Was ist Klassik und wo hört sie auf?

  • "Zurück zur Natur" ist an sich kein eindeutiges Programm. Denn um welche Natur geht es?
    Zur Zeit der Aufklärung war es zurück zu einer rationalen Natur, die man klassifizieren kann (Buffon, Linné), deren Gesetze man klar definieren kann (Lavoisier), die auch für die Gesellschaft als Vorbild dienen kann (Rousseau).
    Für die Romantiker war die Natur das Dunkle, Geheimnisvolle (Novalis) ...
    Für die einen war die Natur ein strukturiertes Gebilde, deren Strukturen für die Menschen als Ideal dienen sollten.
    Für die anderen war die Natur das Unstrukturierte, das von Kräften regiert wurde, die der Mensch zu bändigen versuchte, indem er Strukturen schaffte.

    Selbstverständlich zu knapp formuliert, aber man sieht schon, daß "zurück zur Natur" ganz unterschiedliche Kunstrichtungen oder Weltanschauungen prägen kann.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Für die einen war die Natur ein strukturiertes Gebilde, deren Strukturen für die Menschen als Ideal dienen sollten.
    Für die anderen war die Natur das Unstrukturierte, das von Kräften regiert wurde, die der Mensch zu bändigen versuchte, indem er Strukturen schaffte.

    Selbstverständlich zu knapp formuliert, aber man sieht schon, daß "zurück zur Natur" ganz unterschiedliche Kunstrichtung

    Ja, und diese konnten durchaus nebeneinander herlaufen. Ich denke da etwa an den französischen Architekten Ledoux, der sich bereits in den 1770er Jahren (als Baumeister des Königs übrigens, was ihm später eine Vorladung vor ein revolutionäres Tribunal einbrachte!) radikal vom noch vorherrschenden Rokoko-Baustil abwandte und seine Bauwerke einer strikten rationalen Funktionalität unterwarf. Hinzu kamen utopische Entwürfe von Gebäuden und Siedlungen, die die mathematisch-geometrische Ausdrucksform jener Funktionalität auf die Spitze trieben (z.B. "Das Haus des Reifenmachers").

    Insofern vermag ich auch bei den französischen Revolutionären kein "zurück zur Natur" zu erkennen; im Gegenteil: ein an der Römischen (und, wie ich finde bemerkenswerterweise: nicht Griechischen) Antike orientierter Wille, die Gesellschaft nach rationalen, zentral dekretierten Gesetzen zu ordnen, den Menschen zum politischen Staatsbürger umzuformen (man denke an das Gesetz zur staatlichen Kindererziehung unter Robespierre - wobei dieser, im Gegensatz zu uns Heutigen, davon ausging, daß das Kind in den ersten fünf (!) Jahren bei der Mutter bleiben solle, bevor der Staat zugreife....), die maschinelle Hinrichtung als Ausdruck einer rationalen Humanität u.s.w. Also alles andere als ein "zurück zur Natur".

    Grüße

    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972


  • Ich gehöre zu den 970 Ungebildeten.


    Auf keinen Fall, denn:


    Ist es auch. Die Großeltern mütterlicherseits starben 1 bzw. ganze 32 Jahre vor seiner Geburt, und auch väterlicherseits hatte er nur die Chance, die Großmutter kennenzulernen, die 1766 verstarb. Ob er das tat, das entzieht sich meiner Kenntnis.
    Einfache Recherche.


    Aha. Mozart wurde also nicht erzogen. Kein Wunder, dass er dann gleich mit der Klassik anfangen konnte. Und überhaupt total verkopft war.

    Aber das mit der "einfachen Recherche" nehme ich dir nicht ab. Das wusstest du auswendig.


    Thomas

  • Zitat


    Aha. Mozart wurde also nicht erzogen. Kein Wunder, dass er dann gleich mit der Klassik anfangen konnte. Und überhaupt total verkopft war.

