Capriccio-Presseschau

  • Erfreulich (auch dass er den dubiosen Silicon-Valley-Preis abgelehnt hat), aber erst die zweite Fields-Medaille überhaupt im Lande von Leibniz, Gauss, Riemann und Hilbert. Das deutet an, dass bei Peter Scholze zwar die Förderung einer Höchstbegabung anscheinend mustergültig funktioniert hat, dies aber eher die Ausnahme zu sein scheint.


    Bzgl. des Mozartvergleichs muss ich aber Bedenken (ganz abgesehen von den so unterschiedlichen Gebieten) anmelden.
    Es ist kaum zu belegen, dass Mozart "an einem Tag drei Klavierkonzerte im Kopf komponiert" und dann "über Wochen aufgeschrieben" habe. In dieser Form ist es sogar ziemlich sicher falsch dargestellt. Erstens brauche Mozart nicht viele Wochen, um ein Konzert "aufzuschreiben", zweitens meinte er mit "Aufschreiben" eben nicht das bloße Aufschreiben, auch nicht nur die Instrumentation, sondern durchaus Teile der Kompositonsarbeit, sozusagen den Übergang von einer Skizze zum vollständigen Werk. (Vermutlich in etwa das, was Vervollständiger bei Mahler 10 u.ä. Fällen leisten mussten.) Aber auch dafür brauchte Mozart nicht "viele" Wochen, sondern maximal zwei, schätze ich.
    Schließlich finde ich es immer ein wenig bedenklich, wenn bei Außerordentliches leistenden Menschen solche "stunts" überbetont werden. Es ist zweitrangig, ob Scholze oder Mozart "fast alles im Kopf machen" oder bei ihrer Arbeit hunderte von Zetteln vollkritzeln. Viel wichtiger sind doch die mathematischen bzw. musikalischen Ergebnisse.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Naja, das ist halt in erster Linie ein griffiger Werbeslogan. Mozart gilt ja als das (Musik-) Genie schlechthin. Und im Gegensatz zur Mathematik ist eine klassische Komposition, und der Name Mozart, für die meisten Menschen immer noch halbwegs vorstellbar. Ich würde es deswegen auch nicht so kritisch sehen, denn Peter Scholze ist sicherlich ein Ausnahmemathematiker (von Genie will ich jetzt mal nicht reden).


    Natürlich darf man Parallelen oder Analogien nicht zu wörtlich oder zu ernst nehmen. Aber m. E. gilt Mozart ja deswegen als Genie, weil er a) als Wunderkind gefeiert wurde, und b) für eine Leichtigkeit des Komponierens stand. Analog hat Scholze schon sehr jung großes mathematisches Talent bewiesen, und zudem soll es ihm sehr leicht fallen, über mathematische Probleme nachzudenken (nahezu alle (anderen) Mathematiker denken Mathematik meist mit "Bleistift und Papier", oder an der Tafel). Insofern ist eine gewisse Analogie auch nicht ganz abwegig.



    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • Meine Glückwünsche nach Bonn, wo ich auch studierte. Schön auch, dass eine Fields-Medaille auch nach Zürich gegangen ist.

  • Hier gibt es ein Interview mit dem Manager von Harmonia Mundi France zum Thema CD.


    Auf die Frage ab wann sich die Produktion einer CD lohnt:


    Zitat von Christian Girardin

    Bei einer Klavier-CD können viertausend Exemplare ausreichen, bei einem Projekt mit Chor und Orchester braucht es dann schon zehntausend CDs, was mit einem Künstler wie dem Dirigenten François-Xavier Roth auch zu erreichen ist.


    Interessant auch, welche Reichweite eine geschickte Platzierung bei Spotify im Vergleich bedeuten kann:



    Zitat von Christian Girardin

    Oft hat es auch mit Glück zu tun, wie im Falle von Paul Lewis, dessen Aufnahme der „Mondscheinsonate“ es in die vorderen Ränge der Beethoven-Playlist bei Spotify geschafft hat und die dort in zwei Jahren 35 Millionen Mal gestreamt wurde.

    Viele Grüße,


    Melanie

    With music I know happiness (Kurtág)

  • Hat jemand das Bedürfnis die Nachbarschaft in den Wahnsinn zu treiben?
    https://www.bbc.co.uk/news/blo…s-from-elsewhere-45127006

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Also entweder haben die ein anderes Haus gefilmt oder die hat für die Crews was anderes gespielt, weil das ist nicht La Traviata sondern Il trovatore.

    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...

  • Ich weiß nicht, ob wir das irgendwann schon mal hatten, die Aufführung eines Liszt-Opernaktes:


    https://www.theguardian.com/mu…ost-liszt-opera-premiered


    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • Na dann ist die atonale Musik ja doch noch zu etwas brauchbar …

    Ich warne vor voreiligem Optimismus, es gibt Bedenken:

    Zitat

    Der Berliner Fahrgastverband Igeb steht den Plänen skeptisch gegenüber. Problematisch sei, dass auch reguläre Fahrgäste der S-Bahn die Musik zu hören bekämen.

    Das geht natürlich nicht. Es soll auch Musikfreunde geben, die beim Anhören von Boulez, Lachenmann und Ferneyhough sofort ihre Revolver entsichern.


    In Hamburg versucht man es dagegen mit Mozart und Vivaldi. Vielleicht eine Alternative?


    :|

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Die Runde mit Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch gehen weiter, nun wird der Countertenor David Daniels beschuldigt:


    https://www.nytimes.com/2018/0…niels-sexual-assault.html


    Gruß Benno

    Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)

  • :D


    Darf man dann umgekehrt annehmen, daß jeder Mensch, der vom Bahnsteig vor der atonalen Musik flüchtet, ein unerwünschter Drogenabhängiger und Trinker ist? Also auch diejenigen, die aus dem Zug aussteigen und ins Büro gehen?


    :hammer1: :wisch1:

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • :heul1:


    Eine bessere Werbung hätten sie für Schönberg & Co. doch gar nicht machen können.

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • hoffentlich differenziert sich da die Nachrichtenlage noch etwas:


    https://www.zeit.de/gesellscha…lmuseum-brand-zerstoerung

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

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