Vladimir Ashkenazy - der Enzyklopädist des Klaviers

  • Nur: Kommt man wirklich der Wahrheit von Mozart- oder Brahms-Konzerten dadurch nahe, dass man zwanghaft "den besten" Interpreten sucht?

    Für mich persönlich kann ich antworten: Ja. Ich suche für mich immer den besten Interpreten eines Werks. Für mich, also rein subjektiv. Aber oftmals stelle ich fest, dass das, was sich für mich subjektiv als bestmöglich erweist, auch intersubjektiv als bestmöglich betrachtet wird. Aber das heißt natürlich überhaupt nicht, dass man den (subjektiv) zweitbesten und (subjektiv) drittbesten usw. Pianisten nicht genauso spannend findet und selbstredend in seiner Sammlung hat. Ganz im Gegenteil: Ich habe oftmals von einem bestimmten Werk bis zu 20 verschiedene Interpretationen in meiner Tonträgersammlung. In aller Regel will ich auf keine von ihnen verzichten, und zwar aus den Gründen, die Du nennst. Die Dinge sind vielschichtig, und mannigfache Sichtweisen kennenzulernen, macht die Sache ja erst spannend. Aber am Ende des Tages bleibt man dann doch letztlich immer bei seiner Lieblingsinterpretation hängen. Und da wüsste ich nicht ein einziges Werk, bei dem ich bei Ashkenazy hängenbleiben würde. So gut ich diesen Pianisten letztlich auch finde.


    Ein persönliches Erlebnis mit Ashkenazy in der Hamburger Musikhalle möchte ich übrigens noch als kleine Anekdote loswerden: Er betrat damals das Podium, verbeugte sich, setzte sich auf den Klavierschemel - und blieb dort mehrere Minuten lang regungslos sitzen. Er rührte sich einfach nicht. Ganz offensichtlich störte er sich an den Hustern und sonstigen Publikumsgeräuschen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit war es mucksmäuschenstill und er begann mit den nachgelassenen drei Schubert-Klavierstücken. Das Hamburger Abendblatt schrieb damals: "Ashkenazy erzwang die Stille". Ich fand das damals ziemlich cool.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • nicht eine einzige Referenzeinspielung vorgelegt, von welchem Werk auch immer.

    Da kommt es aber auch immer auf das Erscheinungsdatum an.
    Wenn wir die 70er Jahre schreiben würden heute, dann wären seine Einspielungen der Klavierkonzerte von Prokofjew und Rachmaninoff nach wie vor Referenz.
    Mir ist keine fulminantere Einspielung des 2.Prokofjew-Konzertes aus den 70ern bekannt als diejenige mit Ashkenazy.
    Übrigens nach längerem Überlegen auch aus den 80er Jahren nicht.


    Und dann zu schreiben, Ashkenazy hätte nie eine Referenzaufnahme hingelegt, DAS ist schon eine Unverschämtheit.


    So als Beispiel.
    Heute schreiben wir das Jahr 2015, und wir reden immer noch über Ashkenazy.


    Natürlich sind einige seiner Aufnahmen heute nicht mehr "Referenz" , aber zu Ihrer Entstehungszeit waren sie es in sehr großer Anzahl.
    Davor sollte man Respekt haben.

    Zitat

    "Könnte man sich solch eine Haltung jemals von einem Swjatoslaw Richter, von einem Arturo Benedetti Michelangeli vorstellen?". Jene Pianisten rangen nämlich Jahre um die richtige Interpretation eines Werks, und wenn diese dann wie in Stein gemeißelt stand, wurde das Werk genauso und nicht anders aufgeführt. Ashkenazy war da "flexibler". Was m.E. nicht für ihn spricht.

    Es tut mir leid, diese ständige Vergötterung von Richter geht mir mittlerweile gehörig gegen den Strich.


    Bei Richter war gar nichts in Stein gemeißelt und er hatte auch sehr viele schlechte Tage, genau wie jeder andere Pianist auch.


    Ashkenazy hat sehr wohl Referenzaufnahmen hingelegt, angefangen mit seinem DECCA Debut unter Maazel mit dem Tschaikowsky Konzert.
    Das ist eine legendäre Aufnahme aus den frühen 60ern, welche mindestens 30 Jahre Kultstatus hatte.
    Seine Rachmaninoff-Aufnahmen waren Jahrzehntelang Referenz, für viele sind sie es immer noch.
    Seine Prokofjew-Aufnahmen auch.


