J. S. Bach erfahren ...

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Bloß halte ich es für fragwürdig, denen, die aus welchen Gründen auch immer mit Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert usw. oder gar sämtlicher Barockmusik nichts/wenig anfangen können, besonders schwerwiegende Defizite im Musikgeschmack vorzuwerfen, so dass man die auch nicht ernst nehmen kann, wenn sie ihren Enthusiasmus für Wagner oder Sibelius bekunden. Und noch fragwürdiger, wenn Bach oder Mozart nicht zu schätzen (wobei "nicht schätzen" hier manchmal schon bedeuten kann, nicht für den zweifellos absolut größten Komponisten zu halten) ein besonderes Sakrileg sein soll.


    Ich kann jetzt nur für mich sprechen - Eusebius hat viel strenger Massstäbe als ich - aber mir ging es gar nicht darum, dass man etwas nicht mögen darf. Selbstverständlich nehme auch ich mir heraus, bestimmte Werke nicht zu mögen. Ich bin nur dafür, das ganze auf Werkebene anzugehen und nicht auf Komponistenebene. Man sollte den Werken eine Chance geben, weniger dem Komponisten als "Marke". Und da wird man bei den meisten Komponisten sehr unterschiedliches finden. Ich kann nur für mich sagen, dass es praktisch keinen Komponisten gibt, von dem ich gar nichts mag. Extrem einseitige Komponisten wie Domenico Scarlatti oder Chopin sind vielleicht am ehesten gefährdet einen Rundumablehnung zu erfahren. In solchen Fällen, kann ich das als angemessen akzeptieren. In den meisten Fällen stecken aber komponistenbezogene Aversionen dahinter, die eine faire Auseinadersetzung mit den Werken selbst verhindern. Ich spreche hier durchaus aus Erfahrung.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das ist sicher richtig, aber m.E. bringt es auch bei "universellen" Komponisten wie Bach, Haydn, Mozart oft nicht viel, statt der hinlänglich bekannten, "exotische" Werke zu empfehlen. Ich weiß noch, wie vor Jahren Peter Brixius mal alternative Mozart-Empfehlungen zusammengestellt hat, u.a. mit dem späten Stück für Orgelwalze (bzw. auch Bläserquintett), um "Mozart-Hassern" andere Perspektiven zu eröffnen.

    M.E. sind die bekannten Werke berühmter Komponisten, sofern man ganze Werke und nicht nur Einzelsätze ggf. in Bearbeitung (wie Bachs Air oder Mozarts alla turca) hört, bei aller Einseitigkeit, die durch die Auswahl weniger Werke unvermeidlich ist, einigermaßen repräsentativ und geben normalerweise eben keinen grob verzerrten Eindruck, der durch "Geheimtips" korrigiert werden müsste.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Das ist sicher richtig, aber m.E. bringt es auch bei "universellen" Komponisten wie Bach, Haydn, Mozart oft nicht viel, statt der hinlänglich bekannten, "exotische" Werke zu empfehlen. Ich weiß noch, wie vor Jahren Peter Brixius mal alternative Mozart-Empfehlungen zusammengestellt hat, u.a. mit dem späten Stück für Orgelwalze (bzw. auch Bläserquintett), um "Mozart-Hassern" andere Perspektiven zu eröffnen.


    Ich kann die Argumentation immer noch nicht nachvollziehen. Probleme sehe ich eher in der Natur der Empfehlung selbst, da sie naturgemäss auch eine gewisse Erwartungshaltung signalisiert. Erwartungen aber können einen schnell nerven und bewusst-unbewusst in eine Kontrahaltung drängen. Aber weshalb soll man jemandem, dem Mozart zu "verspielt und unseriös" klingt nicht das Requiem oder Adagio & Fuge empfehlen können? Oder jemandem, der Mendelssohn zu süsslich findet, nicht das f-Moll SQ? Findet jemand Bach zu düster und kompliziert, dann kann er in die Lautenmusik reinhören, etc...All das ist doch die Regel und nicht die Ausnahme. Viele Mozart-, Mendelssohn-, Bachskeptiker - just name it - schätzen Einzelwerke dieser Komponisten sehr.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Ich bin nur dafür, das ganze auf Werkebene anzugehen und nicht auf Komponistenebene. Man sollte den Werken eine Chance geben, weniger dem Komponisten als "Marke". Und da wird man bei den meisten Komponisten sehr unterschiedliches finden.


