Eben gewälzt

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  • Schließlich Feynman: Den gibt es kostenlos im Internet.

    Nachtrag:
    Im Link (s.o.) sind etliche Vorlesungen auf Video zu haben.
    Video linke Bildschirmhälfte, Text zum Mitlesen auf der Rechten.
    Ich finde diese Vorlesung hier nahezu paradigmatisch und zudem sehr gut verständlich.
    Man sehe drüber hinweg, dass das Mikro mit dem Feynman ausgerüstet war, ein langes Kabel mit Verhedderungsgefahr hatte
    Hier der Link The Law of Gravitation: an example of physical law
    Wie er dort die Historie heran zieht, um aus Daten, Fakten, Wissen und Theoriebildung dann zu den Newtonschen Gesetzen kommt, ist schon sehr gut angelegt.
    Das ist auch heute noch aktuell.
    Gruß aus Kiel


    PS. Den Nobelpreis für Physik erhielt er erst später 1965.

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Hier eine Vertiefung zum Ktausjaar/,, RAF-Buch:


    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Bei mir gab es in den vergangenen Tagen eine Vertiefung zu Kraushaars RAF-Buch (jpc hat es nicht und Amazon liefert bei mir jedenfalls keine Bildlinks mehr, also nur Text):


    Christian Pross:
    "Wir wollten ins Verderben rennen: Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg".


    Obwohl eine wissenschaftliche Arbeit ist dies Buch - was ja in diesem Genre nicht selbstverståndlich ist - ungeheuer spannend zu lesen. Das erst langsame, dann rasende Kippen von reformerischen progressiven Bemühungen im Sinne der damaligen Antipsychietriebewegung in wahnhafte radikale Strukturen ohne Rücksicht auf Verluste bis hin zum Exodus mancher SPK-Aktivisten zur RAF wird hier außerordentlich detalliert beschrieben, und die Darstellung der damaligen Verhältnisse in Psychiatrien vor dieser Entwicklung (50er bis Mitte der 60er Jahre) hab ich mit extremen Gewinn gelesen (ergänzt sich allerdings in meinem Falle auch mit beruflichen Interessen). Hammerbuch!



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)


  • Vielen Dank für den Tipp, das interessiert mich sehr!

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Heute Abend begonnen mit ...


    Maryanne Wolf:
    Schnelles Lesen, langsames Lesen – Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen“
    (2018)



    Ich wollte heute eigentlich nur die ersten paar Seiten lesen und wollte auch schon längst im Bett liegen, aber es liest sich sehr flüssig und ist regelrecht fesselnd. "Deep Reading", wie es im Buch so schön heißt. ^^


    Ach, und was ich mir unbedingt merken muss, ist diese Abkürzung: "tl;dr" (too long, didn' t read). :D Könnte auch fürs Forum nützlich sein ... :whistling: Na ja, eventuell mal ... :versteck1:


    Freue mich auf den Rest ...

    "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)

  • Ohne tiefergehende Physikkenntnisse wirklich empfehlenswert zu lesen? Das zweite Buch.


    Unfinished peace after world war I
    Patrick Cohrs

    Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.


    Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!

  • Ohne tiefergehende Physikkenntnisse wirklich empfehlenswert zu lesen?

    Leistungskurs Mathe sollte eigentlich reichen. (Ob der von 2021 noch ausreichend ist, kann ich nicht beurteilen)
    Für viele fängt theoretische Physik im 1. Semester an, öfter jedoch mit dem 3. Semester.


    Aber es ist eben so, wie Feynman in seinen Vorlesungen so trefflich sagt: Wer keine Ahnung von Mathematik hat, dem bleibt die Schönheit mancher physikalischen Erkenntnis verborgen.
    Leider wahr. https://www.feynmanlectures.caltech.edu/fml.html#2


    Beispiel. Die gesamte klassische Elektrotechnik lässt sich eigentlich auf 4 Gleichungen reduzieren, die auch noch hohe Symmetrie aufweisen. Aber es sind eben Differentialgleichungen. (Maxwell Gleichungen)


    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Für viele fängt theoretische Physik im 1. Semester an, öfter jedoch mit dem 3. Semester.

