Musik vs. Text in der Popmusik

  • Pop/Rock-Musik-Fans argumentieren doch oft mit dem tollen Text. Insofern ist Eccliticos Ansatz nicht so abwegig. Da die Pop/Rock-Protagonisten auch nicht getrennt als Dichter, Komponisten und Interpreten in Erscheinung treten, stellt sich die Frage nach dem Primat der jeweiligen Disziplin für mich auch deutlicher, da es ja gewissermaßen als Einheit verkauft wird, die nicht getrennt werden soll (Video noch dazu). Man darf ja quasi nicht das eine ohne das andere betrachten, und das beständige "ja, aber" wirft doch die Frage nach der Priorität auf.


    Jedenfalls ein interessantes Thema, wenn man sich ein wenig für Pop/Rock interessiert.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Käse umd Quark gelten nicht nur als Belag als deckungsgleich.
    Butter fällt raus, das ist wahr. Doch nur, wenn sie stark gekühlt ist.


    Köstlich, wohin dieser thread sich entwickelt, wenn auch vermutlich in dieser Form nicht ganz beabsichtigt.....


    Dennoch bin bei Helge Schneider der Meinung, dass er nur dann genießbar ist, wenn er nicht singt, sondern mit Pete York schlicht Jazz macht ;+) .

  • Pop/Rock-Musik-Fans argumentieren doch oft mit dem tollen Text.


    Das nehme ich eigentlich nicht so wahr. Weder bei Modern Talking oder Lady Gaga, noch bei "seriöseren" Gruppen wie Queen oder Pink Floyd. Wobei es bei den letztgenannten sicher auch Fans gibt, die sich intensiv mit dem Text beschäftigen. Und natürlich ist der Text bei Pink Floyd relevanter als bei Abba, von wenigen Ausnahmen abgesehen.


    Dennoch scheint sich niemand zu schämen, wenn er sich als Pink-Floyd-Hörer outet und hinzufügt, dass ihm die Texte nicht sonderlich geläufig sind. Bei Reinhard Mey würde man sich da doch etwas wundern.


    Übrigens habe ich mir vor ein paar Monaten die Texte einer Flamenco-CD besorgt, die ich schon seit 2002 habe (und höre): Trotz nur rudimentärer Spanisch-Kenntnisse und nur mäßig spannenden Texten ergibt das noch mal einen anderen Zugang.


    Der Hinweis auf die Videos ist durchaus wichtig. Z.B. wirkt Haftbefehl nur von CD gehört anders als auf den Videos. Andererseits fehlen mir bei den Fantastischen Vier keine Videos. Ich kenne sie allerdings nicht, weiß also nicht, was ich verpasse.



    Thomas

  • Weil "kopieren" das Gegenteil von Kreativität ist?


    "Kopieren" war nicht wörtlich gemeint. Sondern analog der Oper: Talentierter Librettist arbeitet mit talentiertem Komponisten zusammen. Aber vermutlich gibt es gar nicht so viele talentierte Lyriker bzw. talentierte Musiker wie man denkt.


    Noch mal zum Beispiel Genua. Dort ist wirklich eine gewisse Sehnsucht zu spüren, das Erbe von Fabrizio De André (gestorben 1999) anzutreten. Problem: Wenn der Künstler nur durchschnittlich kreativ ist, werden die Werke sofort als Plagiat erkannt.


    Ein ernst zu nehmender Versuch ist Cristiano Angelini (hat nicht mal einen Wikipedia-Beitrag). Das hört sich dann so an:
    http://www.youtube.com/watch?v=_vJmy_oXWx8
    (Im zweiten Teil singt Max Manfredi, ein anderer "Nachfolger" von Fabrizio De André.)


    Ich halte das Ergebnis für hörenswert, aber diesen Liedern fehlt dennoch die Durchschlagskraft von Fabrizio De André. Es scheint am Text und an der Musik zu liegen...



    Thomas

  • Mein Geschmack in Sachen Popmusik hat sich in den späten 60er und 70er Jahren ausgebildet, und ist eigentlich auf diesem Niveau stehen geblieben. Es gab damals zahlreiche Beispiele wo Text und Musik durchaus ebenbürtig waren. So z.B. bei Joni Mitchell, Bob Dylan oder Art Garfunkel, dessen Album "Watermark" mit Musik von Jimmy Webb für mich nach wie vor zu den Sternstunden der Pop Geschichte zählt.
    Am häufigsten ist aber die Ausrichtung auf Text oder Musik anzutreffen, je nachdem welche Botschaft derjenige transportieren möchte. Der Text hat aber i.d.R. für die Identifikation mit dem Künstler eine wichtigere Funktion. Die Beatles haben z.B. das Niveau ihrer Texte von Aufnahme zu Aufnahme gesteigert, bis sie bei "Revolver" ein ebenbürtiges Verhältnis erreicht hatten. Nicht umsonst zählt dieses Album zu einem ihrer Wichtigsten.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Ich muß gestehen, daß mir bei Rockmusik die Texte meistens vollkommen egal waren, es ging mir immer lediglich um die Musik als solche - und große Lyrik ist das ja auch in den seltensten Fällen. Aber mir fallen drei Ausnahmen ein:


    1. Bob Dylan. Der hat in seinen Glanzzeiten ja wirklich Texte geschrieben, denen ich eine hohe Qualität nicht absprechen kann. Und er ist auch der Einzige, von dem ich eine Textsammlung Englisch / Deutsch besitze, in der ich seinerzeit auch viel gelesen habe auch ohne die Musik zu hören.