    Das sehe ich auch so. Die Komponisten und auch ausführende Musiker werden mir zu häufig stilisiert, und in eine Art Unfehlbarkeitsspäre erhoben. Wichtig ist für mich, sich die Neugier zu erhalten. Aber jemand der sich intensiv mit klassischer Musik beschäftigt, müsste eigentlich in der Lage sein die Qualität von Musik zu erkennen. Dann kann er immer noch Musik aus geschmacklichen Erwägungen (s. Eingangsstatement: ich mag Bachs Orgelwerke nicht) für sich ablehnen, aber es sollte sich eigentlich verbieten generelle Vorbehalte geltend zu machen. Ich würde mir jetzt auch nicht 1 Std. Choräle von Bach anhören, und mag auch das z.B. Clavichord vom Klang nicht besonders, aber derartige Abneigungen würde ich niemals auf die kompositorische Qualität eines Komponisten übertragen. Und das jemand Musik hasst kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Wie kann man Musik hassen? Aber da werde ich hier wohl einigen Widerspruch ernten. Musik ist für mich in aller Regel etwas derart beglückendes, dass ich dazu nicht zum Hass fähig wäre. Ich benötige Musik wie das tägliche Brot. Ohne Musik wäre ich tot oder ein Nichts. Aber diesem Anspruch genügen wohl nicht viele. Ich denke das die Beschäftigung mit Musik für viele eine schöne Nebensache ist, und das ist ja auch vollkommen in Ordnung. Das ich mich aber lieber mit "Brüdern im Geiste" auseinandersetze ist ja eine andere Sache.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Wie kann man Musik hassen? Aber da werde ich hier wohl einigen Widerspruch ernten. Musik ist für mich in aller Regel etwas derart beglückendes, dass ich dazu nicht zum Hass fähig wäre. Ich benötige Musik wie das tägliche Brot. Ohne Musik wäre ich tot oder ein Nichts. Aber diesem Anspruch genügen wohl nicht viele. Ich denke das die Beschäftigung mit Musik für viele eine schöne Nebensache ist, und das ist ja auch vollkommen in Ordnung. Das ich mich aber lieber mit "Brüdern im Geiste" auseinandersetze ist ja eine andere Sache.


    Ich denke, mit Deiner Einstellung per se hat keiner ein Problem. Nur diese normative Haltung von Dir, à la "Wie kann man nur???!!!", trägt nicht zum gegenseitigen Verständnis bei. Ich wäre sehr für eine Entmoralisierung der Debatte.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Und das jemand Musik hasst kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Wie kann man Musik hassen? Aber da werde ich hier wohl einigen Widerspruch ernten.


    ... da du den Widerspruch schon erwartest, will ich gleich versuchen, diesen zu liefern. ;+)


    Schumann z.B. - einerseits hat er in seinen Kritiken versucht, auch geringen Talenten prinzipielle Symphathie entgegen zu bringen. Das war wohl die "eusebianische" Seite seines Wesens. Aber hat er nicht andererseits die Herz, Hünten und Meyerbeer "gehaßt"? Und Schumann war nun wahrhaftig keiner, für den Musik nur eine schöne Nebensache war.

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • An sich geht es mir auch wie Eusebius, daß ich nicht recht verstehen kann, wie man sich in seiner Liebe zur Musik unnötig einschränken und bestimmte Komponisten oder gar ganze Epochen oder Genres "hassen" kann - zumindest versuche ich, in einer mir erstmal nicht so viel sagenden Musik das zu finden, was den Reiz ausmachen könnte.
    Allerdings mit Grenzen: Punk und Schlager gehen garnicht, allzu avantgardistisches ohne Rhythmus und Harmonie hat es auch schwer bei mir, und spätromantische Überlängen empfinde ich mit zunehmendem Alter als unhöflich.


