicht einleuchten. Ich bleibe mal bei der Rezeption: Popmusik wendet sich an ganz andere Hörerschichten als Salonmusik, Popmusik ist nicht zuletzt Tanzmusik, Salonmusik ist das definitiv nicht)

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Werter Peter Brixius!


    Meine Antwort war nicht frei von Spott, aber keineswegs gegen Dich gerichtet. Allerdings habe ich nicht ganz verstanden, wieso Du derart herb auf Philberts Kommentar reagiert hast, der für meinen Geschmack ein wenig anzüglich, aber gewiss nicht gegen Dich als Person gerichtet und gewiss auch nicht sonderlich schroff war. Ich sehe auch keinen Zusammenhang zwischen Deiner Person und irgendwelchen Tauben.


    Zugegebenermaßen habe ich jedoch größte Probleme mit dem Gegenstand der Bemühungen in diesem Thread. Man kann sich mit der Aura des Stücks befassen - was hier auch auf sehr interessante Weise geschieht - aber doch nicht mit dem Stück per se. Um Himmelwillen! Dann müsste ich auch die Musik einer Lena per se ernst nehmen.


    In jedem Fall: Nichts für ungut!


    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Man kann sich mit der Aura des Stücks befassen - was hier auch auf sehr interessante Weise geschieht - aber doch nicht mit dem Stück per se. Um Himmelwillen! Dann müsste ich auch die Musik einer Lena per se ernst nehmen.

    Das geht mir genau so, und daher beobachte ich erst mal, wie sich dieser thread entwickelt.
    Bisher ist es hochinteressant, aber ich habe die Idee hinter dem Hühnchen (sorry, das könnt Ihr nicht wissen, denn das ist bei uns im Orchester ein geflügeltes Wort geworden seit unserer "Ein Käfig voller Narren" Produktion vor über 10 Jahren- da kam dieser Satz vor) noch nicht völlig verstanden.

  • (dem die notwendige Abgrenzung zwischen Salonstück und Popmusik bislang doch schmerzlich fehlt, inwieweit da ein tertium comparationis des Erfolges ausreicht, will mir nicht einleuchten. Ich bleibe mal bei der Rezeption: Popmusik wendet sich an ganz andere Hörerschichten als Salonmusik, Popmusik ist nicht zuletzt Tanzmusik, Salonmusik ist das definitiv nicht)

    Nun, wohlan, wer würde es Dir verdenken, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen?
    Zu dem zweiten Deiner beiden Abgrenzungskriterien fand ich in wikipedia:

    Zitat

    Die Salonmusik als Genre setzt sich vorwiegend aus Bearbeitungen von Opern- und Operetten-Arien sowie von Gesellschaftstänzen zusammen.

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  • Ich darf, bevor ich fortfahre, ein erstes kleines Resumé einschieben: Ein Großteil der bisherigen Antworten befassten sich mit einer Wertung. Um eine Äußerung aus einem anderen Thread aufzunehmen: Man/frau schrieb, dass das Stück schlicht schlecht sei. Dazu wurde in einem Einzelfall der mangelnde Aufwand an kompositorischer Verarbeitung des Materials angeführt. Was Beethoven aus schäbiherem Material herauskitzeln konnte, ist bekannt. Gegen das Argument ist nichts einzuwenden, es trifft mE zu.


    Ich möchte das zunächst einmal durch ein weiteres Argument unterstützen: der Habitus des Werkes zielt in die hochkünstlerische Klassik. Dieser Anspruch wird aber nur vorgetäuscht, er wird in keinem Fall eingelöst. Deshalb ist das Stück aber nicht "schelcht", es ist mE schlicht. Den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann man dem Stück zum Vorwurf machen. Aber muss man es?


