Orchester und ihre Profile

  • Orchester und ihre Profile

    „Die wichtige Frage nach dem Profil des neuen Orchesters bleibt offen“, heißt es in einem Artikel des Tagesspiegels zum fusionierten SWR-Orchester. Das lesend halte ich inne und frage ich mich, was dieses vermisste Profil eigentlich sein soll: Eine thematische Schwerpunktsetzung (z. B.: Oper, Neue Musik, romantische Musik, barocke Musik)? Ein spezifischer Orchesterklang (z. B. dunkel imbriert oder besonders hart und scharf)? Eine besondere Besetzungspolitik (scherzhaft: nur Frauen bei den Streichern und nur Männer am Blech)? Die Verwendung bestimmter Instrumente (z. B. nur historische oder besondere Holzblasinstrumente)? „Ist alles möglich“ lautet vermutlich die Antwort.

    Und wie ist es in der Praxis? Gibt es dieses vermisste Profil irgendwo?

    Selbst wohne ich nördlich von Hamburg und besuche ich regelmäßig Hamburger Konzerte. Aber offen gesprochen vermag ich zu besonderen Profilen der drei großen Hamburger Orchester (NDR Sinfonieorchester (man sehe mir die Vereinnahmung als Hamburger Orchester nach), Hamburger Symphoniker, Philharmonisches Staatsorchester) wenig beizusteuern:

    NDR Sinfonieorchester: Stark im klassisch-romantischen Repertoire (Brahms ist immer sehr gut), sehr gute Holzbläser fallen mir spontan als Stichworte ein. Aber ansonsten: Tja, Hengelbrock hat das Orchester breiter aufgestellt. Profil: Nein, nicht wirklich. Eine spezielle Beziehung zum Orchester habe ich nur wegen der vielen Erinnerungen an sehr viele, sehr gute Konzerte.

    Philharmonisches Staatsorchester: Das ist halt das Opernorchester, das auch Konzerte gibt. S. Young hat viel Bruckner gespielt. Dadurch wird das Orchester aber nicht zu einem Bruckner-Orchester. Spezielles Profil? Nicht für mich.

    Hamburger Symphoniker: Das Orchester kenne ich zu wenig. Viele interessante Programme. Ist das ein Profil: interessante Programme?


    Mich interessiert, was euch spontan zu Profilen der euch (idealerweise von Konzertbesuchen) bekannten Orchester einfällt. Bin sehr gespannt, ob die Profile übereinstimmen bzw. ob wir überhaupt spezifische Profile zusammenbekommen. Möglicherweise hängt das Profil heute ja mehr am Dirigenten als am Orchester, besteht die Qualität eines modernen Orchesters gerade darin, kein Profil zu haben, sondern chamäleongleich allen Vorstellungen des jeweiligen Dirigenten gerecht werden zu können.

  • Philharmonisches Staatsorchester: Das ist halt das Opernorchester, das auch Konzerte gibt. S. Young hat viel Bruckner gespielt. Dadurch wird das Orchester aber nicht zu einem Bruckner-Orchester. Spezielles Profil? Nicht für mich.


    Verblüffend finde ich ja die hier implizierte Aussage, dass Opernorchester nur über ihre Konzerttätigkeit ein "Profil" zu entwickeln in der Lage sind... Als wäre das Opernrepertoire orchestral zweitrangig.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • Ich vermute, dass Bernd dem Herrn Knulp Unrecht tut, dass Letzterer solches nicht oder kaum impliziert, dass er nur abhebt auf die Spezialisierung eben jener (reinen oder primären) Opernorchester, die sich schließlich auch auf dem Plattenmarkt widerspiegelt, bei der Programmgestaltung zwangsläufig ohnehin.