    Es tut mir leid, aber ich finde es völlig lächerlich, wenn sich ein Konzertbesucher und CD-Hörer dazu hinreißen läßt, einen unglaublich erfolgreichen Künstler herabzuwürdigen auf ziemlich billige Art.
    Das geht mir im Falle von Ashkenazy ziemlich übel gegen den Strich.


    Tut mir leid, ist halt so.


    Und man sollte es mal darauf ankommen lassen, nach längerer Zeit und vielen moderneren sog.Referenzen mal wieder eine alte Ashkenazy- Aufnahme zu hören.
    Denn es kann passieren, daß man dann plötzlich Musik hört und keinen Event.
    Das kann erst mal verstören, aber u.U. auch mal den Kopf frei machen.


    Denn Ashkenazy hat sicherlich so gut wie keine Aufnahme gemacht, auf der nicht wirklich musiziert wird.
    Wenn er mal tot ist und danach noch mal ein Jahrzehnt gewartet wird, dann werden viele seiner alten Aufnahmen sicherlich wieder als Schätze bewundert werden.

  • Und dann zu schreiben, Ashkenazy hätte nie eine Referenzaufnahme hingelegt, DAS ist schon eine Unverschämtheit. (...) ich finde es völlig lächerlich, wenn sich ein Konzertbesucher und CD-Hörer dazu hinreißen läßt, einen unglaublich erfolgreichen Künstler herabzuwürdigen auf ziemlich billige Art.

    Ich habe Ashkenazy etwa 20mal (vermutlich sogar öfter) im Konzertsaal erlebt, was ich sicherlich nicht getan hätte, wenn ich ihn schlecht fände. Ich habe auch eine sehr stattliche Anzahl von Ashkenazy-Tonträgern in meiner Sammlung. Und ich habe etwas weiter oben ausdrücklich geschrieben, dass Ashkenazy ganz hervorragende Einspielungen machte und fulminante Konzerte gab. "Auf ziemlich billige Art" jemanden "herabzuwürdigen", sieht anders aus. Dass ich persönlich aber z.B. - um nur irgendein Beispiel zu nehmen - bei jedem einzelnen Prokofiew-Klavierkonzert einen anderen Pianisten bevorzuge als Ashkenazy (man höre sich z.B. beim Dritten nur mal Prokofiews Eigenaufnahme an oder - noch besser - Dimitri Mitropoulos in Personalunion als Pianist und Dirigent!! Oder beim Vierten die fantastische Serkin-Aufnahme!), muss mir dann vielleicht doch erlaubt sein.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Das Problem ist nur: In unserer Klassikkultur hört man fast ausschließlich Musik, die man schon zigmal zuvor gehört hat. Es sind vielleicht gerade mal 2 % der komponierten Musik, die wieder und wieder gespielt werden, aber 98 % bleiben unaufgeführt.

  • (man höre sich z.B. beim Dritten nur mal Prokofiews Eigenaufnahme an oder - noch besser - Dimitri Mitropoulos in Personalunion als Pianist und Dirigent! Oder beim Vierten die fantastische Serkin-Aufnahme), muss mir dann vielleicht doch erlaubt sein.

    Das ist Dir erlaubt, natürlich.
    Genau so wie meine Widerrede.


    Mitropoulos mit Prokofjew 3. finde ich übrigens furchtbar-Prokofjew selber gerade so erträglich.


    Bei Serkin sind wir uns einig.


    Und nicht nur bei Serkin natürlich.
    Auch bei Kapell etc.........


    Aber meine Reaktion war eher darauf abgesehen, darüber nachzudenken, welches Jahr wir schreiben und ob es nicht doch Referenzaufnahmen gibt aus anderen Jahrzehnten, welche lange Bestand hatten.Sehr lange.


    Und welche nach wie vor bei erneutem Hören wieder gefallen?


    Ich z.B. muß oder darf sagen, daß mir Ashkenazys Aufnahme der 2.Suite von Rachmaninoff mit Previn nach wie vor am allerbesten gefällt.
    Es ist für mich nach wie vor die Referenz bei z.B. diesem Werk.



    Komm, Du hast klare Worte gewählt und ich auch, das sollte zwischen uns kein Problem sein.


    Gute Nacht,
    Micha

  • Aber am Ende des Tages bleibt man dann doch letztlich immer bei seiner Lieblingsinterpretation hängen.

