Eben gewälzt

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Zwischenstand:
    So, nun habe ich ca. 850 Seiten durch. Tägliches Pensum, streng nach den Vorgaben von Mao tse Tung, der seinen "Jüngern-" 30 Seiten Lektüre am Tag emp(be)fahl.
    Also habe ich noch ca. 750 Seiten, sprich 25 Tage vor mir.
    Doch so viel ist jetzt beim 2. Lesen klar. Das Buch ist viel besser als ich es in Erinnerung hatte.

    Beim ersten Lesen in der Ruhe einer Reha, fand ich es als Abenteuerroman um die Familie Traverse, Vater Webb, ein Anarchist wird ermordet, die Kinder sinnen auf Rache und führen sie durch.
    Dabei geht die Jagd durch Colorado, Mexico, New York, nach -Europa und endet in Serbien am Ende des 1. Weltkriegs. Der Beginn ist zeitgleich mit der Weltausstellung in Chicago.
    Dabei treten illustre Figuren auf: Tesla, Edison, Hamilton, Gibbs, Franz Ferdinand, ein lesender Hund. Ein Luftschiff, das unter der Wüste fahren kann, automatisierte Mayonnaise Fabriken in Belgien, Mathematiker in Göttingen und so weiter. Alles Garnitur für den Hauptstrang?


    Nee, beileibe nicht.
    Es geht um die Zeitenwende, die Pynchon mit dem 1. Weltkrieg abschließt. Eine Wende, die Wissenschaft und Gesellschaft betraf und existentiell für unser heutiges Leben sein dürfte
    Es ist das Durchdringen des ungezügelten Kapitalismus in alle Bereiche der Gesellschaft und das Zurückdrängen des Individuums. Dieses ahnt man bereits beim Flug der "Inconvenience" Richtung Chicago über die unendlichen Weiten der Schlachthöfe und dem von unten kommenden Gestank. Er setzt sich fort beim Kampf um Rechte der Arbeiter in den Minen gegen die Besitzer, die unliebsame Arbeiter einfach umlegen lassen. Es ist der Kampf zwischen Tesla und Edison um die Vorherrschaft bei der Stromversorgung der USA und er zeigt sich am Zerbröseln alter Ordnung im Europa um 1900 bis nur starre gesellschaftliche Gerüste stehen bleiben, in denen kaum Leben, aber dafür gesellschaftliche Erstarrung vorherrschen. Hier nimmt sich Pynchon den Balkan als Exempel vor.
    Und alles wartet dabei auf den Krieg. Pynchon erfindet folglich einen Passagierdampfer, der als er angegriffen wird, sich während der Fahrt in ein Schlachtschiff verwandelt und die Passagiere müssen dann eben Unannehmlichkeiten ertragen, während vorher noch beim Dinner, die Wassergläser so eingeschenkt waren, dass sie Kammerton A beim Anschlagen gaben, die Champagnergläser hingegen eine Quint höher.
    Herrlich dekadent, oder??
    Kein Wunder, dass es überall in Europa Revolutionsversuche gab.


    Parallel dazu veränderte sich die Wissenschaft. Dieses deutet Pynchon immer wieder an und einmal, Quaternionen, sogar sehr zentral. Darauf gehen nur wenige Rezensenten ein,
    Wohl aber dieser Artikel
    https://www.science20.com/adap…rt_ii_the_quaternion_wars
    Man kann Pynchon nicht lesen, ohne manche Dinge nachzuschlagen. er zwingt einen geradezu, dieses zu tun. Und vieles stimmt einfach. TP ist sehr genau. Nur: was ist Fiktion, was ist genaue Geschichte?