    2. Grateful Dead - meine "Königsband"; die hatten ja sogar ein Bandmitglied (Robert Hunter), der kein Instrument spielte, nicht sang, nicht mit auf der Bühne stand sondern nur für die Texte verantwortlich war. Der Mann hat übrigens auch Rilke (Duineser Elegien und Sonette an Orpheus) ins amerikanische Englisch übersetzt.


    3. Stoppock, ein Musiker, der so in etwa das macht was der frühe Westernhagen gern gemacht hätte wenn er´s denn gekonnt hätte. Er ist der einzige Fall, bei dem ich deutsche Texte wirklich gern höre, einfallsreich, witzig, ernst, da sind wirklich Kleinodien dabei.


    Aber sonst hat mich immer nur die Musik gekümmert; das hat mir immer gereicht und tut es heute noch. Und ich hatte nie das Gefühl daß mir da irgendetwas fehlen würde...



    LG, Frank

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Dennoch scheint sich niemand zu schämen, wenn er sich als Pink-Floyd-Hörer outet und hinzufügt, dass ihm die Texte nicht sonderlich geläufig sind.


    Ich gestehe: für Pink Floyd-Texte hat tatsächlich mein Englisch gereicht...
    Da empfinde ich eine gewisse Einheit oder Ebenbürtigkeit mit der Musik.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Oh ich hab Zappa vergessen!


    Das geht natürlich gar nicht - bei ihm finde ich tatsächlich viele der Texte der Musik ebenbürtig, und das will viel heißen bei diesem Ausnahmegenie. Allerdings bevorzuge ich seine frühen instrumentalen Sachen wie Grand Wazzoo oder Hot Rats gegenüber den späteren Jahren. Aber er gehört, was Textbehandlung angeht, zu den gaaanz Großen in meinen Augen.


    LG Frank

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Richtig populär, also Pop-Musik, war die Musik von Vater Abraham, an die ich jetzt denke, weil oben der schöne Text: "Nanananana" zu lesen war und die entsprechende Textstelle bei Vater Abraham lautet:


    "Schallalalalalalalalalalalal
    Schallalalalalalalalalalalal
    Schallalalalalalalalalalalal
    Schallalalalalalalalalalalal"


    Die vom Threadöffner aufgeworfene Frage nach dem Verhältnis von Text und Musik muss ich bezogen auf diesen Top-Hit aus den Achtzigern aus meiner Erinnerung heraus damit beantworten, dass der Text deutich im Vordergrund stand. Die Melodie war irgendwie da, grundierte jedoch eher, als dass sie den Zuhörer führte. Der war ganz beim Text, den er - anders als schwierige Texte aus dem englischen Kulturkreis - mitzusingen pflegte (und der deutschsprachige Sängerinnen auch nicht vor Ausspracheschwierigkeiten stellte wie es Texte über Satelliten vermögen).


    Wer denkt, das sei profan, übergeht das Wichtigste: Die Vokalise ist auch in der klassischen Musik zuhause (Rachmaninoff, Ravel, Sibelius ..., wir haben einen Thread dazu). Ein Vergleich deutet nun darauf hin, dass etwaige Unterschiede in der Wertschätzung nicht am Text liegen, sondern an der Musik. Oben war jedoch bereits erkannt worden, dass bei Vater Abraham der Text im Vordergrund stand, nicht die Musik. Das führt erstens zur Frage, ob eine Vokalise von Ravel keine Musik ist, sondern nur Text und lässt uns also die Ausgangsfrage hinterfragen, und zweitens zur Frage, ob eine etwaige unterschiedliche Wertschätzung der beiden Musiken folgerichtig vernachlässigbar ist. Drittens und viel wichiger, gerade bei der Lektüre von Poesie: Gib es Text ohne Musik überhaupt? Metrik, Rhythmik, alles doch wohl im Sinne des aufgeworfenen Gegensatzes fragwürdig, oder nicht?


    Zappa kenn ich nicht. Der war auch vor Vater Abraham, glaube ich.

  • "Ich bin Eier aller Arten"

    Zappa kenn ich nicht.