    Ein bißchen finde ich es auch bedenklich, wenn aus der Offenheit für Alles Mögliche eine moralische Geschichte wird...
    als Konsument, der ich ja in gewissem Maße in Bezug auf das, was meinen Beruf und selbstgewählten Lebenshauptinhalt ausmacht, auch bin, nehme ich mir schon heraus, das zu hören, was mich interessiert, und das kann phasenweise sehr eng umgrenzt sein.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Aber hat er nicht andererseits die Herz, Hünten und Meyerbeer "gehaßt"? Und Schumann war nun wahrhaftig keiner, für den Musik nur eine schöne Nebensache war.


    Na und? Schumann war doch keine unantastbare Instanz. Aber ich würde das auch eher als Widerwillen bezeichnen, weil deren Musik nicht seinen Maßstäben genügte. Und das ich es mir nicht vorstellen kann bedeutet ja nicht das es so etwas wie Hass auf Musik gibt.


    Und um Felix Einwand zu begegenen: Mir fehlt das Verständnis für eine solche Haltung, weil sie mir fremd ist. Ich mache sie jedoch nicht zu einer moralischen Forderung. Wenn mir jemand erzählt er hasse die Musik dieses oder jenes Komponisten, habe ich keine Gesprächsgrundlage. Wir müssten uns dann über etwas anderes als Musik unterhalten. Ich bin ja kein Missionar um Menschen vom Gegenteil zu überzeugen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Wenn mir jemand erzählt er hasse die Musik dieses oder jenes Komponisten, habe ich keine Gesprächsgrundlage.


    Man kann sich ja dann über einen anderen Komponisten unterhalten. Sonst erinnerte das ganze doch eher an eine "Strafe".

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Schumann war doch keine unantastbare Instanz.


    sicher nicht. Sollte ja ein hinreichend gewichtiges Gegenbeispiel sein gegen deine Zuschreibung des "Hasses" auf Musik eher denjenigen, für die Musik eher

    ... eine schöne Nebensache ist,


    Aber ich würde das auch eher als Widerwillen bezeichnen, weil deren Musik nicht seinen Maßstäben genügte.


    geht immerhin so weit:

    Zitat


    Schlechte Compostionen mußt du nicht verbreiten, im Gegentheil sie mit aller Kraft unterdrücken helfen. –


    (aus den Haus- und Lebensregeln)

    ---
    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
    (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).

  • Zitat von »zabki«
    Aber hat er nicht andererseits die Herz, Hünten und Meyerbeer "gehaßt"? Und Schumann war nun wahrhaftig keiner, für den Musik nur eine schöne Nebensache war.


    Na und? Schumann war doch keine unantastbare Instanz. Aber ich würde das auch eher als Widerwillen bezeichnen, weil deren Musik nicht seinen Maßstäben genügte. Und das ich es mir nicht vorstellen kann bedeutet ja nicht das es so etwas wie Hass auf Musik gibt.

    Vor allem darf man dabei nicht vergessen, dass das Denken in musikalischen "Lagern" im 19. Jhdt. noch weit verbreiteter war als heute. Wagnerianer, Brahmsianer usw., all denen ging es ja nicht nur um die Richtigkeit des eigenen Weges sondern um die der ganzen Sache. Da wurde natürlich leidenschaftlicher und mit mehr Polemik gestritten als heute, wo sowieso keiner mehr an eine einheitliche Weiterentwicklung der Musik glaubt.
    Im Übrigen ist mir bei Eurer Diskussion nicht ganz klar: Streitet Ihr eigentlich über Geschmack oder Qualität oder historische Bedeutung? Die Qualität von Bachs Musik zu leugnen, wäre einfach nur dämlich, über die historische Bedeutung kann man sich schon ganz gut streiten (Abschluss einer Epoche, aber z.B. harmonisch auch wegweisend für die Zukunft), über Geschmack schlechterdings nicht. Natürlich stimmt es, dass zwischen der Kaffee-Kantate und der Matthäus-Passion ein derart riesiges Gebiet liegt, dass eigentlich für jeden etwas dabei sein sollte, aber wer z.B. am liebsten nordische Symphonik des 19./20. Jhdts. hört, wird vielleicht doch zu beidem eine gleich große Entfernung hören und empfinden. Und selbst sein Zeitgenosse Domenico Scarlatti hat ja bewiesen, dass es jenseits des Bach-Kontinents auch andere schöne Länder gibt, die zu bereisen sich lohnt. Und bei aller Bewunderung für Bach: Dass er "Anfang und Ende aller Musik", der "fünfte Evangelist" usw. sei, halte ich dann doch für eine romantische Verklärung. Er war einer der Größten seiner Zeit, reicht das nicht?


