Alternative Vertragsgestaltung bei Orchestern

  • ich kann auch schwerlich verstehen, warum der hier verbal produzierte Raubtierkapitalismus auch noch aus falsch verstandener Pseudo-Liberalität nicht längst wenigstens in den Orkus der Nur-Lesbarkeit für Mitglieder verschoben wird.


    Die Moderation tut sich in der momentanen Situation schwer, solche quasi forenpolitischen Entscheidungen zu trefen. Es bleibt momentan nur, zur Vermeidung von verbalen Ausfällen zu mahnen.


    Gibt es Mitglieder dahier, die zu gleicher sind als andere?



    Bestimmt nicht. Aber einige sind hartnäckiger.

    "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms

  • Dass was ihr beklagt, ist für viele Arbeitnehmer tägliche Realität (Leistungsdruck bei nichtadäquater Vergütung, adäquate Absicherung nur als frommer Wunsch usw.)


    Wenn wir jetzt sagen, nein so darf im Kultursystem aber nicht sein, dann setzt ihr insoweit für den Kulturbetrieb eine Sonderstellung voraus, die einer besonderen Begründung bedarf.

    Realität für festangestellte Mitglieder von Kulturorchestern ist eine tarifliche Absicherung. Wer die behalten will, fordert für den Kulturbetrieb eine Sonderstellung? Das ist ja wohl nicht Dein Ernst. Einer besonderen Begründung bedarf die Forderung nach Abschaffung dieser hart erkämpften Absicherung. Außer der abstrusen These, eine solche Sicherheit passe nicht zur künstlerischen Freiheit, habe ich hier noch keine Begründung gelesen.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Ach ja, und noch was:

    Was spricht dann gegen die Möglichkeit, leistungsgerechte Vergütungsformen zu suchen ?

    Du solltest einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass es eine solche Vergütungsform längst gibt. Die Anforderungen beim Probespiel der Berliner Philharmoniker sind höher als beim Kulturorchester Bad Salzuflen, die Bezahlung ebenfalls.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Schmarrn. Man weiß, wie es im richtigen Leben ist: Die gleiche Menge Geld wird nach abstrusen Kriterien nur anders verteilt. Schon 18 Jahre mache ich das absurde Theater mit Zielvereinbarungen und Leistungsbeurteilungen mit.
    Im Endeffekt bekommt eine Amigo-Gruppe regelmäßig eine schöne Anpassung und die anderen, egal was sie tatsächlich liefern, teilen sich die Krümel vom Kuchen.


    Ich spreche nicht aus Neid, da ich mit meinem Gehalt vollkommen zufrieden bin. Alle diejenigen, die meine Leistung tatsächlich beurteilen können (Kunden, Projektkollegen usw), sind mit ihr auch zufrieden. Aber dies beeinflußt das absurde Theater überhaupt nicht.

    Der Staat hat nie soviel Geld eingetrieben wie im letzten Jahr.


    ich lese daraus, du bist mit dem System per se nicht zufrieden, hast Dich aber dem Ganzen ergeben (weil man eh nichts ändern kann).


    Viele Grüße
    Achim

  • Dass was ihr beklagt, ist für viele Arbeitnehmer tägliche Realität (Leistungsdruck bei nichtadäquater Vergütung, adäquate Absicherung nur als frommer Wunsch usw.)


    Genau das ist doch das Problem. Du geht offenbar davon aus das man die gegenwärtigen Verhältnisse eben so hinnehmen muß wie sie sind. Das muß man aber nicht, und ganz im Gegenteil müssen sie bekämpft werden als das was sie sind nämlich menschenverachtend. Es sei denn man wünscht sich eine Gesellschaft in der nur der Stärkere sich durchsetzt.

    Was spricht dann gegen die Möglichkeit, leistungsgerechte Vergütungsformen zu suchen ?

