Einmal richtig leben - Die Meisterwerke des Akira Kurosawa

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  • Einmal richtig leben - Die Meisterwerke des Akira Kurosawa

    Dieser Thread von ThomasBernhard (der Titel ist vorläufig), den ich sinnvollerweise in dieses Forum verschoben habe, entstand aus seinem Bemühen, hier ein Forum für den asiatischen Film einzurichten (s. Ein Asia-Film-thread.) Mögen ihm viele weitere Mitglieder und Threads folgen. Rideamus



    Ich fang mal mit Japan und seinem Meisterregisseur Akira Kurosawa an


    Aus der japanischen Nachkriegszeit kenne ich einige Filme von Kurosawa. Er infizierte mich mit dem Asia-Film-Virus. Dabei sei Kurosawa (1910 - 1998) der westlichste der anspruchsvollen japanischen Regisseure seiner Generation. In seiner Jugend begeisterte er sich für amerikanische Western, liess sich von ihnen in seiner Ästhetik beeinflußen und beeinflußte den Westen und Western dann wiederum durch seine Filme. Im Westen ist er vor allem durch seine historischen "Samurai"-Filme bekannt, gerade aber auch seine Gegenwartsfilme sind hochinteressant und zuweilen erschütternd.


    Bei Kurosawa war es das erste mal, dass mir auffiel, dass man ja auch ganz anders Filme machen kann, als man das von Hollywood her gewöhnt ist (natürlich gibt es auch ungezählte Filme aus dem Westen, die mir das hätten klar machen können. In dieser Eindringleichkeit war es aber Kurosawa, der mich von Hollywood heilte.). Dass man eben einen Film nüchtern erzählen kann, ohne den Zuschauer durch übertrieben plumpe, emotionale, sülzige Fernsteuerung in seinen Gefühlen zu lenken. Dass nüchtern erzählte Filme dann am Ende mindestens genau so erschütternd sind wie rührseliges Gedöhns aus Hollywood geht damit einher.


    Zwar hat Kurosawa auch schon vor 1945 Filme gemacht, aber seit der Zäsur des Kriegsendes wird es richtig interessant. Die Männer, die den Tiger auf den Schwanz traten ist zwar scheinbar nur ein Historienfilm und eine Samuraigeschichte aus alter Zeit - für die japanische Gesellschaft, die gerade erst einen "totalen Krieg" hinter sich hat, beinhaltet der Film aber einige provozierende Lehren: Der Fürst muß, um über eine Grenze zu flüchten, die Rolle mit einem Diener tauschen. Und der Diener/Samurai muß sich überwinden, seinen Fürsten öffentlich zu demütigen, damit sein Fürst an der Grenze nicht enttarnt wird. Für den obrigkeitstreuen Japaner, auch für den, der gerade den zweiten Weltkrieg hinter sich hat, eine durchaus schwer vorstellbare Situation. Und das war nicht die einzige provokante Situation in diesem Film.


    Kurosawa richtet sich dann immer wieder gegen den japanischen "Kadavergehorsam". In seinem wohl bekanntesten Film, "Die sieben Samurai" (1954), treffen sich zwei alte Kampfgefährten (und zwar sind es positive Charaktere in der Handlung) nach langer Zeit zufällig wieder. Sagt der eine: "Wie hast Du damals diese verheerende Schlacht überlebt?" - sagt der andere "Ich bin natürlkich weggelaufen so schnell ich konnte!" Auch das wahrscheinlich ganz unerhört neue Töne im japanischen Samuraifilm-Genre. Das amerikanische Remake ist bekanntlich "die glorreichen Sieben". Ein Film, der höchstens im Soundtrack (uns selbst da bin ich mir nicht immer so sicher) besser ist als das Original.


    Eine ganz köstlich schlitzohrige Geschiche , virtuos inszeniert und auch nicht gerade unblutig, ist Yojimbo - der Leibwächter (1961). War Kurosawa noch bei den glorreichen Sieben stolz auf das amerikanische Remake, so war er über das Remake von Yojimbo - nämlich "Für eine handvoll Dollar" sehr verärgert. Weil Regisseur Sergio Leone den geistigen Diebstahl einfach nicht eingestehen wollte. Auch hier ist das Original besser als das dennoch auch empfehlenswerte Remake mit Clint Eastwood in seiner ersten großen Hauptrolle.


    Kumonosu-jō - "das Schloß im Spinnwebwald" (1957) ist zwar ein Film im Gewand eines Samuraifilms - in Wiklichkeit ist er aber eine geniale Macbeth-Adaption. In der Hauptrolle erneut der berühmte Toshiro Mifune, stets nahe dran am "overacting" - aber in solchen Situationen muß man sich halt einfach einreden, dass Kurosawa sich hier bewußt am Stil des traditionellen japanischen Theaters orientieren wollte.


    Shakespeare war sowieso ein großes Interesse von Kurosawa. Eine erneute geniale Shakespeare-Adaption gelang mit dem Epos "Ran" (Chaos) (1985) - eine King Lear-Übersetzung ins japanische Mittelalter. Von seinem Filmmusikkomponisten, kein geringerer als Toru Takemitsu, wünschte Kurosawa eine Musik, die an Mahler angelehnt sei.


    Zu Weltruhm gelangte Kurosawa bereits sehr früh, nämlich mit seienem 1950 gedrehten Rashomon. Eine Geschichte, wiederum in trostlosen Zeiten des Chaos im japanischen Mittelalter, von einem Mord, der aus drei sich widersprechenden Blickwinkeln erzählt wird. Dieser Film beeinflußte den internationalen Film und seine Erzählstrukturen wie kaum ein anderer. Der schwierige/spröde Stoff in seiner fantastischen urwaldlichen Bildästhetik wurde natürlich auch als (Western!)-Remake ausgeschlachtet und langweilt als Remake ungeheuer.


