Jean Sibelius: Die 1. Sinfonie e-Moll, op. 39 (1899)

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Jean Sibelius: Die 1. Sinfonie e-Moll, op. 39 (1899)

    Für die Einführung verweise ich zunächst auf "http://de.wikipedia.org/wiki/1._Sinfonie_%28Sibelius%29" und hoffe auf Kenner wie Teleton. Ich beginne noch nicht mit meinem halben Dutzend älterer GAs, sondern mit dem Angebot der Digital Concert Hall:


    Jean Sibelius: Die 1. Sinfonie e-Moll, op. 39 (43:42)
    Sa, 09. Oktober 2010
    Berliner Philharmoniker
    Eivind Gullberg Jensen


    Jean Sibelius: Die 1. Sinfonie e-Moll, op. 39 (43:52)
    Do, 04. Februar 2010
    Berliner Philharmoniker
    Sir Simon Rattle




    Des Weiteren avisiert für den 5. Februar 2015 unter Rattle


    1. Satz – Andante ma non troppo / Allegro energico
    2. Satz – Andante (ma non troppo lento)
    3. Satz – Scherzo: Allegro
    4. Satz - Andante / Allegro molto (Quasi una fantasia)

  • Des Weiteren avisiert für den 5. Februar 2015 unter Rattle

    Hä?
    Ach so, OK.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Wenn ich mich naiv stellte und so täte, als hörte ich die Sinfonie zum ersten Male; dann müsste ich sagen, irgendwie wirkt sie sperrig und nicht so eingängig und überwältigend, wie ich das bei Beethoven, Bruckner, Brahms, Mahler in Erinnerung habe. Wie ich das Verhältnis des Finales zu den vorherigen Sätzen bestimmen soll, weiß ich noch nicht.

  • Lustigerweise höre ich die 1. gerade - daher folgende Bemerkung:
    Ich habe dieses Werk zum ersten Mal vom Oldenburger Staatsorchester unter Knut Mahlke (o.ä.) gehört, und es hat mich so in meinem Sessel in der 9. Reihe geschüttelt, dass ich am liebsten nach dem ersten SAtz gegangen wäre. Das war bei dem ersten Auftauchen des Triolenmotivs, Ziffer c in der Breitkopf-Partitur. Besser konnte es für mich damals (etwa 1990) nicht werden.
    Seitdem habe ich tausend, wenn nicht gar hundert, Aufnahmen gehört. Keine erreichte das Live-Erlebnis.
    Gerne höre ich, auch wegen der Klangqualität, Neeme Järvis Einspielung. Sehr romantisch und detailfreudig. Viel Zug und damit auch Überblick im Sinne einer in sich kohärenten Vorstellung hat P. Berglund. Aber diese TRiole hat keiner wieder so schön legatissimo geschmiert wie damals Mahlke und die Oldenburger... :love:

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Lieber Alberich, tatsächlich ist Sibelius der einzige namhafte Sinfoniker, den ich noch nie live erleben durfte und das beeinflusst die Rezeption schon beachtlich.

  • Hallo LvG,


    diese Gelegenheit erhältst Du, solltest Du die Möglichkeit haben, dich Anfang nächsten Jahres in der Stadt mit (durchaus charmanten) Provinzflughafenbesitz aber Großflughafenanspruch aufhalten.
    In der dortigen Philharmonie werden alle 7 Symphonien von Sibelius an drei Abenden unter der Leitung des Chefdirigenten Sir Simon Rattle anlässlich des 150. Geburtstags des Meisters aufgeführt.


    Die 1. wird gekoppelt mit der 2.:


    "http://www.berliner-philharmoniker.de/konzerte/kalender/details/20350/"


    :wink:

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

  • Vielen Dank, Wulf; ich werde das nicht versäumen. Ich hörte heute mehrmals Sanderling mit der Ersten:




    Im Vergleich mit den beiden Einspielungen der Digital Concert Hall bin ich klanglich unzufrieden; da klingt manches dumpf, blechern und spitzig.