    Dagegen spricht im Prinzip nichts. Es gibt nur keine befriedigende Möglichkeit Leistung allgemeingültig zu bestimmen. Was als Leistung zu gelten hat bestimmt immer nur der welcher sie abfordert. Und da Gehälter bei uns dem Markt unterliegen wird es nie eine Einkomensgerechtigkeit geben.
    Beispiel: letzte Woche hat das Sicherheitspersonal an den Flughäfen für mehr Einkommen gestreikt. Da sie mit geringem Aufwand eine große Wirkung erzielen können, wurde ihren Forderungen jetzt nachgegeben. Das ist zunächst einmal legitim. Aber im Ergebnis verdient jetzt ein angelernter Mitarbeiter an der Sicherheitskontrolle so viel wie eine examinierte Altenpflegerin mit 3 Jahren Ausbildung. Wenn man jetzt eine Umfrage starten würde, welche Berufsgruppe die Menschen mehr schätzen, würden mit Sicherheit die Altenpfleger mehrheitlich genannt werden. Im Bewusstsein der Bevölkerung (und wohl auch de Facto) erbringen sie also eine größere und wichtigere Leistung. Welchen Einfluß hat das auf deren Bezahlung? Gar keinen, weil nicht mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Um die Einkommenssituation von sozialen Berufsgruppen zu verbessern braucht es mehr Mittel und die Bereitschaft mehr dafür einzusetzen, und keine Leistungsbemessung. Dabei wird nur unter dem Deckel nach teilweise wenig nachvollziehbaren Methoden eine unterschiedliche Verteilung vorgenommen.


    In gewisser Weise dienen auch fest angestellt Musiker in Orchestern der sozialen Grundversorgung, ähnlich den genannten Altenpflegern. Deren Einkommen wird ebenfalls nicht dadurch verbessert, dass man eine Leistungsbemessung einführt, sondern dadurch das man einfach mehr Mittel einsetzt. Das erreicht man durch eine höhere Wertschätzung.
    Das ganze Gerede von Leistungsgerechtigkeit ist eine neoliberale Chimäre, die einzig und allein dem Zweck dient die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Ich will einfach nur sagen, daß ich keinen Grund dafür sehe, ein System zu verbreiten, das seine eigenen Ansprüche (besser gesagt, die Ansprüche, die es vorgibt zu verteidigen) in eklatanter Weise nicht erfüllt.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Realität für festangestellte Mitglieder von Kulturorchestern ist eine tarifliche Absicherung. Wer die behalten will, fordert für den Kulturbetrieb eine Sonderstellung? Das ist ja wohl nicht Dein Ernst.


    Christian


    Aber hallo ist das mein Ernst mit der Sonderstellung der Kultur als öffentliches Gut.
    Entweder bekennt sich der Staat zu seiner Aufgabe, Kultur als öffentliches Gut zu fördern und demgemäß adäquat mit Mitteln auszustatten oder er zieht sich zurück und wir lassen das Ganze sein und orientieren die Vergütungen nach Angebot und Nachfrage.


    Mal sehen, was in den nächsten 20 Jahren kommt....


    viele grüße
    Achim

  • Zitat

    Aber einige sind hartnäckiger.


    Das hast Du schön gesagt! Ein Hoch daher auf das Sprichwort mit dem Klügeren!


    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Was ist denn jetzt mit den Schauspielern. Warum bekommen die nur befristete Verträge?


    Und wo habe ich gefordert, dass Orchestermusiker befristete Verträge bekommen sollen? Nirgends. Stimmt's?




    Thomas

  • ...
    Was würde nun passieren, wenn man die Leute nicht nach Tarif, sondern gemäß freier Vertragsgestaltung bezahlen würde:


    Jeder Spieler (und auch der Trainer bzw. Dirigent) bekommt einen befristeten Vertrag, der je nach Verhandlungsgeschick mehr oder weniger gut dotiert ist. Anschließend wird verlängert, oder man wechselt den Verein bzw. das Orchester. Die Vertragslaufzeiten können durchaus länger sein als beim Fußball, die Gehaltsunterschiede weniger groß, etc. Die Verantwortlichen würden mit der Zeit schon herausfinden, wie man die optimale Qualität erreicht.


