Bach, J. S.: Kantate Nr. 169 „Gott allein soll mein Herze haben“

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Bach, J. S.: Kantate Nr. 169 „Gott allein soll mein Herze haben“

    Diese Kantate komponierte Bach für den achtzehnten Sonntag nach Trinitatis, den 20. Oktober 1726. Ihre Besetzung als Solokantate für Alt, obligate Orgel, drei Oboen, Streicher und B. c. ähnelt derjenigen der Kantate „Geist und Seele wird verwirret“ BWV 35, die sechs Wochen vorher entstanden war. Hier bei BWV 169 wird im Gegensatz zu BWV 35 ein Chor für den Schlusschoral benötigt.


    Ebenfalls im Jahre 1726 entstand die Solokantate „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ BWV 170, die wie die beiden vorgenannten Werke für einen Solo-Alt und konzertierende Orgel komponiert wurde, sich bläserseitig aber auf Traversflöte und Oboe beschränkt.


    Bach griff für BWV 169 auf ältere Musik zurück: Die Sätze 1 und 5 sind Bearbeitungen der ersten beiden Sätze des Cembalokonzertes E-Dur BWV 1053. Genauer, da Letzteres selbst vermutlich bereits eine Bearbeitung ist: desjenigen Konzertes, das die Vorlage zu BWV 1053 gegeben hatte.


    Das Evangelium des Sonntags war Mt 22, 34-46. Jesus hatte gerade eine Fangfrage der Sadduzäer zu deren Beschämung beantwortet, da versuchten ihn die Pharisäer. Ein Schriftgelehrter unter ihnen fragte nach dem vornehmsten Gebot. Jesus antworte: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5. Mose 6, 5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mose 19, 18). In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ – Nun fragte Jesus die Pharisäer, was sie von Christus (= dem Messias) hielten und wessen Sohn er sei. Sie antworteten: Davids. Nun entgegnete Jesus, dass David den Messias einen Herrn genannt hat und darum nicht dessen Vater sein könne.


    Im Gegensatz zur anderen erhaltenen Kantate Bachs für den 18. Sonntag nach Trinitatis (BWV 96) ging der unbekannte Dichter nicht der Frage zur Natur des Christus/Messias nach, sondern bezog seinen Text auf den ersten Teil der Lesung, insbesondere auf das Doppelgebot der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten.


    Nach der einleitenden Sinfonia steht ein Arioso, das die Liebe zum Schöpfer wie ein Motto der Kantate voranstellt: „Gott allein soll mein Herze haben“. Tatsächlich ist der Text dieses Ariosos bereits eine Predigt über den Text der nachfolgenden Arie. Denn deren erste beide Zeilen („Gott allein soll mein Herze haben/Ich find in ihm das höchste Gut“) werden auslegend entfaltet.


    Nr. 2 Arioso
    Gott soll allein mein Herze haben.
    Zwar merk ich an der Welt,
    Die ihren Kot unschätzbar hält,
    Weil sie so freundlich mit mir tut,
    Sie wollte gern allein
    Das Liebste meiner Seele sein.
    Doch nein; Gott soll allein mein Herze haben:
    Ich find in ihm das höchste Gut. Wir sehen zwar
    Auf Erden hier und dar
    Ein Bächlein der Zufriedenheit,
    Das von des Höchsten Güte quillet;
    Gott aber ist der Quell, mit Strömen angefüllet,
    Da schöpf ich, was mich allezeit
    Kann sattsam und wahrhaftig laben:
    Gott soll allein mein Herze haben.


    Nr. 3 Arie
    Gott soll allein mein Herze haben.
    Ich find in ihm das höchste Gut.

    Er liebt mich in der bösen Zeit
    Und will mich in der Seligkeit
    Mit Gütern seines Hauses laben.


    Das folgende Rezitativ geht der Frage nach, was die Liebe Gottes (gemeint: die Liebe zu Gott) bewirkt. – Von „Elias Wagen“ berichtet 2. Kön 2, 11: „ … siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen, die schieden die beiden voneinander. Und Elia fuhr im Wetter gen Himmel“.