    Ein letzter "Samurai-Film", den ich hier empfehlen möchte, ist "Kagemusha" - der Doppelgänger (1980). Wie in Ran ist Kurosawa hier von den schnellen Schnitten seiner frühen Filme zu einer epischen Langsamkeit gekommen, die etwas wahnsinnig Meditatives hat. Es geht um einen Verbrecher, der seinem Fürsten ähnelt. Der Fürst stirbt und die Berater des Fürsten wünschen, dass der Doppelgänger weiterhin die Rolle des Fürsten einnimmt, das das Reich bedroht ist und der alte Fürst den Nimbus des Unbesiegbaren hat. Das Ende des Films passt dann auch perfekt zu Kurosawas Pessimismus.


    Bisher habe ich also nur Samuraischinken vorgestellt, die aber doch alle auch aktuelle Themen abhandeln.


    Ein Film, der im 19. Jahrhunder spielt, ist "Nachtasyl" (1957) - eine kammerspielartige Adaption des gleichnamigen Dramas von Maxim Gorki.


    Ein besonders beeindruckender, aber leider ganz furchtbar schlecht ins Deutsche synchronisierter, Film ist Ikiru - Ein mal wirklich leben (1952). Der träge Bürokrat Watanabe verbringt sein ganzes Leben sinnlos in einem Amt. Statt den Bürgern zu helfen, schickanieren sie dort die Bürger. Als Watanabe erfährt, dass er unheilbar an Magenkrebs leidet, wird ihm bewußt, wie leer sein Leben eigentlich ist. Er stürzt sich in Vergnügungen, die allerdings nichts für ihn sind. Letztlich kommt er auf die Idee, dass er wenigstens einmal den Bürgern seiner Stadt helfen könnte und setzt sich für einen Antrag ein, der auf seinem Schreibtisch gelandet ist.


    Rotbart (1965) spielt wieder im Japan des 19. Jahrhunderts. Ein junger Arzt sieht einer steilen Karriere entgegen, die ihn als Leibarzt an den Hof des Shogun bringen soll. Eine Karrierestation im armesligen Krankenhaus eines runtergekommenen Stadtteils will ihm zunächst gar nicht in den Kram passen. Doch letztlich wird Rotbart, der alte Arzt dieses Hospitals, ihn prägen und seinem Leben eine neue Richtung geben.


    Während ich "Ein Leben in Furcht" aka "Bilanz eines Lebens" (1955) für eine sehr gelungene Beschäftigung mit dem Thema Atombombe halte (Herr Nakajimi scheint verrückt zu sein. Der erfolgreiche Unternehmer ruiniert seine Fabrik und will seine Familie dazu zwingen, nach Südamerika auszuwandern. Er hat nämlich existenzielle Angst vor einem neuen atomaren Krieg... - Wer ist hier der Verrückte, der, den die Angst in den Wahnsinn treibt, oder der, der die Gefahr blind ignoriert?) - fand ich den Film Rhapsodie im August (1991, Koproduzent: Steven Spielberg; Richard Gere spielt einen amerikanischen Schwiegersohn) vergleichsweise platt und missraten. Auch dieser Film handelt vom Leben mit der Atombombe.


    Die Synchronisationen der folgenden DVDs sind teilweise wirklich miserabel und können den Gesamteindruck eines Films sehr verschlechtern!







    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • RE: Einmal richtig leben - Die Meisterwerke des Akira Kurosawa


    Eine ganz köstlich schlitzohrige Geschichte , virtuos inszeniert und auch nicht gerade unblutig, ist Yojimbo - der Leibwächter (1961). War Kurosawa noch bei den glorreichen Sieben stolz auf das amerikanische Remake, so war er über das Remake von Yojimbo - nämlich "Für eine handvoll Dollar" sehr verärgert. Weil Regisseur Sergio Leone den geistigen Diebstahl einfach nicht eingestehen wollte. Auch hier ist das Original besser als das dennoch auch empfehlenswerte Remake mit Clint Eastwood in seiner ersten großen Hauptrolle.


    Noch eine Anmerkung zu Yojimbo


    Yojimbo wurde ja nicht nur einmal im Westen als Remake verbraten (das erste mal (Für eine handvoll Dollar) berief sich Leone noch auf Gozzis Diener zweier Herren als Vorlage) sondern mindestens zwei mal. Das zweite Remake war 1996 Last man standing mit Bruce Willis.


    Nun hat Japan zurückgeschlagen und ein erneutes Remake von Yojimbo produziert, das scheinbar genüsslich zwischen allen Stühlen sitzt: Takashi Miikes Sukiyaki Western Django. Ein Film, der in Japan spielt, sich aber unverkennbar auf den "Spaghettiwesternstil" beruft und sogar mit Quentin Tarantino als Gast aufwartet. Auf amazon gibts einen trailer.


    Bin schon sehr gespannt


    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Yojimbo hat mich seinerzeit auch sehr beeindruckt. Die Eingangsszene, wo der Titelheld in die ihm unbekannte Stadt kommt, Tumultlärm hört, und ihm dann der Hund mit der abgeschlagenen Hand im Maul entgegentrabt, ist unvergeßlich.


    Die späteren großen Epen von Kurosawa sind nicht so mein Fall - aber ich bin insgesamt kein Fan von Monumentalkino. Gut gemacht sind sie auf jeden Fall.

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