Rattle und die Berliner – empfehlenswerte Aufnahmen

  • Generell finde ich Brahms/Berliner/Rattle eine ganz gute Kombi. Bin ganz erstaunt, dass noch keiner die Sinfonien genannt hat, die ich gelungen finde. Das Requiem gefällt mir auch ganz gut (hätte für meinen Geschmack noch mehr die knarzende Wuchtigkeit der Sinfonieneinspielungen vertragen), nur Quasthoffs Gewaber trübt mir da die Freude. Und Harnoncourt-Fan hat ja schon das 1. Klavierkonzert mit Zimerman genannt, das mir auch sehr gut gefällt. Hier nochmal alle Brahms-CDs:

    Vielleicht kennt ja auch jemand die DVDs (Doppelkonzert und 1. Klavierkonzert mit Barenboim) und kann was dazu sagen?


    Ansonsten fand ich Ravel auch fantastisch, kenne aber sonst auch keine Einspielung von "L'enfant et les sortileges". Rattles Rachmaninov ist für mich oft ein Verbrechen, in vielen Momenten die perfekte Lehrstunde, was Rachmaninov NICHT verträgt (Mittelteil Kopfsatz Sinfonische Tänze :faint: ). Und viel mehr kenne ich dann auch nicht mehr..

  • Ich sammele hier mal ein paar meiner unwesentlichen Statements zu Rattles Berliner Aufnahmen:


    Bruckners Neunte (mit Finale):



    Zitat

    Finde ich sehr überzeugend! Stetige, flüssige Tempi. Großer Atem bei den Steigerungen. Wunderbares Orchesterspiel in allen Gruppen. Keine Blechlawinen, die Balance der Orchestergruppen bleibt gewahrt: heikle Stellen wie die Streicherskalen bei der Scheinreprise im Kopfsatz sind mustergültig hörbar. Einzige Einschränkung: Ausgerechnet der für das Finale so wichtige punktierte Rhythmus, der im Kopfsatz beim Eintritt der Reprise in den Hörnern und im Schlusstableau desselben Satzes abwechselnd in Posaunen und Hörnern erklingt, ist nicht ausreichend präsent.


    Ich würde das Dirigat fast als kapellmeisterlich im besten Sinn bezeichnen, Manierismen und Extravaganzen, wie sie einige Rattle-Dirigate seiner Berliner Zeit aufgewiesen haben, gibt es hier nicht. Andere Interpretationen weisen noch höhere Spannungskurven auf und erzeugen im Detail Klangwunder, die bei Rattle etwas nüchterner daherkommen. Aber in ihrer Strenge, ihrem auf das Finale hin zielenden bewegten Duktus, in der Klarheit des Klangs hat Rattles Aufnahme große Meriten.



    Haydn-Sinfonien 88-92 (teils in Diskussion mit Ralph):



    Zitat

    bis ins Detail augefeilt (manche nennen das manieriert) und doch sehr spielfreudig, mit einem ganz eigenen Orchesterklang zwischen HIP und "traditionell". Ich schätze auch sehr die variierten Wiederholungen mit den zusätzlichen Auszierungen insb. bei den Holzbläsern. Das ist nochmal eine Spur gewagter als die alten, auch sehr guten Haydn-Aufnahmen Rattles mit dem Orchester aus Birmingham.


    Ich habe jetzt noch einmal Rattles Berliner Interpretation der Nr. 90 mit der im Netz verfügbaren Partitur der Robbins-Landon-Ausgabe gehört und kann das von Ralph Gesagte nicht nachvollziehen: Die Tempi sind keineswegs außerordentlich schnell, auch nicht im Menuett. Synkopen und fz-Stellen werden überhaupt nicht übertrieben ("sfffffz") betont - ich verweise auf den Kopfsatz, T. 33ff. und die Parallelstellen oder auf die entsprechend dem Piano-Kontext nur sanft hervorgehobene fz-Synkope in Takt 2 des langsamen Satzes. Ein sehr starker dynamischer Kontrast wird einmal am Anfang der Kopfsatz-Durchführung erreicht, wel Rattle vor Eintritt des Forte in T. 104 das Piano nochmal extra herunterdimmt. Aber sonst? "Kurze Noten" sind je nach Kontext sehr differenziert ausgeführt, keineswegs "ganz besonders kurz", im zweiten Satz auch tenuto. Dort in T. 4 übrigens auch ein langer Vorschlag. Die Binnentempi werden flexibel gehandhabt, ohne dass das Grundmetrum in Vergessenheit geraten würde (sehr schön die rezitativische Fortspinnung im Andante, T. 91ff.).