    ...


    Gefordert hast du es nicht, dass ist richtig.


    Reden wir also über etwas, was niemand will? Wäre gut zu wissen.


    Zur Frage, warum Schauspieler regelmäßig einen befristeten Vertrag bekommen: Man geht halt davon aus, dass ein Schauspieler eine höchst individuelle Leistung zu erbringen hat und ferner, dass das Publikum nicht auf Ewigkeit immer dieselben Gesichter sehen will.


    Unterscheidet sich vielleicht ein Orchester davon? Geht die Erwartung des Publikums nicht gerade dahin, eine möglichst gute Ensembleleistung zu bekommen? Ist die vielleicht verlässlicher zu erreichen, wenn sich auch die Musiker selbst darauf verlassen können, mit wem sie zusammen spielen?

  • Ausgangspunkt ist ja die Frage, ob es im Interesse der künstlerischen Qualität wünschenswert wäre, ein System der gesicherten Festanstellung gegen eines der ungesicherten Selbständigkeit zu tauschen.

    Ich nehme an, dass die künstlerische Qualität bergabgehen wird, je weniger Aussicht Musiker haben, mit ihrer Kunst finanziell über die Runden zu kommen. Letzten Endes gibt's dann womöglich irgendwann nur noch Hobbymusiker, und die spielen nun mal verglichen zu heutigen Profis grottenschlecht, auch wenn sie mit noch so viel Liebe bei der Sache sind.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Hier geht's ja munter durcheinander mit den Kategorien!
    Deswegen ein paar Thesen dazu:


    1. "Leistung" und "Qualität"
    sind zwei grundsätzlich voneinander unabhängige Kriterien. Das kann man sich leicht an Billigtextilien aus Bangladesh vergegenwärtigen: Diejenigen, die sie herstellen (müssen), müssen dazu eine objektiv hohe Arbeitsleistung erbringen, bei nicht existierender sozialer Absicherung und ebenfalls nicht existierenden Arbeitssicherheitsstandards (ich setze das der Einfachheit halber ohne weitere Daten als bekannt voraus, Stichwort "Ausbeutung"). Die Qualität der auf diese Weise erzeugten Produkte ist aber nicht notwendigerweise hochwertig. Erfahrungsgemäß trifft eher das Gegenteil zu. Also: wenn ich "Qualität" will, darf ich nicht "Leistung" bezahlen. Mehr dazu unter 3.


    2. Der Vergleich mit anderen Berufsgruppen,
    die (noch) schlechter gestellt sind ("Krankenschwestern", "Schauspieler") als Referenz, ist nicht wirklich sinnvoll, denn egal, wie schlecht jemand (oder eine Gruppe) gestellt ist - es wird sich immer jemand finden lassen, dem es noch schlechter geht, der für noch mehr/längere oder noch anstrengendere/härtere/gefährlichere/[...] Arbeit noch schlechter gezahlt wird. Wenn man es jetzt zur grundsätzlichen Prämisse macht, die noch schlechteren Bedingungen der Gruppe A auch auf die Gruppe B anzuwenden, sich also immer am jeweils schlechteren Standard zu orientieren, dann startet man eine argumentative Abwärtsspirale, die nicht einmal bei "Existenzminimum" endet, sondern bei der weltweit einen Milliarde Menschen, die mit weniger als einem US-$ pro Tag auskommen muß - ohne soziale Absicherung. Ob damit irgend jemand geholfen wäre, stelle ich für die Befürworter von Sozialdarwinismus jetzt einfach mal in den Raum. War es nicht eine der wesentlichen ökonomischen Erkenntnisse des 20. Jhs., daß es allen besser geht, wenn sich möglichst viele die Produkte und Dienstleistungen, die sie selbst anbieten auch leisten können? Kostendruck neoliberal auf die Löhne abzuwälzen erzeugt nur ein Gefangenendilemma, bei dem alle verlieren. Das ist vielen Billigartikelkäufern und manchen Unternehmern nur nicht klar und funktioniert nur solange, als es andere gibt (und auf deren Kosten), die das System (noch) am Laufen halten.