    Indes scheint es mir doch - und ich meine das jetzt auch gar nicht bös - ein Privileg des konventionell modischen Operngängers zu sein, sich für das Orchester am allerwenigsten zu interessieren, Man sieht es vielfach nicht oder auch nur den Dirigenten, der bisweilen den Unbilden des Wetters noch halb ausgesetzt ist. Ganz verstehe ich diese Einstellung nicht, komme aber überdeutlich eben von der Instrumentalmusik. Merkwürdig: Den Gegenpart gibt es auch; er stellt eine Sonderform des musikalischen Autismus dar und achtet beim Opernbesuch vor allem auf einzelne Einsätze oder Formulierungen des Orchesters ... Da war doch mal einer hier zugange, einer mit dem Namen eines berühmten österreichischen Film- und Theaterdarstellers, welch Letzterer wohl auch noch lebt ... :versteck1:

    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Meinem Eindruck nach ist ein scharfes Profil eher eine Ausnahme, da die meisten Sinfonie-Orchester (im Ggs zu Kammerorchester oder eh spezialisierten Barockensembles) ein sehr breites Repertoire abdecken müssen. Allerdings waren und sind in Deutschland die Rundfunkorchester wohl im besonderen Maße für neue Musik" "zuständig" und von denen hatte das SWF- bzw. SWR-Orchester das deutlichste Profil in Sachen neuer Musik und Avantgarde. Deswegen ist es ja so bescheiden, dass man eines der eher wenigen Orchester, das ein recht deutliches Profil hatte, wegfusioniert hat.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Was ist mit "Profil" gemeint? Das Repertoire? Z. B.

    - spezialisiert auf das "große deutsche Repertoire zwischen Beethoven und Webern"
    - spezialisiert auf amerikanische Sinfonik des 20. Jhds.
    - spezialisiert auf Musik des 18. Jhds. bis zu Beethovens 1. Sinfonie
    - ...
    - ...

    Ob ein "Profil" in diesem Repertoire-Sinne überhaupt sinnvoll ist?

    Kommt vielleicht drauf an - bei einem Orchester in Saarbrücken mit wenig anderen Orchestern drumherum würde ich es eher schätzen, wenn sie breit aufgestellt wären und von Haydn bis Saariaho vieles abdecken würden. - In Rhein-Main fände ich es toll, wenn man immerhin vermeiden könnte, in einer Saison nicht viermal Sib 5 vorgesetzt zu bekommen. Auch nicht im Jubiläumsjahr. Der hat ja noch mehr komponiert ...

    Oder ist ein interpretatorisches Profil gemeint? Eher à la Gielen und Metzmacher? Oder eher Thielemann?

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • dass er nur abhebt auf die Spezialisierung eben jener (reinen oder primären) Opernorchester, die sich schließlich auch auf dem Plattenmarkt widerspiegelt, bei der Programmgestaltung zwangsläufig ohnehin


    Hm. Wenn ich jetzt - eine Möglichkeit von Hunderten einer "Profilbildung" - nach einem "typischen Wagner-Orchester" suche, dann werde ich doch mehr oder weniger automatisch bei einem Opernorchester landen, nicht bei einem Konzertorchester. Fähigkeiten/Profile, die Opernorchestern häufig zugeschrieben werden: hohe Flexibilität z.B. bei der Begleitung von Sängern, oder (bei Häusern mit großem Repertoire) auch die Fähigkeit, eine Aufführung auch mal ohne Probe halbwegs anständig zu absolvieren.

    Dass Orchester wie die Dresdner Staatskapelle (gleichgewichtig Opern- und Konzertorchester) oder das Bayerische Staatsorchester (Opernorchester, das auch Konzerte spielt) als typische Wagner- und Strauss-Orchester gelten (oder das Orchester der Mailänder Scala als typisches Verdi-Orchester), lässt sich zunächst einmal aus der Geschichte bzw. Tradition der Orchester (Uraufführungen von Werken dieser Komponisten, Komponisten waren auch als Dirigenten des Klangkörpers tätig) wie auch aus der kontinuierlichen Pflege dieser Tradition (Wagner- und Strauss-Opern gehören - noch mehr als bei anderen Häusern - bis heute zum zentralen Repertoire der entsprechenden Opernhäuser) ableiten. Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg ist/war sehr stark profiliert durch den Einsatz für zeitgenössische Musik und auch durch eine Interpretationslinie, die ich mal mit der Nennung der Chefdirigenten Rosbaud-Bour-Gielen andeute.

    Häufig sind es solche "Traditionen" in Verbindung mit Repertoireschwerpunkten, mit denen das Profil eines Orchesters konstruiert wird. Dann natürlich, wie von Knulp angeführt, manchmal auch ein spezifischer Klang: berühmtestes und sicher auch signifikantestes Beispiel sind die Wiener Philharmoniker, während ansonsten ein spezifischer Klang öfters behauptet wird, dessen Beschreibung aber meist in Metaphern steckenbleibt (die Bamberger Symphoniker klängen wie gute Milchschokolade, so deren Chefdirigent Jonathan Nott - naja) und der in Blindtests vermutlich nur selten erkannt werden würde. Bekanntes Beispiel ist der vorgeblich "deutsche Klang" der Berliner Staatskapelle, der erst in den letzten 15-20 Jahren immer wieder hervorgehoben wurde - Beispiel der relativ neuen Zuschreibung eines Profils.

