Josef Suk (1874-1935) - mehr als nur der komponierende Schwiegersohn Dvoraks ?

  • Die symphonischen Werke von Josef Suk habe ich schon lange nicht mehr gehört. Seine Asrael-Symphonie kenne ich auch nicht wirklich gut, habe ich vielleicht ein- oder zweimal gehört. Heute kam mit der Post eine Aufnahme, die mir sehr gefallen hat, Dirigent ist hier der legendäre Karel Ancerl. Erstaunlicherweise hat Ancerl dieses wichtige Werk der tschechischen Literatur nie während seiner Zeit bei der tschechischen Philharmonie eingespielt. Es gleicht somit einem Wunder, dass eine Aufnahme aufgetaucht ist, die er 1967 beim SWR mit dem bestens präparierten Südwestfunk-Orchester Baden-Baden gemacht hat. Diese Aufnahme unter Studiobedingungen ist nicht nur interpretatorisch hochwertig, sondern klingt auch, als wenn sie gestern aufgenommen wurde. Wirklich erstaunlich und eine wesentliche Ergänzung sowohl der Diskographie von Ancerl als auch der der Asrael-Symphonie.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Asrael - Essener Philharmoniker - Netopli - und Andere

    Habe eben aufgelegt meine erste "Asrael" mit Belohlávek aus Prag (06.1991) - klingt immer noch sehr überzeugend:


    Aktuell schätze ich noch höher die Aufnahme aus Essen von 2016



    Habe ich mir nach der vergleichenden Diskothek auf DRS2 gekauft.


    Habe jetzt gesehen, dass eine Neuaufnahme mit dem SO des BR unter Jakub Hrůša erschienen ist:

    Hat jemand hierzu schon eine Meinung?

  • Habe jetzt gesehen, dass eine Neuaufnahme mit dem SO des BR unter Jakub Hrůša erschienen ist:
    Hat jemand hierzu schon eine Meinung?

    Ich fand die Aufnahme klanglich und atmosphärisch sehr stark. Habe mich in den letzten Wochen immer mal wieder an dieses großformatige Werk herangetraut. So langsam offenbaren sich für mich über ein globales Gefühl "großer Musik" hinaus auch zunehmend strukturelle Konturen.

    Weder Dvořáks Requiem, aus dem ja das genial spannungsvolle "Schicksalsmotiv" des zweiten Satzes stammt, noch Asrael haben hier im Forum bislang einen eigenen Faden. Zeit wäre es ja eigentlich ...

  • Zu den Hauptwerken von Josef Suk gehört eine Tetralogie von Orchesterwerken, von den das erste - die Asrael Symphonie - inzwischen sein bekanntestes Werk geworden ist. Die anderen drei führen eher ein Schattendasein, vor allem das letzte Werk Epilog für Sopran, Bariton, Bass, Chor und Orchester op.37.

    Die Tetralogie besteht aus:

    Asrael - Symphonie op. 27 (1906)

    Ein Sommermärchen op. 29 (1907-1909)

    Lebensreife op. 34 (1912-1917)

    Epilog op. 37 (1920-1929)

    Bis heute fehlt eine Aufnahme aller vier Werke aus einer Hand. Vom Epilog existieren m.W. überhaupt nur zwei Aufnahmen, eine auf Supraphon unter Vaclav Neumann und eine auf Virgin unter Libor Pesek. Das Werk wurde von den tschechischen Kommunisten wohl nicht geschätzt und stellt auch besetzungstechnisch einige Probleme, an einigen Stellen fühlt man sich an die Gigantomanie von Mahler 8 und Schönbergs Gurrelieder erinnert.

    Das Werk hat 5 Sätze, die aber ineinander übergehen. Ihnen unterliegt laut Biograph ein Programm:

    1. Schritte

    2. Mütter

    3. Von Ewigkeit zu Ewigkeit

    4. Geheimnisvolle Wunder und Unwohlsein

    5. Der Pilgerer

    Sänger und Chor kommen im ersten und vor allem im letzten Satz zum Einsatz, das Werk hat also auch längere Instrumentalpassagen. Stilistisch ist es vom Impressionismus und russischem Mystizismus a la Scriabin beeinflusst.