    3. "Leistungsgerechte Bezahlung"
    ist ein tolles und viel benutztes Schlagwort, aber dazu sind ein paar Rahmenbedingungen nötig, was gerne übersehen wird: Es müssen objektive, nachvollziehbare und vor allem quantifizierbare Kennzahlen existieren, mit denen die Leistung gemessen wird. Mehr noch: diese Kennzahlen müssen 100% durch den jeweiligen "Leistungserbringer" beeinflussbar sein, wenn es gerecht sein soll. Interessanterweise gibt es keine "qualitätstsgerechte" Bezahlung - warum wohl? Weil Qualität eben gerade keine quantifizierbare Variable ist, sondern eine kategoriale?
    Nach welchen objektiven Kennzahlen will man denn die "Leistung" eines Musikers (einer Krankenschwester) messen? Daß man einschlägige Kriterien finden kann, steht außer Frage, aber sind die auch sinnvoll? (Anzahl der gespielten Noten pro Saison, dividiert durch die Anzahl der Kollegen in der selben Stimme? Anzahl der betreuten Patienten/Stunde? Anderes Akkord-Modell? Umsatz oder gar Gewinn des Orchesters/des Krankenhauses? Wobei dies alles schon nicht mehr selbstbestimmt wäre!)
    Ich möchte hier zur Verdeutlichung auf die wohl allerseits bekannte Satire vom Unternehmensberater und dem Konzertbetrieb hinweisen (wenn auch bezüglich des Themas leicht OT). Für diejenigen, die sie nicht kennen, hier eine Kurzfassung (keine besonders gute, aber ich hab's auf die Schnelle nicht anders gefunden):



    Alles objektive und quantifizierbare Kriterien...


    Auch der Vergleich mit Selbstständigen und Freiberuflern (inkl. Musikern) hinkt an dieser Stelle: Dieser Personenkreis ist völlig frei in der Entscheidung was er machen will und wie er das macht. Erfolg oder Misserfolg hängen dann nur von ihm ab - auch in einer größeren Firma, denn er ist dort auch der Herr über seine Personalpolitik und ausserdem weisungsbefugt. Für einen (angestellten) Orchestermusiker trifft das nicht zu: Der Erfolg der "Firma" (= des Orchesters) hängt von vielen Faktoren ab, auf die er überhaupt keinen Einfluß hat. Also: wieso sollte er dann das gleiche Risiko tragen, wie ein Freiberufler, für Entscheidungen, die andere treffen? Das heißt in Konsequenz: Scheinselbstständigkeit, wenn sich ansonsten nichts ändert.


    Klar: man kann sich auch ein Freiberufler-Modell für Orchestermusiker vorstellen. Aber das bedeutet weder, daß es zwangsläufig mit geringeren Kosten bei gleichbleibender Qualität zu realisieren wäre, noch, daß sich die Qualität (ebenfalls zwangsläufig) bei gleichen Kosten steigern ließe. Wo wäre also der Vorteil?


    4. Förderung von Konkurrenz
    innerhalb eines Teams ist der Qualität nicht förderlich, wenn eine auf Kooperation beruhende Gemeinschaftsleistung erbracht werden soll, das ist auch hinreichend wissenschaftlich belegt. Ärzte am OP-Tisch, Fußballer der selben Mannschaft oder Feuerwehrleute dürfen auch nicht konkurrieren oder sich gegenseitig behindern, wenn sie erfolgreich sein wollen. Genauer: es darf sich keiner als Einzelperson auf Kosten anderer in den Vordergrund spielen. Das läßt sich aber schwer verhindern, wenn es das System zuläßt oder gar fördert.


