HÄNDEL: Coronation Anthems HWV 258-261

  • HÄNDEL: Coronation Anthems HWV 258-261

    Entstehung


    „Während der ganzen Zeremonie spielte ein Orchester der hervorragendsten Musiker die bewunderungswürdigsten Sinfonien und die schönsten Stimmen Englands sangen dazu. Es dirigierte der gefeierte Mr.Handel, der die Litanei komponiert hat.“
    (Muyden 1902/1995, 161)


    Die Dinge liefen im Jahre 1727 gut für Georg Friedrich Händel. Zu Beginn des Jahres hatte er sich entschlossen, nicht mehr nur Komponist in England, sondern englischer Komponist sein zu wollen. Aus diesem Grunde legte er dem englischen Parlament am 13. Februar 1727 einen Eintrag auf Einbürgerung vor:


    „Das ergebene Gesuch des George Frideric Handel stellt dar, -
    Dass Ihr Antragsteller in Halle in Sachsen geboren wurde, außerhalb der Treuepflicht zu Seiner Majestät, dass er sich aber immer zur protestantischen Religion bekannt und Zeugnis gegeben hat von seiner Loyalität und Treue zu Seiner Majestät und zum Vorteil des Königreichs.
    Deshalb bittet der Antragsteller ergeben, dass er in die nun anhängige Vorlage mit aufgenommen wird, die den Titel trägt ‚Ein Akt zur Naturalisierung von Louis Sechehaye’. Und ihr Antragsteller wird immer darum beten etc.
    George Frideric Handel“


    Dem Antrag wurde stattgegeben und so wird aus dem „Caro Sassone“ der „Charming Brute“, aus dem italophilen Sachsen ein Bürger Albions.


    Die Naturalisierung Händels war eine der letzten Amtshandlungen Königs George I., der während einer Reise in die Heimat im Juni 1727 in Osnabrück einem Schlaganfall erlag. Am 16. Juni wurde sein Sohn George II. zum englischen König ausgerufen. Die Vorbereitungen zur Krönung setzten ein. Zu diesen gehörte auch die Komposition von zeremonieller Musik für den Krönungsgottesdienst in Westminster Abbey, der zunächst für den 4. Oktober anberaumt worden war.


    Dieser Auftrag wäre nun im Prinzip an den Organisten der Chapel Royal, William Croft, gegangen, doch starb dieser am 14. August. Maurice Greene, der Croft im Amt folgte, war aber dem Königspaar anscheinend als Komponist nicht genehm, wie ein Eintrag Georges III. in sein Exemplar von Mainwarnings Händel-Biographie zeigt. Dort findet sich eine handschriftliche Notiz des Regenten, die besagt, George II. habe persönlich darauf bestanden, dass Händel, der seit 1723 ohnehin den Posten des „Composer of Musick for His Majesty’s Chapel Royal“ innehatte, die Krönungsmusik komponiere.


    Dem royalen Wunsch entsprechend machte sich Händel dann im September 1727 an die ihn durchaus auszeichnende Arbeit, vier Krönungshymnen (Coronation Anthems) zu komponieren, die die Reihe der ebenfalls im Gottesdienst aufzuführenden Werke anderer Komponisten (Child, Tallis, Farmer, Purcell, Blow, Gibbons) vervollständigen und abrunden sollten.


    Die Texte für die Hymnen waren „fester Bestandteil der englischen Krönungszeremonien und entstammen durchgängig dem Alten Testament […].“ (Marx 2011, 197) Zudem waren die Anthems in die Logik der Krönungsliturgie eingebettet. Als Vorlage galt die Liturgie für die Krönung von King James und Königin Mary aus dem Jahre 1685. Diese wurde nun aber von William Wake, dem Erzbischof von Canterbury, für die Krönung George II. angepasst. Und dann passierte, was bisweilen passiert: die Informationen flossen nicht, die Kommunikation hakte. Händel wurde über die Änderungen offensichtlich nicht informiert, sondern hielt sich an den 1685er Ablauf, sodass

    „das Ergebnis am Tag der Krönung erheiternd konfus [war]. Die Gottesdienstordnung hatte stellenweise kaum etwas mit dem tatsächlichen Geschehen gemein. Die Texte, die Händel in seinen Anthems verwendete, waren nicht dieselben wie auf den Plänen; mehrere Anthems wurden an anderen Stellen aufgeführt, als offiziell beschlossen, und einige Stücke, die hätten vertont werden sollen, waren es offensichtlich nicht und umgekehrt.“
    (King 2001, 46)


    Jeder Eventmanger würde angesichts dieses Tohuwabohus heute seine (Schaden-) Freude haben.


    Wie dem auch sei: Händels Musik schlug ein wie eine Bombe (nur Erzbischof Wake zürnte Händel nachhaltig). Schon im Vorfeld schien klar gewesen zu sein, dass man musikalisch etwas Besonderes von Händel erwarten durfte. Am 4. Oktober 1727 berichtete Parker’s Penny Post über die Proben und den Versuch der Verantwortlichen, diese hinter verschlossenen Türen abzuhalten, da man einen regelrechten Run auf die Abtei befürchtete:


    „Mr. Hendl hat die Musik für die Krönung in der Abtei komponiert. Aufgeführt wird sie von den Italienischen Stimmen und mit mehre als hundert der besten Musiker. Diejenigen Musikrichter, die das Ganze schon gehört haben, sagen, es übertreffe alles, was bei einer solchen Gelegenheit je gehört worden ist. Es wird diese Woche geprobt, aber die Zeit wird nicht bekannt gegeben, damit keine Menschenmenge die Musiker behindert.“


    Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass dir Krönung nicht am 4. Oktober stattfinden würde, da man eine Sturmflut erwartete, die Westminster Hall unter Wasser setzen würde. Man war darum auf den 11. Oktober ausgewichen.


