Eben gewälzt

  • Pierre Monnet´s Biographie über Karl IV, erschienen in der WBG


    Kann ich nur empfehlen wenn man sich für das Spätmittelalter interessiert :)

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Ich lese gerade (neben anderem)

    "Five. Das Leben der Frauen die von Jack the Ripper ermordet wurden"

    Hallie Rubenhold

    Nagel & Kimche Verlag

    [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51jdnQbkoRL.jpg]

    Eine schwierige biographische Aufarbeitung der fünf Opfer von Jack the Ripper.

    Zugegeben viel im Nebel. Aber eine eindrucksvolle Aufarbeitung allamal. Die Morde selbst werden wohltuenderweise

    nur am Ende der jeweiligen Kapitel erwähnt.

    Die wirkliche Leistung liegt darin, den Opfern ein Gesicht und eine Geschichte zu geben. Ich gebe gerne zu, daß mich dieses Buch betroffen und traurig, zeitweilig sogar zornig macht. Assoziationen zu gegenwärtiger Armut, Mißachtung, Mißhandlung und vor allem tragischen Schicksalswegen schleichen sich immer wieder ein.Ich finde dieses Buch empfehlenswert.

  • Eigen aber faszinierend:



    Ich lese gerade sein Gesamtwerk neu (manches auch zum ersten Male), eigentlich seit letztem Jahr schon, mit Unterbrechungen.


    Dies war sein Erstling. Bin extrem angetan, aber durch Untiefen muß man durch um belohnt zu werden. Dies ist Schwarzbrot. Seinerzeit hatte ich ihn abgebrochen irgendwann, aber heute, mit mehr Leseerfahrung, gibt er mir eine Menge.


    Wann findet sich ein Verlag, der die immer noch skandalöserweise unübersetzten drei, vier Romane aus dem Frühwerk mal auf Deutsch rausbringt?! Kommt schon, macht einem alten Mann die Freude...



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

    Einmal editiert, zuletzt von Garcia ()

  • Ruth Wodak / Peter Nowak/ Johanna Pelikan / Helmut Gruber / Rudolf de Cillia / Richard Mitten: »Wir sind alle unschuldige Täter!« – Diskurshistorische Studien zum Nachkriegsantisemitismus


    Vorliegendes Buch ist, wie in der Einleitung (Seiten 13–16) detailliert dargestellt, das Ergebnis in den 1980er-Jahren in Wien durchgeführter Untersuchungen insbesondere zur Sprache des österreichischen Bundespräsidentenwahlkampfs des Jahres 1986: Der Forschungszugang war interdisziplinär (und war damals innovativ), zumal die Autoren aus den Wissenschaftsgebieten Sprachwissenschaft, Psychologie, und Geschichtswissenschaft (siehe Seite 13) stammen. Inhalt der 2016 in der zweiten Auflage vorliegenden Publikation (erste Auflage 1990) ist insbesondere „[e]ine diskurshistorische Analyse der »Waldheim-Affäre« in Print- und elektronischen Medien wie auch im halböffentlichen Bereich (TV-Diskussionen, Mahnwache“ (Zitat Seiten 16–17); ein kleinerer Abschnitt ist der innenpolitischen Affäre zwischen Bruno Kreisky, Friedrich Peter und Simon Wiesenthal gewidmet (Seiten 282–232), selbstverständlich wird außerdem das methodische Vorgehen dargelegt (Seiten 31–58) – somit kann das vorliegende Buch als Grundlagentext der „Wiener Schule der kritischen Diskursanalyse“ angesehen werden.


    Ziel des Buches ist eine sprachliche Analyse judenfeindlicher Äußerungen im politischen Diskurs insbesondere im Rahmen der „Waldheim-Affäre“; herausgearbeitet werden soll, „wo, in welchem Ausmaß und in welcher Form judenfeindliche Vorurteile realisiert werden, um welche antisemitischen Inhalte es sich handelt und mit welchen Strategien argumentiert wird“ (Zitat Seite 211, im Original kursiv). Das gelingt durch eine detaillierte Analyse des ausgewählten Korpus, wobei am Ende zu präzisen Aussagen gefunden wird („Insgesamt ergibt sich das klischeehafte Bild von der verschwörerischen und unehrenhaften Tätigkeit der Juden“, Zitat Seite 311).