    In Mainz seinerzeit im 3. Semester ("Mechanik"). Dann machte man die Erfahrung, dass viele an sich nicht unfähige Studierende an eben dieser Vorlesung scheiterten. Dann machte man eine "Einführung in die Mechanik" fürs 2. Semester. De facto war das eine Mathematik-Vorlesung, z. B. Koordinaten-Transformationen kartesisch/Zylinder/Kugel vorwärts/rückwärts, natürlich mit den zugehörigen Techniken beim Differenzieren und Integrieren der Bewegungsgleichungen in solchen Koordinaten. Handwerkszeug halt.

    Aber es ist eben so, wie Feynman in seinen Vorlesungen so trefflich sagt: Wer keine Ahnung von Mathematik hat, dem bleibt die Schönheit mancher physikalischen Erkenntnis verborgen.

    Ja. Wobei man zugeben muss, dass die Mathematik historisch halt so gemacht wurde, dass sie zur Physik passt ... mancher innovative Physiker soll erst einmal die Mathematik für sein neues Weltbild erfunden haben, bis er es auch beschreiben konnte ...

    Aber es sind eben Differentialgleichungen.

    ... und dazu in 3D. - Man kann sie freilich auch in Integralform schreiben, was die Sache aber nicht einfacher macht ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Aber es ist eben so, wie Feynman in seinen Vorlesungen so trefflich sagt: Wer keine Ahnung von Mathematik hat, dem bleibt die Schönheit mancher physikalischen Erkenntnis verborgen.

    Dazu gibt es ein schönes Buch (habe ich hier vielleicht schonmal erwähnt), von dem ich allerdings (bisher) leider nur das erste Kapitel gelesen habe, nun auch schon eine Weile her, aber man kann halt zeitlich nicht alles tun.


    In diesem Buch kritisiert sie diese Suche nach Schönheit in der Physik.

    Zitat von Wikipedia

    2018 veröffentlichte sie ein Buch unter dem Titel Lost in Math: How Beauty Leads Physics Astray (deutscher Titel Das hässliche Universum), in dem sie verschiedene Fehlentwicklungen kritisiert. Ihrer Meinung nach ist die Suche nach mathematischer Schönheit fundamentaler Theorien in der Physik eine solche Fehlentwicklung. Die Bewertung einer Theorie als vom mathematischen Standpunkt oder im Sinn des Reduktionismus „hässlich“ sei weitgehend eine Frage der Konvention, nicht weit von theologischen Überzeugungen entfernt (→ Wissenschaftsästhetik). Da oft jegliche Daten fehlen, um Schönheitskriterien wie Natürlichkeit (im Sinne von Harmonie) experimentell zu belegen, greife man zu nicht-empirischen Argumenten, was aber nach Hossenfelder nie objektiv sein könne und Tür und Tor für Wunschdenken und mehr oder weniger unbewusste kognitive Vorurteile öffne. Gegenstand ihrer Kritik ist besonders die Stringtheorie (für Hossenfelder sind ihre Vertreter für die Universitäten billig und für die Kollegen unterhaltsam) und Supersymmetrie, die noch immer den Mainstream der Forschung darstellen, auch nachdem seit Jahrzehnten Bestätigungen ausstehen (Superpartner, Extradimensionen). Sie kritisiert auch die Erklärungsversuche mit prinzipiell unbeobachtbaren Phänomenen wie Multiversen. Sie habe zwar kein Problem mit Forschung auf diesem Gebiet, nur bewege man sich in eine Richtung, die irgendwann nicht mehr als Physik bezeichnet werden würde. In der experimentellen Hochenergiephysik macht sie einen Stillstand aus, trotz der Entdeckung des Higgs-Bosons im LHC, insbesondere was die Suche nach dunkler Materie betrifft. Hossenfelder selbst bevorzugt alternative Erklärungen wie Modifikationen der Gravitationstheorie. Viele der theoretischen Arbeiten sind ihr zufolge nutzlose Spekulationen: Die meisten theoretischen Physiker, die ich kenne, studieren inzwischen Dinge, die noch niemand je gesehen oder gemessen hat. Typisch sind ihrer Überzeugung nach die zahlreichen Postulate neuer Teilchen. Darin macht sie ein karriereförderndes Schema aus: Man identifiziere ein bekanntes offenes Problem, das auf natürliche Weise durch Einführung eines neuen Teilchens gelöst werde, wobei es von Vorteil sei, dieses mit Eigenschaften auszustatten, die erklärten, warum es bisher nicht entdeckt worden sei und warum das in nicht allzu ferner Zukunft doch möglich sein werde. Durch Modifikation der Eigenschaften könne dieser Zeitpunkt immer weiter in die Zukunft hinausgeschoben werden. Sie befürchtet einen Verlust des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Grundlagenforschung durch die vielen ohne zureichende Daten in die Presse getragenen Spekulationen.


