Der "Klavier-Olymp" - ein sommerliches Spiel für "Pianophile"

  • Vielen Dank Christian für diese differenzierte Betrachtung, ich werde bei nächster Gelegenheit die Zimerman/Giulini Aufnahme bestellen (und auch Zimermans Lutoslawski CD, die mir auch noch fehlt).

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Vielen Dank Christian für diese differenzierte Betrachtung, ich werde bei nächster Gelegenheit die Zimerman/Giulini Aufnahme bestellen (und auch Zimermans Lutoslawski CD, die mir auch noch fehlt).

    Letztere fehlt mir auch noch. Wenn Du die Chopin-Konzerte unter Giulini bestellst (gibt es glaube ich nur noch gebraucht), dann schau doch gleich, ob Du in derselben Besetzung auch "Andante spianato et grande Polonaise brillante" kriegst (wenn nicht, melde Dich per PN). Das ist für mich eine der allerbesten Klavieraufnahmen, die ich kenne. Unfassbar, dass Zimerman mit Mitte 20 schon so vollendet Klavierspielen konnte. Da stimmt einfach alles: herrlich singendes Andante, großartige Klarheit in der Polonaise, federnder, schwungvoller Rhythmus, fantastische Steigerung bis zum Höhepunkt am Schluss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das Stück besser spielen kann. Vielleicht ist das sogar in gewisser Hinsicht Zimermans "Problem": Wer ganz zu Beginn seiner Karriere schon derart auf dem Gipfel angekommen ist, wohin soll der sich noch weiterentwickeln? Es spricht für ihn, dass er das nicht nur in die Breite, also mit neuem Repertoire, getan hat, sondern auch sein altes Repertoire immer wieder neu angeht, alte Lösungen hinterfragt und neue ausprobiert. Nur ist er für meinen Geschmack bei den Chopin-Konzerten da in einer Sackgasse gelandet, wenn auch in einer außerordentlich faszinierenden ;+) . Ich will versuchen, ihn in der kommenden Saison in Berlin mal wieder zu hören; er ist bei den Philharmonikern mit Brahms d-moll angekündigt.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Letztere fehlt mir auch noch. Wenn Du die Chopin-Konzerte unter Giulini bestellst (gibt es glaube ich nur noch gebraucht), dann schau doch gleich, ob Du in derselben Besetzung auch "Andante spianato et grande Polonaise brillante" kriegst (wenn nicht, melde Dich per PN).


    Das gibts zwar schon, aber leider nur in der ganz großen und entsetzlich teuren Kiste...

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Ich bevorzuge eindeutig Zimermans erste Einspielung unter Giulini. So sehr ich ihn in der späteren Aufnahme für den Mut bewundere, seine frühere Gestaltung komplett umzukrempeln und alles noch einmal auf ganz anderen Wegen anzugehen, so zwiespältig finde ich doch das Ergebnis: Dieses Extrem-Rubato, das Hervorheben von zahllosen Details wie unter dem Vergrößerungsglas, diese Tempostauchungen bis zum Beinahe-Stillstand (man höre etwa die Takte vor dem ersten Klavier-Einsatz im f-moll-Konzert) usw. finde ich als Experiment interessant, aber letzten Endes musikalisch maßlos übertrieben und unnatürlich. Ich bin auch sicher, dass nur Zimermans eigenes Orchester mit ihm völlig ergebenen Musikern das überhaupt begleiten konnte. Aber selbstverständlich spielt er, wie immer, mit unfassbarer Perfektion... Den Orchesterpart fand ich übrigens auch vor diesen Aufnahmen noch nie so schlecht, wie viele behaupten. Es ist ein Begleit-Part, der natürlich also solcher nicht mit einem Brahms-Konzert zu vergleichen ist sondern eher mit Paganini-Konzerten oder ähnlichem, aber er ist farbig, mit interessanten Effekten (z.B. das col legno im f-moll-Konzert) und unterstützt klanglich und rhythmisch immer gut die Ideen des Klavierparts.


    Christian


    Am anderen Ende "dieser Skala" würde ich Chopins 2. Klavierkonzert mit dem "frühen" Ivo Pogorelich (1983 - Abbado - Chicago) ansiedeln -
    und ihn damit auch in den "Olymp" schicken - oder doch mit der fis-moll Polonaise op. 44 auf der gleichen Scheibe?!
    In dieser "geradlinig-schnörkellos-maskulinen" Art eines "full-drive-power-play" gepaart mit anderseits zartest ausgesungener Lyrik war das damals absolut revolutionär,
    und die Geister schieden und scheiden sich daran ...