    Habe ich das irgendwo geschrieben? Ich habe nur auf nachweislich falsche Fakten hingewiesen. Nicht mehr nicht weniger. Natürlich habe ich das getan, weil Du eine These angeführt hast, wie und welche Themen in Mozarts jungen Jahren eine Rolle spielten.
    Bin weit entfernt davon, mich auch nur annähernd mit Mozarts Biographie auszukennen, aber meinst Du nicht, dass auch Tagebücher oder Briefe nur einen Teil wiedergeben könnten, was damals wirklich Gegenstand im Hause Mozart war? So ist das nun mal in der Prä-Facebook-Zeit.

    Davon abgesehen macht es dann wiederum eine steil in den Raum gestellte These nicht gerade glaubhafter, wenn man zu ihrer Unterstützung nachweislich falsche Fakten anführt.

    :wink:

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

  • Auch der kleine Wolfgang wurde erzogen. Von Vater, Mutter, Onkel, Tante, Oma, Opa, Lehrer, Pfarrer. Die lehrten ihn, wie man sich zu Tisch benimmt, gegenüber Frauen, gegenüber Adligen, gegenüber Herren, gegenüber Dienstpersonal. Was ist schön, was ist hässlich, was modern, was altmodisch. Lauter "Rokoko-Leute" haben ihm die Welt erklärt. Sie haben den Wolfgang indoktriniert, die Schlimmen. Aber der fand das gar nicht schlimm. Sonst hätte er nicht so schöne Tänze komponiert. Bis ins Jahr 1791.

    Korrigiert mich bitte, wenn es falsch ist, aber:

    in meiner Vorstellung ist "Rokoko" eher ein Phänomen der adligen Schichten, während die Familie Mozart doch eine zutiefst bürgerliche war, zwar mit Kontakt zum Adel - wie sollte das als "Angestellter" des Erzbischofs anders sein - aber doch nicht unerheblichem Stolz und auch Abgrenzung, dazu beim Vater einer nicht unerheblichen Portion Rationalismus.

    JA, schöne Tänze. Ob man, um die zu komponieren, unbedingt eine typische Rokokopersönlichkeit sein musste, wage ich zu bezweifeln, immerhin gab es das zu allen Zeiten, daß getanzt wurde.

    Ich würde das Thema "Rokoko" nicht völlig außer acht lassen, nur scheint es mir eben nur eine Strömung unter vielen der Zeit zu sein, dazu eine zur 2.Hälfte des 18.Jhdts. deutlich abnehmende.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • in meiner Vorstellung ist "Rokoko" eher ein Phänomen der adligen Schichten,


    Die meisten kulturellen Phänomene, die so gerne mit Epochen verbunden werden, sind wohl eher Angelegenheit der "Erwählten", wie auch immer sie im jeweiligen Zeitalter heißen mögen.

    Hat das "Volk" im Barock seine Lieder in Fugenform gesungen?

    Oder, aktueller: ist Atonalität schon im Schlager angekommen? Wäre Zeit ... :D ... da täten sich völlig neue Forschungsgebiete auf: "Die Zwölftonreihe in der künstlerischen Entwicklung der Wildecker Herzbuben" oder so ...

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Oder, aktueller: ist Atonalität schon im Schlager angekommen? Wäre Zeit ... :D ... da täten sich völlig neue Forschungsgebiete auf: "Die Zwölftonreihe in der künstlerischen Entwicklung der Wildecker Herzbuben" oder so ...

    Gruß
    MB

    :wink:

    :mlol: Das vielleicht nicht gerade, aber wenn ich da an das Hunky Dory-Album von David Bowie denke....gut, gehört jetzt auch nicht unbedingt zu den volksumspannenden Bestsellern, stimmt wohl. Aber tatsächlich schwappen viele Errungenschaften aus der Klassischen Musik in die Pop/Rock-Musik.

    "Gar nichts erlebt. Auch schön." (Mozart, Tagebuch 13. Juli 1770)

  • Naja viele... ok, wenn Du die Erfindung von Tonika, Subdominante und ggf. noch Dominante dazuzählst... :hide:

    Das wäre jetzt wieder ein interessanter Thread für sich: welchen Einfluss hat/hatte Klassik auf die jeweilige Populärmusik? Wenn man den Begriff weit genug fasst, sicher im 18./19. Jahrhundert mehr als umgekehrt? Oder doch nicht so sicher?
    Führt hier zu weit off-topic, wäre das was für einen neuen Thread?