    Ferner kritisiert Hossenfelder den akademischen Publikationsdruck und argumentiert, es gebe ein verbreitetes Herdenverhalten (Schwarmdenken), einen Hang zu voreiligen Veröffentlichungen und den Wunsch, möglichst oft zitiert zu werden. Der Publikationszwang erlaube weder den Publizierenden, neue Erkenntnisse abzuwarten, noch ermögliche er den Rezipienten die fokussierte Lektüre einzelner Beiträge (Informationsflut). Hossenfelder befürwortet Übergangsstipendien, die wissenschaftlich Tätigen die interdisziplinäre wissenschaftliche Mobilität gestatten.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…auty_Leads_Physics_Astray

    Wobei man zugeben muss, dass die Mathematik historisch halt so gemacht wurde, dass sie zur Physik passt ... mancher innovative Physiker soll erst einmal die Mathematik für sein neues Weltbild erfunden haben, bis er es auch beschreiben konnte ...

    Naja. Das mag vielleicht für Newton gelten. Aber schon die alten Babylonier haben vor 4000 Jahren quadratische Gleichungen gelöst. Auch bei den alten Griechen mit ihren Problemen (zum größten Teil inzwischen als unlösbar gezeigt), oder den italienischen Renaissance-Mathematikern, oder späteren wie Lagrange und Galois, von Gauß ganz zu schweigen, war nicht Physik die (Haupt-) Motivation, teilweise sogar gar nicht vorhanden (auch wenn der Gaußsche Integralsatz Anwendungen in der Physik findet). Eigentlich kann man fast die gesamte Algebra, Zahlentheorie und große Teile der Geometrie als nicht durch die Physik motiviert ansehen. Erst in letzter Zeit ist es so, dass z. B. sogar abstrakte Algebra auch Verwendung in Theoretischer Physik findet (was Frau Hossenfelder sicherlich kritisieren würde). Aber in Bezug auf die Analysis, Differentialgleichungen etc. magst Du prinzipiell recht haben.


    maticus

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  • Ich vermute, daß Mauerblümchen sich mit seiner These (die mir auch schon von anderer kompetenter Seite bekannt ist) auf die Entwicklung der letzten 400 Jahre bezieht und nicht auf die Zeit davor. Stimmt das?


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
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    Helmut Lachenmann

  • Ich denke, das war ein Nehmen und Geben.
    Heisenberg hat seine "Quantenmechanik" mit Matrizenrechnung dargestellt, Schrödinger mit Differentialgleichungen. man konnte zeigen, dass beide Ansätze aufs Gleiche rauslaufen.
    Feynman Diagramme sind sehr elegant, dahinter steckt aber "hammerharte" Mathematik. In München gibt es nen Feynman Platz, weil die Straßen dort den Verlauf eines Feynman Diagramms haben.
    Mit der modernen Teilchenphysik bin ich zunehmend ratlos und schaue mir das Ganze interessiert an aber ich muss nicht alles verstehen. Den Traum von der vereinheitlichenden Feldtheorie, den träume ich schon lange nicht mehr.