    Besondere Stärken: die Präsenz der Streicher-Mittelstimmen und der tiefen Lage von Horn und Fagott. Die immer sehr überlegte, machmal fast ausgeklügelte Dynamik, bei der Haydns relativ spärliche Vorschriften nicht zu einer Terassendynamik verführen, sondern zu differenzierten Verläufen ausgearbeitet sind - Beispiel: Kopfsatz, T. 8-16. Bei Wiederholungen variiert Rattle mehr als jeder andere mir bekannte Interpret: modifizierte Tempi (z.B. Finale T. 180ff.), modifizierte Dynamik (z.B. Trio T. 72f.), vor allem aber Auszierungen: sehr stark bei solistischen Holzbläserpassagen (z.B. Seitenthema des Kopfsatzes), auch werden Triller und Vorschläge eingefügt, Paukenschläge werden zu Wirbeln.


    Ich verstehe, dass man diese Interpretation zu ausgeklügelt finden kann. Ich finde sie aber weder farblos noch unemphatisch. Und vorhersehbar schon gar nicht.



    Ravel, L'enfant et les sortilèges:



    Zitat

    Toller Orchesterklang, fantastische Instrumentalsoli (Kontrabass-Flageolett gleich am Anfang), sehr guter Chor (was am Ende des Stücks wichtig ist). Ausgezeichnete Sänger, Kozena in der Titelrolle vielleicht etwas zu neutral, José van Dam muss inzwischen in der hohen Lage arg forcieren. Irgendwas fehlt mir im Vergleich zur Maazel-Aufnahme. Rattle dirigiert mir eine Spur zu zu hüftsteif - was ich von ihm nicht erwartet hätte. Für Einsteiger in die zauberhafteste aller Kurzopern aber hervorragend geeignet.



    Viele Grüße


    Bernd

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  • Generell finde ich Brahms/Berliner/Rattle eine ganz gute Kombi. Bin ganz erstaunt, dass noch keiner die Sinfonien genannt hat, die ich gelungen finde.


    Weil es vermutlich keine davon gibt... Berliner-Philharmoniker-Brahms-Sinfonien-Rattle-Wiedergaben fand ich bisher wenig überzeugend...
    weder 2014 noch 2008.... und das gilt auch 2008 für Gastspiele in Seoul und London ...

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Brahms

    Generell finde ich Brahms/Berliner/Rattle eine ganz gute Kombi. Bin ganz erstaunt, dass noch keiner die Sinfonien genannt hat, die ich gelungen finde. Das Requiem gefällt mir auch ganz gut (hätte für meinen Geschmack noch mehr die knarzende Wuchtigkeit der Sinfonieneinspielungen vertragen)


    Weil es vermutlich keine davon gibt... Berliner-Philharmoniker-Brahms-Sinfonien-Rattle-Wiedergaben fand ich bisher wenig überzeugend...
    weder 2014 noch 2008.... und das gilt auch für Gastspiele in Seoul und London 2008...


    Von den Rattle-Brahms-Einspielungen habe ich nur die Dritte mehrfach gehört. Und die hat mir auch sehr gut gefallen. "Knarzende Wuchtigkeit" wäre mir allerdings dazu nicht eingefallen, eher fand ich die leiseren Töne überzeugend. Beispiel: Im Poco Allegretto wird das Thema von einem Gespinst aus Nebenstimmen in Geigen und Holzbläsern umwoben - und diese Arabesken kommen in Rattles Aufnahme wunderbar heraus, ohne sich in den Vordergrund zu drängen (besonders in der Reprise des Hauptteils).