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Natürlich stimmt es, dass zwischen der Kaffee-Kantate und der Matthäus-Passion ein derart riesiges Gebiet liegt, dass eigentlich für jeden etwas dabei sein sollte, aber wer z.B. am liebsten nordische Symphonik des 19./20. Jhdts. hört, wird vielleicht doch zu beidem eine gleich große Entfernung hören und empfinden. Und selbst sein Zeitgenosse Domenico Scarlatti hat ja bewiesen, dass es jenseits des Bach-Kontinents auch andere schöne Länder gibt, die zu bereisen sich lohnt. Und bei aller Bewunderung für Bach: Dass er "Anfang und Ende aller Musik", der "fünfte Evangelist" usw. sei, halte ich dann doch für eine romantische Verklärung. Er war einer der Größten seiner Zeit, reicht das nicht?


    Das mit dem fünften Evangelist etc.. scheint mir doch eher historisch zu sein. Ich habe das immer nur als Spitze gegen die "Bachianer" gehört, nie original aus dem Munde eines Bach-Freundes. Ich halte das also im wesentlichen für einen Strohmann (in etwa genauso wie die angeblich arrogante Selbstbezeichnung der Franzosen als "Grande Nation", die gar nicht aus Frankreich sondern aus Preussen stammt). Und wenn jemand nur nordische Symphonik hört, werden ihm Bach aber auch Scarlatti und Händel natürlich nicht weiterhelfen können. Aber das wäre ja keine "Bach-spezifische" Angelegenheit.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Vielleicht bin ich zu schlicht - oder übertreibe maßlos:


    Mir reicht irgendein Geschmacksurteil nicht und ich halte die allerorts zu lesenden und hörenden geschmäcklerischen Haltungen, dieser oder jener Komponist, dieses oder jenes Werk möchte man gar nicht hören, oder man habe keinen Zugang dazu, für einen Ausdruck von Faulheit. Das trifft nicht nur für Bach zu und ist auch ganz unabhängig von der Bedeutung oder der "Größe" des Komponisten oder Werks.


    Ohne jetzt ein anderes Thema eröffnen zu wollen, räume ich z.B. ganz freimütig ein, dass ich erhebliche Probleme mit einem Komponisten habe, der hier im Forum wenigstens aktuell wesentlich "relevanter" erscheint als Bach: Jean Sibelius. Mir reicht es aber nicht aus, dass ich ihn nicht mag. sondern ich nehme zur Kenntnis, dass ich tausend Gelegenheiten habe, der Frage nachzugehen, ob es wirklich Gründe gibt, dafür dass ich ihn nicht mag, oder ob meine Abneigung überwindbar ist. Ich kann die Musik von Sibelius jederzeit hören, alle Informationen darüber, was er geschrieben hat, sind mir jederzeit zugänglich. Und gerade weil ich diese erhebliche Unsicherheit gegenüber Sibelius habe, höre ich ganz überdurchschnittlich viel von ihm und versuche auch meine Haltung anhand von dem, was ich lesen kann - z.B. hier im Forum - zu überprüfen. Der Aufwand ist nicht so besonders groß und er lohnt - und zwar sowohl in den Fällen, in denen ich meine Ablehnung bestätigt finde als auch in denen ich Gründe finde, sie nicht aufrecht zu erhalten.


    Meinem Interesse an Musik dadurch Ausdruck zu verleihen, dass ich irgendwo und aus irgendwelchen Anlässen besonders darauf hinweise, bestimmte Musik nicht zu mögen, finde ich dagegen langweilig.