  • Bei Sibelius' erster Sinfonie habe ich die Aufnahmen mit Bernstein/WPO und Ashkenazy/Philharmonia in bester Erinnerung:


     


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Bei Sibelius' erster Sinfonie habe ich die Aufnahmen mit Bernstein/WPO und Ashkenazy/Philharmonia in bester Erinnerung:

    Bernstein und Ashkenazy werden ja auch bei den GAs immer genannt; zusammen mit Berglund, Barbirolli, Segerstam, Sanderling, Maazel, Järvi. Mich wundert aber nicht, dass ausgerechnet LB hier bei der Ersten erwähnt wird. Deren Anlage schreit förmlich nach ihm; daher bevorzuge ich ganz andere Deutungen. 8+)


  • Bernsteins Wiener Sibelius gibt es auch auf DVD. Ich habe sogar das Glück des damaligen Liveerlebnisses im Wiener Musikverein.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Deren Anlage schreit förmlich nach ihm; daher bevorzuge ich ganz andere Deutungen.


    Hallo Ludwig,


    dann bevorzugst Du also Deutungen, die eindeutig langweiliger und mit weniger Pepp rüber kommen. Ausser Ashkenazy (Decca) gibt es IMO für die Erste wenige, die an diesen "Wahnsinn", so wie ich ihn hören will, rankommen !
    Wer bietet bei der Ersten mehr Sidehitze als Bernstein (DG) und Ashkenazy (Decca) ? Vieliecht noch Berglund (EMI) in ersten Zyklus aus Bournemouth (Blos nicht die Späteren !)



    *** Mich würde ja schwer interessieren, wie Ashkenazy´s 2.Zyklus (EXTON) gelungen ist und ob er die Glanzleistungen auf Decca (durchweg im ganzen Zyklus) zumindest wiederholen konnte ???
    Wer kann dazu etwas sagen ?
    Die EXTON-SACD´s sind verdammt teuer ...

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang


  • Hallo Ludwig,


    dann bevorzugst Du also Deutungen, die eindeutig langweiliger und mit weniger Pepp rüber kommen. Ausser Ashkenazy (Decca) gibt es IMO für die Erste wenige, die an diesen "Wahnsinn", so wie ich ihn hören will, rankommen !
    Wer bietet bei der Ersten mehr Sidehitze als Bernstein (DG) und Ashkenazy (Decca) ? Vieliecht noch Berglund (EMI) in ersten Zyklus aus Bournemouth (Blos nicht die Späteren !)

    Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll! Ich möchte es nicht romantisch oder irgendwie nordisch haben; nicht zu emotional und impulsiv, nicht zu sehr nach Tschaikowski klingend (und der 1. Satz atmet ja den Russen); aber auch nicht zu breit und nicht zu schlank. Ich will die eierlegende Wollmilchsau! 8+) :D

  • Bernstein und Ashkenazy werden ja auch bei den GAs immer genannt; zusammen mit Berglund, Barbirolli, Segerstam, Sanderling, Maazel, Järvi.


    Ist das so?


    Die genannte Bernstein-Einspielung stammt aus keine GA; für DG hat er "nur" die 1. + 2. + 5. + 7 aufgenommen.
    Bei Berglund müsste man fragen, welche GA angeblich "immer" genannt wird.
    Dito Segerstam.
    Dito Maazel.
    Bei Järvi müsste man hingegen fragen, welcher Järvi. :D


    Außerdem fehlt mir bei den "immer genannten" Aufnahmen noch Collins. Und Blomstedt.


    Ich möchte es nicht romantisch oder irgendwie nordisch haben; nicht zu emotional und impulsiv, nicht zu sehr nach Tschaikowski klingend (und der 1. Satz atmet ja den Russen); aber auch nicht zu breit und nicht zu schlank.


    "Der erste Satz atmet den Russen" ... wunderschön.