    Ich fand noch ein Buch, welches nicht zu schwer zu lesen ist, und welches ein Klassiker ist.
    Max Born. "Die Relativitätstheorie Einsteins" schlägt einen Bogen durch die Historie der Physik bis hin zur speziellen und dann allgemeinen Relativitätstheorie.

    Max Born, Nobelpreisträger von 1954 war einer der berühmtesten Lehrer der Physik in Göttingen der 20iger Jahre und um ihn herum versammelte sich der "Kindergarten" der genialen "Quantenphysiker." (Die waren ja alle noch unter 30 Jahre: Pauli, Heisenberg, Jordan)
    Lesenswert.
    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Hier dieser.. .



    Bolanos "2666" ist schwer beschreibbar, da es sich um fünf lose verbundene Prosatexte handelt, die der Autor im Angesicht seines wahrscheinlichen Todes einzelnd veröffentlicht sehen wollte, um mehr Tantiemen zur Absicherung seiner Familie herauszuschlagen. Die Erben entschieden aus künstlerischen Gründen dann anders, und das war gut so. Perfekt kann es nicht sein, das Ganze, da Bolano starb bevor er seinem Werk den letzten Schliff geben konnte (er wartete vergeblich auf eine lebensrettende Lebertransplantation aufgrund einer Hepatitis-C-Infektion).


    Es handelt sich auf diesen 1200 Seiten um ein Umkreisen und hinabstoßen ins Herz der Finsternis menschlicher Existenz, dargestellt vor allem an zwei Brennpunkten: zum einen an hunderten von bis heute ungeklärten Morden an Frauen in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez (im Roman fiktiv: "Santa Teresa"), zum anderen an den Gräueln des zweiten Weltkrieges in Osteuropa.


    Bolano gestaltet das vor allem in den beiden letzten Teilen mit manchmal atemberaubender Intensität. (in Teil 5, der in weiten Teilen im Krieg spielt, hatte ich starke Assoziationen an "Europe Central" von Vollman), die Darstellung germanistisch/akademischer Professorenzirkel in Teil 1 ist erhellend wie amüsant, Teil 3, in dem ein schwarzer Journalist nach Santa Teresa gerät um über einen Boxkampf zu berichten und dort von der Atmosphäre beinahe verschlungen wird ist hoch intensiv, die Aneinanderreihung bestialischer Frauenmorde im Polizeiberichtsstil des Teil 4 ist nichts für schwache Mägen (hier ist das Zentrum des Ganzen), einzig Teil 2,nur 80 Seiten lang, gab mir nix... und der Gesamteindruck ist dann auch wieder nicht frei von lichten Stellen, hier wird also wirklich eine Welt geschildert und nicht nur ihre Schatten.


    Alles nicht ganz abgerundet, wie gesagt, aber auch als gewaltiger Torso ist dies ein Schwergewicht das einem die Luft zum Weiterleben ganz schön rauben kann... Mit Sicherheit eines der ersten Meisterwerke des gerade angebrochenen Jahrhunderts (2003 erschienen), damit lehne ich mich nicht zu weit aus dem Fenster.



    Ich hab ihn vor Jahren schonmal gelesen, aber wie das so ist, man wird älter, und das einzig gute daran ist, daß der Horizont weiter wird und heute, trotz der Rückenprobleme und Alterserscheinungen, doch der Kopf viel mehr erfaßt von solcherlei und weit mehr davon hat und guckste: man ist ja doch gewachsen im Verfall :D


    Für Leser*innen, für die Lesen eine Selbstprobe ist und nicht nur Unterhaltung (die aber nicht fehlt!), ein Muß. Abbrechen kann man ja zur Not immer. Ich kam aus dem Sog nicht raus.