    Zur Wissenschaft:
    Michelson und Morley legten dar, dass es einen "Äther" als Trägersubstanz des Lichtes nicht geben könne, Gibbs führte mit der Vektoranalysis eine Lösung für Bewegungen im Raum ein, die die damals noch vorherrschenden Modelle mit Quaternionen entbehrlich machte. Worauf es einen "Quaternionenkrieg" unter Mathematikern gab, der fast 4 Jahre währte. Heute lernt jeder Physikstudent die Maxwell Gleichungen in der Vektorform, man kann sie aber auch mit Quaternionen beschreiben. Mit dem Aufkommen der Elementarteilchen wurden Quaternionen wieder benötigt für die sogenannten Spinoren.
    Boltzmann erfand die statistische Wärmelehre, wurde dafür ausgelacht und beging Selbstmord, Planck "erfand" das Wirkungsquantum, ohne das er das Strahlungsgesetz nicht erklären konnte
    Schließlich versetzte die Darlegung Einsteins unter Verwendung eben dieses Wirkungsquantums zum "Lichtelektrischen Effekt" der Theorie Huygens, das Licht ne Welle sei, einen schweren Schlag. (Dafür bekam Einstein den Nobelpreis)
    Kurz. Die Physik und damit die führende Wissenschaft stand ebenfalls vor revolutionären Änderungen.


    Dies alles wird im Roman sinnvoll verbunden, indem Pynchon in seiner freien Fantasie mal die eine Lehre, mal die andere dekliniert, zum Beispiel auch die Hohlwelttheorie.
    Die "Freunde der Fährnis" in ihrem Luftschiff sind dabei so etwas wie der Chor im griechischen Theater, die die Handlung kommentieren oder in neuen Bahnen lenken.
    Wie gesagt, ich habe gut die Hälfte hinter mir, wir sind jetzt im Göttingen David Hilberts und nun will ich mal sehen, was kommen wird.


    Gruß aus Kiel


    PS. Es wird viel davon geschrieben, dass TP alle möglichen Erzählstile, Westernroman, Spionageroman, Abenteuerroman, Jules Verne, Lovecraft und viele andere parodiert. Das kann ich leider bewerten, weil ich die Genres nicht gut genug kenne.
    Aber der Erzählstil wechselt sehr oft und daran muss man/frau sich gewöhnen.

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Michelson und Morley legten dar, dass es einen "Äther" als Trägersubstanz des Lichtes nicht geben könne, Gibbs führte mit der Vektoranalysis eine Lösung für Bewegungen im Raum ein, die die damals noch vorherrschenden Modelle mit Quaternionen entbehrlich machte. Worauf es einen "Quaternionenkrieg" unter Mathematikern gab, der fast 4 Jahre währte. Heute lernt jeder Physikstudent die Maxwell Gleichungen in der Vektorform, man kann sie aber auch mit Quaternionen beschreiben. Mit dem Aufkommen der Elementarteilchen wurden Quaternionen wieder benötigt für die sogenannten Spinoren.

    "Quaternionenkrieg". Wahrscheinlich meinst du damit die Suche nach "hyperkomplexen Systemen", wie man damals sagte. (Heute eher Schiefkörper oder Divisionsalgebren.) Hamilton war lange Zeit selbst auf dem falschen Dampfer. Er wollte ja auf dem dreidimensionalen Raum (über den reellen Zahlen) eine Multiplikation definieren, die die der komplexen Zahlen fortsetzt. Heutzutage zeigt man leicht, dass dies in Dimension 3 gar nicht möglich ist. Irgendwann kam wohl Hamilton selbst auf die Idee, dass Dimension 4 dazu nötig ist. (Der Unterraum der sog. reinen Quaternionen ist aber dreidimensional.) Mithilfe der Quaternionen kann man sehr elegant Rotationen im dreidimensionalen Raum beschreiben. Sehr schön dargestellt ist das z. B. im Buch: Ebbinghaus et. al. "Zahlen" (Springer Verlag). Schick mir ne PN, falls dich das Buch interessiert.


    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Maticus!
    Über Quaternionen und so weiter habe ich in Algebra Vorlesungen ausreichend gelernt, eben auch deren elegante Darstellungsmöglichkeiten.
    Das meiste habe ich vergessen.
    Das komplett aufzufrischen ist nicht mein Interesse mehr.
    Vielmehr die Verarbeitung des Thema in der Kunst, hier einem Roman.
    Lies doch mal den Artikel hinter dem Link. Der geht explizit auf den Roman ein.
    Gruß Hans

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Ich bewundere die Fähigkeit, Pychton zu lesen, etwa so wie die Fähigkeit Jean Paul zu lesen. Ihr entdeckt Welten die mir wohl verschlossen bleiben werden bis ich den Rosen als Dünger diene... Ich hatte immer das Gefühl, daß ich, wenn der Knoten je platzen sollte, ich etwas Unvergleichliches gefunden hätte. Ich gebe nicht auf...