    Nicht romantisch und nicht nordisch ist bei einem 1899 in Finnland komponierten Stück natürlich schwierig. Ebenso schwierig dürfte es sein, via virtueller Kommunikation zu erkennen, wo die Grenze zu "zu emotional" überschritten wird. Dito "zu impulsiv", "zu breit", "zu schlank".


    Wir hatten mal jemand, der komplexe Orchesterpartituren mit aufwändigen Samples wiedergab. Vielleicht könnte der so was machen.


    Ansonsten decken Collins, Maazel (I oder II), Blomstedt, Bernstein, Barbirolli und Segerstam (I oder II) schon ein hübsches Spektrum ab, in welchem man eine gute Chance hat, seinen "Liebling" zu finden. Oder sagen wir's mal so: Wenn da keine überzeugende Einspielung dabei ist, könnte es schwierig werden ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Nicht romantisch und nicht nordisch ist bei einem 1899 in Finnland komponierten Stück natürlich schwierig.

    :D


    obwohl ich meine, mal gelesen zu haben, daß das Ding noch in der Studienzeit in Deutschland zumindest zu großen Teilen entstanden ist... aber ich kann mich täuschen...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Dann wäre im Thread zu den Zyklen eine komplette Auflistung sehr gut, von der man der Übersichtlichkeit wegen ausgehen könnte, weil man auch bei den Mehrfacheinspielungen den Überblick bewahrt.

    Klar ist es schwierig, aber das schrob ich ja schon; dass ich etwas will, was es gar nicht geben kann. Aber ich höre derzeit meine Zyklen durch und habe auch vier neue geordert, dazu Einzelaufnahmen. Ich werde berichten!

  • :D


    obwohl ich meine, mal gelesen zu haben, daß das Ding noch in der Studienzeit in Deutschland zumindest zu großen Teilen entstanden ist... aber ich kann mich täuschen...


    Sibelius war von 1889 bi s 1890 zu Studienzwecken in Berlin, wo er Schüler von Albert Becker (1834 - 1899) war. Während dieser Zeit hörte er in der Kroll-Oper Mozarts Don Giovanni sowie die Wagner-Opern Tannhäuser sowie Die Meistersinger von Nürnberg. Er besuchte auch Konzerte der Berliner Philharmoniker mit dem Dirigenten Hans von Bülow mit Werken von Beethoven sowie Aufführungen des Joseph Joachim-Quartetts (Beethoven und Schubert).


    Die 1. Sinfonie skizzierte Sibelius im Frühling 1898 und zu dieser Zeit war er wieder in Berlin. Ursprünglich war das Werk als "musikalischer Dialog" mit programmatischen Inhalten geplant:
    1. Satz: "Vom Meer weht ein kalter Wind"
    2. Satz: "Die Kiefer des Nordens träumt von der Palme des Südens"
    3. Satz: "Winterliche Geschichte"
    4. Satz: "Jormas Himmel" (basierend auf den 1897 veröffentlichten Roman Panu von Juhani Ano)


    Bei der Komposition spielten diese Überlegungen für Sibelius aber dann keine Rolle mehr. Stattedessen beschäftigte sich Sibelius in dieser Zeit sehr mit der Musik von Berlioz und in Sibelius Entwürfen zum Finale der 1.Sinfonie findet sich der handschriftliche Vermerk "Berlioz?"


    Als die 1. Sinfonie am 26. April 1899 in Helsinki vom Philharmonischen Orchester Helsinki unter der Leitung von Sibelius uraufgeführt wurde war das eine politisch schwierige Sitation, denn zu dieser Zeit hatte der russische Zar ein Februarmanifest erlassen mit dem die Autonomie des Großfürstentums Finnland eingeschränkt werden sollte. Sibelius komponierte darauf als musikalischen Protest das Chorwerk "Der Gesang der Athener", welches im gleichen Konzert mit der 1. Sinfonie erklang. Das Publikum reagierte vor allem auf das Chorwerk begeisternd aber Oskar Merikanto meinte über die 1. Sinfonie, dass es die größte Komposition sei, die Sibelius geschaffen habe.