    Lucius Travinius Potellus
    Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

  • Korrigiert mich bitte, wenn es falsch ist,

    Nein, das ist völlig korrekt. "Rokoko" als Stil steht dem Ausdruck und Selbstverständnis des aufstrebenden Bürgertums eher entgegen. Ich finde, das kommt besonders in der Kleidung zum Ausdruck: Hof und Adel in aufwendigem Pastell, während das Bürgertum sich in gedeckten Farben bzw. schwarz präsentiert.

    Daß Mozart "rokokohaftes" für adlige Auftraggeber schrieb, etwa das berühmte Doppelkonzert für Flöte und Harfe 1778 für einen französischen Adligen und seine Tochter, kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein Lebenslauf -trotz aller (wie ich finde) halbherzigen Bemühungen bei Hofe angestellt zu werden- eher die neue Bürgerlichkeit widerspiegelt.

    Ein weiterer (adliger) Komponist im Schattend der großen Klassiker wäre übrigens:

    Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772-1806)

    er galt als vorzüglicher Pianist, und erhielt darüber ausdrückliches Lob von Beethoven, dessen Bekanntschaft er in den 1790er Jahren machte. Überdies nahm er Kompositionsunterricht bei J. L. Dussek und hinterließ, gemessen an der Tatsache, daß er im Hauptberuf Prinz/Militär war, eine stattliche Anzahl an Kammermusik sowie auch einige orchestrierte Werke (man kann einiges bei YT finden und hören).

    Dabei weist sein Stil bereits deutlich romantische Züge auf; besonders seine Behandlung des Klaviers erinnert mich in nicht wenigen Passagen bereits stark an Chopin (z.B. Op.1 Klavierquintett c-moll oder Op.9 Rondo für Piano und Orchester in B-Dur). Also auch in diesem Fall wird eine schwarz-weiß-Zuordnung sehr schwierig.

    Grüße

    Magus

    "Whenever we hear sounds, we are changed, we are no longer the same..." Karlheinz Stockhausen 1972

  • In einem Aufsatz von Reinhard Kapp:

    Mozart: Vorromantik? - In: Essayband zur Mozart-Ausstellung (2006), S.345-358

    werden Mozarts Stück für Orgelwalze dem Rokoko zugeordnet und die Gleichung aufgestellt: Rokoko = Aufklärung + Spiel (S. 348).

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • ok, wenn Du die Erfindung von Tonika, Subdominante und ggf. noch Dominante dazuzählst..


    Schon der Dreivierteltakt wäre in Schlager, Pop und Rock die Ausnahme ...

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe


  • Hat das "Volk" im Barock seine Lieder in Fugenform gesungen?

    Das ist - so glaube ich - die falsche Frage. Die richtige wäre mE: Hat das Volk seine Lieder über einen Generalbass gesungen. Antwort: ja! Die Fuge war ja nicht das Spezifikum im Barock (finde mal Monteverdi Madrigale mit Fugen ...) sondern wurde als altertümlich, doch eher der Kirchenmusik zugehörig empfunden, oder?

    Zitat

    Oder, aktueller: ist Atonalität schon im Schlager angekommen? Wäre Zeit ... :D ... da täten sich völlig neue Forschungsgebiete auf: "Die Zwölftonreihe in der künstlerischen Entwicklung der Wildecker Herzbuben" oder so ...

    Das ist ein Problem, mit dem sich in gewisser Weise Eisler auseinander setzt. Da geht es nicht um Schlager sondern um Kampflieder - aber da wird Tonalität doch eher als "gefährdend" angesehen.