    5. Zeitverträge
    sind der Qualität der Arbeit ebenfalls nicht förderlich. Identifikation ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Ein gutes Beispiel liefert die japanische Industrie. Dort hatte ursprünglich die auf gegenseitiger Loyalität beruhende feste und lebenslange Bindung der Mitarbeiter an ein Unternehmen eine lange Tradition. In den 80er und 90er Jahren lehrte die Japanische Industrie mit ihren Qualitätsstandards den Rest der Welt das Fürchten. Optik, Elektronik, Autos... Dann entdeckten auch japanische Manager die vordergründigen Vorteile von Zeitverträgen und Leasing-Kräften. Das Ergebnis ist bekannt. Toyota ist da nur EIN Name. Die (zugegeben: polemische und überspitzte) Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Arbeitsplatzsicherheit in US-amerikanischen Firmen (in den USA) und dem Umstand, daß diese Firmen aus eigener Kraft technologisch kaum noch etwas zustandebringen, was komlizierter als ein Kühlschrank ist, sei da nur am Rande gestellt. Welchen Vorteil bezüglich Qualität der Orchester sollen nun Zeitverträge für die Musiker haben? Ist da alles anders, wie woanders? (Und ob Schauspieler so glücklich sind, mit ihren Zeit-/Projektverträgen sei mal ebenso dahingestellt, wie die Frage, ob das nicht in vielen Fällen unnötige Zusatzkosten für die Gesellschaft - z.B. Hartz IV - generiert.)

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Ich mach mal bei den Zeitverträgen weiter und deren Sinnhaftigkeit für Stellen, die auf Dauer existieren...
    (abgesehen von dem Umstand, daß man damit unliebsame Mitarbeiter ohne großen Ärger wieder los wird, und daß Zeitverträge ein tolles Mittel sind, um zeitlich befristete Projekte zu bearbeiten - aber eben nicht auf Dauerstellen)


    Erst mal ganz allgemein: Angenommen, es gibt in einem bestimmten Bereich eine fixe Anzahl von Stellen. Dann lassen sich da zwei unterschiedliche Szenarien betrachten - Festanstellung und Zeitverträge. Und weiter angenommen, alle Stellen sind fest besetzt und jede dieser Stellen ist im Mittel alle 10 Jahre neu zu besetzten (es wird nur ein Rechenmodell zur Verdeutlichung, die Zahlen sind willkürlich), dann stehen jedes Jahr (im Mittel) 10% der Stellen zur Neuausschreibung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.


    Besetzt man nun alle Stellen mit Zeitverträgen, mit (z.B.) im Mittel 2 Jahren Laufzeit, dann erhöht sich diese Zahl auf 50%, denn jede Stelle ist nun im Mittel alle zwei Jahre auszuschreiben. Das suggeriert potentiellen Kandidaten für diesen Beruf (denjenigen, die eine entsprechende Ausbildung anstreben) einen entsprechenden Bedarf, denn es wird ja ständig eine hohe Anzahl von Leuten gesucht. (Im Beispiel 5 mal mehr als oben.) Es werden also deutlich mehr Leute diesen Beruf ergreifen, wenn viele in befristet arbeiten, als wenn alle festangestellt sind. Tatsächlich ist der Bedarf aber nicht höher, als beim Festanstellungsmodell, denn die Anzahl der Beschäftigten im System ist immer noch die selbe. Es stehen demnach mehr Kandidaten zur Verfügung, als das System aufnehmen kann - mit der Konsequenz, daß viele irgendwann keinen Vertrag mehr bekommen. Die Folge ist eine höhere Belastung der Sozialsysteme. (Vom Konkurrenzdruck mal zu schweigen)