    Es ist mE perfekt für Interpreten und Rezipienten geschrieben. Interpret ist nun nicht ein Thalberg oder ein Liszt, auch kein Kozeluch. Hier wird einem Amateur bzw. einer Amateurin die Chance gegeben, vor einem gegebenen Publikum zu glänzen. Dieses Publikum sind nun nicht die Kenner, die die Struktur des Stückes durchschauen und die Leistung des Darbietenden einzuschätzen wissen. Es ist der erweiterte Familienkreis, zu dem einige Bekannte eingeladen worden sind. Die Interpretin stellt nicht nur ein Stück, sie stellt sich selbst vor, ihre Kunstfertigkeit - und ihre Gefühlswelt. Das Stück ist wie ein Container, der ein bestimmtes Gefühl - sagen wir "Sehnsucht" - liefert, der Interpretin dank seiner Machbarkeit aber auch die Gelegenheit bietet, eigene Akzente zu setzen.


    Statt einer Verhunzung der "Mondscheinsonate" eine adäquate Interpretation des "Gebets einer Jungfrau" - was ist daran auszusetzen? Aber die Perfektion des Stückes zeigt sich ja nicht nur an der Interpretin, sie zeigt sich am Publikum.


    Dazu im nächsten Beitrag ...


    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Jetzt hast Du wieder Funktion und Habitus des Stückes verortet und eine Ehrenrettung der Salonmusik als solcher vorgenommen, find ich ja soweit begrüßenswert. Nur, es wurde ja nun nicht nur von mir angemerkt, daß das fragliche Stück auch innerhalb dieses Kontextes eher kein Glanzlicht sei. Darüber hilft auch die Wiederholung der kulturgeschichtlchen Einordnung nicht hinweg.

    (dem die notwendige Abgrenzung zwischen Salonstück und Popmusik bislang doch schmerzlich fehlt, inwieweit da ein tertium comparationis des Erfolges ausreicht, will mir nicht einleuchten. Ich bleibe mal bei der Rezeption: Popmusik wendet sich an ganz andere Hörerschichten als Salonmusik, Popmusik ist nicht zuletzt Tanzmusik, Salonmusik ist das definitiv nicht)



    Zitat
    Die Salonmusik als Genre setzt sich vorwiegend aus Bearbeitungen von Opern- und Operetten-Arien sowie von Gesellschaftstänzen zusammen.

    Also "Tanzmusik" aus Abgrenzungsmerkmal haut schon mal nicht hin. Ich hatte ja schon mal "Hochkulturassonanzen" versus "Authenzitätsanstrich" vorgeschlagen... Kannst Du damit mehr anfangen?

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Ich möchte das zunächst einmal durch ein weiteres Argument unterstützen: der Habitus des Werkes zielt in die hochkünstlerische Klassik. Dieser Anspruch wird aber nur vorgetäuscht, er wird in keinem Fall eingelöst. Deshalb ist das Stück aber nicht "schelcht", es ist mE schlicht. Den Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kann man dem Stück zum Vorwurf machen. Aber muss man es?


    Muss man nicht, aber es ist eben schon ein Einwand. Aber auch wenn man hochkünstlerische Finessen wie Durcharbeitung des thematischen Materials beiseitelässt, so können andere populäre und einfache Musikstücke z.B. eine charmante Melodie für sich verbuchen. Auch in der Hinsicht kann ich keinen besonderen Reiz erkennen.


    Jetzt hast Du wieder Funktion und Habitus des Stückes verortet und eine Ehrenrettung der Salonmusik als solcher vorgenommen, find ich ja soweit begrüßenswert. Nur, es wurde ja nun nicht nur von mir angemerkt, daß das fragliche Stück auch innerhalb dieses Kontextes eher kein Glanzlicht sei. Darüber hilft auch die Wiederholung der kulturgeschichtlchen Einordnung nicht hinweg.