    Ungläubig staunen kann man, wenn man ihn dann gut 10 Jahre später (1992) mit Brahms hört ...
    => http://www.amazon.de/Rhapsodie…=UTF8&qid=1407782723&sr=1

    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Jorge Bolet, der in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, begann seine eigentliche Karriere erst 1974, also in einem Alter, in dem andere allmählich ans Aufhören denken. Auch in den Klavier-Olymp zieht er deshalb logischerweise mit Verspätung ein, aber um für ihn Platz zu schaffen, würde ich persönlich manch anderen bedenken- und gnadenlos wieder rausschmeißen (Peter Rösel für sein hölzernes und unsensibles Brahms- und Weber-Spiel, Arthur Schoonderwoerd weil er noch nicht entdeckt hat, dass das Pianoforte seinen Namen zu recht trägt). Für Bolets Nominierung bin ich hin- und hergerissen zwischen seiner Einspielung des dritten Rachmaninow-Konzertes unter Ivan Fischer und seiner Aufnahme von ausgewählten Schubert-Liedern in Liszts Transkriptionen, entscheide mich dann aber schweren Herzens für letztere:




    Die Aufnahme ist auch enthalten in dieser Box:




    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Extrem wenig ist erhalten von seiner exquisiten Klavierkunst, meines Wissens vielleicht nur eine einzige CD und ein paar (klanglich unbefriedigende) Videos auf YT:
    Alexander Satz (1941-2007)
    .. und so wird er wohl überwiegend durch seine Tätigkeit als exzellenter Lehrer (u.a. von Lilya Zilberstein, Boris Berezovsky, Yevgeny Sudbin) weiterleben ...
    Ein einziges mal durfte ich diesen feinsinnig-noblen Klangmagier live erleben, der wie selten einer Scriabin entschlüsseln und aufleuchten lassen konnte.


    Mit Scriabin "Klaviersonate No.7 op. 64" ist er in meinem persönlichen "Klavier-Olymp" präsent:


    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Dino Lipatti (1917-1950)
    und "sein" Schumann Klavierkonzert a-moll op.54 "http://www.youtube.com/watch?v=QCcSgyooPPY"
    oder doch "sein" Chopin Nocturne Des-Dur Op. 27/2 "http://www.youtube.com/watch?v=e0VhKERbhkE"
    oder, oder, oder - auf alle Fälle residiert er in meinem "Klavier-Olymp"!



    Herzliche Einladung an alle Klavier-LiebhaberInnen, das eine oder andere Juwel noch aus dem Kasten zu holen und hier zu präsentieren! :wink:

    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Mögen die Olympioniken ein wenig zusammenrücken: Ich nominiere noch den Russen Yevgeni Sudbin, Jahrgang 1980, der heute in London lebt. Er ist ein wunderbarer Interpret für Rachmaninoff, Scriabin, Chopin und Liszt - aber seine allerschönste Aufnahme ist sein Debutalbum von 2005, das allein Domenico Scarlatti gewidmet ist. ich kann es ohne weiteres ein paar mal hintereinander hören und finde es immer noch faszinierend, wie Sudbin diese Musik leuchten und funkeln läßt und in den Moll-Sonaten tiefste Melancholie auslotet, ohne in Sentimentalität zu versinken. Für mich sind dies die schönsten Scarlatti-Aufnahmen seit Haskil, Marcelle Meyer und Horowitz.


    "http://www.youtube.com/watch?v=LeC5BUkoMBc"
    "http://www.youtube.com/watch?v=nN9CVqnPi9c"



    Cheers,


    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Meister Schlechtriem hat mir Kapell mit Khatschaturian weggenommen.


    Meister Köhn hat mir Bolet weggenommen. Da hätte ich das Romantische Klavierkonzert von Joseph Marx genannt.


    Gleich am Anfang wurde mir die berühmte Brahms-Einspielung von Richter weggenommen, später die ebenso berühmte von Fleisher.


    Wieder andere haben mir wieder andere weggenommen.


    Jaja!


    Ich mache es mir jetzt einfach und nenne einen Super-Virtuosen, den nicht viele kennen werden und über dessen das Virtuose nicht betreffende Klavierspiel ich nicht wirklich urteilen kann, mit einem Stück - genau genommen, einem hyperbolischen Zyklus, der meines Wissens noch in keiner Weise abgeschlossen ist. Diesen Zyklus und seinen Schöpfer wird man als exzentrisch bezeichnen dürfen.


    Und es ist auch einmal schön, schlichtweg behaupten zu dürfen, dass es genügt, diese Musik technisch zu bewältigen, dass sie - meines Erachtens - quasi nach keiner Interpretation verlangt.