    Die Allgemeinheit zahlt also dafür, daß Arbeitgeber sich die Möglichkeit offen lassen, Mitarbeiter auf Stellen, die auf Dauer benötigt werden, ohne Kündigung wieder los zu werden. Stellen sie für die selbe Stelle dann einen Arbeitslosen ein, bekommen sie dafür sogar noch öffentliche Zuschüsse. Das ändert sich auch nicht, wenn der Arbeitgeber die öffentliche Hand selbst ist (wie z.B. bei Kulturorchestern): Dann zahlt die Gesellschaft nicht nur für die (jetzt befristet) Beschäftigten, sondern zusätzlich auch noch die Sozialleistungen für diejenigen, die aufgrund des o.a. Effektes der verzerrten Bedarfzahlen über den Bedarf hinaus in das System drängen, und die vermutlich etwas anderes gemacht hätten, wenn es die Außenwirkung der ständig zu besetzenden Stellen nicht gegeben hätte.


    Es ist also kein Nullsummenspiel, sondern volkswirtschaftlich echter Verlust. Sogar, wenn diejenigen, die aus dem System gedrängt werden, die leistungsschwächsten wären (was ja keineswegs gesetzmäßig der Fall ist, denn die Entscheidung für einen Kandidaten erfolgt ja immer nur relativ zu den jeweils örtlich und zeitlich real verfügbaren Bewerbern) ist das volkswirtschaftlich unsinnig, denn erstens hätten die was anderes machen können, womit sie vielleicht erfolgreicher gewesen wären, auch im Sinne von sozialversicherungs- und einkommensteuerpflichtigen Tätigkeiten, und zweitens ist nicht gesagt, daß damit die Qualität der tatsächlich im System verbleibenden Angestellten höher wäre. Das können nämlich durchaus die Begabten sein, die auch bei einem entsprechend engeren Arbeitsplatzangebot aufgrund ihrer Erfolgseinschätzung diesen Beruf trotzdem ergriffen hätten... Ganz im Gegenteil: es könnten jetzt statistisch mehr im System sein, die nicht ganz so gut sind...


    Nix gewonnen für irgend jemand, aber einige sind trotzdem Verlierer.
    Und das gilt ganz allgemein, nicht nur für Musiker.

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

  • Besetzt man nun alle Stellen mit Zeitverträgen, mit (z.B.) im Mittel 2 Jahren Laufzeit, dann erhöht sich diese Zahl auf 50%, denn jede Stelle ist nun im Mittel alle zwei Jahre auszuschreiben. Das suggeriert potentiellen Kandidaten für diesen Beruf (denjenigen, die eine entsprechende Ausbildung anstreben) einen entsprechenden Bedarf, denn es wird ja ständig eine hohe Anzahl von Leuten gesucht. (Im Beispiel 5 mal mehr als oben.) Es werden also deutlich mehr Leute diesen Beruf ergreifen, wenn viele in befristet arbeiten, als wenn alle festangestellt sind. Tatsächlich ist der Bedarf aber nicht höher, als beim Festanstellungsmodell, denn die Anzahl der Beschäftigten im System ist immer noch die selbe. Es stehen demnach mehr Kandidaten zur Verfügung, als das System aufnehmen kann - mit der Konsequenz, daß viele irgendwann keinen Vertrag mehr bekommen. Die Folge ist eine höhere Belastung der Sozialsysteme. (Vom Konkurrenzdruck mal zu schweigen)


    Das meinst du doch jetzt nicht ernst, oder??? Stellenwechsel alle 10 Jahre belastet die Sozialsysteme. Alles klar. Dauerstellen auf Lebenszeit ohne Leistungskontrolle sind das Nonplusultra. Siehe Griechenland. Berufseinsteiger sind dann eben zu 50% arbeitslos. Und das soll sozial sein??? Und sogar die Sozialsysteme entlasten??? Ach so, die Leute ohne Stelle bekommen einfach gar nichts. Das schont die Sozialsysteme.


    Aber das Thema ist hier nicht Politik. Es geht nur um den Vergleich zweier Systeme.