    Zwar findet sich auf den Seiten 360–367 eine chronologisch angeordnete Übersicht über die Abfolge der Ereignisse, die bei Unklarheiten zurate gezogen werden kann, dennoch entsteht der Eindruck, dass das vorliegende Buch in erster Linie für Leser geschrieben ist, die mit den geschilderten Ereignissen vertraut sind und nach Möglichkeit miterlebt haben (auch schon in der Einleitung dadurch erkennbar, dass ohne weiteren Kommentar die „Affäre Borodajkiewicz“, die „Affäre Scheibenreif“ und die „Affäre Haider und Suppan“ (Seite 15) der 1960er- und 1970er-Jahre angeführt werden, die vor allem zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Jahre 2022 nicht mehr in aller Munde sind; vielleicht hätten erklärende Fußnoten der zweiten Auflage nicht geschadet).


    Zentrales Problem dieses Buches ist aber nicht das vorausgesetzte zeitgeschichtliche Wissen, sondern die offensichtliche Tatsache, dass eine bereits im Vorhinein gefasste Meinung (nämlich dass antisemitische Äußerungen im damaligen Österreich im politischen Diskurs üblich sind und regelmäßig auftreten) mithilfe des Buches bestätigt (bzw. argumentativ untermauert) werden sollte: Zwar ist diese Praxis der „Kritischen Diskursanalyse“ eigentümlich, dennoch ist ein doch vorurteilsbehafteter Zugang mit dem althergebrachten Wissenschaftsverständnis, vorurteilsfrei eine bestimmte Sache zu untersuchen, nicht vereinbar. Gleichwohl ist dem Autorenkollektiv zugutezuhalten, dass die antisemitischen Äußerungen des sozialdemokratischen Politikers Bruno Kreisky (der selbst jüdischer Abstammung war) keinesfalls unter den Tisch gekehrt, sondern ebenfalls besprochen wurden. Gleichzeitig verrät so manche Formulierung (zum Beispiel auf Seite 303: „Eine ganz andere Art von Ausgrenzung »passiert« V. Reimann“, wo die Anführungszeichen beim Wort „passiert“ subtil suggerieren, dass der Inhalt seitens des Autors anders intendiert war als an der Oberfläche sichtbar) die ideologische Positionierung der Verfasser. Solche Usancen sind meines Erachtens nicht in Ordnung, will doch sine ira et studio der Sache ergebnisoffen auf den Grund gegangen werden.


    Des weiteren stellt sich die Frage nach der Zielsetzung des Buches: Angesichts dessen, dass die erste Auflage des Buches erst 1990 entstand, als die „Waldheim-Affäre“ schon (wenige Jahre) vorbei gewesen war, kann die Zielsetzung nicht darin bestanden haben, die Bundespräsidentenwahl in irgendeiner Art zu beeinflussen. Eine große mediale Vermarktung war ebenfalls nicht angedacht, zudem ist das Buch für Personen geschrieben, die eine gewisse Affinität zur Diskurslinguistik besitzen – und solche potentiellen Leser sind eher selten. Also erscheint schlüssig, dass das Wissenschaftler-Team ein Thema des Nachkriegsösterreichs diskurslinguistisch untersuchen und die Ergebnisse darstellen wollte, einen breiten Leserkreis wird das Ergebnis nicht finden, dafür liest sich das Buch auch zu trocken.


    Als Dokument österreichischer Zeitgeschichte ist das 400 Seiten umfassende Werk sicherlich lesenswert – die Schilderung der historischen Fakten erscheint mir richtig und zuverlässig. Eine Lektüre aus primär diskurslinguistischen Motiven scheint mir weniger geboten: dafür sind meine genannten Einwände zu groß. Dennoch gilt das Buch als „Klassiker“ auf dem Gebiet der Wiener Schule der Kritischen Diskursanalyse, insofern ist es lesenswert, zumal damit ein besseres Verständnis dieses Forschungszweigs und seiner Grenzen geschaffen werden kann.