    Auch neugegründete Orchester können durch markante Setzungen sehr schnell "Profil" entwickeln, Currentzis' Musica Aeterna ist ein Beispiel. Fusionierte Orchester haben es schwer, das war ja der Ausgangspunkt des Threads. Abgesehen davon, dass ihnen das Odium der Niederlage bzw. Notlösung anhaftet, können sie sich auch nicht auf die Tradition der Vorgängerinstitutionen berufen. Die Deutsche Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern ist aus zwei Klangkörpern mit relativ starkem Profil hervorgegangen, eiert aber seit der zehn Jahre zurückliegenden Fusionierung ziemlich orientierungslos vor sich hin.

    Natürlich korreliert, worauf Knulp hingewiesen hat, das Profil eines Orchesters häufig mit demjenigen der prägenden Dirigenten (oben genannte Beispiele: Berliner Staatskapelle/Barenboim; Musica Aeterna/Currentzis; Südwestfunkorchester/Rosbaud-Bour-Gielen).

    Wichtig scheint mir: Die Herausbildung des "Profils" eines Orchesters ist ein Ineinander verschiedener Setzungen, die meist aus bestimmten Lesarten der Geschichte/Tradition und der Gegenwart eines Klangkörpers hervorgehen. Diese Setzungen erfolgen durch verschiedene Akteure: durch das Orchester bzw. dessen Träger, durch die Chefdirigenten, durch Musikkritik und -publizistik, durch den "Markt", durch einen spezifisch charakterisierten Abonnentenstamm usw. PS: Und natürlich haben viele mittlere bis kleinere Klangkörper mit durchschnittlicher Tradition und als einziges Orchester am Platz wenig Möglichkeiten, ein (womöglich noch überregionales) Profil zu entwickeln, weil sie sozusagen für die musikalische Grundversorgung in der ganzen Breite zuständig sind.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • Reine Opernorchester gibt es meines Wissens nicht. Hierzulande spielen alle Orchester an städtischen Bühnen auch Sinfoniekonzerte, und viele Kammerkonzerte werden ebenfalls von Mitgliedern dieser Orchester ausgeführt. Das ein Orchester aus sich heraus ein Profil entwickelt scheint mir schwer vorstellbar. Meistens ist es ein Chefdirigent oder der GMD, der solches entwickelt. Als seinezeit Ingo Metzmacher in Hamburg der GMD war hat er viel Wert auf zeitgenössische Musik gelegt. Stefan Soltesz hat während seiner Zeit am Aalto Theater in Essen viel Strauss und Wagner dirigiert. So haben viele ihre Präferenzen. Bei den sog. "Provinztheatern" fällt es schwer ein Profil zu entwickeln, denn dort hat man es häufig mit Ratsmitgliedern zu tun, die mehr auf die Auslastung als auf das künstlerische Programm achten. Und dann sind da auch noch die Intendanten mit eigenen Vorstellungen.

    Bei den großen Sinfonieorchestern gibt es m.E. zwei gewichtige Faktoren: 1. das Ego des Chefdirigenten und 2. die Dauer seiner Anstellung. Bei langen Engagements (Szell, Karajan etc.) ist der Prägecharakter entsprechend hoch. Mich persönlich interessiert ein möglicher spezifischer Klang eines Orchesters eher weniger. Ich achte da mehr auf die Ausführung des jeweiligen Werkes, ob das professionell und adäquat umgesetzt wird. Man kann ja nicht alles auf die gleiche Weise spielen. Ein gutes Orchester ist für mich eines, dass flexibel auf die Anforderungen des jeweiligen Werkes reagieren kann.