    Machen wir es mal ganz einfach. Gedankenspiel: Alle Orchester werden aufgelöst, der Betrieb wird komplett privatisiert. Der Staat stellt nur noch die Gelder zur Verfügung und zwar exakt genau so viele wie bisher. Ist das jetzt durchgedrungen? Es wird nichts eingespart. Weder an Stellen noch an Bezahlung.


    Ab 2016 kann also jeder ein Orchester betreiben. Er muss nur bei den zuständigen Stellen die Gelder eintreiben. Und er darf keinen Gewinn machen.


    Und nun stellen wir uns vor:


    50% der Orchester werden betrieben wie bisher. Weil die Leute sich einfach entsprechend organisieren und in 50% aller Fälle erfolgreich sind, d.h. die entsprechenden Gelder bekommen.


    Aber: Die anderen 50% der Orchester werden anders organisiert. Jede Stelle wird nur auf 10 Jahre ausgeschrieben. Nach 10 Jahren gibt es grundsätzlich eine neue Ausschreibung. Jeder kann sich bewerben, wobei der bisherige Stelleninhaber einen "Heimvorteil" hat. Aber vielleicht will er sich verbessern und hat schon längst eine anderen, besseren Vertrag in einem besser bezahlten Orchester. Nur so als Beispiel.


    Ich meine, dass so ein System gerade den bisher Benachteiligten (Berufsanfänger; Leute, die ein Krise hinter sich haben; Leute, die sich neu orientieren wollen; Leute, die einen Ortswechsel anstreben) mehr Perspektiven bietet.


    Und das hat nichts mit der Ausbeutung von Geringqualifizierten zu tun. Hier geht es um Hochqualifizierte.


    Ja, man kann den Karren durch schlechte Personalpolitik auch gegen die Wand fahren. Um so besser, wenn solche Versager dann aus dem Rennen sind und kein Geld mehr zum Betreiben eines Orchesters bekommen. Das Geld bekommen dann Leute, die es besser können.



    Thomas


    PS: Ja, das könnte man auch im Ingenieurbereich anwenden. Problemlos.

  • Ich bin mir immer unsicherer, ob du mit den aufwändigen Gedankenexperimenten nicht nur Variationen zur Realität beschreibst - allerdings auf etwas zwanghafte Weise. Auch ohne zwangsweise Befristung auf zehn Jahre gibt es doch in einem solchen Zeitraum ganz normale Veränderungen - sei es wegen des Übergangs in die Rente, wegen beruflicher oder sonstiger Fortentwicklung oder aus ganz anderen zufälligen Gründen, vermutlich in demselben Umfang, den du mit dem Gedankenspiel zwangsweise einführen willst.


    Außerdem geht Deine Rechnung nicht auf, dass mit dem Zwangswechsel nach 10 Jahren mehr Stellen zu besetzen wären. Denn alle, die bisher eine hatten und zwangsweise "frei" gesetzt werden, brauchen eine neue - neben den Berufsanfängern. Es mag zwar im Einzelfall sein, dass ein Berufsanfänger einen der schon zehn Jahre dabei war, aus dem Rennen schlägt. Dann tauschst Du einen 25-Jährigen arbeitslosen Musiker gegen einen 35-jährigen - und zwar durch Zwang.


    Wettbewerb? Leistungsorientierung? Kann man alles so nennen - man muss dann aber auch zugeben, dass die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses nach 10 Jahren, ohne dass der Beschäftigte dies beeinflussen kann, Zwangswirtschaft ist.


    Es steht immer noch ein einziges Argument aus, dass dafür sprechen könnte, ein System der Festanstellung gegen eines mit erzwungener Befristung zu tauschen.

  • Wie ist das eigentlich mit über 50- jährigen Orchestermusikern?


    Sollte da nicht endlich das Soylent Green-Programm eingeführt werden?
    Das schafft Platz und spart Geld, und zwar nicht gering.
    Zum Schluß nochmal die Morgenstimmung von Grieg und dann Tschüss.