    Ich nicht. Vielleicht bei Godowsky, aber doch nicht bei Schubert oder Mozart. Und noch einmal zu den "in Stein gemeißelten" Interpretationen von Richter: Ich habe ihn u.a. mit einem Beethoven-Abend gehört, von dem ich nur hoffen (und annehmen) kann, dass er nicht das wiedergab, was Richter zuvor "in jahrelanger Arbeit als richtig erkannt" hatte... Er war eine ganze Hälfte musikalisch praktisch vollkommen abwesend, mit schwammigem Klang, ohne erkennbare Gestaltung, ohne Temperament, technisch unsicher. Ich habe das damals nicht weiter ernst genommen, weil er nun mal ein höchst sensibler Musiker war, bei dem man immer auch eine Art Gefährdung spürte, die eben bisweilen auch zum Scheitern umkippte. Aber das Bild, welches Peter Cossé zeichnet - hier der perfektionistische, in jahrelanger Gewissensqual seine Interpretationen vervollkommnende Richter und dort der künstlerisch gewissenlose Ashkenazy, der auch mal eine Wiederholung weglässt, weil er noch seinen Zug bekommen muss - dieses Bild ist völlig schief. Ashkenazys musikalisches Gewissen war immerhin so groß, dass ihm solche Totalausfälle wie oben beschrieben niemals passiert sind...

    Sehr beeindruckt hat mich seine Interpretation der Bilder einer Ausstellung

    Die finde ich hervorragend gespielt, kann sie aber wegen der extrem direkten Aufnahmetechnik kaum ertragen. Irgendwie haben die Decca-Techniker hier völlig daneben gegriffen: Schon die Anfangstöne der ersten Promenade klingen, als wären die Mikros direkt in den Hammerköpfen platziert. Sehr gut finde ich aber Ashkenazys eigene Orchestrierung der "Bilder" auf derselben CD.


    Christian

  • Danke für die guten Informationen.

    Hallo,
    ich hatte Ashkenazy nie richtig "auf dem Zettel", das könnte sich nun ändern.
    Ich habe allerdings Brahms Klavierkonzert Nr. 2 Live mit Old Klemp vom Januar 1969. Das halte ich in Ehren als ein Beispiel für ein gelungenes Konzert des späten Klemperers.
    (44 Minuten Klemp/Anda 1954 gegen 52 Minuten Klemp/Ashkenazy 1969)


    Im Übrigen stimme ich Christian ausdrücklich zu. Ein Werk aus verschiedenen Interpretations-Perspektiven zu hören und zu vergleichen ist extrem reizvoll.
    Daher habe ich mich schon lange von der einzigen! Referenz eines Werkes verabschiedet, sondern betrachte herausragende Aufnahmen als Referenzen, was ja meist auch Referenz für eine Zeitperiode ist.
    Da ich nicht alle Aufnahmen kenne, ist daher die Auswahl immer bescheiden. Ich gebe mir Mühe!
    Gruß aus Kiel

    Der Himmel hat geschlossen, die Hölle ist überbevölkert. Ich bleibe noch hier. (Willie Nelson)

  • Zitat von »maticus«
    Sehr beeindruckt hat mich seine Interpretation der Bilder einer Ausstellung


    Die finde ich hervorragend gespielt, kann sie aber wegen der extrem direkten Aufnahmetechnik kaum ertragen.


    Ich habe bei meinen LPs die '67er Aufnahme der Bilder gefunden, die klingt gut . Ebenso seine Hammerklaviersonate, die ich sogar mal als Mono LP hatte .Feststellen läßt sich wohl, daß er immer auf hohem Niveau spielte , da ähndelt er für mich Claudio Arrau .

    Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " "Not really now not anymore" "But I am good. What the hell has gone wrong?"

  • Ashkenazy hat nach meiner bescheidenen Meinung - jeder mag das gern anders sehen - nicht eine einzige Referenzeinspielung vorgelegt, von welchem Werk auch immer.


    In der Tat, lieber "music lover", das mag ich anders sehen,
    sind doch für mich Askenazys Walzer von Chopin eine Referenz-Aufnahme:



    Schnörkellose Klarheit, zeitlose Eleganz, Virtuosität, die ich als vollkommen natürlich wahrnehme,
    und eine Emotionalität, die gänzlich ohne "Zuckerguss" auskommt ...

    Eine Einspielung, die sich für mich auch nach Jahren nicht verbraucht hat, mich immer wieder aufs Neue anspricht ...