    LG Peter

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Profilbildung ist so ein Unwort aus dem modernen Marketingsprech, das man lieber vermeiden sollte. M.E. ergibt sich das bei einem Orchester, das nicht ohnehin ein Spezialensemble ist, zum einem nur über das Repertoire hinaus, das im jeweiligen Zeitraum eh als Kern/Standard anerkannt ist (Beethoven oder Brahms taugt wohl kaum zur Profilbildung), zum anderen nur über langjährige entsprechende Präferenzen von Chefdirigenten, ggf. sogar einer Kette solcher Dirigenten. Wenn z.B. das Concertgebouworchester seit 60 Jahren oder länger durchweg Dirigenten hat, denen Bruckner besonders wichtig war, unter allen von denen viele Konzerte und Aufnahmen mit Brucknersinfonien entstanden sind, dann gehört Bruckner sicher eher zum Profil des Concertgebouw dazu als zu dem der New Yorker Philharmoniker. Wenn dann so ein Profil einmal irgendwie etabliert ist, kann es ggf. auf gepflegt oder verändert werden.

    Aber ingesamt scheint mir doch ein Repertoireprofil zunehmend verloren zu gehen, weil alle Orchester ein breites Repertoire spielen müssen. Vor vielen Jahren hatte ich eine MC mit einem Mitschnitt der Wiener Philharmoniker unter Previn (1985 aufgenommen), auf deren Rückseite vermerkt war, dass es sich um Ersteinspielungen dieser Werke für das Orchester handelte: La Valse und Bilder einer Ausstellung. (Man kann das auf der Rückseite der CD lesen, wenn man gute Augen hat.) D.h., selbst wenn sie die vorher sicher ab und zu im Konzert gespielt haben, gehörte Ravel anscheinend für die Wiener 1985 nicht zum Profil.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Reine Opernorchester gibt es meines Wissens nicht. Hierzulande spielen alle Orchester an städtischen Bühnen auch Sinfoniekonzerte, und viele Kammerkonzerte werden ebenfalls von Mitgliedern dieser Orchester ausgeführt.

    Natürlich spielt jedes Opernorchester auch Sinfoniekonzerte. Wenn bei ihnen aber so etwas wie "Profilbildung" erfolgt, dann überwiegend im Opernbereich. An großen Häusern, die pro Spielzeit bis zu 300 Opernabende bestreiten wie in München oder an der Deutschen Oper Berlin, ist auch entsprechend wenig Platz für Sinfoniekonzerte: so spielt das Bayerische Staatsorchester pro Saison nur zweimal sechs Konzertprogramme plus vielleicht zwei Sonderkonzerte, das Orchester der Deutschen Oper Berlin sogar nur vier bis fünf Sinfoniekonzerte pro Spielzeit. Bei der Berliner Staatskapelle ist das anders, weil sie insbesondere von ihrem Chefdirigenten - ähnlich wie die Dresdner Staatskapelle - gleichgewichtig als Konzert- und Opernorchester profiliert werden soll. Entsprechend ist an der Berliner Staatsoper die Zahl der Opernvorstellungen zugunsten der Konzerte sehr stark reduziert worden. Ein Orchester wie die Duisburger Philharmoniker ist dagegen angesichts der traurigen Situation am Duisburger Teil der Deutschen Oper am Rhein nur noch 5-8mal pro Monat als Opernorchester tätig und hat deshalb mehr Gelegenheit, Konzerte zu spielen. (Übrigens war die verzichtbare Umbenennung der "Duisburger Symphoniker" in "Duisburger Philharmoniker" vor ein paar Jahren auch ein Versuch der Profilbildung...naja...)


    Das ein Orchester aus sich heraus ein Profil entwickelt scheint mir schwer vorstellbar. Meistens ist es ein Chefdirigent oder der GMD, der solches entwickelt.

    Nicht z.B. bei den Wiener Philharmonikern, denen man ein eigenständiges Profil auch ohne Chefdirigent wohl kaum absprechen kann.

    Ansonsten scheint mir hier die Überschätzung des Faktors Dirigent und die Unterschätzung des Faktors Orchester eine Rolle zu spielen.


    Viele Grüße

    Bernd

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  • Zitat von Kater Murr

    Profilbildung ist so ein Unwort aus dem modernen Marketingsprech, das man lieber vermeiden sollte.

    Danke! Ja! Dringend!

    Nehmen wir ein Orchester, das mir vertrauter ist als andere, dem ich bislang die Mehrheit meiner Konzerterlebnisse verdanke.