    (bei JP habe ich die Hoffnung allerdings komplett fahren lassen, bei Pynchton existieren noch Reste)


    "Gegen den Tag" ist der einzige Pynchton von dem ich vor Jahren immerhin einige hundert Seiten gelesen habe (zählt wenig bei 1600 Seiten im Ganzen) und phasenweise war das genial! Aber irgendwann war ich wieder an dem Punkt: ich lese Seite um Seite bis ich merke daß ich überhaupt nicht mehr verstehe wovon der Mann eigentlich schreibt... (da ging es um Gewerkschaftskonflikte mit Tötungen mißliebiger Arbeiter, aber um vieles andres mehr) und dann war ich gestrandet.


    Wenn ich Pynchton nochmal versuche wird es dieser sein. Oder Mason & Dixon, da war ich noch schneller aus der Spur aber er hatte mich sprachlich sehr beeindruckt. Aber nicht "V" (hatte mir garnicht gefallen, ohne dieses Überforderungsgefühl, mir war das egal) oder die Enden der Parabel, das war dann schon Jean Paul like :D



    Irgendwann wieder die 8000er Besteigung... Es liegt an...
    Ich spare für Sauerstoff


    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • :D

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Hmm,
    er heißt Pynchon, ohne T.
    Und wenn es einfacher sein sollte, dann NICHT Mason und Dixon.
    Vielleicht "Vineland" wo ein geistiger Vorgänger des Big Lebowski der Hauptdarsteller ist.
    Oder "Natürliche Mängel", vielleicht als Film mit Joachim Phoenix als Doc Sportello als Einstieg oder das letzte Werk. Bleeding Edge.
    Ja, der alte Pynchon ist leicht lesbar.
    Einfach mal probieren.


    More to come.
    Gruß aus Kiel

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  • Joachim Phoenix

    Hieß der nicht Joachim Föhnix ? Ich weiß aber nicht mehr , in welchem Asterix er eine Nebenrolle spielte.

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Die Marion Poschmann liebe ich sehr, seit ich sie mit ihren "Kieferninseln" entdeckte und dann, rückwärtsgewandt, all ihre Prosasachen für mich entdeckt habe. Ihre Lyrik ist mir zu hermetisch und kopfgesteuert, ich bin aber auch nicht so der Leser moderner Lyrik, das heißt also wenig. Aber ihre Prosa... hach...


    Es gibt Neues von ihr:



    Erstmal eine Warnung: hier bekommt man für die 12 Euronen nur einen kurzen, gut 20 seitigen Text, ergänzt durch ein (spannendes) Interview, ein Vorwort, die Laudatio des "Literaturpreises für kritische Kurztexte", den Poschmann mit diesem poetischen Essay gewann. Zusammen auch bloß 62 Seiten, mit (verzichtbaren) ganzseitigen s/w-Baumfotos.


    Also nur etwas für Fans wie mich. Allerdings hat der Essay eine Dichte und Tiefe, die ein vielfaches Lesen geradezu herausfordert. Und ihre Liebe zu Bäumen teile ich, ebenso wie die Liebe zur japanischen Kultur und ihre Faszination zu schmucklosen, abgewrackten Orten, die neue Ästhetiken entfalten können, wie sie in ihrem Roman "Sonnenposition" zum Ausdruck kam.


    Die Nähe, die mein eigenes Empfinden und ihre Ästhetik aufweisen, verblüffen mich jedes Mal mehr, das hat schon gleichermaßen etwas Erschreckendes und Beglückendes. Dem, was diese Frau scheinbar zum Schreiben treibt fühle ich mich seelenverwandt. Sowas passiert wohl manchmal im Leben... Deswegen war das keine Geldverschwendung, denn mir (und nur mir) kann nichts, was Poschmann macht, gleichgültig sein, nach diesem noch weniger als vorher schon.