    Liebe Grüße,
    Berenice


    Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.

  • Könnten wir nicht mal das Gerede von den Referenzaufnahmen lassen. Die einzige Referenz gibt es nämlich gar nicht und kann es auch nicht geben, da wir die Einspielungen immer nur aus unserer persönlichen Sicht beurteilen. Und selbst einmal als Referenz erkannte Aufnahmen können irgendwann mal von einer anderen übertroffen werden. Dann müssten wir ja auf Gedeih und Verderb an der ursprünglichen hängenbleiben, nur um nicht unglaubwürdig zu werden.
    Eine große Zahl verstorbener und lebender Pianisten spielte oder spielt auf einem derartig hohen Niveau, dass ich mich nicht trauen würde von einer besseren oder schlechteren Aufnahme zu sprechen. Allenfalls von einer anderen. Das jeder seine Lieblinge hat ist doch auch klar. Aber der Gerechtigkeit halber sollte man schon konzedieren, dass andere Mütter auch schöne Töchter haben. Seien wir glücklich dass wir diese Vielfalt zur Verfügung haben, und heute aus dem vollen schöpfen können.
    Wenn ich Ashkenazy für seine Darstellung der Rachmaninov oder Prokoffiev Konzerte bewundere, schmälert das doch nicht den Rang einer Argerich oder eines Demidenko (um nur 2 Beispiele zu nennen). Eigentlich sollte man vor jedem Konzertbesuch sein Gedächtnis auf Null stellen, damit man unvoreingenommen zuhören kann. Aber das gelingt natürlich nur höchst selten, insbesondere bei Werken die man sehr gut kennt.


    Ich bin gelegentlich mit der ein oder anderen Interpretation nicht einverstanden, und manche halte ich auch für vollkommen misslungen. In all meinen zahlreichen Aufnahmen mit Ashkenazy gibt es jedoch fast keine, die ich nicht mit großem Gewinn und reiner Freude anhöre. Das ist eben stimmig, und für meine Ohren perfekt. Das kann man m.E. nicht besser sondern nur anders machen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Zitat

    Könnten wir nicht mal das Gerede von den Referenzaufnahmen lassen. Die einzige Referenz gibt es nämlich gar nicht und kann es auch nicht geben, da wir die Einspielungen immer nur aus unserer persönlichen Sicht beurteilen. Und selbst einmal als Referenz erkannte Aufnahmen können irgendwann mal von einer anderen übertroffen werden. Dann müssten wir ja auf Gedeih und Verderb an der ursprünglichen hängenbleiben, nur um nicht unglaubwürdig zu werden.

    So ist es !! l-l


    Mal so ganz nebenbei gesagt : Es gibt seit der Möglichkeit Aufnahmen zu machen, aberhunderte von Pianisten, die mal kurz oder lang am Klassik-Himmel aufgetaucht sind. Davon machen wiederum etwas weniger Einspielungen, von denen natürlich wieder nur eine geringe Zahl als "hervorragend" zu bezeichnen wären, völlig unabhängig von Namen oder Komponisten. Natürlich gibt es eine große Menge an Beethoven, Schubert.Mozart oder Chopin-Einspielungen, da ist die Konkurrenz bekanntermaßen groß, und wird auch immer weiter wachsen, also werden immer mal wieder entsprechend hochwertige Einspielungen folgen.


    Wenn man das nun so liest, kann sich doch nicht die Frage stellen, wo man Ashkenzy einordnen muss, natürlich im obersten Bereich, weil dieser Musiker über Jahrzehnte immer wieder exzellente Einspielungen zustande gebracht hat, dazu auch als Dirigent immer wieder in der Lage war, seine Orchester zu wunderbaren Darbietungen zu animieren. Wer zahlreiche Einspielungen mit dem Concertgebouw Orchestra oder dem Cleveland Orchestra machen darf, kann keine Lusche sein, das schließe ich einfach aus. Die Ergebnisse bestätigen dies ja auch weitgehend.


    Es ist auch ganz klar, dass auch ER Abende hat, die nicht auf dem gewohnten Niveau sind, aber das ist nun mal Live. Auch kann es passieren, dass etwas Live völlig anders aufgefasst wird als später beim Hören einer Aufnahme dieses Werkes , vielleicht auch noch genau DAS Konzert, was man selbst live erleben durfte.