    Sibelius selbst war aber mit der 1. Sinfonie unzufrieden und für die geplante Europa-Tournee des Philharmonischen Orchester Helsinki und dem Dirigenten Robert Kajanus im Sommer 1900 revidierte Sibelius das Werk. Die positiven Kritiken in Schweden, Dänemark, Frankreich und Deutschland brachten Sibelius zum internationalen Durchbruch. Ferdinad Pfol von den Hamburger Nachrichten schrieb damals : "Seine Symphonie, ein Werk, voll von ungehemmter Kraft, voll von leidenschaftlicher Lebhaftigkeit und erstaunlicher Waghalsigkeit, ist – um es einfach zu sagen – eine bemerkenswerte Komposition, die neue Wege vorzeichnet, oder besser gesagt, ist wie ein berauschter Gott, der vorwärts stürmt“.



    Armin


    (Quelle: "sibelius.fi")

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Boston Symphony Orchestra
    Sir Colin Davis

    April 1976
    (11:15+9:14+5:25+13:10=39:04)


     


    Der Kopfsatz kommt unaufgeregt und mit gerundeten Konturen daher. Die natürlich-gelassene Entfaltung des Geschehens bis zum G-Dur-Höhepunkt der Exposition finde ich voll überzeugend, das muss man erst einmal so hinbekommen. Zu Beginn der Durchführung fand ich die tendenzielle Weichzeichnung weniger passend. Ruhiges Voranschreiten kennzeichnet auch den zweiten Satz. In den Rahmenteilen des Scherzos tritt an die Stelle der bisherigen Kantenrundung ein (wie ich meine) sehr angemessener Biss. Der ruhigere Mittelabschnitt bleibt bei Sir Colin im Fluss („Lento ma non troppo“) und hat trotzdem viel Traumatmosphäre. Erst im Mittelteil des Finales (Buchstabe K, ab 6:09) lässt Sir Colin die Zügel etwas schießen, da geht dann die Post ab. Die dort gewonnene Intensität nimmt er leider nur teilweise mit in die „große Melodie“, die Satz und Sinfonie Richtung Ende bringt.


    Ungeachtet dieser Mäkeleien halte ich die Aufnahme für sehr gut. In ihrem Verzicht auf Mätzchen jeder Art, das könnte man auch große Mainstream-Nähe nennen, ist sie vielleicht gut geeignet, um das Werk kennenzulernen. Desert Island Version, wie bei Sibeliusaurus? Meine ist es nicht, dafür sind mir die ersten beiden Sätze etwas zu gelassen.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • London Symphony Orchestra
    Sir Colin Davis

    live 23./24. September 2006
    (11:54+9:27+5:15+12:59=39:35)



    Dreißig Jahre nach seiner Bostoner Aufnahme ist dieser Live-Mitschnitt mit dem London Symphony Orchestra entstanden, eine Montage von zwei Konzerten.


    Hier ist nach dem Klarinettensolo die Temperatur sogleich höher als damals. Das erste Tutti hat Energie, Wucht, Weite und vor allem mehr Zug nach vorne, der bis zum Schluss des Satzes erhalten bleibt. Der Beginn der Durchführung klingt schon nach dem Kopfsatz der vierten Sinfonie, total spannend! Dieser Kopfsatz hat für mich etwas von Desert Island. Im zweiten Satz gibt es anfangs mehr Wärme als in Boston. Später dann herrlich luftig-duftiges Spiel von Holzbläsern und Harfe. Die dunkel timbrierten Stellen und die Steigerung kurz vor Schluss haben Intensität und Bedrohlichkeit. Hinreißend. Das ist schon ein anderes Musizieren als bei der gelassenen Bostoner Darstellung. Im Scherzo geht’s kräftig zur Sache, aber mit viel Geschmack – dem Hörer wird das Stück nicht um die Ohren geprügelt. Zauberhaft der Mittelteil. Auch der letzte Satz kommt mit Energie daher. Ob jeder die „große Melodie“ so breit mag? Ich finde das grenzwertig, aber noch ok. In meinen Ohren hält Sir Colin die Spannung, da hängt nix durch.