  • Drago Jančar: Wenn die Liebe ruht


    Der 1948 in Maribor geborene Schriftsteller Drago Jančar wurde 2020 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet; 2019 erschien die Erstübersetzung seines bislang letzten Romans Wenn die Liebe ruht – im slovenischen Original In ljubezen tudi, wörtlich übersetzt ‘Und die Liebe auch’ (ergänze: ‘geht im Krieg zugrunde’).


    Wenn die Liebe ruht ist in vier unterschiedlich lange Kapitel (die einander knapp zeitlich überlappen) gegliedert, spielt im heutigen Slovenien gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und ist in seiner Grundform eine Dreiecksgeschichte (eine Frau zwischen zwei Männern) mit einem komplexen Repertoire an Nebenfiguren. „Nebenfigur“ ist bei Jančar allerdings ein unpassend gewählter Begriff: Jede Figur besitzt individuelle Züge, erscheint vor dem Auge des Lesers glaubhaft als eigenständig handelnde und fühlende Person und wird vor allem keineswegs in gut oder böse eingeteilt. Auch objektiv böse handelnden Figuren werden menschliche Eigenschaften zugestanden: Jančar moralisiert nicht.


    Sonja, die aus Slovenien stammt und ein Medizinstudium an der „Reichsuniversität“ Graz kürzlich abbrach, ist mit Valentin liiert, der als gegen die deutschen Besatzer kämpfender Partisan im Gefängnis sitzt. Daher fasst sich Sonja ein Herz und bittet den ihr aus der Kindheit bekannten Ludek, der seit der deutschen Besatzung Ludwig heißt und sich in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt hat, darum, Valentin zu befreien. Ludwig verlangt Sonjas Liebe dafür – dazu sie ist nolens volens bereit, doch der Plan geht nicht auf: Sonja muss sich in einem Lager für deutsche Soldaten prostituieren, Valentin macht (ohne Kontakt zu Sonja) bei den Kommunisten Karriere, Ludwig/Ludek wird vom Kriegsverbrecher zum Kriegsopfer.


    Die Grundtendenz des Romans ist ernst: Auf den knapp 400 Seiten wird der Krieg in der Grausamkeit seiner Endphase gezeigt, der Autor beschönigt nichts, auch nicht die Ermordung von Zivilisten. Insofern stellt sich Wenn die Liebe ruht in eine Reihe mit Nordlicht und Die Nacht, als ich sie sah. Die drei nicht als Trilogie vermarkteten Romane spielen im Slovenien der Jahre 1938–1945 und sind durch gegenseitige Anspielungen miteinander verbunden (auf Seite 339 von Wenn die Liebe ruht nennt der Autor Jančar kunstvoll sich selbst und seinen Roman Nordlicht).


    Wenn die Liebe ruht ist nicht nur eine fein ausgestaltete psychologische Studie darüber, was der Krieg mit Menschen und Beziehungen macht, sondern auch eine Darstellung einer im deutschsprachigen Diskurs unterrepräsentierten Debatte: derjenigen über die Geschehnisse im vom deutschen Reich besetzten SHS-Staat zwischen deutscher Wehrmacht und Partisanen, deren Verbrechen jenen der Deutschen um nichts nachstanden (hierzu auch Jančars 2011 erschienener Roman Die Nacht, als ich sie sah, der von einem erst 2015 aufgeklärten Verbrechen handelt). Geschichte lässt sich aus Geschichtsbüchern nicht immer so plastisch begreifen wie aus sehr guten literarischen Texten, und Wenn die Liebe ruht ist ein solcher: Jančar zeichnet im Nationalsozialisten Ludwig das Bild eines beeinflussbaren jungen Mannes, der um jeden Preis „deutsch“ sein möchte, deutschnationale Propaganda verbreitet und seine slovenische Herkunft in den Dienst der deutschen Besatzer stellt, der seine gewonnene Macht in Naivität und Unreife genießt und die Tragweite seines Handelns völlig unterschätzt; Dr. Belak, der Vater Sonjas, arrangiert sich scheinbar mit den Besatzern, unterstützt aber heimlich – unter Gefahr für ihn selbst und seine Familie – die Partisanen und versucht vergebens, seine Tochter aus dem Krieg herauszuhalten; die im Roman genannten Straßennamen und Gebäudeaufschriften Maribors und das thematisierte Verhältnis zwischen deutscher und slovenischer Sprache bilden die historischen Umwälzungen ab: Die „Windischgasse“ wurde die „Slovenska ulica“ und in der erzählten Zeit des Romans die „Burggasse“; das „Hotel Orel“ das „Hotel Adler“, die „Restavracija“ das „Restaurant“.