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Bei mir etwas Altbekanntes in einer, wie ich finde, sehr gelungenen Neuübersetzung von Andreas Nohl:



    Bekanntermaßen einer der Klassiker der Jugend- oder Kinderbuchliteratur. Aber damit wird man ihm, denke ich, nicht gerecht. Beide Teile sind gleichermaßen für Menschen von 7 bis 70 und noch darüber hinaus. Für mich im leicht fortgeschrittenen Alter :D eine köstliche Erinnerung an mein eigenes Jungen-Dasein. Natürlich trieben wir uns nicht auf Friedhöfen mit toten Katzen herum, aber ich erkenne mich natürlich in so vielen Eigenschaften der beiden 'Helden' wieder. Was schon alleine Spaß macht. Und dazu noch der herrliche Humor Mark Twains, immer changierend zwischen bitterböse und liebevoll streichelnd. Eine köstliche Lektüre! Wie überhaupt Mark Twain eigentlich immer mit Freude zu lesen ist.


    :wink: Wolfram

  • Als Kind habe ich Tom Sawyer geliebt, aber Huckleberry Finn anscheinend einige Jahre zu früh gelesen und mich eher durchgequält, etliches vermutlich kaum verstanden. (Vage Erinnerungen habe ich auch an eine Fernsehserie aus den frühen 1980ern?) Vor 8 oder 10 Jahren habe ich dann beide auf Englisch nochmal gelesen und da fand ich den Unterschied schon sehr deutlich, nur mit umgekehrter Wertung als als Zehnjähriger. Huckleberry Finn ist, von dem etwas albernen Ende, wenn Tom Sawyer wieder auftaucht, abgesehen, ein großartiges Buch, Tom Sawyer schon eher ein Kinder/Jugendbuch. Das Ende hat HF für mich damals etwas heruntergezogen, selbst wenn ich einsehe, dass die Jim-Geschichte irgendwie glimpflich gelöst werden muss und Twain auch den Bogen zu Tom Sawyer schlagen wollte.
    Was mich immer wieder etwas wundert, ist, wie selbstverständlich "meine Kinderbücher" um 1980 (natürlich waren die Bücher oft älter, aber die meisten nicht aus dem 19. Jhd.) Gewalt und Grausamkeit der Kinder gegen Tiere (wobei das noch am klarsten verworfen wird, außer beim sadistischen Thoma-Lausbub), untereinander (zB Fliegendes Klassenzimmer) und natürlich reichlich körperliche Züchtigungen der Kinder enthalten, ohne dass es damals mich oder die Erwachsenen, die die Bücher als kindertauglich befanden, gestört hätte.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Zurück zu den Anfängen:
    Steven Weinberg: To explain the World
    The discovery of modern science

    Weinberg, Nobelpreisträger der Physik, Atheist, Mitglied im CSICOP, Freund von Feynman hat dieses Buch 2015 geschrieben. Da war er schon über 80 Jahre alt, er starb vor ein paar Monaten im Alter von 88.
    Hier fasst er seine Meinung über die Wissenschaftsgeschichte, beginnend bei den Griechen, Babyloniern, Ägyptern über das Mittelalter, Newton etc. zusammen.
    Und er eckt an! Aber auf eine erfrischende Weise.
    Beispielhaft lässt er kaum ein gutes Haar an Platon, Demokrit und Aristoteles, einzig Archimedes und andere aus dem hellenischen Reich akzeptiert er, weil sie für ihre Formeln Experimente zugrunde legen konnten.
    Euklid wird von ihm in das Reich der Mathematik verwiesen ohne großen Einfluss auf das Werden irgendwelcher Naturwissenschaften.


    Beispiel. Demokrit. Millionen Schulkindern der Physik und/oder Philosophie wurde beigebracht. "Schon Demokrit erkannte, es gibt Atome"
    Weinberg fragt. Woher wusste er es? Es gibt in seinen Schriften nicht einen einzigen Hinweis auf irgendeine Beweisführung. Er hat es einfach behauptet. Und behaupten kann man viel, viel Unsinn und manchmal auch etwas, das Sinn ergibt.
    Nein, alles vor Archimedes ist für ihn keine Wissenschaft, es ist mehr Denken über etwas statt forschen und hat mit heute nix zu tun, eher in der Philosophie. Wir Norddeutschen sagen dazu. "Spökenkiekern"
    Und so geht es munter im Text weiter.
    Erfrischend und leicht zu lesen = Mittlere bis gute Englischkenntnisse, Physikkenntnisse und Mathematik Kenntnisse sollten allerdings über den Dreisatz hinausgehen. Dazu hat er aber nen umfangreichen Anhang beigefügt.


