J. S. Bach erfahren ...

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Aber hier mal ein Beispiel, wo ich "Air" sehr gut interpretiert empfinde. Kleinere Holprigkeiten muss man zwar berücksichtigen, die schmälern aber keineswegs den Hörgenuss. Vor allem das Cello kommt hier viel besser zur Geltung als bei Mutter, wo der "Bass" förmlich untergeht, weil man darauf keinen Wert legt:


    "https://www.youtube.com/watch?v=xFdTiqUT1sQ"

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Das ist hier im Thread zwar nicht das Thema, aber Garrett ist eher als ein Opfer des Klassikbetriebs (der nahezu genauso durchkommerzialisiert ist wie die Populärmusik) zu sehen.

    Es gibt viele Menschen die ihn deshalb hören, weil sie ihn "schön" finden. Manche .... sprechen vom "schönsten Mann der Welt" und bewerten ihn deshalb auch als den besten Geiger.


    Ihn als Opfer zu skizzieren, ist wirklich der blanke Hohn.


    Original befindet sich in den Splitter. Die Moderation

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Sie und ihr kleines Ensemble schlafen beinahe ein, verschleppen das Tempo enorm, in dem sie die "kantablen Linien" immer wieder unnötig ausdehnen

    Entschuldige, aber da hast Du nicht richtig hingehört: Sie machen an zwei Stellen eine Dehnung, nämlich im dritten und im fünftletzten Tak, jeweils vor der Vorhalt-Wendung nach e-moll. Ansonsten geht der Cello-Puls ganz gleichmäßig durch.

    und sorgen somit für mein Gehör für einen typischen Klangbrei

    Auch das nicht: In jedem Moment sind alle Stimmen glasklar zu hören.

    der mit dem Original-Werk nur noch entfernt etwas zu tun hat

    Jetzt wirst Du sicher noch verraten, was denn das "Original-Werk" ist, oder? Ich bin gespannt.

    Klingt für mich nach billigem Parfum.

    Das mag ja sein. Aber das sagt über die Qualität dieser Darstellung einfach gar nichts aus. Und schon gar nicht ist es ein Grund, die Musiker zu Geldstrafen zu verurteilen.


    sie gehört zu jenen, die sehr viele Kompromisse eingehen und meiner Vermutung nach, ist sie deshalb so erfolgreich.

    Darauf antworte ich mal mit einem Zitat von Dir:

    Du darfst vermuten was Du willst


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Aber hier mal ein Beispiel, wo ich "Air" sehr gut interpretiert empfinde. Kleinere Holprigkeiten muss man zwar berücksichtigen, die schmälern aber keineswegs den Hörgenuss. Vor allem das Cello kommt hier viel besser zur Geltung als bei Mutter, wo der "Bass" förmlich untergeht, weil man darauf keinen Wert legt:


    "https://www.youtube.com/watch?v=xFdTiqUT1sQ"

    Gefällt mir auch. Den von Bach vorgeschriebenen Viertel-Puls kann ich bei dem langsamen Tempo allerdings nicht mehr hören. Stört mich persönlich aber nicht, weil ich nicht so sehr an vermeintlichen "Originalen" hänge.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Entschuldige, aber da hast Du nicht richtig hingehört: Sie machen an zwei Stellen eine Dehnung, nämlich im dritten und im fünftletzten Tak, jeweils vor der Vorhalt-Wendung nach e-moll. Ansonsten geht der Cello-Puls ganz gleichmäßig durch.

    Da muss ich mich entschuldigen, denn so gut ist mein Gehör leider noch nicht. Ich danke Dir jedoch für den Hinweis, das hilft mir sehr.


    Jetzt wirst Du sicher noch verraten, was denn das "Original-Werk" ist, oder?

    Das wäre in der Ouverture D-Dur BWV 1068 von J. S. Bach zu finden.


    Hier: "https://www.youtube.com/watch?v=1NPv4MhMClo"


    Und darum geht es meiner Meinung nach, wenn ich Musik von anderen aufführe. Selbst moderne "Cover-Bands" versuchen doch so nah wie möglich an die Original Musik heranzukommen. Die entscheidende Frage dabei ist, ob man die Werke anderer mit dem entsprechenden Respekt behandelt. Wer das nicht vermag, sollte lieber seine eigene Musik komponieren. Das wäre ehrlich und gerecht.