    Ich ziehe diese Aufnahme der älteren klar vor, zum einen wegen der ersten beiden Sätze, die in Boston für meinen Geschmack zu ruhig waren, aber auch wegen der Intensität, die Sir Colin hier satzübergreifend erreicht. Ok, der Schluss ist sehr breit, aber das funktioniert. Wenn die Bostoner Aufnahme sehr gut ist, dann ist diese ausgezeichnet. (Sie steht nun in meinem Sibelius-1-Olymp, wo auch Bernsteins Wiener Aufnahme seit langem als "special guest" wohnt. :klatsch: )


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Lange nicht mehr gehört, nun aber wieder ganz begeistert :


    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Bournemouth Symphony Orchestra
    Paavo Berglund

    9./10. Oktober 1974
    12:03+9:15+5:13+12:29=39:00



    Paavo Berglund nimmt sich im Kopfsatz Zeit, um in das Stück hineinzuhören, lässt jeden Abschnitt von innen erblühen. Wo Colin Davis den Bauplan des Werks mit großer Kunst des Übergangs nachvollziehbar gemacht hat, aber eben „gemacht“, erweckt Berglund in meinen Ohren die Illusion, dass er alles vermeidet, was die Entfaltung des Stückes auch nur ansatzweise stören könnte. Bei Sir Colin höre ich in seiner Aufnahme bei LSO live im Gegenzug mehr Leidenschaft und Dramatik, was ich unterm Strich bevorzuge, z. B. zu Beginn der Durchführung. In dieser Aufnahme aus Bournemouth bekommt man eine sanfte Wiedergabe. Die lyrischen Stellen streicheln das Ohr, und selbst in den dicksten Fortissimo-Stellen gibt es einen Rest Noblesse und, ja, Zartheit.


    Zupackender wird Berglund dann im zweiten und dritten Satz. Ganz schön fetzig vor und an den Höhepunkten. – Auch das Finale wird aus der Ruhe entwickelt. Berglund verschießt das Pulver nicht zu früh, hält das Orchester bei der ersten Kulmination noch an der Leine. Zügig und gar nicht mal sehr lyrisch dann das erste Auftreten der „großen Melodie“. Dem folgenden durchführungsartigen Abschnitt bleibt Berglund kaum etwas an Heftigkeit schuldig. Aber beim finalen Erscheinen der „großen Melodie“ gibt es in anderen Aufnahmen eine noch bessere Balance von Lyrik und Überwältigung, meine ich.


    Das Bournemouth SO ist nicht oberste Liga, hier mal ein Pizzicato, das nicht zusammen ist, da mal eine Flötenstelle, die nicht restlos souverän gespielt scheint. Die Technik bietet einen etwas engen und unfokussierten Klang. Aber das ist marginal. Im Vordergrund steht die runde, von intrinsischen Kräften gesteuerte Wiedergabe des Werkes. Die sanfte, geradezu passive Darstellung des Kopfsatzes ist zugegebenermaßen nicht meine bevorzugte. Doch zum einen langt Berglund später ja ganz schön zu. Zum anderen finde ich (einmal mehr) seine Konsequenz bei der Umsetzung des Konzeptes beeindruckend und auf seine Art auch überzeugend und darum hörenswert. Noch ein Aspekt: Wer bei Sibelius nicht nur Struktur, sondern auch Atmosphäre haben will, dürfte auf seine Kosten kommen. – Im direkten Vergleich mit Colin Davis/LSO live ist diese Aufnahme im Finale weniger stringent. Dennoch mMn insgesamt eine sehr gute Aufnahme mit dem Alleinstellungsmerkmal eines sanften Kopfsatzes.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

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