    Das Buch ist für mich deswegen auch so erhellend, weil in den letzten Jahren wilde Spekulationen zu behaupteten „Fakten“ gerinnen konnten und von manchen für bare Münze gehalten werden.
    Das Buch ist da ein gutes Abwehrmittel.
    Wie man es richtig machen sollte, und was dabei in der Geschichte der Wissenschaften für Irrwege eingeschlagen wurden, darüber gibt dieses Buch Auskunft.
    Noch ein Beispiel.
    Es gibt Viele, die glauben, dass physikalische Theorien besonders elegant formuliert werden müssen. Auch damit räumt er auch auf, sie müssen vor allen die Phänomene erklären, die sie erklären wollen.
    So ist die Stringtheorie bei aller mathematischen Eleganz immer noch den Beweis schuldig, dass sie stimmt.
    Eleganz, so schreibt er, reicht also nicht aus.


    Gruß aus Kiel

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  • Huckleberry Finn ist ... ein großartiges Buch, Tom Sawyer schon eher ein Kinder/Jugendbuch.

    Es gab einmal in grrauer Vorzeit ein Suhrkamp TB: 100 Meisterwerke der Weltliteratur, vom ZEIT-Feuilleton ausgewählt. Unabhängig davon, dass man über solche Klassifizierungen ja wahrlich streiten kann, wurde darin HF explizit aufgeführt, TS allerdings nicht. Ob zu Recht oder Unrecht, der qualitative Unterschied zwischen den beiden Bücher ist schon ziemlich deutlich. Trotzdem würde ich TS nicht als reines Kinder-/Jugendbuch einordnen, dafür ist es, in einer entsprechend guten Übersetzung des gesamten Buches, doch in vielen Kommentaren, Einsichten, fast philosophischen Äußerungen des Autors zu anspruchsvoll. Selber habe ich es als Kind nur in einer dieser üblichen kindgerechten Fassungen kennengelernt, wie es sie ja auch von Robinson, Gulliver oder Moby Dick zu Hauf gab und wohl immer auch noch gibt.

    Was mich immer wieder etwas wundert, ist, wie selbstverständlich "meine Kinderbücher" um 1980 (natürlich waren die Bücher oft älter, aber die meisten nicht aus dem 19. Jhd.) Gewalt und Grausamkeit der Kinder gegen Tiere (wobei das noch am klarsten verworfen wird, außer beim sadistischen Thoma-Lausbub), untereinander (zB Fliegendes Klassenzimmer) und natürlich reichlich körperliche Züchtigungen der Kinder enthalten, ohne dass es damals mich oder die Erwachsenen, die die Bücher als kindertauglich befanden, gestört hätte.

    Als ich in den sechziger Jahren anfing, mich durch die Kinder- und Jugendbuchabteilung der örtlichen Bücherhalle zu lesen, habe ich natürlich auch all diese Bücher gelesen. Seltsamerweise hat es mich, was diese Gewalt angeht, nicht gestört. Einerseits kannte ich es aus der eigenen Familie überhaupt nicht, andererseits war mir vollkommen klar, dass es damals (und heute natürlich auch noch) die absolute Regel war. Es war halt normal, fast die Regel, man hat es hingenommen, weil es wohl dazu gehörte. Fragen dazu habe ich mir nicht gestellt. Ich war wohl ein ziemlich unkritisches Kind. ;(


    :wink: Wolfram

  • Und da war ich gerade wieder mitten drin im Tag... Dazu in ein paar Wochen.
    Der Sohn brachte mir ne "Ladung" Clemens Meyer.
    Und ich habe nun nach der "Nacht im Bioskop" über den Massenmord in "Novi Sad" im Januar 1942, eine sehr eindringliche Erzählung, die vieles von dem bis heute andauernden Konflikt Kroaten vs. Serben beschreibt,

    "Die Stillen Trabanten" gelesen, Geschichten über kleine Leute, deren Lebensboden mit der "Wende" glitschig wurde; das Elend in den Trabantenstädten, die verlassen von Menschen verfallen. Und von dem Kohleviertel der Großstadt, wo Tristesse herrscht.