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Rattle und Brahms finde ich im Gegensatz zu El Duderino eher schwach. Die Aufnahme der Sinfonien lebt für mich nur wegen des Klangs der Philharmoniker, eine inspirierende Rattlesche Ausgestaltung habe ich nicht vernehmen können. Ebenso das Requiem, das zwar einen Grammy gewinnen konnte und damals bei uns im Laden wegging wie warme Semmeln, mich aber persönlich nicht ansatzweise überzeugen können. Das war für mich ein Paradebeispiel einer 0815-Aufnahme...


    Besser fand ich die Aufnahmen der Dvorak-Tondichtungen, die Nielsen-Konzerte mit Sabine Meyer und Emmanuel Pahud oder den Nussknacker.
    Ganz besonders allerdings möchte ich die energisch intensive Mahler 6 hervorheben, die er noch zu Karajan-Zeiten in Berlin dirigierte. Mahler lag ihm aber schon immer etwas mehr, wie ich finde.





    Beste Grüße,
    Peter.

    Alles kann, nichts muss.

  • Rattle-Aufnahmen aus Berlin, die mir weniger gefallen (wobei das Hören schon längere Zeit zurückliegt - also ohne Gewähr):


    Mahlers Zehnte in der Cooke-Fassung ist ja schon beim Erscheinen (und jetzt auch wieder in diesem Thread) sehr gelobt worden - sie galt als gelungenes "Bewerbungsgespräch" Rattles für den Chefdirigentenposten. Ich bin mit dieser Aufnahme nie warm geworden: alles perfekt, alles schön. Aber ohne Emphase: z.B. sind die dumpfen Trommelschläge im Finale ohne niederschmetternde Kraft, das dann folgende Flötensolo klingt nur ätherisch-entrückt (war das damals schon Pahud?), die Streicherakkorde dazu gaaanz leise, und alles irgendwie unartikuliert und unberührt.


    Ganz ähnlich Schostakowitschs Vierzehnte, die oben schon von Maticus kritisiert worden ist.


    Völlig daneben für meinen Geschmack Schuberts Große C-dur-Sinfonie: da wird an den Tempi herumgebastelt, der Klang schwankt zwischen luzide-klassisch und spätromantisch, immer wieder werden irgendwelche Nebenstimmen hervorgehoben...



    Die Bach-Passionen fand ich musikalisch ganz ok, mehr nicht. Aber die szenischen Interpretationen von Sellars mag ich sehr!



    Viele Grüße


    Bernd

    .

  • Zur Rattle Bach Interpretation: Die kann für ein bestimmtes Klientel, - die einen HIP-Klang bevorzugen -völlig falsch sein und für Opernbesucher oder zum Bsp Oberstufenschüler sehr wichtig. Manche Menschen brauchen die Bilder, um einen Einstieg zu finden. Also für mich ist es nichts, weil ich Junghänel, Pierlot, McCreesh (nicht alle) und Hengelbrock bevorzuge, weil ich ein Mensch bin, der diese 'Durchhörbarkeit' braucht und jede einzelne Stimme muss für mich identifizierbar sein.


    Die Bach-Passionen fand ich musikalisch ganz ok, mehr nicht. Aber die szenischen Interpretationen von Sellars mag ich sehr!


    Bachs Musik bevorzuge ich generell auch in HIP-Interpretationen und wenn Rattle die Bach-Passionen nur klassisch konzertant im Konzertsaal aufgeführt hätte, also ohne Sellars szenische Interpretationen, hätte ich mir diese Aufnahmen wahrscheinlich nicht gekauft, d. h. ich besitze davon nur die Matthäuspassion, weil ich skeptisch war/bin, ob sich bei der Johannespassion nicht zu vieles bei Sellars szenischer Interpretation wiederholt. Wenn es darum geht, sich Bachs Passionen nur anzuhören, greife ich lieber zur HIP-Fraktion ab und zu finde ich diese sog. Ritualisierung von Sellars dann doch ganz schön.