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Eben gewälzt ist jetzt übertrieben - eigentlich hatte ich mir vorgenommen Klaus Mühlhans Geschichte des modernen Chinas im Urlaub zu lesen, leider bin ich nur bis Seite 200 gekommen - was aber nicht an dem Buch lagt, sondern dass das Wetter auf Föhr einfach zu gut war, empfehlen kann ich das Werk aber jetzt schon:


    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Bin noch nicht völlig durch, aber hat mich absolut überzeugt und in Teilen sehr berührt, der neue Frenzen:



    Alle versuchen das Beste zu tun, und alle scheitern partiell weil sie eben Menschen sind - ein Thema für mich. Die Umsetzung hat kleine Längen (bei 835 Seiten normal), die emotionale Langzeitwirkung ist groß, im Vergleich zu den Korrekturen ist dies gelassener, weniger auf Wirkung bemüht und reifer gemacht.


    Wer Familienromane mit Anspruch mag und weder auf Fast Food noch auf avantdardistische Kopfsensationen aus ist, Zeit hat, Wärme schätzt und gelegentliches Drama---hier isses :)


    Geiler Roman. Und lange Nachwirkung.




    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Na, Rosamunde, dann bist Du ja doppelt zu beneiden - - doppelt weil Du ihn ja ohne den Umweg der Übersetzung lesen kannst :)


    Wirst du sicher mögen. Er ist gut, wirklich wirklich gut.



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Herve le Tellier: Die Anomalie

    Einmal Berlin und zurück, da waren die 350 Seiten geschafft.
    Ein putziger Roman, der in seiner Feinstruktur wunderbar geschrieben ist, viele Seitenhiebe auf die aktuellen Gesellschaftsprobleme zeigt und mitunter mich sehr sehr nachdenklich werden ließ.
    Die Konstruktion ist einfach:
    Teil 1: Nach einem wilden Flug durch Turbulenzen landet im März 2021 ein Flugzeug aus Paris in JFK New York.
    Es wird das weitere Leben von ca. 10 Protagonisten verfolgt, die alle gegen Ende Juni 2021 vom FBI oder der Polizei einbestellt werden.


    Teil 2: Ende Juni 2021 will genau dasselbe Flugzeug mit exakt denselben Passagieren noch einmal landen, wird aber vom Militär zu einem abgelegenen Flughafen umgeleitet und die Passagiere werden in Quarantäne genommen. Nun beraten Wissenschaftler, Politiker und Sicherheitsleute
    was das wohl gewesen sein könnte, wie es passieren konnte und was man nun unternehmen will. Natürlich, lieber Maticus, werden Grothendiecks Theorien erörtert, sowie Faltungen des Raum-Zeit-Kontinuums und dazugehörige Wurmlöcher.
    Das ist unglaublich witzig geschrieben und voller Pointen, die unablässig aufeinander folgen.
    (Nebenbei kommt raus, dass sowas in China schon einmal passierte, aber da hat man anscheinend kurzerhand die Double verschwinden lassen)


    Teil 3. Die Märzgelandeten treffen auf ihre Double, die Junigelandeten, die ca. 110 Tage jünger sind.
    Und nun entspinnt sich eine weitere Geschichte, in der es darum geht, wie die jeweiligen Doublepaare miteinander auskommen werden.
    Das ist sehr spannend erzählt.
    Was macht der Profikiller mit seinem Double? Er büxt übrigens aus der Quarantäne aus. Der Einzige, dem es gelingt und der daher nix von einem Double wissen kann, weil er vor Bekanntgabe des "Geheimnisses" ausbrach.
    Was macht der Märzmensch, der sich im Mai von seiner Freundin trennte und das bitter bereut, wenn nun sein Junipendant davon noch keine Ahnung hat?
    Was macht der, dem im Mai gesagt wurde, das er sterben wird und Ende Juni tatsächlich tot ist, wenn er nun 110 Tage jünger noch einmal die Chance zu einem für ihn früheren Therapiebeginn hat. Wie fühlt sich seine Frau, die ihren lieben Menschen nun ein zweites Mal vermutlich beim Sterben begleiten wird.
    (Eine heile Lore-Roman Welt sucht man bei Tellier vergeblich)
    Wie reagieren die Fundamentalistischen Christen, nachdem ein Double Paar in der Ed Sullivan Halle in Stephen Colberts Show auftrat.
    Und anderes mehr.