    Und doch blüht bei ihm immer so etwas wie eine "kleine Blume", gibt es Orte der Zuflucht, gibt es Menschen mit Gefühl; dieses wird beschrieben frei von jeglichem Kitsch.
    Hüsch nannte so etwas einmal "Die Solidarität der Kreaturen".
    Davon ist hier ne Menge zu spüren.
    Ich fühlte mich oft an Jörg Fauser erinnert. Meyer bringt dann in der letzten Geschichte eine Parabel auf Verrat, Hinterlist, gebrochene Versprechen, Mistrauen und Angst aufs Papier, die ich nur noch ganz großartig finden kann und die dieses wunderbare Buch zu einem großen Abschluss bringt..
    Ja, der Meyer.
    "Stäube" sind schon im Zulauf.
    Gruß aus Kiel

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  • Viele Jahre stand er nur angelesen und dann beinahe vergessen hier im Regal (ich fand seinerzeit nicht recht hinein), nun wurde ich wieder auf ihn aufmerksam (im Zuge des medialen Echos wegen seines neuen Romans dieser Tage) und holte ihn wieder hervor, staubte ihn ab las ihn in den letzten acht Tagen endlich ganz:



    Jonathan Franzen, "Die Korrekturen".


    Und zwar mit zunehmender Begeisterung. Trotz kleinerer Längen in der Mitte (4. Teil, die Kreuzfahrt, und 5.Teil, der mit der Tochter) fand ich das insgesamt ausgesprochen überzeugend, gegen das Ende geradezu großartig und betörend... Nun werde ich mich wohl mal seinem Neuen zuwenden, der mich thematisch und vom frühsiebziger-Zeitbezug her eigentlich noch mehr anzieht.



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Stelle ich immer wieder fest. Bücher haben ihre Zeit. Mir erschienen "Die Korrekturen" seinerzeit belanglos und ich habe so gut wie nichts in Erinnerung. Noch mal eine Chance geben? Vielleicht nach den anderen vielen, vielen Büchern, die ungelesen herumstehen.


    Bei mir übrigens gerade:



    Habe erst gut 80 Seiten gelesen. Bildungshuberei und typischer sozialwissenschaftlicher Sprachprotz. Trotzdem lesenswert bisher. Könnte man, ging es nur um die Substanz, wohl auf 5 % des Umfangs kürzen. Geht aber ja nie nur um die Substanz. Mal sehen, was noch kommt. Eine gewisse Redundanz ist jetzt schon unübersehbar.

  • Mir erschienen "Die Korrekturen" seinerzeit belanglos und ich habe so gut wie nichts in Erinnerung. Noch mal eine Chance geben?

    Warum? Die inneramerikanische Befindlichkeit kann man/frau mit einem 2$ pro Monat ABO der digitalen Version der New York Times verfolgen.
    Doch wie es auf dem platten Land zugehen mag, dazu lese man/frau Updike.
    Keiner hat das so schonungslos beschrieben wie er. Da kommt keiner ran. Unser Sohn, 1 Jahr im Innern von Illinois gewesen, bestätigt. "Es ist eher noch schlimmer"
    Ich empfehle immer wieder die Rabitt Bücher. "Hasenherz", "Unter dem Astronautenmond," "Bessere Verhältnisse" und Rabitt in Ruhe"
    Vorzüglich.
    Wer das Leben durchgeknallter jüdischer Professoren haben will, lese Philip Roth.
    Gruß aus Kiel


    So und jetzt arbeite ich weiter gegen den Tag. an.

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

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