    Hier des Rätsels Lösung:



    Fredrik Ullén heißt der Pianist. (Sorabij, kam der hier nicht sogar schon vor? :S )


    Schöne Grüße, besonders an Berenice


    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Fredrik Ullén heißt der Pianist.

    Von dem gibt es auch eine grandiose Aufnahme der Ligeti-Etüden. Dabei ist er im Hauptberuf eigentlich Wissenschaftler (Professor am Karolinska-Institut in Stockholm). Unglaublich.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Herzlichen Dank, lieber Wolfgang, fürs Grüßle und Deinen Beitrag,
    mit dem Du den Klavier-Olymp "wachgeküsst" hast! :kiss:


    ... und Du hast Dich nicht getäuscht:

    Fredrik Ullén heißt der Pianist. (Sorabij, kam der hier nicht sogar schon vor? :S )

    Auch Meister Eusebius katapultierte Herrn Ullén mit seinem "100-Sorabji-Etüden-Projekt" in den Olymp.


    Muss wohl "was dran sein" an diesem Projekt, auch wenn's in mir primär albträumerische Assoziationen weckt ...

    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Zitat

    Muss wohl "was dran sein" an diesem Projekt, auch wenn's in mir primär albträumerische Assoziationen weckt ...

    Diese Assoziationen sind nicht von der Hand zu weisen, liebe Berenice. Und Christian Köhns Hinweis hat mich auch verblüfft.


    Ich nehme nochmals Anlauf, nachdem Ullén jetzt weiter oben auch von mir entdeckt wurde, und versuche mein Glück mit dem Russen Anatoly Vedernikov (1920 - 1993), auf den mich im Kontext des Fadens zu den Etüden von Debussy b-major aufmerksam gemacht hat und dessen ältere Einspielung mir mittlerweile ganz besonders gut gefällt. Man wird auf yt fündig; die CD ist, obwohl noch ganz offiziell zu erwerben, viel zu teuer (um mich nicht deutlicher auszudrücken):



    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • die CD ist, obwohl noch ganz offiziell zu erwerben, viel zu teuer (um mich nicht deutlicher auszudrücken):




    Als die Vedernikov-Aufnahmen auf Denon ( zum 2.Mal!) erschienen, kostete eine CD mit Porto aus Japan ca. 15 €. Das war vor 10 Jahren. Da habe ich zugeschlagen. Einige gibt es immer noch günstig, andere - wie diese - nur noch relativ teuer. Bei amazon.jp wird eine Gebrauchte angeboten (International) ; kommt aber mit Porto auch auf ca.35 €. Download oder Kopie ...

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Vor einigen Monaten las ich eine Biografie über die Pianistin Grete Sultan, die ich im übrigen sehr empfehlen kann. Nachdem sie in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als aufstrebende Künstlerin gefeiert wurde, nahm ihre Karriere mit dem Erscheinen der Nazi-Barbarei ein jähes Ende, und sie konnte sich mit großer Mühe in die USA retten. Dort fristete sie ein eher unspektakuläres Dasein, bis sie mit John Cage zusammen traf. Die beiden haben sich wohl auf Anhieb gut verstanden, und fortan galt Grete Sultan als seine Muse. Ein zentrales Klavierwerk von Cage sind die "Etudes Australes", welche ihr gewidmet sind und von ihr auch massgeblich beeinflusst wurden. Soweit ich das aus der Biografie herauslese, wäre es auch in ihrem Sinne, gerade dieses Werk mit ihr in Verbindung zu bringen. Es existiert eine CD von Wergo mit diesem Werk. Von den 2 Doppelalben mit Einspielungen von ihr ist momentan nur Vol 1 erhältlich.


    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51nNOCOjfbL._SX425_.jpg]


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Es gab auf Labor Records Grete Sultan Legacy Vol.1 & 2. Diese CDs sind auch heute noch über div. amazon zu bestellen, bzw. Vol.2 über musicweb für 25 Pfund inkl.Porto. Ich habe die Cds nicht mehr.


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  • Obwohl der Sommer vorbei ist, steht der Olymp hoffentlich noch offen. Da die Frauenquote ohnehin zu mager erscheint, ergänze ich mit der südkoreanischen Pianistin
    Hae-won CHANG und den Hummelschen Klavierkonzerten Nr.2 und 3. NAXOS sei ewiger Dank für diese mit superber Musikalität und wunderschönem Anschlag vermittelten und viel zu wenig bekannten Perlen eines sogenannten Kleinmeisters (solche Kategorisierungen lassen die Nachwelt manchmal recht ärmlich im Geiste erscheinen).