    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Das ist - so glaube ich - die falsche Frage. Die richtige wäre mE: Hat das Volk seine Lieder über einen Generalbass gesungen. Antwort: ja! Die Fuge war ja nicht das Spezifikum im Barock (finde mal Monteverdi Madrigale mit Fugen ...) sondern wurde als altertümlich, doch eher der Kirchenmusik zugehörig empfunden, oder?


    Wahrscheinlich sind wir uns darüber einig, dass man vor 1600 sicher manchmal in der Kunstmusik auch mit Imitationen gearbeitet hat (und wie!), aber dass der Begriff "Fuge" für Stücke, die wir heute als "Fuge" bezeichnen, erst im 17. Jhd. üblich wurde. Klar hat Sweelinck schon "so etwas" gemacht, aber eher "Fantasia", "Ricercar" o. ä. genannt.

    Ob das Komponieren nach Art einer Fuge im Barock als altertümlich angesehen wurde oder gar zur geistlichen Musik gerechnet wurde? Glaube ich nicht. Das Wohltemperierte Klavier ist weder altertümlich noch geistlich. Sweelincks Fantasien für Cembalo auch nicht. Die "schnellen" Mittelteile einer frz. Ouvertüre waren auch fugiert - weder altertümlich noch geistlich.

    Dass in Monteverdis Madrigalen keine ausgesprochenen Fugen vorkommen - geschenkt. In Bachs Schemelli-Gesangbuch und im Orgelbüchlein auch nicht. Würde ich als Gegenbeispiel nicht unbedingt gelten lassen.

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe


  • Wahrscheinlich sind wir uns darüber einig, dass man vor 1600 sicher manchmal in der Kunstmusik auch mit Imitationen gearbeitet hat (und wie!), aber dass der Begriff "Fuge" für Stücke, die wir heute als "Fuge" bezeichnen, erst im 17. Jhd. üblich wurde. Klar hat Sweelinck schon "so etwas" gemacht, aber eher "Fantasia", "Ricercar" o. ä. genannt.

    Ob das Komponieren nach Art einer Fuge im Barock als altertümlich angesehen wurde oder gar zur geistlichen Musik gerechnet wurde? Glaube ich nicht. Das Wohltemperierte Klavier ist weder altertümlich noch geistlich. Sweelincks Fantasien für Cembalo auch nicht. Die "schnellen" Mittelteile einer frz. Ouvertüre waren auch fugiert - weder altertümlich noch geistlich.

    Dass in Monteverdis Madrigalen keine ausgesprochenen Fugen vorkommen - geschenkt. In Bachs Schemelli-Gesangbuch und im Orgelbüchlein auch nicht. Würde ich als Gegenbeispiel nicht unbedingt gelten lassen.

    Gruß
    MB

    :wink:

    Wo wir uns einig sind: Es kommt auf das Musikgenre an, welche formalen Lösungen gesucht werden. Für das "Volkslied" ist aber der Kanon durchaus gängig, wenn ich barocke englische Trinklieder sehe, sogar durchaus verbreitet. Und das hat sich ja bis in Beethovens Zeiten gehalten. Imitatorisches gab es da sicher auch, da stimme ich mit Dir überein. Es gibt auch Fugen, aber die sind doch eher aus dem universitären Bereich und mussten erst eingeübt werden, Aber mit dem Bc sind wir uns doch einig, oder?

    Liebe Grüße Peter

    .
    Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
    (Hermann Bahr)

  • Nö.


    Dann gebe ich resigniert auf. Ich weiß langsam nicht mehr, wie ich es dir noch anders erklären soll. :faint:

    Aber ich verstehe deinen Punkt: Klassik in der Musik bezieht sich auf etwas anderes als Klassik (oder Klassizismus) in der Architektur. Und doch gibt es die Gemeinsamkeit: Sie beziehen sich auf einen Idealzustand. Dieser wurde in der Architektur von den Griechen und in der Musik von Haydn, Mozart und Beethoven definiert.


