Wie schwer ist das wirklich?


  • Darf man mal neugierig fragen, warum du all diese Fragen stellst und welches Ziel Du damit verfolgst?


    Wissensdurst. Insbesondere interessiert mich, wo ungefähr die Grenze zwischen Profi und Amateur verläuft.


    Theoretisch könnte mir diese Diskussion auch helfen, die Leistungen der Sänger(innen) bei den Haydn-Opern besser einschätzen zu können, aber dazu müsste die Diskussion mehr ins Detail gehen (anderer Thread notwendig) und letztendlich müssten alle Beteiligten die gleiche Aufnahme in den Ohren haben (oder die gleiche Vorstellung besucht haben). Eure Eindrücke zu den Hörbeispielen habe ich mit Interesse vernommen (insbesondere den von Fliu zu Barbara Hendricks), aber das vorliegende Material reicht wohl nicht aus für weitere Vertiefungen.


    Natürlich träume ich davon, dass die vielen Hobbysänger(innen) sich nicht auf das Liedgut von Schubert & Co. beschränken, sondern sich - wie auch immer - zusammenfinden, um ein größeres, aber dennoch überschaubares Werk aufführen. Z.B. von Haydn :D


    Wie viele fähige Sänger und Sängerinnen gibt's eigentlich in Wien, Berlin, Paris oder London? Wahrscheinlich tausende...


    Meine Aussage zu "alten" vs. "jungen" Sängerinnen könnt ihr einfach - auch kopfschüttelnd - zur Kenntnis nehmen. Ich nehme jedenfalls auch "alte" wahr. So wie es auch "alte" - und überzeugende - Ingenieure gibt. Diese Problematik trifft mich übrigens auch bald, vielleicht reite ich deswegen so darauf herum...


    Genau, Fliu: Auch der ältere Ingenieur hat mir Vorurteilen zu kämpfen. Teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Anstellung in der Regel längerfristig und somit teurer ist. Er hat aber größere Auswahlmöglichkeiten, das stimmt...




    Thomas Deck

  • Hallo Thomas,


    meiner Meinung nach ist beim Gesang die Grenze zwischen Amateur und Profi in dem Sinne fließend, dass es auch unter den Amateuren viele Sänger und Sängerinnen gibt, die rein von der stimmlichen Begabung her mit den Profis mithalten könnten. Es fehlt dann eben an den schon genannten Faktoren (Alter, Aussehen, Zeit etc.), hinzu kommt die psychologische Komponente (der Druck, den Profisänger auszuhalten haben ist mE nicht zu unterschätzen) und manchmal fehlt es schlicht an Vitamin B ;+) . Die Chance, dass man als Laiensänger auf irgendeinem Konzert "entdeckt" wird, ist doch eher gering. Da muss man sich dann schon zu einschlägigen Wettbewerben bequemen, die aber zumeist auch eine Altersgrenze haben.


    Liebe Grüße


    Vitellia

    "Die Verpflegungslage ist für den Kulturmenschen eigentlich das Wichtigste" (T. Fontane)



    But that's the beauty of grand opera. You can do anything as long as you sing it (Anna Russell)

  • Haydn für Erwachsene

    Man glaubt es nicht, aber fast alle Frauenfiguren in Haydns Opern sind unverheiratet und entsprechend jung. Nach einer oberflächlichen Suche fand ich nur den Genio aus L'anima del filosofo ossia Orfeo ed Euridice, der von einer Sängerin beliebigen Alters interpretiert werden könnte. Eine der Arien aus dieser Oper erscheint mir aber nicht ganz leicht:
    "http://www.youtube.com/watch?v=NAJqwHa04Eo']Al tuo seno fortunato[/url]


    Ist das wirklich so schwer wie es sich anhört?