    Wenn die Liebe ruht ist insofern ein für Drago Jančar typisches Buch, als es die handelnden Charaktere tiefgehend durchleuchtet, die geographischen Gegebenheiten kenntnisreich und mit sichtbarer Liebe zum Detail beschreibt und sowohl mehrere Wechsel der Erzählperspektive als auch einige Rück- und Vorausblenden enthält (zum Beispiel die spätere Begegnung zwischen Sonja und Valentin am Ende des dritten Kapitels). Diese Eigenschaften sind schon in Jančars früheren Werken vorhanden (besonders deutlich in Nordlicht), mit den Jahren wandelte sich sein Erzählstil zur Perfektion.


    Angesichts des Gesamteindrucks fällt eine kleine Ungenauigkeit des Autors nicht ins Gewicht (Lešnik befindet sich im dritten Kapitel zu Beginn in Ostpreußen und wenig später ohne Ortswechsel am brandenburgischen See); auch ist die deutsche Übersetzung von Daniela Kocmut stilistisch nicht einwandfrei (die häufige Verwendung des umgangssprachlichen in etwa stört ebenso wie der oft falsche Gebrauch von sich und einander) und sachlich teils unrichtig: Wie Gerhard Zeillinger in seiner sehr treffenden Standard-Rezension vom 21. September 2019 anmerkt, hießen die Mitglieder einer der SA ähnlichen Gruppierung des Steirischen Heimatbundes nicht „Wehrmachtler“, sondern „Wehrmannschaften“.


    Drago Jančar ist ein brillanter Autor, dessen Œuvre überwiegend auch in deutscher Übersetzung vorliegt; dem besprochenen Roman wird eine kurze Besprechung keinesfalls gerecht. Wer einen packenden Roman zu einem differenziert dargestellten Teil europäischer Geschichte lesen möchte, sei auf einen der Romane Drago Jančars verwiesen, zum Beispiel auf Wenn die Liebe ruht.


    JANČAR, Drago: Wenn die Liebe ruht. Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut. Paul Zsolnay Verlag Ges.m.b.H., Wien 2019.

  • Wagnerism - Art and Politics in the Shadow of Music

    Alex Ross.


    Es befinden sich in diesem bemerkenswerten Werk ein Universum an Information zu dem Einfluss Wagners auf Politik, Gesellschaft und Kultur im weitesten Sinne, wie der Titel ja schon sagt. Meist erwähnt werden ausserhalb von gesellschaftlichen Phänomenen und Politik wohl das Denken und Schaffen von Schriftstellern, aber auch von Tänzern, Musikern, Philosophen, Film- und Theater/Opernregisseuren und Esotherikern verschiedenster Art. Und selbstverständlich geht es hauptsächlich um dynamische Verstrickungen dieser einzelnen Stränge.



    Um einen besseren Eindruck zu ermöglichen, erwähne ich hier einige der 16 Kapitelüberschriften.

    Tristan Chord: Baudelaire and the Symbolists.

    Swan Knight: Victorian Britain and Gilded Age America.

    Grail Temple: Esoteric, Decadent, and Satanic Wagner.

    Venusberg: Feminist and Gay Wagner.

    Nothung: The First World War and Hitler’s Youth.

    Ring of Power: Revolution and Russia.

    Flying Dutchman: Ulysses, The Waste Land, The Waves.