    Die Bamberger Sinfoniker - Bayrische Staatsphilharmonie sind ein A-Berufsorchester, das sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durch Mitglieder der ehemaligen Prager Sinfoniker konstituiert hat. Es hat einen gewissen Schwerpunkt auf dem romantischen Sektor, eine Vorliebe für das böhmische Repertoire, nimmt für den BR auch viel kaum bekanntes Repertoire auf und beschäftigt neben vielen Gastdirigenten mittlerweile tendenziell immer einen Generalmusikdirektor. Er heißt im Augenblick und seit vielleicht zehn Jahren Jonathan Nott, sein größter CD-Erfolg war zuletzt eine Mahler-Integrale. Bald wird er ersetzt durch den Böhmen Jakob Hrusa. Das war nicht immer so; die Bamberger waren oft jahrelang ohne einen solchen Chef tätig. Berühmte Namen haben sich des Orchesters gerne angenommen. Joseph Keilberth oder Eugen Jochum seien genannt. Herbert Blomstedt ist Ehrendirigent. Das Ensemble hatte von Anfang an den Ruf eines Reiseorchesters. Vielfach wird von (ebemaligen) Musikern ein bestimmter Klang für die Staatsphilharmoniker beansprucht. Er gilt als warm und sonor.

    Mit letzterer Charakterisierung tue ich mir ein wenig schwer, was wohl primär an meiner mangelnden Ausbildung liegt.

    Wenn so ein Profil aussieht, kann ich damit leben bzw. dürften es die Bamberger können. ;) :) Wenn es darin besteht, ökonomische und sozio-geographische Erwartungen respektive Erfüllungen strategisch und statistisch zu erfassen, wird man die Relevanz nicht leugnen dürfen. Mich interessiert Letzteres jedoch nicht mehr so sehr.

    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Zitat von Zwielicht

    [...] Überschätzung des Faktors Dirigent und [...] Unterschätzung des Faktors Orchester

    Dem möchte ich unbedingt zustimmen - seit Langem!

    Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ansonsten scheint mir hier die Überschätzung des Faktors Dirigent und die Unterschätzung des Faktors Orchester eine Rolle zu spielen.

    Das kann ich sofort unterschreiben! Diesen Dirigenten-Kult habe ich noch nie nachvollziehen können... scheint mir zum Großteil doch nur Image und PR in eigener Sache zu sein. Sicher hat der Dirigent Einfluss auf die Interpretation eines Werkes, aber dann sind mir bisher auch eher die Negativbeispiele aufgefallen, wo ein sich selbst überschätzender Maestro das Werk verhunzt. Bestes Beispiel aus Berlin: Rattle dirigiert Bruckner! Das wird im Leben nichts mehr! Oder das Leipziger Gewandhaus. Masur, Blomstedt, Chailly - egal wer von denen die 9. von Beethoven dirigiert hat - Orchester und Chor haben immer eine Spitzenleistung abgeliefert, völlig unabhängig vom Stockschwinger am Pult. Das beste Orchester der Welt aber sind für mich eh die Wiener. Ich glaube, da kann vorne fuchteln wer will, die klingen einfach immer überwältigend und einzigartig.

    Was heißt hier modern? Betonen Sie das Wort mal anders! Richard Strauss

  • Oder das Leipziger Gewandhaus. Masur, Blomstedt, Chailly - egal wer von denen die 9. von Beethoven dirigiert hat - Orchester und Chor haben immer eine Spitzenleistung abgeliefert, völlig unabhängig vom Stockschwinger am Pult.

    Woher willst Du denn wissen dass diese Spitzenleistung nicht durch den Dirigenten entstanden ist? Das Orchester hat ja schließlich nicht allein gespielt.

    Peter

    "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)

  • Zitat von andréjo

    Die Bamberger Sinfoniker - Bayrische Staatsphilharmonie sind ein A-Berufsorchester, das sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durch Mitglieder der ehemaligen Prager Sinfoniker konstituiert hat.

    ...was weitgehend eine - zweifellos "profilbildende" - Legende ist, auch wenn sie immer noch zur offiziellen Geschichtsschreibung des Orchesters gehört. In den 50er und 60er Jahren war der Konnex zur Vertriebenenthematik sicher wichtig, um die finanzielle Unterstützung durch den Bund zu rechtfertigen (der vor etwa zehn Jahren ausgestiegen ist - inzwischen trägt die Hauptlast der Freistaat Bayern).