    Trotz der etwas chaotischen Aufführungsumstände begeisterten die Coronation Anthems die Anwesenden, sodass die Norwich Gazette schließlich schreiben konnte: „Sowohl die Musik als auch die Ausführenden wurden vom Publikum bewundert.“ Die Werke selbst wurden schnell aufgegriffen und im Anschluss häufig in London und der Provinz gespielt.


    Noch heute erfreuen sich die Coronation Anthems großer Beliebtheit, wobei es besonders das Anthem Zadok the Priest ist, das sich ins kollektive Bewusstsein (besonders natürlich ins britische) eingebrannt hat. Das hat natürlich seinen Grund, nämlich den großartigen Effekt, den Händel mit dem sich vollkommen unaufhaltsam und enorm zwingend aufbauenden Crescendo des Vorspiels und der Entladung der Spannung in dem monumentalen homophonen ersten Einsatz des Chores erzielt. Sich diesem mit sicherster Hand gesetzten Effekt zu entziehen, fällt meines Erachtens enorm schwer. Kein Wunder, dass der für die Krönungsmusiken anlässlich der Krönung George III. verantwortliche William Boyce entschied, dass fortan bei Krönungen nur Händels Vertonung dieses Textes musiziert werden würde.


    Wie schrankenlos Händels Geschick im Ausgestalten des Erhabenen und des Grandiosen die Zeitläufte überdauert, zeigt sich nicht nur dadurch, dass sich das Werk als Hintergrundmusik verschiedener Werbespots erfreut hat. Auch die Tatsache, dass Tony Britten bei der Komposition der UEFA Champions League Hymne 1992 auf eben dieses Werk zurückgriff und es modernisierte. Auch von diesem „Song“ waren und sind die Massen begeistert, selbst wenn sie nicht genau wissen, dass es kein Bombast-Pop des 20. Jahrhunderts ist, dessen Sound ihnen da die Schauer über den Rücken jagt. Doch die Aufklärung lässt sicher nicht lange auf sich warten, denn die nächste Krönung kommt bestimmt.


    ***


    Reihenfolge der Anthems


    Die Gottesdienstordnung für den Krönungsgottesdienst Georges II. in Westminster Abbey sah insgesamt 13 Abschnitte vor: The Preparations (Die Vorbereitungen) - The Procession (Die Prozession) - The Entrance (Der Eintritt) - The Recognition (Die Anerkennung) - The Litany (Die Litanei) - The Anointing (Die Salbung) - The Investiture (Die Investitur) - The Crowning (Die Krönung) - Te Deum - The Inthronisation (Die Thronbesteigung) - The Homage (Die Huldigung) - The Coronation of the Queen (Die Krönung der Königin) – The Recessional (Der Auszug)


    Die vier von Händel komponierten Krönungshymnen beschlossen aller Wahrscheinlichkeit nach die Abschnitte


    The Recognition – Let thy hand be strengthened


    The Anointing – Zadok the Priest


    The Crowning – The King shall rejoice


    The Coronation of the Queen – My heart is inditing



    Struktur der Anthems


    I. Let thy hand be strengthened


    Besetzung:
    Chor (SAATB), Streicher, Continuo


    Drei Abschnitte:
    1. Let thy hand be strengthened: G-Dur
    2. Let justice and judgement: e-Moll
    3. Alleluja: G-Dur


    II. Zadok the Priest


    Besetzung:
    Chor (SSAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo


    Drei Abschnitte:
    1. Zadok the Priest: 4/4; D-Dur
    2. And all the people rejoice: 3/4; D-Dur
    3. God save the King: 4/4; D-Dur


    In „Zadok the Priest“ setzt Händel erstmals Pauken in der englischen Kirchenmusik ein!


    III. The King shall rejoice


    Besetzung:
    Chor (SAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo


    Vier Abschnitte:
    1. The King shall rejoice: 4/4; D-Dur
    2. Exceeding glad shall he be: 3/4; A-Dur
    3. Glory and great worship / Thou hast prevented him: 4/4 – 3/4; D-Dur – h-Moll
    4. Alleluja: 4/4; D-Dur


    IV. My heart is inditing


    Besetzung:
    Chor (SAATBB), 2 Oboen, 2 Fagotte, 3 Trompeten, Pauken, Streicher, Continuo


    Vier Abschnitte:
    1. My heart is inditing: 3/4; D-Dur
    2. King’s daughters: 4/4; A-Dur
    3. Upon thy right hand: 3/4; E-Dur
    4. Kings shall be thy nursing fathers: 4/4; D-Dur



    Benutzte Literatur


    Friedenthal, Richard: Georg Friedrich Händel. Hamburg 1959
    Handel Reference Database
    Händel-Handbuch. Band 2 – Thematisch-systematisches Verzeichnis: Oratorische Werke, Vokale Kammermusk, Kirchenmusik. Hrgs. v. Bernd Baselt. Leipzig 1984.
    Händel-Lexikon. Hrsg.v. Hans-Joachim Marx in Verbindung mit Mauel Gervink und Steffen Voss. Laaber 2011.
    Hogwood, Christopher: Georg Friedrich Händel. Stuttgart 1992.
    King, Robert: Die Krönung König Georgs II. Im Booklet zur Hyperion-Aufnahme „The Coronation of Gerorge II. Hyperion 2001.
    Muyden, Madame von (Hrsg.): A Foreign View of England in 1725-1729: The Letters of Monsieur Cesar De Saussure to his Family. London 1905/1995.

  • Diskographie


    Die folgenden Aufnahmen liegen mir vor. Auf Vinyl gibt es noch eine Menuhin-Aufnahme, die ich nicht kenne. Auch Sir Davis Willcocks niederländische Einspielung kenne ich nicht. Daneben gibt es hier und dort noch Einspielungen einzelner Anthems, so beispielsweise bei Deller, Jones, Gardiner oder Higginbottom.