    Die Absicht des Autors ist wohl eher die gobale Sphäre Wagners Einflusses darzustellen und nicht eine Analyse einzelner literarischer Werke oder einzelner politischer oder gesellschaftlicher Phänomene vorzunehmen. Obwohl es auf ersten Blick je Informations-Punkt deshalb oberflächlich beibt, entsteht durch die unglaubliche Menge, die angeboten wird, eben dann doch ein überwältigender und tiefgehender Eindruck; ein Gefühl nämlich für das in fast alle anderen Gebiete menschlicher Aktivität übergreifende, globale Ausmass Wagners Einfluss, nicht nur seiner Musikwerke, seiner Inhalte, seiner musikalischen Neuerungen, sondern auch seines in Aufsätzen festgehaltenen, teils verabscheunesnwerten Denkens. Und dieser Prozess der Beeinflussung scheint nicht abgeschlossen zu sein, so dass laut Ross angeblich sogar in einigen der neuesten Hollywood Filmen immer auch wieder Wagnerismen zu finden seien.


    Gut, als kultur-, musik- und historisch informierter Leser kennt man dann auch einiges schon, aber das Buch ist für eine im weiteren Sinne globale Leserschaft konzipiert, bei der man davon ausgehen kann, dass nicht alles jedem schon bekannt ist. Ausserdem wären gewisse Auslassungen (Lücken) völlig undenkbar – und hierin spiegelt sich eben auch das „Phänomen Wagner“ wieder. Man kommt nicht um ihn herum.....egal wohin man schaut. Wenn mir das bisher in beschränktem Rahmen schon klar war, so hat Alex Ross mit seinem „weighty tome“, wie man auf englisch sagen würde, diesen Rahmen um etliches erweitert.......Ich habe gerade einen Roman beendet, in dem ich nun auf einmal ganz eindeutige Wagnerismen finde, die ich vor meiner Lektüre von Alex Ross nicht als solche empfunden hätte. Schon interessant.


    Ich sollte fairerweise erwähnen, dass sich einige Kapitel ein wenig gezielter mit zB James Joyce, Thomas Mann oder auch mit mir bisher unbekannten Schrifstellern beschäftigen. So kam trotz Frustration wegen der überwältigen Menge von Zusammenhängen an anderen Stellen genug tiefgehende Inspiration auf. Ich werde es also demnächst mit der Lektüre von Ulysses versuchen - auf der Spur des literarischen Leitmotivs.....dank Alex Ross bin ich nun doch neugierig geworden.


    An mancher Stelle wurde mir positiv bewusst, dass Ross eher berichtend schreibt, als bewertend; an andere Stelle kam mir der eine oder andere von Ross selber hergestellte Bezug zu Wagner etwas an den Haaren herbeigezogen vor oder ich konnte ihm nicht zustimmen, weil ich einen anderen gedanklichen Ausgangspunkt innehatte. Aber interessant war es dennoch sich auch damit zu beschäftigen.


    Muss man es gelesen haben? Ja, finde ich schon. Einmal wird nicht reichen. Ich habe das Gefühl, es wird mich weiterhin begleiten.

    4 Mal editiert, zuletzt von Amethyst ()

  • Liebe Rosamunde, danke für Deine ausführliche und informative Besprechung! Sie würde übrigens sehr gut auch dorthin passen: Wagner-Bücher


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • :thumbup:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Tja, ich bin wohl wahnsinnig. Vollkommen irre. Aber ich hab angefangen und klebe wieder wie die Fliege am Leim, fasziniert, rote Backen, kann nicht aufhören bei der nun vierten Lektüre dieses Monsters binnen weniger Jahre...



    Nun hat er wohl den Lieblingstextstatus erreicht neben Bleak House, Middlemarch und Zauberberg.


    Manche Textmassive pflüge ich mit leichter Ungeduld durch, diese endlosen Tennistrainingssachen , aber immer wieder reich entschädigt durch die Teile in der Suchtüberwindungssektenartigen Entzugsklinik. Ich kenn das ja. Es ist gleichzeitig überzogen und auf den Kern erzählt.


    Ich bin wieder hingerissen und süchtig. Dies ist mein Buch, auch wenns beim ersten Lesen nur um ein Grundverständnis ging, ums Überleben, und das zweite Lesen selektiv war. Aber jetzt genieße ich jede Fußnote wie eine Katze ihre Maus...