    Wie man etwa in dem Buch von Wolfgang Pfister über die Bamberger Symphoniker nachlesen kann (ich referiere aus meiner Erinnerung), entstammte nur ein ziemlich kleiner Teil der Gründungsmitglieder dem Deutschen Philharmonischen Orchester Prag. Der größte Teil kam schlichtweg aus Bayern bzw. Franken, vor allem aus dem Nürnberger Raum.


    Es hat einen gewissen Schwerpunkt auf dem romantischen Sektor, eine Vorliebe für das böhmische Repertoire, nimmt für den BR auch viel kaum bekanntes Repertoire auf und beschäftigt neben vielen Gastdirigenten mittlerweile tendenziell immer einen Generalmusikdirektor. Er heißt im Augenblick und seit vielleicht zehn Jahren Jonathan Nott, sein größter CD-Erfolg war zuletzt eine Mahler-Integrale. Bald wird er ersetzt durch den Böhmen Jakob Hrusa. Das war nicht immer so; die Bamberger waren oft jahrelang ohne einen solchen Chef tätig.

    Das Orchester hatte fast immer einen Chefdirigenten, nur zwischendurch gab es durch plötzliche Todesfälle (Keilberth und Kertesz) ein paar Jahre Interregna, die letzte chefdirigentenlose Zeit war von 1996 bis 2000. Jonathan Nott amtiert schon 16 Jahre.

    Vor Nott gab es eine regelrechte Abstinenz gegenüber ausgeprägteren Formen der Moderne und - natürlich durch die damaligen Chefdirigenten bedingt - eine Vorliebe für Seitenwege deutscher Spätromantik und Moderne (Reger, Pfitzner, später Hindemith usw.). Das war zweifellos ein Repertoireprofil, das aber seit 2000 völlig verändert worden ist.


    Das Ensemble hatte von Anfang an den Ruf eines Reiseorchesters.

    Nicht nur den Ruf. Die jahrzehntelange finanzielle Förderung durch den Bund wurde auch damit gerechtfertigt, dass das Orchester als "Botschafter der Bundesrepublik" im Ausland zur Verfügung stand. Die Zahl der Tourneen gerade in den 50er und 60er Jahren war extrem hoch.


    Wenn es darin besteht, ökonomische und sozio-geographische Erwartungen du Erfüllungen strategisch und statistisch zu erfassen, wird man die Relevanz nicht leugnen dürfen. Mich interessiert Letzteres jedoch nicht mehr so sehr.

    Hier werden die Grenzen eines Zugangs deutlich, der sich nur auf die musikalische Perspektive (Repertoire, Klang usw.) beschränkt. Die Bamberger Symphoniker haben mit einer tiefen Verwurzelung in Stadt und Landkreis (sie sind gewissermaßen Teil der Alltagskultur) und mit einem für eine Stadt von 70.000 Einwohnern extrem großen, treuen und gesellschaftlich von anderen Orchestern stark unterschiedenen Abonnentenstamm ein beachtliches - Achtung, wieder ein böses Wort - Alleinstellungsmerkmal. Dieses spezifische Publikum auf einen "moderneren" Kurs des Orchesters mitgenommen zu haben und gleichzeitig das in den 90er Jahren stark angestaubte - Achtung, jetzt kommt's ganz dicke - Image des Orchesters verändert zu haben, ist ein Verdienst Notts, des Orchesters und seiner letzten beiden Intendanten. Das "Profil" ist dadurch allerdings möglicherweise weniger spezifisch als früher.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • Nicht z.B. bei den Wiener Philharmonikern, denen man ein eigenständiges Profil auch ohne Chefdirigent wohl kaum absprechen kann.

    Da muss man aber dazu sagen, dass sich dieses Orchester aus Mitgliedern der Wiener Staatsoper zusammensetzt, die natürlich einen GMD haben. Somit sind die Wiener Philharmoniker zwar ohne Chefdirigenten, doch werden und wurden sie sehr oft vom GMD "geleitet".

    Ich denke, es steht und fällt weitgehend vom Chefdirigenten, bzw. den GMD, was das Profil angeht. So habe ich de Eindruck, dass viele Dinge, die bei den Berliner Philharmonikern in der Tradition ihrer Chefdirigenten geprägt wurden, durch Sir Simon Rattle nicht wirklich gefördert worden sind. Der früher eher dunkle, romantische Klang des Orchesters wurde stark vernachlässigt, dafür wurden die Sinne für die Moderne und teilweise auch Alte Musik geschärft.