    Ihr solltet euch aber hier auch mal Fragen, wo das noch hinführen soll, wenn Typen wie Andre Rieu und David Garret der breiten Masse bekannt sind, während man nur ein Achselzucken erntet, wenn man die Leute nach einem Christian Tetzlaff oder Fazil Say fragt.

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Das wäre in der Ouverture D-Dur BWV 1068 von J. S. Bach zu finden.

    Ich habe die Partitur tatsächlich zur Hand: Der einzige nachweisliche Widerspruch, den ich bei Deinen Beispielen Anne-Sophie Mutter und co. bzw. Dublin String Qartet finden kann, ist ein zu langsames Tempo bei den letzteren, denn dadurch ist der vorgeschriebene 4/4-Takt nicht mehr hörbar. Außerdem natürlich die weggelassenen Wiederholungen. Insofern ist Anne-Sophie Mutter näher am "Original". Aber wie gesagt: Mir persönlich ist das egal.


    Und darum geht es meiner Meinung nach, wenn ich Musik von anderen aufführe. Selbst moderne "Cover-Bands" versuchen doch so nah wie möglich an die Original Musik heranzukommen. Die entscheidende Frage dabei ist, ob man die Werke anderer mit dem entsprechenden Respekt behandelt.

    Nö. Die entscheidende Frage ist, ob Du es gut machst. Ich stimme Dir aber zu, dass das ohne einen gewissen Respekt gegenüber der Komposition schwer gelingen wird. Nur wie der sich konkret äußert, das ist nun mal nicht so einfach festzulegen. Ich wäre deshalb mit dem Vorwurf der Respektlosigkeit lieber etwas vorsichtiger.
    Mit "modernen Cover-Bands" kenne ich mich nun so gar nicht aus, aber die mit Abstand witzigste Version von Herbert Grönemeyers "Männer" habe ich mal mit irgendeinem Barbershop-Ensemble gehört. Von wegen "so nah wie möglich an der Original-Musik"...


    Ihr solltet euch aber hier auch mal Fragen, wo das noch hinführen soll, wenn Typen wie Andre Rieu und David Garret der breiten Masse bekannt sind, während man nur ein Achselzucken erntet, wenn man die Leute nach einem Christian Tetzlaff oder Fazil Say fragt.

    Mit diesem aufgeblasenen Emotions- und Effektmusiker Tetzlaff kannst Du mich persönlich jagen. Bei Rieu und Garret bin ich aber wieder ganz bei Dir :cincinbier: .
    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • Insofern ist Anne-Sophie Mutter näher am "Original"

    Einverstanden. Ich kann es, das gebe ich zu, sowieso nur oberflächlich, quasi aus dem Bauch heraus bewerten.


    Dann hätte ich noch eine Darbietung, die mir viel besser gefällt, als bei Mutter, dürfte ich dazu Deine Einschätzung hören?


    "https://www.youtube.com/watch?v=pzlw6fUux4o"


    Nur wie der sich konkret äußert, das ist nun mal nicht so einfach festzulegen.

    Allgemein gilt: je mehr "Show"-Effekte genutzt werden, umso weniger Wert wird auf die Musik gelegt.


    Es stellt sich doch die Frage, wohin die Reise der klassischen Musik gehen soll. Seit einigen Jahrzehnten, gilt die klassische Musik in weiten Teilen der Bevölkerung als altbacken und spießig, während der Markt in der Zwischenzeit mit neuer Musik-Kultur wie z.B. "Techno" oder "Hip Hop", oder eben "Rock/Pop" übersättigt wurde. Das nimmt Auswüchse an, in denen ich eher einen Sittenverfall erkenne. Das alles wird auch noch staatlich gefördert, während die klassische Musik zu einer Sparte für die gehobene Klasse geworden ist.


    Ich selbst wäre heute froh, wenn ich in der Schule auf mein Herz gehört hätte und mich nicht dem Gruppenzwang unterworfen hätte, der mich als junger Erwachsener dann "Künstler" wie Bushido oder Sido gut finden ließ.