    Immherin läßt sich Rattle auch von der HIP-Bewegung inspirieren, denn er dirigierte schon das Orchestra of the Age of Enlightenment, in der Aufführung von Bachs Johannespassion von 2002 spielte Emmanuelle Haïm an der Continou-Orgel und bei der Aufführung der Matthäuspassion von 2010 wirkte die Gambistin Hille Perl mit.


    Armin

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Vor einiger Zeit Jahren gab es meiner Erinnerung nach hier im Forum schon einmal den Versuch, Rattles Berliner Zeit anhand der CD-Aufnahmen zu resümieren. An diesen gemessen - und es erscheint angesichts der Dominanz, welche die Berliner viele Jahrzehnte auf dem deutschen Tonträgermarkt ausübten, nicht verfehlt, dies zu tun; wen interessiert schon die digital concert hall? - fällt das Resümee ernüchternd bis beschämend aus. Nicht einmal uns Liebhabern/Sammelwütigen gelingt es, eine handvoll gelungener CDs in dieser Kombination zusammenzutragen, und das bei einem nach eigener Wahrnehmung Weltklasseorchester.

  • Lieber Knulp,


    ist dem so? Bei mir, so habe ich gestern beim Raussuchen festgestellt, hat sich einiges an Rattle/Berlin-Aufnahmen gesammelt, was ich nun nach und nach mal wieder höre. Man könnte sagen, es spricht nicht für die Aufnahmen, dass ich sie nicht direkt auf dem Schirm hatte. Klar. Aber ich weiß es nicht so genau.


    Etwa dieses Debussy-Album



    Habe ich gestern seit langem sehr genossen und finde es wirklich sehr gut. Auch das Silvesterkonzert mit "Bilder einer Ausstellung" und der 2. Sinfonie von Borodin etwa hatte ich so gut gar nicht in Erinnerung:



    Wie dem auch sei, ich überlege trotzdem, woran es liegt, dass mir diese Aufnahmen nicht gleich einfallen, wenn ich an die entsprechenden Stücke denke....


    LG - C.

  • Liegt das nicht ganz trivial an der Überfülle der verfügbaren Aufnahmen für zB Mahlers 5., La Mer oder Bilder einer Ausstellung?
    Wie viele Aufnahmen aus Abbados Berliner Zeit oder aus den letzten 12-15 Jahren Karajan (um eine vergleichbare Zeitspanne zu haben) fallen einem spontan bei einem vergleichbaren Standardwerk ein?
    Bruckners 9. mit rekonstruiertem Finale von einem Spitzenorchester ist praktisch konkurrenzlos. Auch für Nicht-HIP-Aufnahmen von Haydns 90. oder 91. Sinfonie gibt es nicht allzu viele Alternativen.


    Ich kann mich zwar auch dem Eindruck nicht ganz entziehen, dass Rattle sein "Pulver verschossen" hatte, bevor er nach Berlin gekommen ist. Aber ich glaube, dass liegt einfach daran, dass er VORHER eine außerordentlich vielfältige Diskographie aufgebaut hatte (ganz unabhängig davon, wie man im einzelnen seine Vor-Berlin-Aufnahmen beurteilt).

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Liegt das nicht ganz trivial an der Überfülle der verfügbaren Aufnahmen für zB Mahlers 5., La Mer oder Bilder einer Ausstellung?


    Tja. Was hätte er aufnehmen sollen?


    Alle großen Sinfonie-Zyklen? Nochmal Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Bruckner, Brahms, Tschaikowsky, Dvorak, Mahler, Sibelius, Prokofieff, Schostakowitsch?
    Hat er halt in Birmingham und Wien in Teilen schon gemacht. (Beethoven, Mahler, Sibelius)


    Themen wie die Haydn-Sinfonien 88-92, die Dvorak-Tondichtungen, "L'enfant et les sortilèges" fand ich schon spannend - aber waren es nicht insgesamt zu wenige?


    Mir war es bisher auch zu wenig aus dem 20. Jhd. Da hat ja Paavo Järvi mehr vorgelegt, wenn ich mich nicht irre ...