    Völlig richtig: Musikgeschichtliche und kunstgeschichtliche Epochen sind nicht immer identisch. Auch richtig: In beiden Disziplinen gibt es eine als "klassisch" empfundene Periode. Einmal sind es die alten Griechen, einmal Haydn, Mozart und Beethoven. Das ist der eine Punkt.
    Unterschlagen hast du den anderen Punkt, den, über den ich eigentlich geschrieben habe: Klassik und Klassizismus sind nicht identisch! Weder in der Kunst- noch in der Musikgeschichte. Der Klassizismus bezieht sich auf einen Idealzustand (wie du es oben von der Klassik behauptet hast) und orientiert sich an diesem. Dieser Idealzustand selbst ist die Klassik. Klassizismus kann es also qua Definition nur nach, nicht während der als Klassik bezeichneten Epoche geben. Jetzt klar?

    Glaub mir, ich habe mich reichlich mit diesen Begriffen auseinandergesetzt: Klassik, Klassizismus, Neoklassizismus, in drei verschiedenen Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch).


    Das glaube ich dir natürlich, wenn du mir das erzählst. Um so unverständlicher ist es mir deshalb ja, dass dir so grobe Schnitzer passieren wie die Verwechslung von Klassik und Klassizismus!

    Es gibt keine klare Abgrenzung, es gibt nur Sprachgewohnheiten. Es läuft am Ende immer aufs Gleiche hinaus: Klassik ist der Idealzustand, ausgewogen, perfekt. Ihn gilt es anzustreben.


    Das "nur" finde ich hier fehl am Platze. Natürlich sind alle Epocheneinteilungen nicht gottgegeben, sondern ein im Nachhinein erstelltes Raster, eine Art von Sprachgewohnheiten. Aber weil es diese Sprachgewohnheiten gibt, können viele von uns sich verstehen, wenn sie über vergangene Epochen reden und schreiben. Und wer diese Sprachgewohnheiten nicht nutzen will, droht eben, nicht verstanden zu werden.
    In diesen Sprachgewohnheiten sind bestimmte Dinge ("Barock" und "Klassik", "Klassik" und "Klassizismus", "Klassizismus" und Historismus") eben doch klar voneinander abgegrenzt. Also: Die Sprachgewohnheiten sind/bieten die klaren Abgrenzungen!

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Der Klassizismus bezieht sich auf einen Idealzustand (wie du es oben von der Klassik behauptet hast) und orientiert sich an diesem. Dieser Idealzustand selbst ist die Klassik. Klassizismus kann es also qua Definition nur nach, nicht während der als Klassik bezeichneten Epoche geben. Jetzt klar?

    So eindeutig ist das aber auch doch nicht, denn dass die "Wiener Klassiker" sich auch auf einen früheren Idealzustand beziehen, muss wohl u.a. Adorno unterstellt haben, der stets vom "Wiener Klassizismus" sprach. Und der Neoklassizismus müsste sich auf den genannten Zeitraum als Klassizismus beziehen (und nicht auf etwa den Klassizismus eines Mendelssohn, Brahms, denn Anknüpfungspunkt ist ja das 18. Jahrhundert), wenn die Wortbildung nicht falsch wäre (eigentlich aus dem Französischen néoclassique => "Neoklassik").

    Die Begriffsverwirrung ist größer als gedacht...

  • So eindeutig ist das aber auch doch nicht


    Das stimmt zweifellos, aber wenn jemand noch Klassik und Klassizismus für das selbe hält, hieße es für mich den zweiten Schritt vor dem ersten tun, wenn man die ganze Verwirrung um die Begriffe (die ja teilweise schon wieder ganz abgelehnt werden) gleich mit erklären wollen würde. Was ich beschrieben habe ist die Grundlage, was du beschreibst, fängt schon mit den Feinheiten an.

    denn dass die "Wiener Klassiker" sich auch auf einen früheren Idealzustand beziehen, muss wohl u.a. Adorno unterstellt haben, der stets vom "Wiener Klassizismus" sprach.


    Diese Wortschöpfung von Adorno kannte ich bisher noch gar nicht! Ich kann sie allerdings auch kaum nachvollziehen...