    Ich weiß, das führt nun etwas weit vom Thema weg, aber ich bin jedenfalls heute froh auch Bach erfahren zu haben und ich würde es sehr gerne sehen, wenn sich die Vertreter der klassischen Musik nicht abgrenzen, oder gar dem Zeitgeist unterwerfen, sondern mit Vehemenz und Leidenschaft für ihre Musik, die ich der europäischen Hochkultur zurechne, werben.

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Er heißt übrigens Garrett, mit Doppel-t. Zumindest mit seinem Künstlernamen. Macht sein Gegeige aber auch nicht besser.


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Ich weiß, das führt nun etwas weit vom Thema weg, aber ich bin jedenfalls heute froh auch Bach erfahren zu haben und ich würde es sehr gerne sehen, wenn sich die Vertreter der klassischen Musik nicht abgrenzen, oder gar dem Zeitgeist unterwerfen, sondern mit Vehemenz und Leidenschaft für ihre Musik, die ich der europäischen Hochkultur zurechne, werben.

    Einige professionelle Vertreter der sog." klassischen" Musik unterhalten sich hier übrigens gerade äußerst umfassend und absolut nicht abgrenzend mit Dir.
    Das finde ich klasse und vielleicht nehme ich an dieser Diskussion auch noch teil als Vertreter der (klassischen) Musik.


    Jedenfalls habe ich als "Klassik-Typ" mit Garrett ein interessantes Gesprächsthema in meiner Döner-Bude.
    Denn die kennen Garrett und finden Ihn klasse.
    Und da ich mal im Orchester Ihn beglitten habe, hören sie mir zu, was ich dazu zu sagen habe.


    Und das als Ausgangspunkt für ein Gespräch in einer Dönerbude ist wirklich lohnend, denn wenn man das Interesse seines Gegenübers geweckt hat, dann kann das zu interessanten Gesprächen führen.


    Weit über Garrett hinweg und wirklich lohnend.


    Ich bin schon ein wenig älter, aber ich dachte immer schon, daß es das allerbeste ist, wenn man über Grenzen hinweg überhaupt im Gespräch bleibt und sich austauscht über Musik.
    Das war übrigens in den von mir bewußt erlebten 70er, 80er und 90er Jahren nicht anders,
    Und wenn der Aufhänger HEUTE ein David Garrett(der im übrigen wirklich gut Geige spielt) ist, dann bin ich Ihm heute tatsächlich dankbar, wenn ich über Ihn weiterhin ein gutes Gespräch über Musik
    mit Leuten führen kann, welche u.U. davon völlig unbeleckt wären.


    Das ist wirklich spannend und sinnvoll.
    Und ich finde es tatsächlich als Bereicherung, mich mit Menschen ohne Zugang zur sog.klassichen Musik plötzlich über Geiger, Streichinstrumente etc unterhalten zu können.
    Die kommen alle aus dem Garrett-Lager, und plötzlich habe ich- auch in einer Döner Bude- interessierte Gesprächspartner.


    Man weiß nie ,was sich daraus ergibt, aber grundsätzlich finde ich diese Art und Weise als Gewinnbringend für alle.


    Und das mit dem Unterwerfen des Zeitgeistes, das lassen wir mal besser, es ist Quatsch.


    Denn es war immer ein Geben und Nehmen.
    Und auch das mit der europäischen Hochkultur lassen wir bitte mal.
    Das ist ein wenig AFD Geschwurbel, so tendenziell.
    Das fängt schon mit dem Begriff "Hochkultur" an und endet mit europäisch.
    Laß das einfach, das ist Schrott.
    Und es ist ein sehr alter Hut, da bist Du nämlich so modern wie Wilbur Wrights erstes Flugzeug.
    Sorry, das ist amerikanische "Hochkultur".....


    Oder denkst Du, daß sich in den 70er, 80er, 90er Jahren oder selbst am Anfang des letzten Jahrhunderts Deine Meinung anders gelesen hätte?
    Nicht wirklich, oder?


    Michael




    P.S.
    Mich persönlich freut es, wenn du nun Bach persönlich "erfahren" hast.
    Sehr schön.
    Und den Ball trotzdem bitte weiterhin flach lassen ;)

  • Einige professionelle Vertreter der sog." klassischen" Musik unterhalten sich hier übrigens gerade äußerst umfassend und absolut nicht abgrenzend mit Dir.