    Auf einen Satz verkürzt, würde ich sagen: Karajan-Repertoire wenig und ohne erkennbar neue Handschrift, Modernes aber auch zu wenig.


    Allerdings gab der Käufermarkt zur Rattle-Zeit vielleicht nicht mehr so viel her. Das ist auch zu bedenken.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Zitat

    Tja. Was hätte er aufnehmen sollen?

    Genau HIER fängt es doch an. Die Musikindustrie hat sich in den letzten 35 Jahren total verändert. Aufnahmen werden fast ständig neu gemacht, vor allem Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler. Es herrscht teilweise eine totale Überversorgung von Standard-Repertoire, während andere Komponisten kaum oder überhaupt nicht berücksichtigt werden. Selbst eher wenig bekannte Dirigenten nehmen "Ihren" Brahms oder Schumann auf, sind ja nur 4 Sinfonien, das passt toll auf 2 CDs drauf.


    Dagegen fehlen mal wieder richtig gute Einspielungen von Schubert, Mendelssohn, und das sind auch im Grunde große Namen. Warum gibt es Labels wie Naxos, Chandos, Hyperion oder CPO (mal als Beispiele jetzt), die sich dem noch unentdeckten oder "Rand-Repertoire" befassen?


    Rattle hätte vielleicht den Weg fortführen sollen, den er in GB bereits anfing, nämlich sich auch anderen Komponisten widmen. Doch durfte er das wirklich so frei bei den offensichtlich immer noch reichlich konservativen Mitgliedern des BPO ??? Wer damals Barenboim und heute Thielemann bevorzugt (oder zumindest in die sehr enge Auswahl bringt), scheint mir doch eher Traditionen pflegen wollen und nicht mit moderner Sichtweise an die Sache ran zu gehen.


    Er hätte ja mal Franz Schmidt, Joseph Joachim Raff, Szymanowski, Vaughan-Williams, Britten, Sibelius oder Edmund Rubbra aufnehmen können. Auch eine Hommage an Furtwänglers Schaffen hätte gut ankommen können. Doch nichts davon ist letztendlich geschehen. Dass er, so die Programme der letzten Jahre, auch die Moderne aufführte, ist ja nachweisbar. Doch auf CD kam davon im Grunde nichts raus. Warum wohl? Hatte man Angst, dass die CDs keinen Absatz finden würden?


    Ich habe den Eindruck, dass er einmal in die Geschichte des Orchesters als der "unbedeutendste Dirigent" eingehen wird. Es gibt einige sehr gute Einspielungen, aber insgesamt erscheint mir das doch ein wenig zu dünn zu sein. Mir tut das weh schreiben zu müssen, denn ich bin damals von seiner Wahl absolut begeistert gewesen. Hat er aber die Erwartungen wirklich erfüllt? Ich denke, man wird es in 20 Jahren erst sagen können....

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Hmm, dann ist ja auch die Frage: Misst sich der Grad der Bedeutung eines Dirigenten für ein Orchester an der Zahl/Qualität der Einspielungen?


    LG - C.

  • Dies ist sicherlich auch ein ganz wesentlicher Faktor. Schließlich sollte sich eine Symbiose dieser Natur auch adäquat vermarkten lassen.
    Die BP laufen ja seit geraumer Zeit unter eigenem Label.

    "You speak treason" - "Fluently"
    "You've come to Nottingham once too often!" - "When this is over my friend, there'll be no need for me to come again!"

  • Tja. Was hätte er aufnehmen sollen?

    z.B. UK-Komponisten wie z.B. Elisabeth Lutyens, Ferneyhough...........


    sowie Schönberg, Webern, Cage, Nono, Carter, Babbitt, Lachenmann, Fartein Valen, Skalkottas, Richard Hoffmann, Adolph Weiss, Rene Leibowitz, Hans Zender, Apostel, Eduard Steuermann, Goffredo Petrasssi, Klebe, Dallapiccola (z.B. seinen Ulisse konzertant), B.A. Zimmermann, Nunes...... etc.... etc....