    Der hat ja auch nur ab und zu Texte auf deutsch gemacht. Z.B. "Fick mich, du miserabler Hurenso-hohn"; oder das mit den Eiern.

    Der war auch vor Vater Abraham, glaube ich.

    Vorher und nachher! Man sieht daran, welch unterschiedlich textliche und musikalische Zugänge in ein und demselben Zeitraum gefunden werden können!


    Zappa war ja auch ein bedeutender Vertreter der Doo-Wop-Musik - und da haben wir es ja wiederum mit einer Art Vokalise zu tun. Ich würde aber betonen wollen (und da bin ich ganz bei Knulp!), daß man auch hier völlig fehl ginge, wollte man zwischen Musik und Text einen Gegensatz konstruieren! Das eine geht nicht ohne das andere! Mehr noch: die Akkordfolge aus Tonika - Tonikaparallele - Subdominante (manchmal auch: deren Parallele!) - Dominante verlangt ja geradezu nach dem - durchaus international verständlichen! - Text


    Dop - Doo Wop - Doo Wop di Wop di Wop (dumm dumm dumm)
    Dop - Doo Wop - Doo Wop di Wop di Wop (dumm dumm dumm)


    (etc. pp.)


    Oder ist es vielleicht andersherum? Ist das eingängige Doo-Wop-Lallen (und das ist keinesfalls abwertend gemeint!) nicht sogar der eigentliche, urgründliche Ausgangspunkt der gesamten klassischen Harmonielehre?


    Dazu paßt mir heute abend mal ein ganz popeliger 2013er Ahrweiler Spätburgunder von Frank und Marc Adeneuer. Wär' nix für Zappa gewesen. Glaub' ich.

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Wenn wir Norddeutschen besoffen Shanties singen,

    1.
    Das ist dann ja immer live. Live as Life!

    handelt es sich zumeist auch um Vokalisen.

    Kann ich nicht bestätigen. Sind doch einklich immer textähnliche Teile zu hören. Kenn mich da allerdings auch nicht so aus.


    Ahrburgunder bringt übrigens idR keine Shanties hervor!

    Bernd


    Fluctuat nec mergitur

  • Fast vergessen

    "Du hast mich tausendmal belogen" daher
    "Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle
    (Hölle, Hölle, Hölle, Hölle).
    Eiskalt lässt Du meine Seele erfriern."
    und nun renn ich
    "Atemlos durch die Nacht"
    Das ist doch wesentlich relevanter als ne Zeile wie
    "Shine on you crazy Diamond" oder??
    Ach ja. Zappa. "Ich bin der Dreck unter Deinen Walzen, ich bin Dein geheimer Schmutz und verlorenes Metallgeld... Ich bin hier und Du bis mein Sofa!"


    Ach, dieser Text ist auch toll, wenn auch älter.
    "Weia! Waga!
    Woge, du Welle,
    walle zur Wiege!
    Wagala weia!
    Wallala, weiala weia!"


    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • "La la la, den Text vergessen, scheißegal, rock rocke die Baby"


    (Helge Schneider, aus der Ode über den Telefonmann)

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Nun ja, auf "Ich bin Eier aller Arten - ich bin der Herr und du bist mein Sofa" muß man ja auch erstmal kommen... ist mir jedenfalls lieber als das pietistische Gesülze in den Textvorlagen Bachscher Kantaten (so wunderbar ich die finde, musikalisch) :D


    Aber Zappas Textabenteuer auf die paar deutschsprachigen Obszönitäten zu reduzieren die da zu finden sind find ich ein bissel wenig, ehrlich gesagt.


    Immerhin ist es NICHT Pink Floyd, eine Band, die ich mit 14 kennenlernte und damals schon nicht mochte; seither finde ich die mit steigendem Lebensalter von Jahr zu Jahr klebriger, leerer, überschätzter. Ist aber OT, klar, und außerdem extrem subjektiv 8+)


    Aber daß bei diesem Threadthema Dylan so wenig vorkommt, stattdessen bspw Vadder Abraham... Naja... jeder wie er mag


    Und Stoppock kennt eh niemand? Das wär aber schade.


    :prost: schönen Abend

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • ist mir jedenfalls lieber als das pietistische Gesülze in den Textvorlagen Bachscher Kantaten


    Schweigen ist bisweilen eine Tugend, auch wenn Du die Kantaten "musikalisch" (hä??) magst, wie Du schreibst.

  • Danke, danke, liebes Mauerblümchen! Du hast mir mit Deinem Beitrag das Tor zur Popmusik geöffnet. Ich lese und höre nun mit ganz anderen Augen und Ohren .

    Ich danke auch!
    Das ist einfach klasse und besser- natürlich- als einfach nur Totschlagargumente loszulassen, so wie ich das immer mache....... :hide:
    Mir ist das halt nicht gegeben, leider, aber Mauerblümchen und viele andere hier beherrschen es zum Glück.


    Danke, Kudos!

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