    Das freut mich ungemein, ehrlich. Ich hatte diese Aussage jedoch keineswegs auf mich gemünzt bezogen. Bei allem was ich anprangere, geht es mir zuletzt um einen persönlichen Vorteil, sondern ich habe grundsätzlich das Wohl der Allgemeinheit im Sinn.


    Um es zu konkretisieren, es ist Fakt, daß schon Kinder heute auf den Schulhöfen massenhaft mit Musik konfrontiert werden, die in der BRD noch vor 20 Jahren verboten worden wäre. Als Beispiel wäre ein "Musiker" wie Farid Bang zu nennen, der Top-Chart Platzierungen damit erreicht, andere Vertreter seines Genres niveaulos und unter der Gürtellinie zu "dissen".


    ( Edit: Die direkte Folge dieser kulturellen Verrohung konnte man unlängst wieder in Bad Godesberg/Bonn beobachten, wo ein Jugendlicher durch eine Prügelattacke mit Tritten auf den Kopf zu Tode kam, siehe hier:


    "http://www.stern.de/panorama/stern-crime/niklas-p---tod-durch-schlag-gegen-die-schlaefe-und-tritt-gegen-den-kopf-6856664.html" )


    Wer, wenn nicht die Gebildeten und Kulturschaffenden, sollte dort einschreiten, um den Kindern zu vermitteln, daß es für sie besser wäre, sich z. B. mit Bach zu beschäftigen?

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Aber mit Bach kannst du da nichts ausrichten, das kannst du vergessen.

    Immerhin vermag Bach zu trösten.


    "https://www.youtube.com/watch?v=6jf6BtOtThU"

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • ... und "das Bach", entsprechend zu "das Meer".

    "Nicht Bach, Meer sollte er heißen"


    Ludwig van Beethoven

    Jean Paul: "In Schillers gesammelten Werken ist überall »Religionempfindung, Wahrheitgefühl, Landschaftmalerei, Einbildungkraft« zu finden."

  • Eine entspannte Kommunikationskultur- auch und vor allem von eigener Seite- hilft wirklich sehr.


    Junge Menschen "erfahren" ihren Bach womöglich über David Garrett- so wie manche um 1850 herum über Mendelssohns Fassung der "Matthäus- Passion".
    Kann einen Keim legen, sich zu beschäftigen und darin sehe ich nichts Verwerfliches und schon gar nichts, das es rechtfertigen würde, selbst den Hohepriester eines Heiligen Gral abzugeben.


    Die entspanntesten Unterhaltungen hatte ich mit ein paar Grufties, die sich in meinen Laden verirrten und eben Grufti-Musik wollten. Ja, klar doch, hab ich vorrätig: "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende" oder "Ich steh mit einem Fuß im Grabe".
    Sie und ich schieden lachend, womöglich aber war ein Keim gepflanzt, sich mal mit Bach zu beschäftigen, reingehört haben sie jedenfalls ohne Berührungsängste.


    Anwalt Bachscher Musik zu sein überlasse ich noch immer vor allem Bachs Musik selbst, danach seinen Interpreten und den Hörern, die auf den unergründlichsten Wegen zu ihm und seiner Musik finden. Finden dürfen und sollen.
    So manche der weltlichen Kantaten des Herren Bach kommt mit Zinnober und ein wenig Kunsteis wirklich besser 'rüber als immer auf einem Sockel des Erhabenen.
    Auch seine Musik kann, darf und soll Freude machen, Spaß bereiten- und damit die Seele rühren, um mit den Worten seines Sohnes zu sprechen.


    Herzliche Grüße,
    Mike

    "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire

  • Dann hätte ich noch eine Darbietung, die mir viel besser gefällt, als bei Mutter, dürfte ich dazu Deine Einschätzung hören?