    Das Gürzenich-Orchester erlebte unter Günter Wand sehr gute Jahre, doch dann begann langsam der Wandel. James Conlon nahm viel Zemlinksy und dessen Umfeld auf, dazu wurde der Namen in "Gürzenich-Orchester Kölner Philharmoniker" geändert, auch aus Marketing-Gründen. Bekannter wurde das Orchester mMn aber nicht.

    Die Münchner Philharmoniker haben sich zwar nach dem Tode Celibidaches dem CD.Markt hin geöffnet, aber wirklich relevante Aufnahmen entstanden seitdem meines Wissens nach auch nicht gerade. Vielleicht die ein oder andere Live-Einspielung von James Levine, dazu die Live-Einspielungen unter Günter Wand mit dessen Vorlieben Bruckner und Schubert, aber weder Thielemann, noch Levine oder Maazel haben einen bleibenden Eindruck in Form von Einspielungen hinterlassen, die man als herausragend bezeichnen würde.

    "Schuld" daran ist sicher die Globalisierung des Musikmarktes allgemein. Musiker aus aller Welt kommen zu Probespielen und werden verpflichtet, regionale Entscheidungen müssen nach Hinten verschoben werden, weil globale Entwicklungen angestrebt werden. Nur die kleineren Orchester und Opernhäuser fühlen sich der Region noch verbunden.

    Die Rundfunk-Orchester haben alle den Auftrag, universell einsetzbar zu sein. Hier wird auch vermutlich die meiste zeitgenössische Musik gespielt und aufgezeichnet.

    "Spezial-Ensembles" gibt es in den Rundfunkanstalten meist nur für Neuer Musik in Deutschland, wenn ich das richtig weiß.

    Die Opern-Orchester haben schon immer auch Konzerte gespielt. Hier ist es, sagen wir mal, nicht überall so, dass diese Orchester wirklich beide Seiten gleich gut abdecken. In Frankfurt(Main habe ich immer den Eindruck, dass man im Konzert nicht mit dem HR-Orchester mithalten kann. Doch das ist nur meine Ansicht hier.

    Das Hamburger Staatsorchester hat im Simone Young-Bruckner-Zyklus auch nicht alle Sinfonien wirklich auf absolutem Höchst-Level aufgenommen. Das Orchester der Bayerischen Staatsoper in München hat bereits unter Sawallisch viele Konzerte gegeben, hat damit also bereits viel Erfahrung gesammelt mit. Nicht anders sieht es mit den Staatskapellen von Berlin und Dresden aus.

    Ob man in Duisburg sich nun Symphoniker oder Philharmoniker nennt, dürfte sich kaum auswirken auf dem Markt. Bis zu mir im Raum Frankfurt/Main war diese Änderung nicht mal durchgedrungen. Das würde wohl hier auch für andere Orchester dieser Klasse so aussehen hier. Solche Änderungen werden eher regional aufgenommen. Entscheidend für das Marketing kann sowas mMn nicht wirklich was bringen. Es sind alles gute oder sehr gute Orchester, die aber im "Weltzirkus Symphonie-Orchester" keine entscheidende Rolle spielen. Das mag hart klingen, ist aber so. Oder hat es eines dieser Orchester in den letzten 20 Jahren geschafft, in die Spähren der Großen einzubrechen? Eher nein.....

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

  • Da muss man aber dazu sagen, dass sich dieses Orchester aus Mitgliedern der Wiener Staatsoper zusammensetzt, die natürlich einen GMD haben. Somit sind die Wiener Philharmoniker zwar ohne Chefdirigenten, doch werden und wurden sie sehr oft vom GMD "geleitet".


    Zur Zeit ist auch die Wiener Staatsoper - zum wiederholten Male - chefdirigentenlos. Und nach Aussage von Vertretern des Orchesters will man in der Staatsoper auch für die nächsten Jahre bis 2020 ohne GMD auskommen. Vor Welser-Möst (2010-2014) war Seiji Ozawa (seit 2002) "Musikdirektor", hat aber u.a. aus gesundheitlichen Gründen nur sehr wenig an der Staatsoper dirigiert. Von 1991 (Abgang Abbados) bis 2002 gab's wiederum gar keinen Chefdirigenten.

