Robert Kahn oder 1160 gute Gründe den 2. Weltkrieg zu überleben

  • Robert Kahn oder 1160 gute Gründe den 2. Weltkrieg zu überleben

    Es hat über das was ich mache hier bereits mehr als nur lebhafte Diskussionen gegeben, die für meine Begriffe so sehr in ästhetischen Bekenntnisse und Pseudodefinitionen verhedderten, dass das "was" ich tatsächlich wohl ziemlich vollständig übergangen wurde. Ich könnte etliche Themen dieser Art aufmachen, wenn ich alle Projekte hier vorstellen wollte. Ich will mich einstweilen darauf beschränken, aktuelle Meldungen mitzuteilen.


    Eines der größeren bis größten Projekte von Klassik-resampled befasst sich mit der Musik des Brahms-"Schülers" Robert Kahn. (Schüler weil er nach seinen Studien in Berlin und München auf Einladung von Brahms einige Monate bei Brahms in Wien verbrachte und dort in vielen regelmäßigen Treffen wohl so ziemlich alles machte was man als fortgeschrittener Kompositionsstudent mit einem Versierten Lehrer macht.) Natürlich liegt es für mich nahe, mich mit der Musik Kahns zu befassen, als ich über ihn gearbeitet habe und daher die wohl mit beste mögliche Quellenlage habe.


    Kahns Musik ist bislang vor allem in den weniger Repertoirestarken Besetzungen gepflegt worden. z.B. Kammermusik mit Holzbläsern. Kürzlich gab es auch eine ganz hübsche CD mit einigen der Klaviertrios von Kahn. Doch selbst aus dem Teil seines Schaffens, dass in der Zeit seiner exponiertesten Stellung im Berliner Musikleben z.B. im Umfeld des Joseph Joachim Quartetts entstand, ist noch vieles nicht aufgenomme geschweige denn bekannt. Ich habe eigentlich praktisch bei jeder Komposition, die ich kennenlernen durfte den Eindruck gehabt, dass dies der Qualität seiner Musik nicht gerecht wird. Dies alles würde schon jedes Engagement für Kahn und seine Musik rechtfertigen.


    In meiner Arbeit über Kahn hatte ich allerdings zudem das Glück erstmals auf ein völlig unerschlossenes Riesenwerk Kahns zu stoßen, dass mir in seiner Art und Entstehung schon vollkommen einzigartig erscheint und wie ich gerne zugeben auch über seine bloß musikalischen Reize hinaus für mich auch in menschlicher Hinsicht in aller Bescheidenheit jedes einzelnen Stückes doch von wirklich überwältigender Kraft zeugt. Es handelt ich um sein "Tagebuch in Tönen", dass Kahn zwischen Juni 1935 und 1949 in der zunächst inneren Emigration als verfemter jüdischer Komponist in Nazideutschland und schließ lich ab 1939 im englsichen Exil komponierte.


    Nach allem was man aus Kahns Briefen erfahren kann, scheint die Wucht mit der ihm seine kompositorische Schaffenskraft gegen jede Unbill der Gegenwart "bei Trost" gehalten hat selbst vollkommen überrascht zu haben. Als Deutschland schließlich seine größte politische Katastrophe hinter sich gebracht hatte und Kahn auch im bescheidenen englischen Exil noch hochbetagt für Jahre weiter komponierte waren es schließlich 1160 Klavierstücke geworden (mit Zweitversionen einiger Stücke 1168).