    Na ja, die Funktion des Stückes ist ja noch ein anderes Kriterium als eine retrospektive kulturhistorische Einordnung. Einerseits ist es ein leicht zu spielendes Stück. Dann wäre die Frage, ob es ein dankbares Stück ist. Also wieviel Wirkung man mit geringem Können erzielen kann. Andererseits eignet sich ein Stück vielleicht besser oder schlechter als Projektionsfläche für das Publikum.
    Nur ist es bei der Projektion eben so eine Sache, weil sie ja relativ unabhängig von der Beschaffenheit eines Stücks passieren kann. Da sind andere Faktoren mindestens ebenso wichtig.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Eigentlich hatte ich mir ja immer wieder vorgenommen, mich hier nicht zu wort zu melden, aber da es nun schon zum wiederholten Male in den Raum gestellt wurde, will ich da:

    Einerseits ist es ein leicht zu spielendes Stück. Dann wäre die Frage, ob es ein dankbares Stück ist. Also wieviel Wirkung man mit geringem Können erzielen kann.


    doch einmal einhaken.
    Stimmt das eigentlich wirklich? Ist das "Gebet einer Jungfrau" ein leicht zu spielendes Stück?
    Wenn ich mir die Noten ansehe und versuche, ein paar Akkorde oder die Melodielinie zu treffen, habe ich daran erhebliche Zweifel. Es ist sicher kein virtuoses Stück, aber die "höhere Tochter", die das "Gebet einer Jungfrau" technisch beherrscht, kann auch einen Walzer oder ein Nocturne von Chopin, ein Impromptu von Schubert oder ein paar "Lieder ohne Worte" von Mendelssohn spielen.
    Demzufolge wäre es eben gerade kein dankbares Stück. Man muss gut Klavier spielen können und kräftig üben, und das für ein Stück, dessen musikalische Faktur sich mit den genannten Stücken anderer Romantiker offenbar (und für mich völlig einsichtig) nicht messen kann.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wenn ich mich hier nochmals zu Wort melden darf - aber eigentlich wiederhole ich mich nur:


    Warum ist das Stück meines Erachtens nicht schlicht, sondern schlicht schlecht? (Schaut Euch die Noten an (zum Beispiel bei imslp)!)


    Weil es das dürftige Material - die nichtssagende Melodie - auf dürftige Weise ausreizt - mehrfache Wiederholung pseudovirtuosen Materials in geringfügigen Abwandlungen, die keinerlei harmonischen Reiz aufweisen. Weil im Mittelteil nichts Neues erscheint, sondern eine unverhohlen banale Veränderung. Weil die nicht ganz leicht zu spielenden, aber natürlich auch nicht technisch anspruchsvollen Arpeggien Virtuosität nur vortäuschen. Weil der Schluss schließlich den Höhepunkt der Banalität darstellt. Statt einer Stretta, statt akkordischer Ballungen werden leere Oktaven wiederholt!


    Es tut mir leid - aber das Gebet einer Jungfrau kann ich nur als Parodie von Salonmusik auffassen. Gelungene Salonmusik ist etwas ganz anderes. Man nehme aus den einschlägigen Sammlungen die Melodie in F von Rubinstein oder Frühlingsrauschen von Sinding. Selbst das Geklingel eines Kontzky oder das Edelweiß von Lange atmet bei Weitem mehr Musikalität.


    Weiter oben wurde die Meinung vertreten, Pour Adeline sei besser als das Gebet der Thekla. Von mir aus. Doch da setzt für mich jetzt das Rezeptionskriterium ein und ich werde unlustig. :P Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert der höheren Töchter. Clayderman hat mit seinem Stuss viel Geld verdient - die früh verstorbene Badarzewska gewiss nicht. Deshalb diskutiere ich noch über das Gebet, aber nicht mehr über Adeline; ich mag einfach nicht. :P :D Das eine ist Geschäftemacherei, das andere erhebt einen erzieherischen Anspruch nach der Devise, dass schlechte Musik, die geringfügig fordert und einen gewissen Eindruck macht, immer noch besser ist als überhaupt nicht zu musizieren.


    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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