    Und der Neoklassizismus müsste sich auf den genannten Zeitraum als Klassizismus beziehen (und nicht auf etwa den Klassizismus eines Mendelssohn, Brahms, denn Anknüpfungspunkt ist ja das 18. Jahrhundert), wenn die Wortbildung nicht falsch wäre (eigentlich aus dem Französischen néoclassique => "Neoklassik").


    Da gibt es in der Tat eine große Begriffsverwirrung. Man weiß, was in der Musikgeschichte gemeint ist, wenn vom "Neoklassizismus" die Rede ist (nämlich eine vornehmlich französische Stilrichtung in einer bestimmten Zeit, die sich an Musik aus dem 18. Jahrhundert orieniert). Wollte man von der Wortbedeutung her korrekt sein, müsste man aber eigentlich von "Neoklassik" (wie im franz. Original) oder von "Klassizismus" sprechen. "Klassizismus" ist in der deutschen Musikgeschichtsschreibung aber eben schon für einen Zug an Mendelssohn, Brahms etc. vergeben.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wenn Adorno von "Wiener Klassizismus" spricht, dann sieht er m.E. als den Kern des Klassizismus nicht den "Rückgriff", sondern die Kunst der Aufklärung, des "allgemein-Menschlichen" gegenüber dem höfischen Barock. Der antikische Rückgriff ist nur ein Teilaspekt (wenn auch der namensgebende), mit dem man sich des "allgemein-Menschlichen" zu vergewissern versuchte. In der Musik fallen Klassik und Klassizismus zusammen (nicht der Klassizismus eines Brahms, von dem man spricht, weil der Begriff "Klassizismus" in der Musik scheinbar frei war). Möchte man den Anspruchsbegriff "Klassik" relativieren, so spricht man eben lieber von Klassizismus.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • denn dass die "Wiener Klassiker" sich auch auf einen früheren Idealzustand beziehen, muss wohl u.a. Adorno unterstellt haben, der stets vom "Wiener Klassizismus" sprach.


    Das ist mir allerdings ziemlich unverständlich. Ich wüßte nicht, auf welche frühere, "klassische" Epoche in der Musik sich Haydn, Mozart und Beethoven als "Klassizisten" bezogen haben sollten.
    Die "Wiener Klassik" als Begriff ist sicher erst später entstanden, um das, was für die "Wiener Klassiker" noch etwas neu entwickeltes war, in seiner (von Späteren empfundenen) Vollkommenheit und in Abgrenzung zur späteren Romantik zu bezeichnen.
    Und in dem Moment, wo es eine (natürlich dann vergangene) "Klassik" gab, konnte es auch einen "Klassizismus" von etwa Mendelssohn und Brahms geben (wenn man so will), und einen "Neoklassizismus" im 20.Jh.
    Insofern ist die Musikgeschichte da wirklich nicht mit der der bildenden Kunst zu vergleichen, da es ja nun mal keine idealisierte antike Kunst in der Musik gab.

    In der Musik fallen Klassik und Klassizismus zusammen (nicht der Klassizismus eines Brahms, von dem man spricht, weil der Begriff "Klassizismus" in der Musik scheinbar frei war). Möchte man den Anspruchsbegriff "Klassik" relativieren, so spricht man eben lieber von Klassizismus.

    Finde ich nachvollziehbar, aber nicht überzeugend.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • hm....

    Wollt Ihr die zweifellos interessante Diskussion über die sematisch korrekte Verwendung von Begrifflichkeiten zur Kategorisierung von bekanntermaßen nur unscharf zu fassenden Epochen nicht woanders führen?

    Hier ging es doch - korrigiert mich, wenn ich irre - um weniger bekannte Komponisten "im Schatten der Wiener Klassik". Die sind zeitlich und stilistisch schon irgendwie zu fassen, egal, wie man die Epoche benennt...

    Frage an die Moderation: Kann man die Barock-Rokoko-Klassik-Klassizismus-Dabatte irgendwo anders hin auslagern? Ich finde, hier wird sie aufgrund ihres Umfanges etwas OT.

    viele Grüße

    Bustopher


    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

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