     
     
     
     


    Die Reihenfolge der Spielzeiten entspricht der Reihenfolge der Aufführung im Krönungsgottesdienst George II.


    1. Let thy hand be strengthened HWV 260
    2. Zadok the Priest HWV 258
    3. The King shall rejoice HWV 261
    4. My heart is inditing HWV 259


    Willcocks (1963) – The Choir of King’s College Cambridge, English Chamber Orchestra: 09:21 / 05.54 / 11:58 / 12:43


    Preston (1981) – The Choir of Westminster Abbey, The English Concert: 08:52 / 05:15 / 10:49 / 11:53


    Marriner (1984) – Joan Rodgers, Catherine Denley, Anthony Rolfe Johnson, Robert Dean, The Academy & Chorus of St Martin-in-the-Fields:
    08:42 / 05:33 / 10:48 / 11:22


    King (1989) – The Choir of New College Oxford, The King’s Consort: 07:51 / 05:33 / 10:54 / 11:58


    Hill (1994) – The Choir of Winchester Cathedral, Brandenburg Consort: 08:15 / 05:43 / 10:28 / 11:15


    Cleobury (2001) – The Choir of King’s College Cambridge, The Academy of Ancient Music: 07:44 / 05:24 / 11:11 / 11:36


    King (2001) – The Choir of the King’s Consort, The King’s Consort: 09:02 / 05:59 / 11:34 / 12:55


    Summerly (2002) – Tallis Chamber Choir, Royal Academy Consort: 08:55 / 5:04 / 11:30 / 12:49


    Christophers (2008) – The Sixteen: 08:48 / 05:46 / 11:16 / 12.05


    ***


    Eigene Höreindrücke folgen demnächst. Gleichzeitig ergeht wie immer die herzliche Einladung, eigenes zu Werk und Aufnahmen hier zu platzieren!


    :wink: Agravain

  • Ich sage erst einmal herzlichen Dank für diese hervorragende Einführung in ein Werk, was mich irgendwie beginnt zu interessieren. Mal schauen, ob ich mir mal eine Aufnahme besorge, um zumindest mal ein Hörergebnis zu haben. Ganz spontan habe ich mich für Pinnock entschieden, da ich die CD zu einem Butterbrotpreis bekommen habe. Allerdings mit anderen Bild und nur die Krönungswerke.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Ich sage erst einmal herzlichen Dank für diese hervorragende Einführung in ein Werk, was mich irgendwie beginnt zu interessieren. Mal schauen, ob ich mir mal eine Aufnahme besorge, um zumindest mal ein Hörergebnis zu haben. Welche Einspielung würdest Du empfehlen, so ganz spontan?


    Wenn eine, dann diese:



    Wieso, weshalb, warum erkläre ich später!


    :wink: Agravain

  • Welche Einspielung würdest Du empfehlen, so ganz spontan?

    Lieber Maurice,
    sei Dir sicher, dass von Agravain im weiteren Verlauf dieses Threads nicht nur "ganz spontan" irgendwelche dahingeworfenen CD-Empfehlungen kommen werden, sondern wie gewohnt bei ihm messerscharf und kenntnisreichst analysiert alle in #2 aufgeführten Einspielungen ausführlich gewürdigt werden.


    Ich freue mich über diesen Faden und werde mit Spannung mitlesen, wie Du die vorhandenen Aufnahmen in der nächsten Zeit besprechen wirst, lieber Agravain!

  • Ich freue mich über diesen Faden und werde mit Spannung mitlesen, wie Du die vorhandenen Aufnahmen in der nächsten Zeit besprechen wirst, lieber Agravain!


    Lieber music lover,


    danke für die netten Worte! Ich sag's mit Freddie Frinton: "I'll do my very best!" :D


    :wink: Agravain

  • Ich war schneller.......Den King habe ich gesehen, doch mir gefällt bei King seine Vergangenheit nicht so. Den kaufe ich deshalb nicht.


    Ich habe mein Posting abgeändert, doch ihr wart schneller

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Hallo Agravain, danke für den SUPER Thread ! :juhu:


    Habe mal eben meine Aufn. rausgekramt , ich komme auch auf 5 an der Zahl , freue mich jetzt auf deine Eindrücke ! :)


    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong

  • Das war das erste, was ich je von Händel besaß (neben Jephtha von Gardiner): die Coronation Anthems von David Willcocks (1963). Mit diesem königlichen Gedudel im Ohr konnte Händel bei mir nur Positives bewirken... :yes:


    [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61GxfSGG+xL._SL300_.jpg] :klatsch:


    Reihenfolge:
    Zadok the Priest HWV 258
    My heart is inditing HWV 259
    Let thy hand be strengthened HWV 260
    The King shall rejoice HWV 261



    jd :wink:

    "Interpretation ist mein Gemüse."

    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."

    Jean Paul

    "Manchmal sind drei Punkte auch nur einfach drei Punkte..."

    jd


  • Das war das erste, was ich je von Händel besaß (neben Jephtha von Gardiner): die Coronation Anthems von David Willcocks (1963). Mit diesem königlichen Gedudel im Ohr konnte Händel bei mir nur Positives bewirken... :yes:


    [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/61GxfSGG+xL._SL300_.jpg] :klatsch:


    Die untere ist in die obere eingegliedert. Und es war auch meine erste! Ich höre sie immmer noch recht gern!