    Lesenswert.
    Gruß aus Kiel

    Was soll ich mit einem Oldtimer? Ich kauf mir doch auch keinen Schwarz-Weiß-Fernseher. (Jeremy Clarkson)

  • Kazuo Ishiguro hat den Nobelpreis für Literatur in 2017 erhalten. Ich habe gerade seinen Roman "Alles, was wir geben mussten" gelesen.



    Wundervoll leise und subtil, dennoch eindringlich. Unterschwellig nimmt das Grauen seinen Lauf und damit auch die Erkenntnis des Lesers. Wirklich toll geschrieben, weitere Werke dieses Autors stehen zum Lesen hier bereit.

  • Wassili Grossmans Epos "Leben und Schicksal" steht seit längerem nur flüchtig angelesen hier im Regal - es erreichte mich einfach nicht recht, ohne daß ich hätte sagen können wieso.


    Was ich nicht ahnte, aber die Ursache sein könnte: es handelt sich eigentlich "nur" um den zweiten Teil eines gigantischen zweiteiligen Romans, in dem Grossman die sowjetische Gesellschaft mitten im zweiten Weltkrieg auffächert. Nun, 13 Jahre später, ist der erste Teil erschienen, und nun macht es (für mich) Sinn das alles zu lesen, will heißen: es in der korrekten Reihenfolge zu lesen, die Entwicklung des breit gefächerten Figurenpersonals zu verfolgen, den ganzen Aufbau überhaupt nachvollziehen zu können.



    Schon eine merkwürdige Editionspolitik, von einem zweibändigen Werk nur Band 2 zu veröffentlichen und die erste Hälfte dann als Nachklapp hinterherzureichen... vielleicht wurde es so gemacht, weil der zweite als seinerzeit verbotenes Buch einen Legenden/Dissidentenstatus hatte, der dem "Stalingrad", der "nur" durch zahlreiche Kürzungen entstellt, aber doch erreichbar war, fehlte. Wie immer, durch diese Veröffentlichung gibt's was zu feiern.


    Die Ausgabe ist extrem sorgfältig gemacht und besticht durch ein kluges Vorwort (Jochen Hellbeck) und einem umfangreichen Anhang mit Anmerkungen, Karten, einer zeitlichen Übersicht und einem Editorischen Nachwort. So soll es sein.



    Nach den ersten paar hundert Seiten möchte ich eine große Empfehlung aussprechen; wenn vertieftes Interesse an sowjetischer Geschichte besteht ist es eigentlich ein Muß. Mehr darüber sobald ich ihn zu Ende gelesen habe; und im Anschluß wird "Leben und Schicksal" in dann unamputierter Form gleich folgen...



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Heute die erste Hälfte gelesen - morgen dann den Rest.


    Antony and Cleopatra
    Shakespeare



    Falls jemand ein paar gute Verfilmungen zu empfehlen hat, wäre ich sehr dankbar.

  • Schon eine merkwürdige Editionspolitik, von einem zweibändigen Werk nur Band 2 zu veröffentlichen und die erste Hälfte dann als Nachklapp hinterherzureichen... vielleicht wurde es so gemacht, weil der zweite als seinerzeit verbotenes Buch einen Legenden/Dissidentenstatus hatte, der dem "Stalingrad", der "nur" durch zahlreiche Kürzungen entstellt, aber doch erreichbar war, fehlte.