    Jetzt fällt mir doch noch eine Rolle ein: Die Zauberin Alcina aus Orlando Paladino. Die überzeugendste Interpretation dieser Rolle lieferte übrigens eine unbekannte, aber hervorragende Holländerin namens Henrietta Hugenholtz in Gießen. Hier ein Beispiel:
    "http://www.youtube.com/watch?v=Yxoe4FprBlM']Ad un guardo[/url] aus der Berliner Produktion. Alcina hat nicht so viel tun und ist auch nicht so komplex als Rolle wie Angelica, aber ihre wenigen Arien sind nicht ganz ohne, oder täusche ich mich?


    Wenn wir gerade bei Orlando Paladino sind:
    "http://www.youtube.com/watch?v=2wkL448YRD4']Hier[/url] ein weiterer Ausschnitt aus der Produktion in Berlin. Zunächst die "Geografie-Arie" von Pasquale. Erscheint mir sehr schwierig, auf eine beeindruckendes Live-Erlebnis warte ich noch. Danach (nach ca. 5 min) die Arie "Non partir, mia bella face" von Angelica, auch diese ist wohl eher anspruchsvoll, wie auch die gesamte Rolle der Angelica, ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Jaja, sowohl Pasquale als auch Angelica sind unverheiratet, aber hier interessiert mich nur eure Meinung zum Schwierigkeitsgrad. Alcina dagegen kann von einer Frau jeden Alters gesungen werden.


    Ich könnte noch stundenlang in der Berliner Aufführung schwelgen. Ich wäre zufrieden, wenn ihr mir grob sagen könntet, ob die genannten Hörbeispiele tatsächlich ein anderes Kaliber sind als die von L'infedeltà delusa.



    Thomas Deck

  • Hallo Thomas,



    ich werde den Verdacht nicht los, dass Du - auf charmantem Umweg - Reklame für den meist unterschätzten Opernkomponisten Haydn machen möchtest. Deine Rechnung geht insofern auf, als wir neugierig den Einspielungen lauschen und so einen kleinen Eindruck von den selten gespielten Werken gewinnen. Kompliment !


    Als vergleichbarer Komponist fällt mir nicht das Operngenie Mozart ein, sondern der wie Haydn unterschätzte Salieri, dessen Opern ein unverdientes Nischendasein fristen. Was die sängerischen Herausforderungen angeht, kann ich mich nur meinen verehrten Vorschreiberinnen anschließen.



    Ciao. Gioachino :wink:

    miniminiDIFIDI

  • Lieber Thomas, da hat unser Gioachino wohl Recht, scheint mir und du möchtest uns die Haydn-Arien vorstellen und schmackhaft machen..... ;+) :angel:


    Bei mir rennst du offene Türen, ich mag diese Musik serh und könnte sie höchstwahrscheinlich auch singen, das Problem sind die Noten! Wenn Du mir die lieferst, fang ich gerne mit Sandrina und Vespina an.


    Die Arie der Bartoli aus dem Orfeo(den ich ganz als TV Mitschnitt dank Peter B. habe und wunderschön finde,) ist wirklich schwieriger und eigentlich viel mehr Sopran- als Mezzofach. Hier wird eine viel grössere Virtuosität verlangt als bei der Sandrina und das zu üben würde ich sicher sehr viel länger brauchen. Der Vergleich mit Salieri scheint mir auch angemessener als der mit Mozart.


    Wobei mir Haydn persönlich mehr zusagt als Salieri.


    Für Ad un guardo sehe ich einen Koloraturmezzo als ideale Besetzung; die hier eingestellte Stimme gefällt mir aber auch nicht. Das ist zu tief für einen echten Sopran. Aber für mein Gefühl etwas lecihter als das Orfeo Beispiel.


    Alles Andere habe ich noch nciht gehört.


    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)


  • ich werde den Verdacht nicht los, dass Du - auf charmantem Umweg - Reklame für den meist unterschätzten Opernkomponisten Haydn machen möchtest. Deine Rechnung geht insofern auf, als wir neugierig den Einspielungen lauschen und so einen kleinen Eindruck von den selten gespielten Werken gewinnen. Kompliment !


    Als vergleichbarer Komponist fällt mir nicht das Operngenie Mozart ein, sondern der wie Haydn unterschätzte Salieri, dessen Opern ein unverdientes Nischendasein fristen. Was die sängerischen Herausforderungen angeht, kann ich mich nur meinen verehrten Vorschreiberinnen anschließen.