    :wink: Agravain


  • Willcocks (1963) – The Choir of King’s College Cambridge, English Chamber Orchestra


    Von einer Cassette mit Händel-Chören und der englischsprachigen LP-Aufnahme des „Messiah“ unter Richter abgesehen, begleitet mich die Einspielung der „Coronation Anthems“, die 1963 unter Sir Davis Willcocks’ Leitung entstand, als Aufnahme Händel’scher Werke am längsten. Ich höre sie noch heute mit großer Freude. Willcocks’ Lesart der Werke mag man durchaus als eindimensional empfinden, ist sie doch samt und sonders auf die Akzentuierung der Festlichkeit dieser Musik ausgelegt und nicht auf eine größtmögliche klangliche Differenzierung. Das betrifft insbesondere die Gestaltung der Anthems durch den Chor des King’s College, der sein sattes und durchaus klangschönes Forte vom ersten bis zum letzten Stück weitestgehend durchzieht. Auf der anderen Seite muss man auch zugeben, dass es sich bei den "Coronation Anthems“ nun einmal auf Festlichkeit und Pomp angelegte Kompositionen handelt und der gestalterische Spielraum auch gar nicht allzu groß ist. Man mag sich auch die Frage stellen, ob die knapp 50 Choristen, die sich in Westminster Abbey dereinst gegen das um die 100 Musiker starke Orchester (eine Quelle spricht sogar von 160) ansingen mussten, dies nun eben mittels klanglicher Differenzierung und Delikatesse getan haben...


    Wie dem auch sei – die vorliegende Aufnahme hat – das beißt die Maus keinen Faden ab - ihre Meriten.


    So gestaltet Willlcocks in den „Zadok the Priest“ einleitenden Takten ein sehr spannungsvolles Crescendo, achtet aber gleichzeitig darauf, dass der Chor den überwältigenden ersten Einsatz nicht allzu enthusiasmiert herausposaunt. Forte: ja – Geschrei: nein. Der zweite Abschnitt gelingt schön tänzerisch, wobei ich es schöner finde, wenn die punktierte Figur der Violinen etwas mehr im Vordergrund zu hören ist. Aber Willcocks’ Akzent liegt nun einmal an anderer Stelle. Die „God save the King“-Rufe kommen maßvoll und nicht zu eilig, wobei das etwas gemessenere Tempo im Anschluss schon etwas statisch wirkt – aber auch wirklich nur etwas.


    „My heart is inditing“ beginnt angenehm beschwingt, ohne zu eilen. Die Chorsolisten schmeicheln dem Ohr (beim King’s College Choir nicht immer der Fall). Im Tutti wird dann wieder glanzvoller Klang prächtig entfaltet. Hier würde ich als I-Tüpfelchen gern die sehr spritzige Sechzehntelfigur der Violinen hören, aber vielleicht jammere ich da auf hohem Niveau. Den zweite Abschnitt („Kings’ daughters were among thy honourable women“) nimmt Willcocks sehr lieblich, ja geradezu weich. Der Akzent liegt ganz deutlich auf der Linie und der Chor präsentiert dementsprechend sein schönstes Legato. Die Oboen verschwinden klanglich leider etwas zu stark im Hintergrund. Das sich anschließende „Upon thy right hand did stand the Queen“ gelingt dann - zumindest im Orchester (das English Chamber Orchestra "konnte" von je her "seinen“ Händel) - noch zarter. Die punktierte Figur der Violinen wird nicht zu hart artikuliert, sondern evorziert eher ein leichtes Schweben, das delikat zirpende Cembalo-Spiel Thunston Darts unterstreicht diesen Effekt noch. Wunderschön gelingt es dem Chor, der die besagte punktierte Figur bei dem Wort „pleasure“ aufgreift, ebenfalls ausgesprochen weich zu singen und dennoch nicht ins Leiern zu geraten. Allerdings hätte ich mir in diesem Satz etwas mehr dynamische Gestaltung und insgesamt ein deutlicheres Bekenntnis zum Piano gewünscht. Der Schluss „Kings shall be thy nursings fathers“ wird forsch angegangen, wobei Willcocks eine zu trockene Artikulation der vorgeschriebenen Staccati auf den aufteigenden Vierteln des ersten Motivs in Streichern und Chor vermeidet. Der charakterliche Unterschied der von Händel für „King“ und „Queen“ gefundenen Motive wird nicht wirklich herausgekitzelt. Das ist aber auch ausgesprochen schwer. Das Ganze endet angemessen prachtvoll.


    Das am kleinsten besetzte Anthem „Let thy hand be strengthened“ klingt insgesamt recht fett, der Streichapparat scheint mir recht stark besetzt zu sein, damit der Eindruck des Festlichen - trotz fehlender Pauken und Trompeten - auch hier erhalten bleibt. Forsch der erste Abschnitt, der zweite („Let justice and judgement“) hingegen recht breit und etwas zähflüssig. Das darf nach meinem Gusto etwas mehr innere und vor allem äußere Bewegung haben. Zudem hätte man den Chor hier vielleicht etwas verkleinern können, um den intimen Klang dieses Abschnittes zu gewährleisten. Abschließend: froh sprudelndes „Alleuja!“


    Das der Krönung folgende „The King shall rejoice“ ist in seiner Gesamtheit vielleicht das festlichste der vier Anthems. Willcocks schlägt zu Beginn ein bewegtes, nicht zu forsches Tempo an, das dem langen Eingangsritonell einen gewissen „erdigen“ Swing verleiht. Die glänzenden Trompeten des English Chamber Orchestra feiern in diesem Stück ein ganz besonderes Klangfest und ich kann mir das Ganze zeremonieller kaum denken. Im zweiten Abschnitt („Exceeding glad shall he be“), das sich in einem freudig-beschwingten, aber sich doch eher im Bereich des Moderato bewegenden Allegro vorwärts bewegt, arbeitet Willcocks sehr schön den klanglichen Gegensatz zwischen dem im Wesentlichen auf einer flotten, punktierten Figur (trochäisch) basierenden Orchester- und dem eher in langen Notenwerten fließenden Chorsatz heraus. Sehr pompös und ziemlich langsam schließt sich dann das „Glory and great worship“ an, das in die in Lautstärke und im Tempo etwas zurückgenommene Fuge mündet. Das „Alleluja“ beendet auch dieses Anthem mit Glanz und Gloria.