    Modernes aber auch zu wenig.

    ja, das ist höchst schade. Rattle wäre mit den Berlinern durchaus dazu fähig gewesen bzw. sind es ..

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Aber in erster Linie wirkt ein Chefdirigent doch in den Konzerten, die das Orchester tagein-tagaus anzubieten hat, und auch sonst in der kulturellen Landschaft, oder?


    Das dürfte auch bei den Berlinern nicht anders sein, aber da fehlt mir der Einblick. Allerdings bin ich auch mit dem Aufnahmenvermächtnis bisher nicht so kritisch wie manch anderer hier. Jedenfalls nicht nach dem in den letzten Tagen gehörten.


    LG - C.

  • Es ist doch auch bezeichnend, dass mittlerweile die drei weltberühmtesten Orchester des deutschen Sprachraums (Berliner Philharmoniker, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Wiener Philharmoniker) immer mehr CDs auf eigenen Labels veröffentlichen. Allein daran sieht man bereits, dass sich der Markt radikal verändert hat. Ich finde es durchaus beachtenswert, wenn hier 20 bis 30 Aufnahmen zusammengetragen werden, die es "mit der Tonträgergeschichte bis dahin" aufnehmen können. Mir hat der Thread schon einige Impulse gegeben. Vielleicht wird man Rattle dereinst nicht an CD Verkaufszahlen und Charisma mit seinen Vorgängern messen, sondern daran, wie er dem Orchester gemäß den Anforderungen der veränderten Zeit gerecht wurde, angefangen vom menschlichen Umgang bis eben zu den neuen digitalen Erwerbsmöglichkeiten. Ich beziehe den Newsletter der Berliner Philharmoniker, der sich "wirklich sehr bemüht", die alltägliche Kunst weiterzutragen und "zeitgemäß" zu verkaufen.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Wie gesagt, Rattle hatte zuerst das Glück sozusagen im CD-Boom berühmt zu werden. Von Anfang der 1980er bis Mitte/Ende der 1990er düfte kaum ein Dirigent seiner Generation so viel und so viel Verschiedenes eingespielt haben. Dann hatte er aber "Pech" insofern, dass seine Übernahme exakt mit dem Beginn der Kontraktion der Branche (globaler peak beim Tonträgerverkauf war 1999) zusammenfällt.
    Obendrein ist so etwas wie Beethoven-Sinfonien und Klavierkonzerte kurz vor der Übernahme des Berliner Postens vermarktungstechnisch natürlich eher ungeschickt.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ich meine, der Vergleich mit Chailly könnte erhellend wirken. Zugegebenermaßen: Dabei reden wir über einen längeren Zeitraum als seit dem Amtsantritt Rattles in Berlin.


    Nicht, dass ich nun Chaillys Bach-Aufnahmen propagieren wollte. Beileibe nicht ... ;+)


    Aber: Es gibt


    - einen spannenden großorchestralen Beethoven (der den von Thielemann in Grund und Boden spielt, mMn),
    - pfiffigen Rossini (Cenerontola u. a., dazu Ouvertüren),
    - Schumanns Sinfonien in der Mahler-Bearbeitung (nicht gerade der Gipfel einer Trouvaille, aber immerhin ...)
    - Brahms' Sinfonien einschl. Konzerte und Serenaden - gerade letztere werden ja nicht so häufig eingespielt
    - teilweise ausgezeichneten Bruckner
    - dito Mahler, auch: Das klagende Lied
    - fantastische Gurrelieder (ok, von Rattle auch ... also remis)
    - Orchesterwerke von Zemlinsky
    - Hindemiths spannende Kammermusiken
    - Messiaens Turangalila-Sinfonie
    - die schwierig zugänglichen Werke von Varèse
    - Berios Orchesterwerke


    ... u.v.a.m. Einiges davon hätte mit Rattle doch sehr spannend werden können.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Die allermeisten Sachen nach 1900 hat Chailly aber auch nicht in Deutschland eingespielt, sondern in Amsterdam.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

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