    Und wieso sollte ein Berufsanfänger, der Jahrelang fast nichts anderes gemacht hat, als sich auf diese beschissene Prüfung vorzubereiten,
    automatisch besser sein als jemand, der z.B. schon über 20 Jahre lang im Job gezeigt hat, was er kann?
    Die Situation des Probespiels ist vom Berufsanfänger sicher besser beherrscht gegenüber jemandem, der diese Situation 20 Jahre nicht mehr hatte- einfach aus Trainingsgründen.
    Ich habe mich dieser speziellen Situation übrigens gestellt, leider.
    Scheiss drauf, trotz Heimspiel- oder gerade deshalb?


    Diese Prüfungssituation- Probespiel genannt- ist dermaßen ungerecht , und fast niemand hier hat wirklich eine Ahnung davon, wie es dort im K.O. Prinzip vor sich geht.


    Fast niemand.
    Ich wollte nichts mehr dazu schreiben, aber ich fände es nett, sich ein kleines wenig bedeckt zu halten, wenn es um die Arbeitssituation von Musikern geht.
    Vor allem bei nur rudimentärem Wissen, davon abgesehen sprechen wir hier über Menschen, nicht über Musikroboter.


    Wir reden über Schicksale, über Menschen, welche u.U. eine Familie gründen oder dauerhaft ernähren möchten.

  • Solcherart Methoden, dass sich Mitarbeiter nach einer bestimmten Zeit wieder bewerben müssen werden ja allenthalben angewandt. Ich selber war auch schon einmal in dieser Situation. Zum Glück hatte ich zu dem Zeitpunkt eine Alternative, ansonsten wäre ich arbeitslos geworden. Da ich zu dem Zeitpunkt bereits 48 Jahre alt war hätte ich große Mühe gehabt einen adäquaten Job zu finden. Kollegen von mir ist es schlechter ergangen. Die hatten z.T. lange erfolgreich im Vertrieb gearbeitet und bekamen dann bestenfalls einen Gnadenjob. Ihre jüngeren ehemaligen Mitarbeiter haben dann ihren Job gemacht. Der angebliche Leistungsgedanke der dahinter steckt ist nichts weiter als Ausbeutung der Arbeitskraft. Wer nicht funktioniert wird aussortiert. Und wie Michael schon gesagt hat, ältere Menschen bleiben dann in der Regel auf der Strecke, weil jüngere oft auch bereit sind für weniger Geld zu arbeiten. Das hat für mich sehr viel mit Geringschätzung der Mitarbeiter zu tun. Inhabergeführte Gesellschaften, wo der Chef noch alle Leute persönlich kennt, setzen auf langfristige Zusammenarbeit, und haben damit gute Erfolge. Und es ist eine erwiesene Tatsache, dass Mitarbeiter deren Wert geschätzt wird auch eine größere Motivation aufbringen. Vom besseren Betriebsklima mal ganz zu schweigen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Und zu ergänzen: die Älteren bekommen oft (nicht immer) mehr Geld als die Jüngeren. Das reizt manche Arbeitgeber, ihre Kostenrechnung entsprechend zu optimieren. War's nicht schon Cato, der empfohlen hat, Sklaven bei Erreichung einer bestimmten Altersgrenze oder Krankheit zu entsorgen, um die Profitabilität seiner Güter zu steigern?
    (boves vetulos, armenta delicula, oves deliculas, lanam, pelles, plostrum vetus, ferramenta vetera, servum senem, servum morbosum, et si quid aliud supersit, vendat. Agr. 2)


    und @ Ecclitico: Deine Replik erweckt in mir das dumpfe Gefühl, daß Du meine Posts entweder nicht genau gelesen hast oder nicht verstanden... oder nicht verstehen willst. Egal.

    viele Grüße


    Bustopher



    Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
    Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)

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