  • Im Übrigen ist mir bei Eurer Diskussion nicht ganz klar: Streitet Ihr eigentlich über Geschmack oder Qualität oder historische Bedeutung?


    Es soll Leute geben, die Bachs Musik nicht mögen und dann dessen Musik als schlecht bezeichnen, also persönlichen Geschmack mit Qualität in einen Topf werfen. Hier wird eine Geschmacksfrage zu einem generellen Vorbehalt gegenüber einem Komponisten. Die Steigerung wäre dann der Hass auf eine Musik oder einen speziellen Komponisten.


    Nun mag es ja sein dass sich die Qualität der Musik von Bach nicht jedem erschließt. Aber diejenigen welche für sich in Anspruch nehmen, Kenner und/oder Liebhaber klassischer Musik zu sein, sollten das erkennen können, um ernst genommen zu werden. Mein bester Freund z.B. hört auch gerne mal klassische Sachen, aber es sollte schon melodiös sein. Er mag z.B. auch David Garrett oder Ludovico Einaudi. Seine Ansprüche sind eben andere als unsere hier. Neulich hat er eine Motette von Brahms (wurde bei einer Gedenkfeier im Bundestag gespielt) als "Gejaule" bezeichnet. Er ist eben ein Banause, was ich ihm auch gesagt habe, und er bestätigt hat. Bei ihm lasse ich das durchgehen, weil er andere Ansprüche hat als ich, und sich auch wenig auskennt, obwohl ich mich natürlich über solche flapsigen Bemerkungen schon aufregen kann. Bei einem Forianer, der etwas auf sich hält als Kenner der Materie, würde ich das hingegen scharf verurteilen.


    Eusebius

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Meinem Interesse an Musik dadurch Ausdruck zu verleihen, dass ich irgendwo und aus irgendwelchen Anlässen besonders darauf hinweise, bestimmte Musik nicht zu mögen, finde ich dagegen langweilig.


    l-l

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)


  • Im Übrigen ist mir bei Eurer Diskussion nicht ganz klar: Streitet Ihr eigentlich über Geschmack oder Qualität oder historische Bedeutung?


    Was mich betrifft: höchstens über Geschmack bzw. genau genommen darüber, welche Geschmackvarianten verständlich/akzeptabel sind.


    Mir ging es darum, dass man akzeptieren sollte und demjenigen musikalische Kompetenz/Geschmack nicht in toto absprechen sollte, der mit sehr berühmten Komponisten nicht viel anfangen kann (von "hassen" war nicht die Rede, ich weiß nicht, wie das auf einmal herein gekommen ist).
    In einem anderen Forum gab es mal Threads "Kann man (Musik von) X nicht mögen?" Meiner Erinnerung nach hat X genau zwei Werte angenommen: {Bach, Mozart}. D.h. bei allen anderen Komponisten ist es im Rahmen unterschiedlicher Geschmäcker anscheinend akzeptabel, sie nicht zu mögen, aber hier ist es irgendwie unverständlich.


    Wie zumindest angedeutet wurde, ist es gerade bei Bach gar nicht unverständlich, warum man man mit dieser Musik Schwierigkeiten haben kann: Sie ist nicht unschwierig, ein großer Teil ist "vormodern" an Liturgie/Gottesdienst gekoppelt oder jedenfalls davon beeinflusst, die historische Distanz ist erheblich usw. Es ist eigentlich viel leichter zu verstehen, mit Bachs Musik Schwierigkeiten zu haben als mit Suppé-Ouverturen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals jemand gefragt hätte "kann man Suppé-Ouverturen eigentlich nicht mögen?" ;+)

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    (B. Pascal)

  • Wie zumindest angedeutet wurde, ist es gerade bei Bach gar nicht unverständlich, warum man man mit dieser Musik Schwierigkeiten haben kann: Sie ist nicht unschwierig, ein großer Teil ist "vormodern" an Liturgie/Gottesdienst gekoppelt oder jedenfalls davon beeinflusst, die historische Distanz ist erheblich usw.