    Für MICH gehört Vladimir Ashkenazy deshalb ganz vorne hin, weil er einfach auf lange Zeit immer wieder außergewöhnliche Einspielungen (und Konzerte) präsentieren konnte.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Zum Thema "Nutzen von Referenzeinspielungen" hatten wir hier schon einmal eine Debatte. Vielleicht sollten wir den Teil der Diskussion lieber dort weiterführen.
    Noch einmal zu Ashkenazy: Natürlich hat hier niemand behauptet, er sei eine "Lusche", gegen den Vorwurf muss man ihn also auch nicht verteidigen. Ich habe mich heute weiter in seinen Rachmaninow-Einspielungen umgehört und fand auch die Moments musicaux op. 16 ganz hervorragend. Dieser kraftvolle, satte Klang (ganz besonders im letzten Stück) ist für mich umso erstaunlicher als Ashkenazy ja bekanntlich körperlich eher klein und fast schmächtig ist, was einen solchen Ton nicht gerade erleichtert.


    Christian

  • Dieser kraftvolle, satte Klang (ganz besonders im letzten Stück) ist für mich umso erstaunlicher als Ashkenazy ja bekanntlich körperlich eher klein und fast schmächtig ist, was einen solchen Ton nicht gerade erleichtert.


    Die Spannweite seiner Hände ist meines Wissens auch gering, sodass er häufig Akkorde brechen muss (am Schluss von Rachmaninows op. 32/13 deutlich hörbar. Die Dezimen muss er alle in zwei Häppchen servieren). Aber wie du sagst, ist das trotzdem in keinster Weise "mangelhaft".

  • Aufnahmen des Solisten Ashkenazy aus der Zeit, in der laufend irgendetwas mit ihm erschien, habe ich ganz überwiegend gemieden. Es gab ganz einfach zu viel von ihm, die Omnipräsenz hat mich abgeschreckt.


    Die große Ausnahme waren allerdings die Beethoven Violinsonaten, die er mit Perlman in den Siebzigern eingespielt hat. Ich habe noch die Decca-Box mit den Platten und die CDs dazu für den Fall, dass es irgendwann einmal einen Kratzer auf einer Platte geben sollte.



    Hier könnte man einwenden, dass die Leistung dieser Aufnahme insbesondere bei Perlman lag. Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Ein so waches und für jedes Detail hellhörige Spiel gelingt wohl nur, wenn beide gleichermaßen auf höchstem Niveau agieren. Referenz hin oder her - ich kenne keine bessere Einspielung der Violinsonaten, und wenn ich ehrlich bin, kaum eine bessere Kammermusikaufnahme.


    Ich habe deshalb immer wieder bedauert, dass Ashkenazy sich nicht viel stärker auf Kammermusik konzentriert hat. Die Brahms-Aufnahmen mit Perlman und Tuckwell halte ich für gut, aber eben nicht für derart sensationell wie die Beethoven-Sonaten


    Manchmal habe ich den Eindruck, dass Ashkenzy der Zusammenbruch der alten Strukturen in der Plattenindustrie gut getan hat. Er war bei der Decca wahrscheinlich der Interpret mit der größten Zahl aller Einspielungen - und hatte dann von heute auf morgen keinen Vertrag mehr. Erst bei der Vervollständigung der Rachmaninov-Aufnahmen hat man sich wieder an ihn erinnert. Und hier meine ich, die Konzentration auf Details, den Respekt vor der scheinbaren Nebensächlichkeit wieder zu hören, der auch bei den Violinsonaten von Beethoven so überzeugend war.

  • Bartok

    Mit der Bezeichnung "Referenzaufnahme" ist das ja letztendlich eine persönliche und subjektive Sichtweise.


    :thumbup: Für mich gibt es bei Ashkanazy eine ganze Reihe Referenzen, die ich nicht durch andere Aufnahmen ersetzt (nur ergänzt) haben möchte.
    Als eine erste Referenz aus meiner Sicht möchte ich die Bartok-Klavierkonzerte und die Sonate für 2Klaviere nennen. Mit Solti/London SO ist das der absolute Hammer, der selbst von der Spitzenaufnahme Pollini/Abbado (DG) nicht so emotional mit einer atemberaubenden Brillanz erreicht wurde.
    Die Sonate für 2Klaviere mit Andrew Smith als 2.Klavierpartner ist der Wahnsinn. Da kann bei mir nur noch die Fassung mit Orchester mit Gold/Fizdale/Bernstein (SONY) punkten.