    Ich denke, dass es realistisch ist anzunehmen, dass kaum ein Pianist dieser Welt, so schnell dazu kommen wird auch nur einen nennenswerten Bruchteil davon hörbar zu machen.
    Es ist wie mir scheint keine Musik für irgend einen Markt. Es scheint einfach "nur" das zu sein, was Kahn eben gerade musikalisch interessierte und da sind ihm ganz offenbar soi schnell nicht die Ideen ausgegangen. Anlässlich eines Symposium am Londoner RCM im Frühjahr habe ich nun meinen lange gehegten Wunsch dieser Musik Gehör zu verschaffen zumindest angefangen. Inzwischen sind auf Klasssik-resampled neben meiner Präsentation für das Symposium 100 Stücke hörbar. Sollte ich jedes Jahr 100 weitere Stücke hinzufügen können, wäre ich mit diesem Projekt also vermutlich in 11-12 Jahren fertig. (Kahn brauchte 2-3 Jahre länger es zu komponieren hatte sich allerdings u.a. auch mit Flucht und Vertreibung herumzuschlagen).


    Ich persönlich sähe allerdings schon als ein Problem an, wenn ich Kahn allein mit diesem unglaublichen Teil seines Schaffens präsentieren würde, das in meinen Augen sehr wohl eine konsequente Fortsetzung seines schon zuvor geschaffen und zumeist auch erfolgreich aufgeführt und publizierten umfangreichen Schaffens aus seiner Zeit zwischen seinem eigenen Studium und seiner Pensionierung als Kompositionsprofessor der königlichen Hochschule für Musik. Klassik resampled will daher parallel zur Aufnahme des Tagebuchs in Tönen auch versuchen vor allem seine Instrumentalmusik vorzustellen. Die Idee ist eine Art hörbare Datenbank zum Werk Kahns, die gerne alle musikinteressierten anregen soll sich selbst mit dieser Musik zu befassen. Hier habe ich nach einigen kleinen Aufnahmen die ich vor einigen Jahren für das Lexm produziert habe jetzt begonnen die Kammermusik aufzunehmen. Bislang betrifft das erstmal nur alle Werke für Klavier und einen Streicher, die Klassik-resampled erstmals vollständig mit samt aller Manuskript gebliebenen Werke hörbar macht.


    Insgesamt kann man inzwischen 140 mp3 Aufnahmen mit ca. 4 Stunden Musik von Kahn auf:


    "klassik-resampled.de/kahn"


    hören.
    Ca. 90% dieser Aufnahmen sind Erstaufnahmen, dass heißt, es gab zuvor und gibt bis jetzt einfach überhaupt keine einzige andere Aufnahme von dieser Musik.


    Ich hoffe es gefällt dem einen oder anderen.
    beste Grüße
    Fahl5

  • Nr. 2 aus dem Tagebuch in Tönen kommt mir irgendwie zu vergrübelt oder nicht so überzeugend vor, aber die beiden Stücke Nr. 8 a & b finde ich durchaus mitreissend.

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Nr. 2 aus dem Tagebuch in Tönen kommt mir irgendwie zu vergrübelt oder nicht so überzeugend vor, aber die beiden Stücke Nr. 8 a & b finde ich durchaus mitreissend.

    Hallo Tyras,
    Danke erstmal für die nette Reaktion. "vergrübelt" ist interessant. Eine der ersten Kritiken die Kahn als junger Komponist erhielt monierte genau das an frühen Klavierstücken. Auch wenn Kahn noch weit weg von der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts war, hatte ich immer den Eindruck als wenn dieser Spätromantiker hier im Rahmen seiner Tonsprache durchaus "experimentelle" Züge zeigt. Bei den Stücken von 1935 bin ich ja versucht das auch auf die Biografisch alles andere als glückliche Lage in den ersten Jahren als von den Rassisten "kaltgestellter" Komponist zu schieben. Es kann aber wirklich sein, dass derlei völlig daran vorbei geht, dass Kahn schon immer solche "grüblerischen" Züge erkennen ließ und das weniger Seelenschmerz als Klang- oder Ausdrucks-Experiment ist.
    gruß
    fahl5

  • Guten Morgen Steffen,


    ich habe (nicht nur) diesen Thread interessiert gelesen und möchte ein paar Bemerkungen zu Deiner Website "klassik-resampled.de" loswerden:


    Anfangs habe ich mehrfach vergeblich versucht, Deine Arbeiten vom Sofa aus via iPad und drahtlos angekoppelter HiFi-Anlage zum Erklingen zu bringen. Allerdings blieben die Lautsprecher stumm, weil ich nirgends Musikbeispiele fand! Ich ahnte die Ursache und fand sie soeben am stationären PC bestätigt: Der von Dir in Deine Seiten eingebundene Player scheint auf Flash zu basieren, er ist daher auf dem Appleschen iPad (auch mit anderen Browsern als dem hauseigenen Safari) weder zu sehen noch zu benutzen. Dummerweise gibt es an der Stelle, wo er sein müßte, aber keinerlei Hinweis oder Fehlermeldung, so daß man als unbedarfter Besucher einigermaßen irritiert darüber rätselt, wo denn da nun die Musik spielt... Du solltest als Sofortmaßnahme entsprechende Hinweise einblenden und mittelfristig zusehen, einen auf allen Plattformen funktionierenden Medienplayer einzubinden!


    Zweitens finde ich Deine Anlistungen von Werken nach verschiedenen Kriterien (z.B. Kritik / neu / beliebt) hilfreich, das zeitgesteuerte, automatische Durchwechseln jedoch unerträglich: Wenn man da mitten im Studium einer Liste plötzlich eine ganz andere Ansicht vorgesetzt bekommt, ist das nur nervig und abschreckend. Laß Dir von jemandem mit 1,5 Jahrzehnten Webdesign-Erfahrung sagen, daß weniger oft mehr ist und daß man mit Animationen und Automatismen aller Art äußerst zurückhaltend sein sollte. Im vorliegenden Fall ist das Gezappel auch gänzlich überflüssig, da die Anklickbarkeit der Sortierkriterien auf den ersten Blick offenkundig ist! Erfreue Deine Gäste mit Auswahl, aber gängele sie nicht, indem Du ihnen ständig die Speisekarte aus der Hand reißt und ihnen eine neue vorsetzt, bevor sie wählen konnten...


    Beste Grüße,
    Ralph

    »Toren wir, auf Lind'rung da zu hoffen, wo einzig Heilung lindert!« (Gurnemanz)

  • Ich habe seit langem ein Stück für Klarinette, Cello und Klavier von Kahn in meiner Sammlung:

    Im Schatten von Brahms Vol. 2 / Trio Paideia


    Da ich diese Aufnahme in Zeiten erworben hatte, in denen meine Sammlung noch ein Bruchteil von heute ausmachte, habe ich die CD recht oft gehört. Die Stücke von Wilhelm Berger und Hermann Zilcher haben mir allerdings stets besser gefallen, sie sind auch gewichtiger und repräsentativer (wahrscheinlich).

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Hallo zonebattler,
    Danke für die Tipps.


    Die Animationen habe ich jetzt abgeschaltet. Die eigentliche Navigation geht aber eher über die Menüleiste oder Tabs im Zentrum der Startseite, das sind nur zusätzliche "aktuelle" Vorschläge.


    Ja der Umbau auf HTML5-Player ist bei rund 1400 Aufnahmen schon eine menge Holz. Ich habe mir zwar sogar mal einen besorgt, aber finde den so hässlich und so unflexibel bei Playlists, dass ich eigentlich immer noch darauf warte einen HTML-Player zu finden, der das kann, was ich mit den Flashplayern jetzt so machen.


    Hallo Putto,
    Klarinettisten sind offenbar ganz froh über ein zusätzliches Stück im Programm. Ich glaube es ist eines der meist gespielten von Kahn. Es ist schon schön und auch ganz auf Kahns Triopartner den Klarinettisten Mühlfeld abgepasst, für den auch Brahms seine späte Kammermusik komponierte. Die CD und die Werke vom Zilcher und Berger habe ich leider nicht im Ohr, daher fehlt mir natürlich der Vergleich.


    gruß
    fahl5

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