    Auf der mir vorliegenden Virgin-Ausnahme agieren:

    Luba Organosova - Sopran

    Ivan Kusnjer - Bariton

    Peter Mikulas - Bass

    Royal Liverpool Philharmonic Choir und Orchestra

    Libor Pesek

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Josef Suks 1. Symphonie in E-Dur entstand zwischen 1897 und 1899. Zu dieser Zeit fand auch die Hochzeit mit Antonin Dvoraks Tochter Otilie statt, es war also eine glückliche Zeit für den jungen Komponisten. Die familiären Katastrophen, die dann in der Asrael Sinfonie ihren Ausdruck fanden, lagen noch 5 Jahre in der Zukunft.

    Die Symphonie ist ein lyrisches und positiv gestimmtes romantisches Werk, das an vielen Stellen an die Werke des Schwiegervaters erinnert.

    Vier Sätze, das Adagio an zweiter Stelle. 45 min Spieldauer.

    Ich habe nur eine Aufnahme (allzu viele gibt es auch nicht), die wohl erste von 1982 mit dem Uraufführungsorchester unter Leitung von Vaclav Neumann im Vinyl-Format.

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Das zweite Werk der Tetralogie ist:

    Ein Sommermärchen op. 29 (1907-1909)

    Es entstand relativ kurz nach den beiden Katastrophen (Dvoraks und Otilies Tod), die die Asrael Symphonie hervorgebracht haben. Das kann man auch noch hören, denn wer unter dem Titel ein heiter-fröhliches Werk wie Raffs Symphonie "Im Sommer" erwartet, wird doch verwundert sein. Vielleicht wäre ein Titel wie Sommerspuk geeigneter gewesen. Ziemlich düster beginnt gleich der erste Satz, wie noch ein Nachklingen der Asrael Symphonie, erst ab 4 min wird es etwas lichter und sommerlicher, aber auch das hält nicht lange vor, immer wieder kommt es zu dramatischen Ausbrüchen, die nicht unbedingt ein Sommergewitter darstellen.

    "Nicht harmlos also zeigt sich der Sommer, sondern als eine dem Menschen überlegene Urkraft, der er sich stellen muß." (Malte Krasting im Booklettext).

    Fünf programmhafte Sätze hat das Werk und dauert knapp 50 min.

    1. Stimmen des Lebens

    2. Mittag

    3. Intermezzo - Blinde Spielleute

    4. In der Macht der Trugbilder

    5. Nacht

    Der Mittagssatz ist gekennzeichnet durch flirrende Klänge und einen abschließenden Hymnus an die Sonne

    Die blinden Spielleute spielen auf zwei Englischhörnern eine schwermütige traurige Melodie begleitet von einer Harfe. Geigen übernehmen das Thema und geben es wieder ab. Von sommerlicher Leichtigkeit ist hier nichts zu hören. Im vierten Satz kommt er dann der Spuk. "Der Mensch verfällt in einen wirren Traum flüchtiger Vorstellungen, in denen es von Kobolden, Gespenstern und Ungeheuern wimmelt. Nur für einen Augenblick wird ihre Bizarrerie von einer Liebesvision abgelöst." (Karel Srom, Booklet). Dieser Satz ist IMHO der originellste und gewichtigste in diesem Werk. Der abschliessende Nachtsatz beginnt friedlich, fast alle Motive tauchen noch einmal auf und ein gewisses mahlersches Flair durchzieht diesen wundervollen Satz. Mahler hatte auch vorgehabt, das Werk für Wien einzustudieren, eine seiner letzten Briefe belegt das, aber Gevatter Tod hat es verhindert.

    Ich halte das Werk für ein meisterhaftes, das ich auf Augenhöhe mit der Asrael Symphonie sehe. Zwei Einspielungen stehen in Sammlung.

     

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

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