    ______________________


    Homo sum, ergo inscius.

  • Obwohl der Sommer vorbei ist, steht der Olymp hoffentlich noch offen


    Oh ja, ganz sicher. Neuzugänge allzeit herzlich willkommen!
    Der Thread-Titel als "sommerliches Spiel" war allein meiner Vermutung geschuldet, das allgemeine Interesse würde den Sommer nicht überdauern ...

    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Obwohl der Sommer vorbei ist, steht der Olymp hoffentlich noch offen. Da die Frauenquote ohnehin zu mager erscheint,

    Das finde ich auch und weise deshalb gern auf Teresa Carreño hin. Die Venezolanerin, die 1853 bis 1917 lebte, war zu ihrer Zeit eine der größten Pianistinnen - eine Art Clara Schumann der Neuen Welt. Ihre Lehrer waren Anton Rubinstein und Louis Moreau Gottschalk. Als 10jähriges Wunderkind spielte sie im Weissen Haus vor Abraham Lincoln.


    An einem einzigen Tag ihres Lebens, dem 2. April 1905, ging sie in ein Studio und nahm auf Welte-Mignon-Rollen insgesamt 18 bedeutende Werke auf, und zwar von der Kategorie Waldsteinsonate, Chopin g-moll Ballade etc. Diese Aufnahmen eröffnen faszinierende Einblicke in die Art des virtuosen Klavierspiels in der Tradition des 19. Jh.


    Mehr über Teresita erfährt man "http://de.wikipedia.org/wiki/Teresa_Carre%C3%B1o" hier. Hier ist sie mit einer atemberaubenden C-dur Fantasie von Schumann zu hören:


    "http://www.youtube.com/watch?v=u-bEP-RhPYo"


    Und hier die vom Wiki-Autor besonders herausgehobene Waldsteinsonate: "http://www.youtube.com/watch?v=mske7FGpOqk"


    Cheers,


    Lavine :wink:

    “I think God, in creating man, somewhat overestimated his ability."
    Oscar Wilde

  • Das finde ich auch und weise deshalb gern auf Teresa Carreño hin. Die Venezolanerin, die 1853 bis 1917 lebte, war zu ihrer Zeit eine der größten Pianistinnen - eine Art Clara Schumann der Neuen Welt. Ihre Lehrer waren Anton Rubinstein und Louis Moreau Gottschalk. Als 10jähriges Wunderkind spielte sie im Weissen Haus vor Abraham Lincoln.

    Claudio Arrau hat in einem Gespräch mit Joseph Horowitz (veröffentlicht in "Claudio Arrau, Leben mit der Musik", von Joseph Horowitz) eine sehr anschauliche Schilderung über Teresa Carreño gegeben:


    "Oh, sie war eine Göttin. Sie hatte diesen unglaublichen Schwung, diese Kraft. Ich glaube nicht, daß ich irgendwann jemand anders gehört habe, der den Saal der alten Berliner Philharmonie mit solchem Klang zu füllen vermochte. Und ihre Oktaven, die waren einfach phantastisch. Ich glaube nicht, daß es heute jemanden gibt, der solche Oktaven spielen kann. Mit solcher Geschwindigkeit und Kraft. (...) Die Carreño spielte Listzts Ungarische Rhapsodie Nr. 6 ungekürzt, und am Schluß dachte man, das Haus werde einstürzen von der tosenden Klangfülle. Man könnte sagen, daß sich in der Carreñof romanisches Gefühl mit germanischer Schulung verband. Sie studierte zunächst viel von ihrem Mann Eugène d'Albert. Sie entwickelte sich zu einer sehr guten Beethoven-Interpretin. Sie war als Pianistin besser als d'Albert selbst, obwohl dieser wahrscheinlich der größere Musiker von beiden war. Ich entsinne mich, daß sie einmal das dritte, vierte und fünfte Beethoven-Konzert an einem Abend spielte. Bei ihr hatte man nie das Gefühl, sie könnte müde werden oder in ihrer Intensität nachlassen. Und sie war eine hinreißende Schönheit. Ich saß bei ihre Konzerten immer in der ersten Reihe. Sie kam stets strahlend aufs Podium, als freute sie sich darauf, spielen zu können. Sie trug nur ärmellose Kleider, so daß man ihre Muskeln sah - wie kräftig und entspannt sie waren, und wie unglaublich sie spielten, das leichte Auf und Ab, die fließende Bewegung. Nach Konzerten wurde ich immer zu ihr geführt, um sie zu begrüßen. Einmal sagte sie: 'Ach, mit unseren vielen Kindern komme ich so wenig zum Üben. Und ich habe eine geladene Pistole auf meinem Flügel. Und ich habe alle meine Kinder gewarnt - wenn sie nur die Tür aufmachen, schieße ich.'"