    Nebenbei lese ich auch Kings 1700 seiter "The Stand", und der ist auch nachprüfbar supertoll und paßt hervorragend in diese neurotischen Zeiten. Und die coronabedingten Zeiten. Klasse erzählt, ohne tieferen Anspruch, sprachlich, aber mit reichlich (vor allem charakterzeichnen) Mehrwert der überrascht wenn man den King als "trivial" abgespeichert hat. Packen und in gewisse Tiefen gehen, das könnte er mal, wenn ich da die heutigen Thrillerautorin:nnen sehe mit ihren Serien, die können alle einpacken. Auch hier das Bild



    Ach, Literatur ist doch die meine große Liebe <3 ich liebe es wenn man mir eine tolle Geschichte erzählt



    . :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

    Einmal editiert, zuletzt von Garcia ()

  • Ok, zum vierten Mal in Arbeit, also dreimal „geschafft“ - Respekt.


    Ich habe es bislang noch nicht komplett gelesen, und fühle mich jetzt noch etwas schlechter als ohnehin schon. Immerhin liegt bei mir auf dem aktuellen Bücherstapel dies, was ich mit großem Vergnügen lese:



    Und von mir eine Empfehlung:



    Denn das lese ich derzeit zum zweiten Mal und freue mich sehr daran. Es geht um Plan-, Kunstsprachen, die Menschen, die sie erfunden haben, deren Abgründe und vor allem um die Wirkung von Sprache, um die Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen und verstanden zu werden. Ist irgendwie so wie ein Sachbuch und doch zutiefst persönlich. Es klingt vermutlich etwas merkwürdig, aber für mich ist es trotz des abstrakten Themas und des sachlichen Zugangs ein Buch von großer (Mit)Menschlichkeit.

  • Manchmal liegt es in der Luft - oder im Äther , oder wo auch immer . Ein Komponist/Interpret wird m Bestand wiedergefunden , ein Buch wieder ausgebuddelt , oder ein altes Jacket mal wieder getragen - und plötzlich : gerade dann geht es auch anderen so , mit dem Wiederentdecken . Da ich meine Augen schonen muß , lese ich z.Z. nur kurz und wenig , und dafür eignet sich die George Grosz Biographie 'Ein kleines Ja und ein großes Nein' vorzüglich . Und just heute merkt jemand in der SZ an , daß dieses Buch unbedingt neu aufgelegt werden sollte . Ja , es liegt was in der Luft .....


    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Fange gerade wieder mit dem Lesen an , und habe mir ein Buch ausgesucht , daß ich vor 20 Jahren in einem B&B auf der Garden Route in Südafrika vorgefunden habe und dann mitnehmen durfte - hab's verschlungen , in der Hitze , Petersburg brachte Kühlung . Es geht um Dostojewski und den Tod seines Stiefsohns und noch einiges mehr , was mir aber erst jetzt deutlich wird . J.M.Coetzee ist ein Autor , bei dem ich ambivalent bin . Mal fesselt er mich , mal mag ich ihn einfach nicht lesen . Aber The Master of Petersburg hat mich (wieder) .


       

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Eben durch. Was soll ich sagen...... Hinten auf dem Umschlag steht ein Zitat von Harper Lee:

    "Catch 22 is the only war novel I've read that makes any sense."


    Warum? Weil nichts darin Sinn macht. Und nur so lässt sich Krieg vernünftig darstellen. Catch 22 eben.

    Witzig, absurd, schmutzig, erschütternd, berührend, politically völlig incorrect - und trotz allem Irrsinn absolut einleuchtend.

    Unbedingt lesen.


    Joseph Heller

    Catch 22


  • Dave Eggers

    Every


    Every spielt in der nahen Zukunft und ist der Name eines Internetgiganten, der praktisch alle anderen heute existierenden geschluckt hat. Sein Angebot ist allumfassend und beinhaltet auch die permanente Selbstoptimierung des Menschen in Bezug auf intellektuelle und sprachliche Fähigkeiten, Ernährung, Gesundheit, Sozialkompetenz...als Folge von unzähligen Apps, die den Alltag eines jeden rund um die Uhr begleiten. Eine junge Frau beschliesst dieser Dystopie ein Ende zu bereiten und ist überzeugt, dass das nur von innen heraus geht, also indem sie in dem Konzern ganz nach oben gelangt. Bin noch ziemlich am Anfang, aber bin gespannt wie es weitergeht.