    :wink: Agravain

  •  
     


    Preston (1981) – The Choir of Westminster Abbey, The English Concert


    Simon Prestons Aufnahme der „Coronation Anthems“ ist auch 34 Jahre nach ihrem Erscheinen noch ausgesprochen populär, und zwar nicht nur, weil sie die erste Einspielung aller vier Anthems war, die den Erkenntnissen und Prinzipien der historisch informierten Aufführungspraxis folgte, sondern weil Archiv bzw. die DG die Aufnahme immer im Programm hatte und sie auch immer wieder in neuen Editionen vorstellte.


    Ganz davon abgesehen handelt es sich auch um eine Aufnahme, die über weite Strecken ganz ausgezeichnet musiziert ist.


    So gefällt mir schon die sehr gut gemachte Steigerung in den einleitenden Takten von „Zadok the Priest“, die mir sofort deutlich ins Gedächtnis ruft, wie ausgesprochen attraktiv ich den Klang von Trevor Pinnocks Ensemble The English Concert finde. Die Knaben und Herren des Choir of Westminster Abbey setzen punktgenau mit einem wohltönenden Forte festlich ein. So ähnlich wird es wohl auch zu Händels Zeiten geklungen haben, wobei das Ensemble – und das ist in meinen Ohren einer der anzumerkenden Schwachpunkte der Aufnahme – einigermaßen Treble-lastig klingt und die Mittel- bzw. Unterstimmen nach meinem Dafürhalten zu stark in den Hintergrund gerückt sind. Da hätte Tonmeister Hans-Peter Schweigmann vielleicht etwas ausgewogener abmischen können. Herrlich schwingend kommt der zweite Abschnitt „And all the people rejoice“ daher, der in ein forsches „God save the King“ und einen leicht, aber nicht kraftlos und vor allem fetzig musizierten Schlussteil übergeht.


    Das Kopfsatz des sich anschließenden „The King shall rejoice“ empfinde ich als ziemlich eilig musiziert. Zudem ist der Chor gegenüber den Instrumenten nicht ganz gleichberechtigt eingefangen, was dem Satz etwas seinen kraftvollen Charakter nimmt. Den zweiten Satz („Exceeding glad shall he be“) geht Preston forsch an. Es geht ihm offenkundig nicht so sehr darum, die Linie des Chorsatzes der straffen Bewegung der Instrumente gegenüberzustellen, sondern – von der ersten Textzeile ausgehend - eine Einheit im Affekt zu schaffen. Das „Glory and great worship“ gelingt angemessen feierlich, die anschließende Fuge wird mit einem schönen Sinn für die Linie gesungen. Die Abschnitte auf die Textzeile „and hast set a crown“, die Händel in pompösem Unisono setzt, dürften vielleicht etwas knackiger kommen. Das abschließende, eher gemessen daherkommende „Allaluja“ könnte festlicher kaum sein.


    Im Gegensatz zum vorangegangenen Anthem wählt Preston für den Eingangssatz von „My heart is inditing“ ein angenehm beschwingt-bewegtes Tempo. Der Satz gelingt insgesamt gut – wenn man die Chorsolisten ausblendet, die die solistisch besetzten Takte vortragen, denn die klingen rundum nicht besonders erquicklich. Für den anschließenden Satz „Kings’ daughters“ wählt Preston ein ruhig fließendes Tempo, sodass die zarte Atmosphäre des Satzes schön herauskommt. Lediglich die Trebles klingen hier ein wenig hauchig. „Upon thy right hand“ kommt mir dann wieder einen Tuck zu nassforsch daher. Die Betonung des tänzerischen Elementes in allen ehren: der Satz klingt so schnell mechanisch. Der Schlusssatz wiederum hat den rechten Swing. Eine bunte Tüte also.


    „Let thy hand be strengthened“ beginnt ganz ausgezeichnet. Die Orchestereinleitung hat einen ganz herrlich spielerischen Gestus, es wird ganz leicht und unangestrengt Musik gemacht. Der Chor fügt sich bestens ein, der Satz bewegt sich mit dem rechten Drive vorwärts. Der zweite Satz wirkt bei Preston ernst, wie eine Hommage Händels an die Kirchenmusik seiner britischen Vorgänger. Der Chor wirkt, als sei er besonders hier gestalterisch in seinem Element. Das „Alleluja“ schließlich hat einen eher ruhigen Puls und ist bei weitem nicht so bewegt wie in den meisten der anderen mir vorliegenden Aufnahmen. Preston macht nicht den Versuch, dort Jubel und Pracht hineinzubugsieren, wo ihn Händel nicht vorgesehen hat. Stattdessen endet diese CD mit einem eher bescheidenen, im besten Sinne frommen Lobgesang.


    :wink: Agravain


  • Marriner (1984) – Joan Rodgers, Catherine Denley, Anthony Rolfe Johnson, Robert Dean, The Academy & Chorus of St Martin-in-the-Fields


    Marriners Händel habe ich stets als von uneinheitlicher Qualität erlebt, besonders was die von ihm eingespielten Chorwerke angeht. Auch seine Aufnahme der „Coronation Anthems“ will mich nicht rundum überzeugen, außer vielleicht im Falle von „Zadok the Priest“, denn da passt einfach alles. So gelingt Marriner in den einleitenden Takten ein ganz hervorragender Spannungsaufbau: er eilt nicht und der (gemischte) Chor setzt höchst pracht-, macht- und klangvoll ein. So wünsche ich mir das. Diesen Habitus behält Marriner auch im B-Teil bei, das tänzerische Element wird eher vom Orchester als vom Chor umgesetzt. Den Schlussabschnitt nimmt Marriner von den „God save the King“-Rufen an schwungvoll, aber ohne zu schnell zu werden. Schön.