    Unter http://www.youtube.com/watch?v=pWpUGx1mp8Y kann man eine Welte-Mignon-Aufnahme der 6. Ungarischen Rhapsodie mit Teresa Carreño hören.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Noch zwei Pianistinnen, die aus meiner Sicht gewiss ihren Platz auf dem "Olymp" haben:


    Halina Czerny-Stefanska(31. Dezember 1922 - 1- Juli 2001)


    Ich kopiere mal das hierher, was ich zu ihrer Aufnahme des 1. Klavierkonzerts von Chopin in der Aufnahme mit dem Nationalen Philharmonischen Sinfonieorchester Warschau, Ltg. Witold Rowicki (Polskie Nagrania SXL 0060 ) geschrieben habe:


    Frau Czerny-Stefanska hat vor einiger Zeit einmal beinahe Kultstatuts dadurch erlangt, dass eine frühe Aufnahme des 1. Klavierkonzerts mit ihr, die bei Supraphon unter Vaclav Smetacek erschienen war, im Westen als unbekannte Aufnahme Dinu Lipattis vermarktet wurde. Das flog dann aber rasch auf und leider war dadurch ihre Reputation außerhab von Polen in den Medien festgelegt. Dadurch hat man sich um eine wichtige Erfahrung der Chopin-Interpretation gebracht.


    Die spätere Platte ist dann im Rahmen der Gesamteinspielung aller Chopin-Werke erschienen, die Polskie Nagrania ab den späten 50-ern herausgebracht hat.


    Wenigstens zum Teil (vielleicht auch vollständig) sind die Platten der Gesamtausgabe im Westen von der Teldec herausgegeben worden, hatten aber wohl keinen großen Erfolg - wahrscheinlich weil die "großen" Namen fehlten. In Wahrheit versammelt die Ausgabe die bedeutendsten polnischen Chopin-Interpreten (z.B. Jan Ekier, Henryk Sztompka, Regina Smendzianka, und nicht zuletzt Halina Czerny-Stefanska). Man hört da einen ganz anderen Chopin-Stil: fast kühl, analytisch, aber hoch präzise und sehr erhellend. Am ehesten vergleichbar den frühen Rubinstein-Aufnahmen, doch die kommen mir bisweilen wie Pflichtübungen vor, ein Eindruck, den ich bei den polnischen Platten nie habe


    Jedenfalls spielt Czerny-Stefanska ein rhythmisch präzises, sehr schlankes, aber feinste Details auskostendes 1. Klavierkonzert - die Reprise im ersten Satz ist traumhaft schön. Die Begleitung des Orchesters könnte man ein wenig "fett" aber sicherlich nicht oberflächig finden, sie setzt sich nirgends über den Klavierstil der Solistin hinweg.


    Leider gibt es keine CD-Version dieser Aufnahme, auch für die nicht minder interessante Einspielung der Preludes op.28 aus der polnischen Edition wünscht man sich eine Neuauflage. Sie hat auch bei westlichen Labels einiges aufgenommen, was ebenfalls fehlt.




    Annie Fischer (5. Juli 1914 - 10. April 1995)


    Sie gehört einer ganz andere Tradition an, die in Ungarn eine beispiellose Zahl von bedeutenden Musikern des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. lhre Domäne war die Klassik und Romanik von Mozart bis Liszt - leider gibt es nur wenig Bartok von ihr. Auf CD ist inzwischen wieder eine Sammlung ihrer EMI-Aufnahmen erschienen:


    Auch wenn damit scheinbar das Klischee von Frauen und Kindern bedient wird, halte ich ihre Aufnahme der Kinderszenen von Schumann für herausragend. Man könnte sie mit "Fast zu ernst" überscheiben: deutlicher und präziser als z.B. die jüngste Aufnahme mit Hamelin aber auch viel durchdachter und deshalb im Ergebnis viel näher an Schumann als etwa Haskil oder Kempff. In einer Live-Aufnahme des 3. Klavierkonzerts von Beethoven von 1956 aus Amsterdam unter Klemperer lässt sie sich von der statuarischen Orchestereinleitung nicht einschüchtern und übernimmt schnell die Führung. Im Finale liefern sich das Orchester und die Pianistin ein Wettrennen, das zu einem völlig verrückten aber jedenfalls hörenswert rasanten Schluss des Konzerts führt.

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