    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Der "Unendliche Spaß" von Wallace nähert sich dem Ende, Kings "The Stand" hab ich lang durch und lese parallel seinen "Es" nochmal, der auch gut kommt aber nicht ganz so wie früher (vielleicht hat die ungekürzte Ausgabe hier nicht so gut getan, alles passiert dich sehr, sehr, sehr gründlich auf diesen 1500 Seiten). Aber egal. Denn parallel zu diesen (ich les ja meist Multitasking-mäßig) hab ich einen Autoren entdeckt, Emmanuel Carrère, den ich null kannte und der mich sehr mitnimmt.


    Er schreibt eigenartige Hybride aus Autobiographie, Sachbuch und Fiktionalem. Mein Einstieg war


    Emmanuel Carrère, "Yoga"


    Der wird ja gerade groß abgefeiert in den Feulletons. Carrère berichtet von seinen eigenen Erfahrungen in Meditationsretreats, aber auch von seiner klinischen Depression und seinem mehrmonatigen Psychiatrieaufenthalt sowie von seinen Bemühungen in der Flüchtlingskrise gestrandeten Jugendlichen weiterzuhelfen. Dabei fließt viel von seiner Persönlichkeit, seinen Grenzen (er ist ebenso selbstverliebt wie schonungslos was seine Schwächen angeht) und Gedanken über alle möglichen kulturellen, gesellschaftlichen, privaten Themen ein. Eine wilde Mixtur, die er aber jederzeit so in der Schwebe hält und die großartig gemacht ist um zu funktionieren ... Hier ist das Ergebnis mehr als die Summe der Teile.


    Weil ich das mochte bin ich jetzt in einem weiteren von ihm, "Das Reich Gottes", in dem er frühere eigene Versuche, zum Christen zu werden und deren Scheitern mit einer Nacherzählung des Lebens Paulus und des Lukas verbindet . Christentum ist nicht meines, aber wie er es macht fasziniert mich trotzdessen. Absolut lesenswert für mich auch dieses.



    Insgesamt ein ebenso ungewöhnlicher wie toller Autor, der dann bereichert wenn man ihm und seinen Sichtweisen was abgewinnen kann. Bei dem Knausgard gelang mir das gar nicht, ein bißchen vergleichbar sind die beiden weil sie immer (auch) über sich selbst schreiben: nur ist das beim Knausgard dann auch alles und bei der x-ten Besäufnis Schilderung war ich dann raus, hier wird es mit Themen verbunden und der Autor ist mir erheblich näher.


    Ich verfolge den weiter, sicherlich.



    . :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Der Carrère gefällt mir immer besser.



    Der Widersacher ist eine Art Realitätenroman über einen Mann, der es fertigbrachte, 17 Jahre lang seiner gesamten Umgebung vorzuspielen er sei ein wichtiger Funktionär in der WHG in Genf und ein großartiger Arzt, eine Koryphäe. Real war alles gelogen, er hatte nach der zweiten Prüfung schon sein Studium drangeben müssen. Dienstreisen wurden im Auto oder in Billighotels verbracht, Arbeitstage mit Waldwanderungen herumgebracht. Das absolute Doppelleben. Er hat sich aber durch Veruntreuung erheblicher Summen aus dem Familien- und Bekanntenkreis einen seiner Lüge entsprechenden Lebensstandard sichern können.


    Als sein Konstrukt dann irgendwann bedrohlich wankte reagierte er: er erschoß seine Frau, seine kleinen Kinder, seinen Hund und seine Eltern.


    Carrère hat seine Geschichte aufgeschrieben, hatte lange mit ihm (in Haft dann) Kontakt, alle Ermittlungsakten einbezogen und so einen tiefen Einblick in die Dunkelheiten nachskizziert in die man als Mensch fallen kann wenn es keine inneren Stopschilder mehr gibt. Aber (es ist Carrère) seine eignen Abgründe mit thematisiert.


    Ein faszinierendes und bedrohliches Buch.