    Das zweite Anthem („My heart is inditing“) lässt Marriner nun sehr flott beginnen, wobei sich das Tempo nach meinem Dafürhalten tatsächlich an der oberen Grenze dessen bewegt, was noch machbar ist, ohne das die Musik anfängt hektisch zu wirken. Problematischer finde ich Marriners Hang zu einer ausgesprochen spitzen, staccatohaften Artikulation. So betont er mir hier (und nicht nur hier) zu sehr die Vertikale zu Lasten der Horizontalen. Es fehlt – so meine ich – nicht selten das Gefühl für die Linie. Auch im zweiten Satz („King’s daughter were among thy honourable women“) herrscht die Vertikale vor. Der „walking bass“ bewegt sich Ton für Ton vorwärts, ohne dass ein sinnhaftes Ziel der Bewegung erkennbar wäre, die Solisten (deren Einsatz mir schon an sich nicht gefällt) trillern etwas lustlos vor sich hin, den an sich lieblichen Charakter des Satzes erkennt man nicht so recht. Im dritten Satz geht es so weiter. Die Solisten wirken nicht, die sanfte Atmosphäre will sich nicht einstellen. Hinzu kommt die etwas einförmige Gestaltung im Detail, beispielsweise im Fall der dominanten punktierten Sechzehntelfigur, die immer identisch gesungen („pleasure“) und gespielt wird. Das leiert zwar noch noch nicht, es ist aber nahe daran. Der letzte Satz schließlich kommt mit angemessenem Drive daher, festlich, glanzvoll. Der Gegensatz der Motive für „Kings“ und „Queens“ wird dort trefflich umgesetzt, wo es geht. Lediglich die Wirkung der Schlusskadenz, bei der Marriner das Tempo fast überhaupt nicht drosselt, misslingt.


    Auch der erste Satz von „Let thy hand be strengthened“ leidet unter Marriners fehlendem Sinn für die Linie. So, wie er diesen Satz angeht, wirkt er ziemlich schwerfällig, mit – wie ich meine – viel zu starker Betonung der Zählzeiten. Ich sehe beim Hören Marriner förmlich von meinem inneren Auge schlagen. Zudem klingt der Chor, der erneut ziemlich wenig aus seinem Part macht, ziemlich dick und ist durchweg recht laut. Das freudig-erregte, ja fast sogar etwas spielerische Moment dieses Chorsatzes verschwindet so fast völlig. Dafür gelingt der zweite Satz sehr gut. Hier ist alles sehr zurückgenommen, es herrscht eine Atmosphäre von leichter Schwere, die mir sehr gut gefällt. Das abschließende Alleluja dann will Marriner offensichtlich als krassen Gegensatz zum vorangegangenen Satz verstanden wissen und nimmt ihn darum m.E. viel, aber wirklich viel zu schnell. Das klingt alles zu hüpfend, zu zackig und einigermaßen atemlos.


    Auch der erste Satz von „The King shall rejoice“ wird wieder ziemlich eilig, ja geradezu hektisch musiziert. Marriner beweist wieder, dass er nicht viel Sinn dafür hat, dass Freude und innere Bewegtheit nicht per se durch ein Höchstmaß an äußerer dargestellt werden müssen. Das „Exceeding glad shall he be“ hingegen gelingt ausgesprochen gut. Der Chor verbleit durchweg eher im Mezzoforte, das Tempo fließt ohne zu eilen und der warme Ton des Abschnittes wird bestens getroffen. Der sich anschließende Einsatz „Glory and great worship“ könnte für meinen Geschmack etwas satter klingen. Das „Thou hast prevented him“ nimmt Marriner eher moderat bewegt. Hier könnte man sich vom Chor wieder eine etwas differenziertere Darstellung wünschen, auch könnte das festliche Motiv „and hast set a crown of pure gold“ deutlich festlicher kommen. Ein zügiges Alleluja beendet diese - wie ich meine - insgesamt recht durchwachsene Aufnahme.


    :wink: Agravain


  • King (1989) – The Choir of New College Oxford, The King’s Consort


    Ich könnte es kurz machen und sagen: dies ist die in meinen Augen ideale Aufnahme. Wenn man nur eine erstehen möchte, dann sollte man zu dieser greifen. Wem das als Empfehlung reicht, der mag an dieser Stelle das Lesen einstellen und stattdessen besser den virtuellen Warenkorb füllen gehen.


    Ich will dennoch kurz am Beispiel erläutern, warum ich Kings Aufnahme (es ist die erste von zweien, die er vorgelegt hat) für so gelungen halte. Was King im Gegensatz zu allen anderen mir vorlegenden Interpreten schafft, ist, dass er mit seinen Ensembles – dem (as Boys' Choirs go) formidablen Choir of New College Oxford und dem exquisit aufspielendem King’s Consort - jedem einzelnen der vier Anthems die wirklich durchdachteste Gestaltung angedeihen lässt, und zwar sowohl die Stimmigkeit des jeweiligen Gesamtaufbaus betreffend als auch was die Binnengestaltung der einzelnen Sätze/Abschnitte angeht. Kein anderer Interpret schält auch kleinste Nuancen des Affektes so gekonnt heraus wie King, keiner balanciert so gekonnt zwischen Festlichkeit und Versenkung, keiner hat so eine auf mich so zwingend wirkende Tempodramaturgie wie er, kein anderer bewegt sich so wohlabgestimmt zwischen jeweils nicht zu extrem gedachten Polen.
    Aha, eine Interpretation ohne Extreme also, ohne Wagnis, ohne rechten Grip, mag man sich nun denken. An dem ist es aber – meines Erachtens – nicht im Mindesten. King legt keine Aufnahme vor, die nichts anderes ist als das trockene Ergebnis trockener akademische Vorarbeit. Vielmehr gelingt King, was eigentlich für jede wirklich herausragende Aufnahme gelten dürfte, nämlich dass der akademischen Durchdringung des Werkes eine begeisterte, beseelte und eben aufgrund der präzisen Vorarbeit eine exquisite Aufführung desselben folgt.