    Die Aufnahmen gibt es Bei Decca in mehreren Versionen und Zusammenstellungen.
    Ich schätze und habe diese Doppel-CD, weil hier die Sonate mit dabei ist:
    [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51UkZYzL6JL.jpg]-->
    DEcca, 1980, 1984, DDD


    Fantastisch, dass wir das Ganze in einer TOP-Decca-Soundqualität geniessen können, ;+) was für mich zu einer "Referenz" dazu gehört, denn sonst versagt beim Hören letztendlich der wirkliche Hörspass.

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang

  • Mit Solti/London SO ist das der absolute Hammer, der selbst von der Spitzenaufnahme Pollini/Abbado (DG) nicht so emotional mit einer atemberaubenden Brillanz erreicht wurde.


    Da würde ich Einspruch erheben. Ich habe beide Einspielungen und gebe Pollini/Abbado hier klar den Vorzug. Diese Einspielung der KK 1 und 2 ist mMn unübertroffen - selbst Kocsis und Fischer kommen da nicht ganz heran. Aber ich finde Soltis Bartok ohnehin lange nicht so gut wie Du (eigentlich kann ich Solti überhaupt wenig abgewinnen)..

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Hat jemand die Box mit den Klavierwerken von Rachmaninov?



    Ich finde leider nirgendwo die Aufnahmedaten. Wahrscheinlich sind es vorwiegend alte Einspielungen neu aufbereitet. Da ich aber die alten LPs noch habe, würde ich mir, falls dem so ist, nur ein paar Ergänzungen anstatt alles neu zulegen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Eine meiner ersten CDs waren Beethovens 3.+4. Klavierkonzert mit Ashkenazy/Solti. Besonders das 3. finde ich immer noch sehr hörenswert, allerdings fast mehr aufgrund der wuchtigen Orchesterbegleitung. Ich kennen keine ähnlich kraftvoll-dramatische Lesart des ersten Satzes.
    Sonst habe ich nicht so viele Einspielungen des Pianisten, teils vielleicht, weil mich manches Repertoire (zB Rachmaninoff, Skrjabin) nicht so interessiert, teils weil andere Aufnahmen die "Standardempfehlungen" für bestimmtes Repertoire waren. Sehr hoch schätze ich noch eine CD mit Schuberts D 664 und 784 aus den 1960ern. Auch die relativ frühe Bach/Chopin f-moll-Konzert-Aufnahme gefällt mir gut und von den eher zufällig erworbenen Walzern und Mazurken in der Universal-Chopin-Box war ich auch positiv überrascht.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Hat jemand die Box mit den Klavierwerken von Rachmaninov?


    Ich finde leider nirgendwo die Aufnahmedaten. Wahrscheinlich sind es vorwiegend alte Einspielungen neu aufbereitet. Da ich aber die alten LPs noch habe, würde ich mir, falls dem so ist, nur ein paar Ergänzungen anstatt alles neu zulegen.

    Ich werde sie hoffentlich spätestens morgen bekommen (habe sie bisher nur über Spotify gehört), dann kann ich die Aufnahmedaten hier posten.


    Christian

  • VLADIMIR ASHKENAZY 50 Years On Decca

    Tach,


    zuerst ein herzliches Dankeschön für die informative Einleitung, die zumindest mir Lust auf mehr bereitet hat.


    Bei Decca ist vor zwei Jahren eine Box erschienen "VLADIMIR ASHKENAZY 50 Years On Decca"



    mit folgendem Inhalt:



    Frage an die Kenner: wäre das ein empfehlenswerter Einstieg ? 100 EUR, d.h. 2 EUR/CD scheint mir bezahlbar.


    VG Bernd

  • Frage an die Kenner: wäre das ein empfehlenswerter Einstieg ? 100 EUR, d.h. 2 EUR/CD scheint mir bezahlbar.

    Wenn Du einen solchen Querschnitt magst, ist das sicher eine gute Wahl. Ich persönlich kaufe eher gezielt das, was mich besonders interessiert, aber für einen (großen) Überblick ist die Box sicher gut. Und wie gesagt: Man kann meines Erachtens getrost davon ausgehen, dass alles auf extrem hohem Niveau ist.


    Ein kleines Schmankerl habe ich übrigens noch bei Youtube gefunden: Dort erzählt Ashkenazy in einem Interview seinen Lieblingswitz, siehe

    Externer Inhalt www.youtube.com
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    .


    Christian

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