    Nr. 4 Rezitativ
    Was ist die Liebe Gottes?
    Des Geistes Ruh,
    Der Sinnen Lustgenieß,
    Der Seele Paradies.
    Sie schließt die Hölle zu,
    Den Himmel aber auf;
    Sie ist Elias Wagen,
    Da werden wir im Himmel nauf
    In Abrahms Schoß getragen.


    Arie Nr. 5 verknüpft die Liebe zu Gott mit einer Absage an die Liebe dieser Welt und alle „Fleischestriebe“. Mag sein, dass 1. Joh 2, 15-16 inspirierend wirkte („Habt nicht lieb die Welt noch was in der Welt ist. So jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist: des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“).


    Nr. 5 Arie
    Stirb in mir,
    Welt und alle deine Liebe,
    Dass die Brust
    Sich auf Erden für und für
    In der Liebe Gottes übe;
    Stirb in mir,
    Hoffart, Reichtum, Augenlust,
    Ihr verworfnen Fleischestriebe!


    Im letzten Rezitativ kommt noch die Nächstenliebe zu ihrem Recht.


    Nr. 6 Rezitativ
    Doch meint es auch dabei
    Mit eurem Nächsten treu!
    Denn so steht in der Schrift geschrieben:
    Du sollst Gott und den Nächsten lieben.


    Der Schlusschoral ist die dritte Strophe des Liedes „Nun bitten wir den Heilgen Geist“ von Martin Luther (1483-1546):


    Nr. 7 Choral
    Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst,
    Lass uns empfinden der Liebe Brunst,
    Dass wir uns von Herzen einander lieben
    Und in Friede auf einem Sinn bleiben.
    Kyrie eleis.


    Hier die sieben Sätze von BWV 169 samt ihrer Besetzung im Überblick:


    1. Sinfonia – Oboe I/II, Taille, Violine I/II, Viola, Organo obligato, B. c.
    2. Arioso „Gott allein soll mein Herze haben“ – Alt, B. c.
    3. Arie „Gott allein soll mein Herze haben“ – Alt, Organo obligato, B. c.
    4. Rezitativ „Was ist die Liebe Gottes?“ – Alt, B. c.
    5. Arie „Stirb in mir“ – Alt, Violine I/II, Viola, Organo obligato, B. c.
    6. Rezitativ „Doch meint es auch dabei“ – Alt, B. c.
    7. Choral „Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe I/II, Taille, Violine I/II, Viola, B. c.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Satz 1 – Sinfonia (D-Dur, c)


    Eröffnung des Werkes und Bereicherung desselben um einen festlich-konzertanten Glanzpunkt. Dieser Konzertsatz in da-capo-Form ist eine Bearbeitung des ersten Satzes aus dem Cembalokonzert E-Dur BWV 1053. Bach gestaltete die Cembaloparte in einigen Teilen um, ließ die auskomponierte linke Hand weg und wies ihr „nur“ das Mitspielen des B. c. zu. Die drei hinzugefügten Oboenstimmen verstärken meistens nur die Streicher verstärken. Seltsamerweise machte er bis zum Schlusschoral keinen Gebrauch mehr von den Bläsern. – Ein herrlicher Konzertsatz für Orgel und Orchester. Schade, dass Bach keine Orgelkonzerte im eigentlichen Sinne komponierte. (Die „Concerti“ für Orgel sind Bearbeitungen von Vivaldi und anderen Komponisten für Orgel solo ohne Orchester.)


    Satz 2 – Arioso „Gott allein soll mein Herze haben“ (D-Dur -> fis-moll, 3/8 – c)


    Mischung von Arioso und secco-Rezitativ. – Als Arioso sind die beiden Textzeilen behandelt, die in der folgenden Arie wieder erscheinen. Die übrigen Teile, die diese beiden Zeilen auslegen, sind als secco-Rezitativ gesetzt.