    Das ist mit Sicherheit der Grund. Was interessierte war der sensationelle Effekt, ein verbotenes Buch herauszubringen und einen entsprechenden Hype auszulösen. Der literarische Aspekt spielte da offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Die Rechnung ging ja auch auf: Im Feuilleton schlugen die Wogen der Begeisterung hoch. Was insofern verwunderlich ist, als man den zweiten Teil über weite Strecken gar nicht verstehen kann, wenn man den ersten nicht kennt, man nichts über die Figuren und ihre bisherigen Schicksale weiß, so dass viele Ereignisse, die Folgen von Vorfällen im ersten sind, einfach nur rätselhaft bleiben. Ich habe damals eine russische Freundin gefragt, ob sie mir erklären kann, was da los ist, und sie hat mir dann mit den Informationen aus dem ersten Band so geholfen, dass ich ganz gut zurecht kam.


    Ich hatte allerdings trotzdem nur wenig Freude an der Lektüre, was vor allem am schwerfälligen Erzählstil lag, und habe sie dann nach der langatmigen Abhandlung über das Böse abgebrochen, weil mir diese, offensichtlich für das ganze Buch zentrale, philosophisch sein wollende Passage in ihrer lächerlichen Banalität den Verdacht zu bestätigen schien, der mir schon vorher gedämmert war, nämlich dass es sich um ein Buch handelt, das für die Sowjetunion, vielleicht auch für das heutige Russland sehr wichtig sein mag, aber schwerlich zur Weltliteratur zählt, also zu der Literatur, die über die Grenzen ihrer Provinz hinaus bedeutsam ist. (Das ist übrigens kein Urteil über die Qualität des Buchs. Vermutlich trifft das für den größten Teil der Literatur aller Völker und Nationen zu. Allerdings hat die hilfreiche Kollegin meinen Entschluss, das Buch nicht weiterzulesen und auf eine Parkbank liegen zu lassen, nur mit einem vielsagenden Nicken kommentiert..)

  • Antony and Cleopatra
    Shakespeare


    Ach ist das wunderbar. Ich bin wie durch die Mangel gedreht. Wie man von ein paar wenigen Worten so auf Reisen geschickt werden kann ! Das eigentliche Drama beginnt erst dort, wo ich gestern pausierte, ungefähr zur Hälfte, aber dann wird man immer mehr hineingezogen in den Strudel der lebendigen Charaktere und ihrer unausweichlichen, dynamischen Tragik. Wie Lepidus zu Beginn sagt, Antonys faults seem "as the spots of heaven, more fiery by the night's blackness; hereditary rather than puchas'd; what he cannot change than what he chooses. " Zu den letzten Atemzügen Antonys verflucht Cleopatra die Göttin Fortuna "let me rail so high that the false huswife Fortune break her wheel provoked by my offence" - und hier muss ich an den letzen Satz der 4. Brahms Sinfonie denken....eine Passagaclia. Das Rad muss sich weiter drehen; mal ist der eine oben, mal der andere.


    Ein wunderbarer Shakespeare - sehr aufwühlend, finde ich - ich werde in den nächsten Tagen weiter darin lesen. Übrigens kann man im Netz Seiten aufrufen, auf denen man das Original neben einem sehr vereinfachten Englisch lesen kann. Mir geht es dann jedesmal so, dass ich nach einigen Seiten immer weniger auf die vereinfachte Spalte sehen muss. Irgendwie gewöhnt man sich wohl dran. Ich habe auch eine Druckausgabe mit Erklärungen am Rand. Aber die ergreifende Poesie, die hier bei Cleopatra besonders am Ende (so etwa in den letzten 2-3 Szenen als sie Anthony nachruft) so herrlich ist, bekommt man wohl nur durch das Original mit. Wie meisterhaft und menschlich tragisch auch gerade dieses Detail, nämlich dass dem Leser die charakteristische "Cleopatrasche" Beschaffenheit der Liebe zu Antony und deren überwältigende Dimension erst voll und ganz enthüllt wird, nachdem sie ihn verloren hat. Dramatisch gesehen ist das extrem wirksam (auch der letzte Satz der Brahms Sinfonie ist für mich der aufwühlendste) und ich frage mich, ob Antony selber sie je wirklich so erkannt und gekannt hat?


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