    "https://www.youtube.com/watch?v=pzlw6fUux4o"

    Leider in der falschen Tonart: Des-Dur statt D-Dur :D . Spaß beiseite: Das gefällt mir weniger. Ich finde das Tempo wieder zu langsam, vor allem in Verbindung mit den sehr gerade gespielten langen Tönen der Geigen. Das geht eindeutig in Achteln statt in Vierteln (zu Beginn versuchen Cello und Kontrabass noch, durch schwer-leichte Zweiergruppen so etwas wie einen Viertelpuls hinzukriegen, aber im Laufe des Stückes vergessen sie das immer mehr). Und wenn man schon so langsam spielt, müsste man sein besonderes Augenmerk auf den Spannungsverlauf der langen Phrasen richten. Den kann ich hier teilweise kaum erkennen. Und hinzu kommt, dass die Musiker zum Teil musikalisch nebeneinander herspielen: Gleich zu Beginn spielen z.B. die Geigen ihr "fis" ohne jede Entwicklung, obwohl doch darunter die Harmonien weiterschreiten. Das ist rein geigerisches "Bogen-Sparen" (was bei dem verschleppten Tempo auch nötig ist), ohne Bezug zum musikalischen Gesamtzusammenhang. Wenn man auf die Gestaltungsmöglichkeit durch Vibrato verzichtet, müsste man wenigstens klanglich und dynamisch die langen Töne entwickeln. So klingt das insgesamt für mich nach einer ziemlich müden, etwas anämischen und viel zu statischen Angelegenheit, statt nach einem kantablen, zwar ruhigen, aber doch auch tänzerischen Satz.


    Allgemein gilt: je mehr "Show"-Effekte genutzt werden, umso weniger Wert wird auf die Musik gelegt.

    Da müsste man aber doch unterscheiden zwischen Show-Effekten in der Musik (wie bei Garrett) oder solchen beim "Drumherum". Der Ausschnitt mit Anne-Sophie Mutter stammt ja aus der Krebs-Spendengala von Carreras, das erklärt sicher die populäre Aufmachung. An ihrem Spiel finde ich eigentlich nichts Showhaftes.

    Es stellt sich doch die Frage, wohin die Reise der klassischen Musik gehen soll. Seit einigen Jahrzehnten, gilt die klassische Musik in weiten Teilen der Bevölkerung als altbacken und spießig, während der Markt in der Zwischenzeit mit neuer Musik-Kultur wie z.B. "Techno" oder "Hip Hop", oder eben "Rock/Pop" übersättigt wurde. Das nimmt Auswüchse an, in denen ich eher einen Sittenverfall erkenne. Das alles wird auch noch staatlich gefördert, während die klassische Musik zu einer Sparte für die gehobene Klasse geworden ist.

    Staatlich gefördert wird (zum Glück) vor allem die Klassische Musik. Unter anderem durch öffentliche Musikschulen, Kinder- und Jugenorchester, Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche usw.. Ich war erst gestern nachmittag in einem Konzert des NRW-Kinderorchesters und konnte mich von dem Engagement und der Begeisterung der Spieler überzeugen. Das Abendland sehe ich also von der Seite eher nicht gefährdert, sondern eher durch die, die am lautesten vorgeben, es vor Fremdeinflüssen schützen zu wollen.

    ich würde es sehr gerne sehen, wenn sich die Vertreter der klassischen Musik nicht abgrenzen, oder gar dem Zeitgeist unterwerfen, sondern mit Vehemenz und Leidenschaft für ihre Musik, die ich der europäischen Hochkultur zurechne, werben.

    Hier grenzt sich schon mal niemand ab. "Meine" Musik ist allerdings nicht nur die europäische, sondern z.B. auch die von Copland, Barber, Takemitsu oder Isang Yun.


    Christian

    "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
    "Mir nicht."
    (Theodor W. Adorno)

  • der europäischen Hochkultur

    Was bitte soll denn das wohl sein? Und wer bestimmt was Hochkultur ist? Die Zeiten des Eurozentrismus, wo man glaubte in Zentraleuropa sei der Nabel der Welt, sind ja wohl längst Vergangenheit, und das ist auch gut so, denn hier wurden nicht nur musikalische Meisterwerke geschaffen sondern auch allerhand gedanklicher Unfug ausgebrütet und umgesetzt. Wir leben in einer globalisierten Welt, nutzen täglich das Internet (nicht etwa das Euronet), und die Wege sich Musik, u.a. auch der von Bach zu nähern sind so vielfältig wie die Menschen unterschiedlich sind. Zum Glück gibt es nicht den einen richtigen Weg, sondern viele. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen wie ich die Musik zu rezipieren habe, das entscheide ich gern persönlich. Und wenn jemand anderes die Art und Weise eines David Garrett besser findet ist das auch seine Sache, über die ich nicht zu befinden habe. Ich kann eine Meinung dazu haben, aber Leute als doof zu bezeichen die das gut finden ist für mich anmaßend.