    Zitat von Maurice

    Ob man in Duisburg sich nun Symphoniker oder Philharmoniker nennt, dürfte sich kaum auswirken auf dem Markt. Bis zu mir im Raum Frankfurt/Main war diese Änderung nicht mal durchgedrungen. Das würde wohl hier auch für andere Orchester dieser Klasse so aussehen hier. Solche Änderungen werden eher regional aufgenommen.


    Auch ein regionales Profil ist ein Profil.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • nochmals: Bamberger Symphoniker

    Ich danke Bernd für seine Ergänzungen und Relativierungen. Im Zuge der 60-Jahr-Feierlichkeiten zum Bestehen des Orchesters wurde ich - das fällt mir jetzt ein - damit konfrontiert, das von Anfang an auch viele Musiker aus dem Großraum stammten, was ja sinnig erscheint. Dem Phänomen der Beschäftigung mit vieler weniger bekannter Literatur bin ich aber seit vielen Jahren begegnet. Bis zum ersten CD-Spieler habe ich bemerkenswert oft Einspielungen mit dem Orchester, auch unter wenig bekannten und jungen Dirigenten, mitgeschnitten. Auch dies gehört meines Wissens zu ihrem Image: die Pflege des Dirigiernachwuchses und entsprechende Wettbewerbe.

    Von einer Freundin, die beim Chor der Bamberger Symphoniker Honorarverträge wahrnimmt, weiß ich davon, dass Nott beliebt ist, sich anderem Repertoire geöffnet hat und vielleicht wirklich - sei es, wie es sei :P - dadurch ein "Profil" stärker neutralisiert hat. Die Mahler-Integrale wurde vielfach ausgezeichnet beurteilt - eine solche Rolle auf dem Konserven-Markt dürften die Bamberger vorher weniger ausgeprägt gespielt haben - wobei ich beispielsweise ihren K. A. Hartmann unter Metzmacher schätze oder ihren Martinu unter N. Järvi oder auch die Mozart-Konzerte mit Kirschnereit und Beermann. Das sind nun in der Tat Gastdirigenten gewesen.

    Mittlerweile würde sich ja eine Doppelung hin zu einem neuen Thread lohnen ... Wir müssen ja deswegen noch keinen Stellvertreterkrieg Bambergs gegen Wien führen, aber es läuft so hübsch parallel wie die Treppen des Schlosses von Blois ...

    :wink: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Dass die Wiener Philharmoniker normalerweise im Orchestergraben der Staatsoper Dienst tun, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Schon der Spielplan auf der website des Orchesters zeigt, dass dies unmöglich ist. Ich halte es für höchst unwahrscheinlich, dass das Orchester der Staatsoper und die Wiener Philharmoniker identische Klangkörpwer sind. Möglich wäre aber, dass man im Graben beginnt und dann "aufsteigen" kann.

  • Dem Phänomen der Beschäftigung mit vieler weniger bekannter Literatur bin ich aber seit vielen Jahren begegnet.

    Nach meinen Beobachtungen findet allerdings ein größerer Teil der Pflege unbekannteren Repertoires der Romantik nur als Aufnahme statt - in die Konzerte des Orchesters haben z.B. die Raff-Sinfonien kaum Eingang gefunden, oder? Ich erinnere mich jedenfalls nicht, habe aber auch nur von 2000 bis 2008 in Bamberg gelebt.

    Auch dies gehört meines Wissens zu ihrem Image: die Pflege des Dirigiernachwuchses und entsprechende Wettbewerbe.

    Seit der Einrichtung des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs, das war 2004 - daran erinnere ich mich noch lebhaft: Gewinner war seinerzeit ein junger Mann namens Gustavo Dudamel.


    Viele Grüße

    Bernd

    .

  • Zitat von Zwielicht

    Nach meinen Beobachtungen findet allerdings ein größerer Teil der Pflege unbekannteren Repertoires der Romantik nur als Aufnahme statt - in die Konzerte des Orchesters haben z.B. die Raff-Sinfonien kaum Eingang gefunden, oder? Ich erinnere mich jedenfalls nicht, habe aber auch nur von 2000 bis 2008 in Bamberg gelebt.

    Richtig! Ich dachte an Studioproduktionen zwischen vielleicht 1955 und vielleicht 1990.

    Es grüßt Wolfgang.

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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