    Ausgangspunkt war wirklich mein Bedürfnis, zu erfahren, wie schwer die Arien der "leichteren" Haydn-Opern sind, und da habe ich nun wirklich einiges erfahren.


    Tja, und wenn man dann erfährt, dass eine Aufführung im Bereich des Möglichen ist...


    Aber es stimmt, da gibt es neben Haydn sicher noch weitere Kandidaten. Ich finde es wirklich etwas schade, dass vermutlich tausende Sänger und Sängerinnen im stillen Kämmerlein ein durchaus beachtliches Niveau erreichen, es aber aus organisatorischen Gründen nicht zu Aufführungen kommt. Ok, vielleicht fordere ich da etwas zu viel von unserer Kulturlandschaft, immerhin läuft schon einiges, und Haydn & Co. sind vielleicht zu exotisch. Jedenfalls: Wer viel Arbeit in etwas investiert und dadurch zu außergwöhnlichen Leistungen fähig ist, sollte auf die eine oder andere Art die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen. Egal ob Fußballer, Ingenieur oder Sänger.



    Warum gerade Haydn: Ja, ich bin Fan. Übrigens wären laut Aussage eines Haydn-Experten statt Salieri eher Giovanni Paisiello oder Domenico Cimarosa geeignete "Konkurrenten". Salieri gehöre schon in die Zeit Mozarts.


    Ich meine aber, es gibt auch ein rationales Argument für Haydn: Er ist uns näher, weil wir seine Musik prinzipiell schon kennen und weil uns sein Name geläufig ist. Wer wird schon eine Oper von Paisiello oder Cimarosa besuchen? Selbst Salieri dürfte die meisten kalt lassen, trotz vermutlich guter Musik. Ich gehe übrigens davon aus, dass die Arien von Salieri schwieriger sind als die von Haydn. Salieri musste in Wien gegen harte Konkurrenz bestehen...


    Ach ja: Haydn wird tatsächlich "semiprofessionell" aufgeführt. Dieses Jahr angeblich 2 mal in England, das war im Frühjahr, und ich habe nichts davon mitbekommen. Es handelte sich um Studentenprojekte, aber öffentliche Aufführungen. Da besteht noch Verbesserungspotenzial im Marketing...



    Thomas Deck

  • Lieber Thomas, das organisatorische Problem, das du da ansprichst, ist in erster Linie die Frage des Engagements für ein Projekt und der finanziellen absicherung desselben.



    Was die Arien aus dem Orlando Paladino angeht(den ich auch demnächst dank Peters Mitschnitten ganz sehen und hören werde): sie erinnern mich ganz entschieden an zwei Rollen aus Mozarts Don Giovanni.


    Die Arie des Pasquale hat m.E. denselben Schwierigkeitsgrad wie Leporellos Registerarie und die Arie der Angelica ist vergleichbar mit Donna Anna "Non mi dir".


    Letzres bracuht eine etwas dramatisch gelagertere und weniger leichte Stimme als sie hier präsentiert wird. Für Soubretten ist das keine gute Partie, und die vielen Koloraturen sollten darüber nciht hinwegtäuschen. Für mich also deutlich schwieriger einzuschätzen, was aber eine andere Sängerin schon wieder anders sehen wird.



    Was ich bisher gehört habe, scheint mir die Sandrina und Vespina am leichtesten für Nicht-Profis(im Sopranfach) zugänglich zu sein, die anderen hier vorgestellten Rollen erfordern schon einen deutlich grösseren Zeitaufwand und entsprechend geschulte Stimme.


    Eine Angelica liegt für mich an der Grenze. Wer das wirklch gut singen kann, hat jedenfalls die Kapazitäten an einer Bühne engagiert zu werden und im quasi dramatischen Koloraturfach zu reüssieren.


    F.Q., die dir viel Glück bei der Suche nach Haydn Produktionen wünscht. :wink:

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

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