    Peter

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Es gibt viele Menschen die ihn deshalb hören, weil sie ihn "schön" finden. Manche Weiber sprechen vom "schönsten Mann der Welt" und bewerten ihn deshalb auch als den besten Geiger.


    Ihn als Opfer zu skizzieren, ist wirklich der blanke Hohn.

    Nö. Wenn man seine Geschichte kennt, keineswegs. Dass er ein Opfer des Betriebs war, widerspricht ja nicht der Tatsache, dass er später den Spieß herumgedreht hat.


    Ich finde die Verpoppungen auch meistens furchtbar und habe Zweifel, dass die zur Popularisierung der Klassik in "nachhaltiger" Weise beitragen, aber das hat, wie gesagt, Garrett nicht erfunden, sondern es gibt das ansatzweise seit dem frühen 20. Jhd. [oder gar noch früher, wie oben schon erwähnt wurde] und in vielen Varianten recht verbreitet seit den 1950er/60ern. Direkt schaden tut es der Klassik meinem Eindruck nach nicht. Es haben sich tatsächlich Garrett-Fans seine ernsthaften Aufnahmen von klass. Violinkonzerten zugelegt, s. Amazon-Rezis.


    Und wenn überhaupt finde ich es viel bedenklicher als bei einem Popstar wie Garrett, dass Nachwuchsstars der Klassik gut aussehen müssen und wesentlich über ihre Attraktivität vermarktet werden.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ich finde die Verpoppungen auch meistens furchtbar und habe Zweifel, dass die zur Popularisierung der Klassik in "nachhaltiger" Weise beitragen, aber das hat, wie gesagt, Garrett nicht erfunden, sondern es gibt das ansatzweise seit dem frühen 20. Jhd. [oder gar noch früher, wie oben schon erwähnt wurde] und in vielen Varianten recht verbreitet seit den 1950er/60ern.



    ...und auch in besseren Varianten als denen von Garrett, etwa auf dem 2. Album von John Zorn Naked City: "https://www.youtube.com/watch?v=9GJJTj0RTCM#t=24m15s" (Es handelt sich hier um 3 Préludes aus Alexander Skrjabins Op. 74 (OK hier ists - zumal beim 3. Stück - eher Jazz als Rock/Pop)).

    zwischen nichtton und weißem rauschen


  • "L'air" ist in erster Linie die Luft.
    Im übertragenen Sinne bedeutet es die Melodie.



    Die Bezeichnung wurde (zumindest innerhalb von Suiten) auch nicht nur für liedhafte Stücke verwendet, hier z. B. eine ziemlich rhythmusbetonte "Air":


    "https://www.youtube.com/watch?v=v9DK-6B4zMA"




    In anderen Sprachen geht es anders. Auf Französisch hat man "le lied" mit dessen Genus übernommen,



    ...dann hieße es auf deutsch "Der Lied". ;) Die Übernahme des Genus würde hier auch überhaupt nicht funktionieren, da es im Französischen kein Neutrum gibt.

    zwischen nichtton und weißem rauschen

  • Das wäre ehrlich und gerecht.

    ehrlichgesagt habe ich immer Schwierigkeiten, wenn ethische Kategorien wie "Ehrlichkeit" und "Gerechtigkeit", gerne auch "(Werk-)Treue", auf ästhetische Phänomene angewandt werden.

    So manche der weltlichen Kantaten des Herren Bach kommt mit Zinnober und ein wenig Kunsteis wirklich besser 'rüber

    Echt? Wieso denn nu bei den geistlichen Werken weniger mystischer Nebel angesagt sein soll...

    Leider in der falschen Tonart: Des-Dur statt D-Dur

    :D

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Und wenn überhaupt finde ich es viel bedenklicher als bei einem Popstar wie Garrett, dass Nachwuchsstars der Klassik gut aussehen müssen und wesentlich über ihre Attraktivität vermarktet werden.

    Allerdings.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

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