    Satz 3 – Arie „Gott allein soll mein Herze haben“ (D-Dur, c)


    Da-capo-Arie, ein Trio für Alt, obligate Orgel und B. c. – Die virtuose Orgelpartie, offenbar eine Originalkomposition für diese Kantate, scheint Ausdruck höchster Verzückung zu sein; der fast durchweg in Achteln dahinschreitende B. c. stellt hingegen den sicheren Grund dar, auf dem die gläubige Seele durchs Leben wandelt.


    Satz 4 – Rezitativ „Was ist die Liebe Gottes?“ (G-Dur -> fis-moll, c)


    Schlichtes secco-Rezitativ. Anfangs, wo von „des Geistes Ruh“ die Rede ist, setzte Bach einen lang ausgehaltenen Ton im B. c. Bei „Himmel“ und „Elias Wagen“ ist die Bewegung der Singstimme stets aufwärts gewandt.


    Satz 5 – Arie „Stirb in mir“ (h-moll, 12/8)


    Dieser Satz ist eine Bearbeitung des langsamen Satzes aus dem Cembalokonzert E-Dur BWV 1053. Dabei ist keine der beiden Solostimmen, Alt und Orgel, eine 1:1-Übernahme des Cembalosolos, sondern wurden in weiten Teilen neu komponiert, wobei in die Orgelpartie naheliegenderweise größere Abschnitte des Cembaloparts eingegangen sind.


    Die Neufassung kann nur als genial bezeichnet werden. Ob man Weltflucht nun gut und sinnvoll findet, egal: Hier hat sie einen wundervollen musikalischen Ausdruck gefunden. Der Siciliano-Rhythmus treibt das Stück sachte voran. Die Achtel im B. c. auf die unbetonten Zeiten – ausgelassen sind die „1“, „4“, „7“, „10“ – malen den Zustand einer Seele, die bereits alles losgelassen hat, was sie mit dieser Welt verbunden hatte. Ketten herrlicher Dissonanzen sind ein Bild des Schmerzes über das noch-nicht-erlöst-Sein. Lyrisch-melancholischer Höhepunkt der Kantate und ein Juwel im Vokalschaffen Bachs.


    Satz 6 – Rezitativ „Doch meint es auch dabei“ (D-Dur -> A-Dur, c)


    Schlichtes secco-Rezitativ.


    Satz 7 – Choral „Du süße Liebe, schenk uns deine Gunst“ (A-Dur, c)


    Schlichter vierstimmig-homophoner Choral mit colla parte mitgehenden Instrumenten.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Lieber Mauerblümchen, vielen Dank nochmals für deine großartigen Kantaten-Beiträge, die mich stets aufs Neue kompetent unterrichten!


    Nr. 169 hatte ich nicht besonders in Erinnerung. Um so erfreulicher die heutige Hör-Überraschung. Zu endecken gibt es: ein vollendetes Orgelkonzert im ersten Satz und zwei herausragende Arien, die eine vergnügt, die andere weltentsagend. Lesensweirt, was du dazu schreibst, warum diese drei Sätze derart gut sind. Nebenbei bemerkt: Ich weiß kein anderes Werk, in dem über unschätzbaren Kot gesungen wird. Der Schlusschoral fällt leider ab. Macht aber nichts. Die Trias 1, 3 und 5 macht alles wett.


    Von meinen Aufnahmen (Leusink, Koopman und Suzuki) landet Leusink abgeschlagen auf dem dritten und Koopman auf dem ersten Platz. Stimmlich nehmen die Soprane bei Koopman und Suzuki sich nichts. Die sehr viel flüssigere, zudem auch tontechnisch prominentere Orgel Koopmans macht für mich den Unterschied. Suzukis Aufnahme hat überdies mehr Hall, was ich in dieser Kantate weniger mag und mich besonders im ersten Satz stört.


    Aus der Koopman-Box höre ich seit einigen Tagen immer wieder Kantaten. Diese Aufnahmen waren bei mir nach Suzuki ein wenig in Vergessenheit geraten und ich musste mich erst wieder einhören. Bei Nr. 169 hat es dann so richtig klick gemacht. Der erste Satz gelingt wunderbar und an der Orgel kann ich mich nicht satthören, die groovt richtiggehend.


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