    "Modern" scheint aber auch nicht das wahre zu sein. Gegen die Musik der Moderne sind shitstorms immer gerne gesehen. Da hat es Bach doch relativ gut. Diese Fokussierung auf die geistliche Musik Bachs, die ich hier immer wieder lese, scheint mir allerdings ein protestantisches Phänomen zu sein. In Oesterreich und wahrscheinlich fast allen anderen katholischen Ländern kennt man im wesentlichen nur WO, MP und JP - die Kantaten hingegen sind völlig obskur. Bach erscheint hier besonders als Instrumentalkomponist. Und das völlig zurecht, denn Bach hat im wesentlichen nur in einem Jahrzehnt seines Lebes intensiv geistliche Musik komponiert - und das eigentlich gezwungenermassen, da dies zu seinen Pflichten als Thomaskantor gehörte. Die Instrumentalmusik hingegen war immer präsent.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • (von "hassen" war nicht die Rede, ich weiß nicht, wie das auf einmal herein gekommen ist).


    das Stichwort hat anscheinend ein User namens "Kater Murr" ins Spiel gebracht:

    u.a. mit dem späten Stück für Orgelwalze (bzw. auch Bläserquintett), um "Mozart-Hassern" andere Perspektiven zu eröffnen.


    ;+)

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    Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
    (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


    Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
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  • Meiner Erinnerung nach hat X genau zwei Werte angenommen: {Bach, Mozart}. D.h. bei allen anderen Komponisten ist es im Rahmen unterschiedlicher Geschmäcker anscheinend akzeptabel, sie nicht zu mögen, aber hier ist es irgendwie unverständlich.


    Einen thread namens sinngemäß ungefähr "Mozart: banales Zeugs mit Ohrwurmcharakter" habe ich hier schon gefunden, und da haben sich anerkannte Forenmitglieder als Mozart- nun ja, mindestens "Nichtliebhaber" geoutet, ohne wirkliche Einbußen an Ernstgenommenheit zu erleiden.


    Bei Bach scheint es etwas anders - so vieles in unserer gewachsenen Musikgeschichte der letzten 250 Jahre ist mit ihm verknüpft, daß sich schon einer gewissen Entfremdung von den Wurzeln verdächtig macht, wer ausgerechnet ihn nicht mag. Ob so eine Haltung (sowohl die Bach-Mißachtung als auch die Verachtung der Bach-Mißachtung) sinnvoll ist?
    Es gibt schon Gebiete, wo man durchaus die Wurzeln liegen läßt, um sich an den Früchten zu laben...


    Was allerdings dagegen sprechen soll, jemandem, der mit den geistlichen Werken aus ideologischen Gründen Probleme hat, z.B. die vielen wirklich schönen Konzerte zu empfehlen, wüßte ich jetzt auch nicht.


    Der "fünfte Evangelist" war er wohl, weil seine Musik für den christlichen Glauben gefühlt ähnliche Bedeutung hat wie die Worte der anderen 4. Aber er war ja mehr als das, nämlich auch ein überragender Schöpfer von Instrumentalmusik.

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  • Mehr als ein Drittel der erhaltenen Musik Bachs ist geistliche Vokalmusik (und wenn wirklich zwei Kantatenjahrgänge oder mehr verloren sind, wäre das Verhältnis wohl eher gegen 50%) und ein erheblicher Teil der Orgelmusik ebenfalls offensichtlich kirchlich konnotiert. Mir schiene es eine grobe Verzerrung, das herunterspielen zu wollen.Da Bachs Kantaten die einzige Werkreihe ihres Umfangs zu sein scheint, von der erfolgreich mehr als zwei Gesamtaufnahmen produziert und verkauft werden konnten, scheint es dafür auch ein Publikum zu geben.
    (Der größte Teil der Nicht-Orgel-Instrumentalmusik Bachs ist übrigens vermutlich auch in weniger als 10 Jahren, ca. 1715-22 entstanden. Das ist doch völlig unerheblich.)


    Natürlich gibt es genügend Instrumentalmusik, so dass jemand die Vokalwerke im Prinzip ignorieren könnte. Aber das ginge bei Mozart oder Schumann auch, trotzdem würde es ebenso ein stark verzerrtes Bild geben.

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    (B. Pascal)

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