    Ich will nun keine dürre Beschreibung aller vier Darbietungen folgen lassen, weil ich mich dann genötigt sähe, immer wieder dasselbe zu loben und zu preisen. Stattdessen nur ein paar Worte zu „My heart is inditing“, weil sich hier alle Qualitäten diese Aufnahme bestens beschreiben lassen.


    King wählt für den ersten Satz ein freudig-bewegtes Tempo, das die Stimmungslage dieses Satzes vom Text her (Luther: „Mein Herz dichtet ein schönes Lied; ich will singen von meinem Könige“) einfängt. Poetisch enthusiasmiert, doch nicht zu ekstatisch – so soll dieser Beginn nach meinem Dafürhalten klingen und so klingt es bei King. Zudem wird der Aufbau des Satz bestens deutlich. Der Höhepunkt des Satzes ist das große Tutti und auf dieses wird trefflich hingearbeitet. Erst hier – und nicht schon auf dem Weg hierher - entfaltet sich das Festliche in seiner ganzen Pracht, dann aber auch mit Glanz und Gloria. Die Trebles und Altisten des Choir of New College klingen auch in den solistischen Partien wie Butter, ganz prägnant, klar, aber nicht zu scharf im Ton, voll und ohne jene Hauchigkeit, die man bisweilen bei Prestons Knaben von Westminster Abbey hört. Das King’s Consort klingt in den einleitenden Takten ganz leicht, licht, durchsichtig, dann im Tutti voll, aber ohne übertriebenen Bombast.


    Schwingend bewegt, zart, ja lieblich im Ausdruck der zweite Satz, dessen Text von den ehrenwerten Töchtern des Königs spricht. Auch hier gefallen mir die solistisch einsetzenden Knaben ganz besonders, und zwar nicht nur, weil sie einen schönen Ton haben, sondern besonders weil sie den bukolischen Charakter des Satzes hervorragend vermitteln können. King gestaltet herrlich fließend, immer wieder nimmt er den Chor zurück, um ihn anschließend aufblühen zu lassen. Da macht mir das Zuhören einfach Spaß.


    Der eher ruhige dritte Satz ist in meinen Ohren der Höhepunkt der Wiedergabe. King geht noch zarter an dieses Kleinod heran als beim zweiten Satz. Schon in den einleitenden Takten weiß man, dass King für diesen Satz einen lieblich-pastoralen Klang im Ohr hat. Die ersten drei fallenden Töne des Continuo werden ganz leicht getupft, die Violinen antworten sanft, die später so dominant werdende punktierte Sechzehntelfigur, die der Chor später beim Wort „pleasure“ aufgreift, wird ganz weich (man kann aber nicht wirklich von einem legato sprechen) artikuliert. Man merkt: auch hier ist der Text als der Ausgangspunkt der musikalischen Gestaltung: „Zur Rechten stand die Königin in einem Gewand von Gold und der König soll sich an Ihrer Schönheit erfreuen.“ Trefflicher kann man das – meine ich – nicht musizieren.


    Den Schlusssatz, der dem Volk nun mitteilt, dass König und Königin wie Vater und Mutter es sorgen werden, nimmt King nicht zu eilig, weniger als rasanten Rausschmeißer, sondern eher wie ein festliches und kraftvolles Versprechen. Schön wird der musikalisch Kontrast zwischen King- und Queen-Motiv herausgearbeitet. Auch achtet King darauf, dass Chor und Orchester den Hörer nicht von vornherein mit dem klanglichen Maximum überwältigen, sondern dass es eine Steigerung des Ausdrucks hin bis zur kraftvollen Schlusskadenz gibt.


    Ich wiederhole es gern: eine nicht nur hier, sondern insgesamt exemplarische Wiedergabe der „Coronation Anthems“.


    :wink: Agravain

  • Wie schön, dass nach einmonatiger Pause die CD-Besprechungen ihre Fortsetzung finden! Jetzt freue ich mich schon auf Deine sicherlich als nächste folgende Rezension von Hill (1994) - das ist nämlich diejenige Einspielung, die ich bei mir zu Hause im Regal habe :D


  • Hill (1994) – The Choir of Winchester Cathedral, The Brandenburg Consort


    Mit Winchester, der dortigen Cathedral und dem Choir verbinden mich persönliche Erinnerungen, sodass ich allein aus sentimenalen Gründen einige Aufnahmen von David Hill und „seinen“ Jungs im heimischen CD-Regal stehen habe. Eine davon ist die vorliegende Aufnahme von Händels „Coronation Anthems“ aus dem Jahre 1994. Sie ist, das möchte ich vorwegschicken, zwar nicht die stärkste Aufnahme, die Hill und sein Ensemble vorgelegt haben, aber doch eine, die man sich im Großen und Ganzen problemlos anhören kann. Sie ist mE – wie man so sagt – „ ganz ordentlich“ und präsentiert eine Werkschau der Mittelklasse.


    „Zadok the Priest“ empfinde ich insgesamt als die gelungenste Wiedergabe auf dieser CD. Das Brandenburg Consort spielt unter Hills Leitung die berühmten einleitenden Takte (im Vergleich zu den bisher besprochenen Aufnahmen) ohne nennenswertes Crescendo, sodass der satte Choreinsatz einen deutlichen Überraschungs- und auch Überwältigungseffekt hat – auch wenn der Chorklang auf keinen allzu groß besetzten Chor schließen lässt. Der Ton des Choir of Winchester Cathedral ist allerdings nicht ganz so prägnant und kraftvoll wie beispielsweise der des Choir of New College oder der des King’s College Choir aus Cambridge. Die Trebles und Altisten klingen – man verstehe mich nicht falsch – durchaus gut, aber doch „kindlicher“ als manch andere britische Knaben und in hoher Lage fehlt nach meinem Dafürhalten etwas der Kern.
    In den „God save the King, long live the Queen“-Rufen dürfte für meinen Geschmack etwas mehr Begeisterung zu hören sein.