    Schlecht2

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Nach dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ und Texten aus „Kapital und Politik“ folgte konsequenterweise die Lektüre einer Marx-Biographie. Ich war die ganze Zeit unschlüssig, ob ich mich für Sperber oder Stedman Jones entscheiden sollte, entschied mich schließlich für letzteren, weil Sperber US-amerikanischer und Stedman Jones britischer Historiker ist. So richtig traue ich den Amis halt nicht in dieser Hinsicht (in anderen Hinsichten aber auch nicht).


    Ich bin jetzt bald durch, aber richtig glücklich bin ich nicht damit. Ich hätte mal besser auf den englischen Originaltitel achten sollen: „Karl Marx. Greatness and Illusion“. „Illusion“ deutet es an, denn das liest sich häufig so, als hätten Marx’ Theorien für Stedman Jones heute kaum mehr Relevanz. Das ist natürlich bedauerlich und eine vertane Chance, gerade jetzt, wo sich Europa durch die ökonomischen Folgen des Krieges in einer Zeit des historischen Abstiegs befindet. (Und nicht nur ökonomisch eigentlich, wenn man so den Zustand dieser Demokratie und seines Personals anschaut.) Der Anteil der EU an der globalen Wirtschaftsleistung ist seit der Jahrtausendwende um fast ein Drittel zurückgegangen. Ebenfalls ökonomisch zurückgefallen sind die USA, aufgestiegen ist zur selben Zeit China. Und die harten Zeiten kommen womöglich erst noch. Aber das nur am Rande erwähnt, denn vielleicht wird es mal irgendwann wichtig, die Widersprüche und Probleme des Kapitalismus zu lösen, und dann könnte Marx helfen… ;)


    Außerdem ist es etwas nervtötend, dass der Autor Marx durchgängig beim Vornamen nennt, so als hätte er mit seinem Kumpel „Karl“ schon einen gehoben.


    Es gibt auch noch eine Biografie von Jürgen Neffe aus 2017, der bescheinigt wird, dass darin bei Marx eben diejenigen Elemente herausgestellt werden, die für die Gegenwart passen. So ganz traue ich der Sache hier auch nicht, denn womöglich wird Marx nur hergenommen, um aktuelle Phänomene zu untermauern und eine eigene Botschaft des Autors zu vermitteln, was mir auch nicht behagen würde.


    Nun ja, kämpfe ich mich halt bis zum Ende dieses Schinkens durch.


  • Bei mir ist das Philip K. Dick - Fieber ausgebrochen. In der letzten Zeit las ich diese drei Romane direkt hintereinander:


    "Zeit aus den Fugen"

    "Die drei Stigmata des Palmer Eldritch"


    "Irrgarten des Todes'


    Große Literatur ist das nicht, sprachlich nicht und von der Figurenzeichnung nicht, aber es ist deutlich mehr als handelsübliche SF -- was der PKD da an abgedrehter Realitätsauflösung auf die Bretter bringt ist geeignet das Hirn des Lesers auseinanderzunehmen und von Grund auf neu zu verdrahten... Schon irre.


    Konventioneller aber toll auch seine Erzählungen:



    Da bin ich aber erst Mitte des ersten Bandes angelangt, und da diese insgesamt 117 Kurzgeschichten chronologisch angeordnet sind mag das noch deutlich versponnener werden als bislang absehbar ist...



    :)  


    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Ob ich' s hier posten soll? Ach, ich mach' s mal einfach ...


    Neben dem Kosmus-Naturführer „Was fliegt denn da?“ (schönes Taschenbuch für kurze und knackige Infos), dem BLV „Handbuch Vögel - alle Brutvögel Mitteleuropas“ (sehr gut: ausführlicher und enthält alle wichtigen Infos) und dem Kosmos-„Vogelführer“ (unschön zu lesen, sehr kleine Schrift und nur Zeichnungen, also keine Fotos), nun mein erstes Limikolen-Buch:


    Die Watvögel Europas


    Heute erst angefangen und schon viel gelernt. Hoffentlich hilft mir dieses Buch, die Limikolen, die z. T. schwierig voneinander zu unterscheiden sind, etwas genauer bestimmen zu können. Sehr detailreich und mit schönen Fotos und Zeichnungen gespickt. Eine echte Empfehlung! :thumbup:

    Don' t feed the troll!



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