    Es folgt in dieser Aufnahme – vielleicht als Kontrast – das klein besetzte Anthem „Let thy hand be strengthened“. Der erste Satz gefällt mir ausgesprochen gut. Hill wählt ein flottes Tempo, besonders das Orchester spielt leicht und luftig und artikuliert ausgesprochen knackig. Das ist viel „Swing“ dabei. Im Chor gefallen mir lediglich die mE zu hart genommenen Staccati (Takt 40 und Parallelstelle) nicht so sehr. Der zweite Satz ist nicht zu langsam, eher gehend und dennoch ruhig. Allerdings hätte Hill den Chorsatz insgesamt detailreicher gestalten können. Deutliches Beispiel: die einfallslose Aneinanderreihung der Begriffe „justice - judgment - mercy - truth“ in den letzten Takten. Das „Alleluja“ klingt wenig enthusiatisch, eher etwas gelangweilt.


    Die mangelnde Begeisterung setzt sich im ersten Satz von „The King shall rejoce“ fort. Schon der Orchestereinleitung fehlt der Enthusiasmus, der Einsatz der Trompeten (T. 19) muss mE deutlich kraftvoller, deutlich festlicher klingen. Gleiches gilt dann für den Einsatz des Chores, der viel zu kleinformatig wirkt. Ja Herrgotts Sakra – hier wird die Krönung des Monarchen bejubelt! Der zweite Satz („Exceeding glad“) gelingt orchesterseits recht schön, lediglich die einleitenden Takte wirken etwas einförmig. Der Chor hingegen dürfte hingegen mehr im Klang der langen Notenwerte baden, wenn von „thy salvation“ die Rede ist. Insgesamt wirkt das auf mich doch etwas zu nüchtern. Dafür wird der Hörer dann von einem ausgesprochen – nach dem bislang Gehörten – satten Einsatz bei „Glory and worship“ überrascht. Ja, soll soll’s sein. Das sich anschließende „Thou hast prevented him“ empfinde ich als eher misslungen, da Hill hier ein jenen berühmten Tuck zu schnelles Tempo wählt, was dazu führt, dass der Satz ausgesprochen atemlos wirkt. Das das Anthem beschließende „Allejua“ gelingt angemessen festlich.


    „My heart is inditing“ kommt in einem eher moderaten Tempo daher, wirkt aber aufgrund des hervorragend spielenden Orchesters ausgesprochen lebendig. Leider klingen die Einsätze der Chorsolisten nicht so recht präsent, der Tutti-Einsatz (T. 63) könnte kraftvoller sein. Den zweiten Satz („Kings’ daughters“) nimmt Hill erstaunlich bewegt, was leider dafür sorgt, dass sich die liebliche Stimmung, die mE den Satz kennzeichnen sollte, hier nicht etabliert. Der dritte Satz („Upon thy right hand“) ist mir deutlich zu schnell. Ruhe, Zartheit und die bspw. von King so hervorragend gezauberte Bukolik suche ich vergebens. Die „Pleasure“-Figur wird mir besonders von den Trebles und Alti zu stark geleiert. Den Abschluss des Anthems („Kings shall be“) empfinde ich zunächst etwas brav. Die „Kings-Queens“-Motive werden nicht so recht konstrastiert. Gegen Ende (ab T. 50) nimmt Hill dann aber noch einmal Fahrt auf, lässt Chor und Orchester noch einmal in die Vollen gehen und kommt so zu einem festlichen Beschluss.


    A "mixed bag".


    :wink: Agravain

  • Über diese Aufnahme aus dem Jahre 2012 bin ich gerade erst gestolpert. Ob der Geier weiß, warum? Sie findet entsprechend weiter oben also keinerlei Erwähnung, darum sei nun hier ganz allein auf sie hingewiesen. Die Schnipsel klingen nach einer federlechten, äußerlich (und hoffentlich auch innerlich) bewegten Einspielung. Mortensen ist ja auch keiner von den Schlechten. ;+)



    :wink: Agravain

  • Hallo zusammen,


    eine neue Live-Aufnahme aus guter Stube kann ich noch anmelden, im Gegensatz zu den meisten anderen Aufführungen mit einem deutschen Chor:



    Über die Gelegenheit, bei der aufgezeichnet worden ist, schrieb ich andernorts: http://www.capriccio-kulturfor…ichts-eines-historischen/.


    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Ein später herzlicher Dank auch hier für den Thread und die bisherigen hochinteressanten Beiträge. Habe die vier Coronation Anthems gestern erstmals bewusst durchgehört. Der "Zadok" Beginn ist ja wirklich eine "der" markanten Passagen der Musikgeschichte, für mich ähnlich markant wie der Sonnenaufgang in Haydns "Schöpfung". Habe mich für die hier zuletzt von Giovanni di Tolon genannte CD-Aufnahme entschieden und bin sehr zufrieden damit.
    Diese Göttinger Festspielreihe lockt (mich) zu mehr, es ist ja auch sehr verdienstvoll, dass dort auch seltener zu hörende Händel Opern aufgeführt und auf Tonträgern mit großartig seriös gestaltetem Begleitmaterial angeboten werden. (Demnächst "Siroe", bin schon sehr gespannt.)
    Seit gestern höre ich nun auch die Champions League Hymne ganz anders, "gebildeter". ;) (Das Original gefällt mir aber viel besser.)

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  •  


    Hier noch eine Empfehlung, eine Rekonstruktion der Krönung von George II am 22. Oktober 1727.
    Lt.Booklet muss das ein heilloses durcheinander gewesen sein! Diese Aufnahme ist sehr gelungen mit den Coronation Anthems von Händel und zermonieller Musik von Purcell, Blow, Tallis, Gibbons, Child und Farmer.
    Ich nehme mal an das King die Anthems nicht 2 mal eingespielt hat und die Aufnahme mit der Feuerwerksmusik die gleichen sind!


    LG palestrina

    „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
    Oolong

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!