Händel: Wassermusik

  • Händel: Wassermusik

    Am 17. Juli 1717 unternahm König Georg I. von Großbritannien eine Lustfahrt auf der Themse, über die wenig später folgender Zeitungsbericht erschien:

    Zitat

    Am Mittwoch abend, ungefähr um acht, begab sich der König in einem offenen Schiff auf eine Bootsfahrt… und fuhr, von vielen anderen, mit Standespersonen besetzten Booten begleitet, flussauf nach Chelsea. Ein Schiff der Stadtgilde trug die Musiker, die über 50 Instrumente jeglicher Art verfügten. Sie spielten die ganze Zeit die schönsten, besonders für diese Lustfahrt von Mr. Händel komponierten Sinfonien, welche Seiner Majestät derart gefielen, dass sie auf dem Hin- und Herweg dreimal wiederholt werden mussten.

    Bei den erwähnten "Sinfonien" handelt es sich um die Suite in D-Dur (HWV 349), zusammen mit den Suiten in F-Dur (HWV 348) und G-Dur (HWV 350) bekannt als "Wassermusik". Möglicherweise wurden während der Bootsfahrt die Suiten in D-Dur und G-Dur hintereinander gespielt. So sind diese Suiten auch heute noch oft zu hören, weil der Suite in G-Dur die Ouvertüre fehlt. Die Suite in F-Dur wurde wohl nicht zu diesem Anlass gespielt (wegen ihrer intimeren Instrumentierung ist sie für eine Freiluft-Aufführung weniger gut geeignet).


    Die "Wassermusik" ist eines der bekanntesten Werke Händels. In ihrer Klangpracht und einprägsamen Melodik spricht sie selbst Musikhörer an, die sonst keine Barockmusik (oder generell "klassische" Musik) hören.


    Kennt Ihr Händels "Wassermusik"? Welche Aufnahmen findet Ihr besonders gelungen und warum?


    Liebe Grüße von der Stichnote

  • Liebe Stichnote,


    ich habe selbst mal im Orchester Teile der "Wassermusik" gespielt, das ist aber lange her. Ich bin nicht unbedingt ein Händel-Experte, deswegen reiche ich drei Fragen mal in die Runde weiter:


    1) Größe der Besetzung: Verstehe ich dies richtig - es waren historisch mehr als 50 Musiker beteiligt? Denn mehr als 50 verschiedene Instrumente kommt mir etwas viel vor - das wäre ja Mahlersche Instrumentation... :D


    2) Aufnahmen I: Wie wird es auf HIP-Aufnahmen i. A. mit der Besetzung gehalten? Große Besetzung, analog zu dem zitierten zeitgenössischen Bericht?


    3) Aufnahmen II: Gibt es Aufnahmen von den von mir sehr geschätzten Il Giardino Armonico oder vielleicht dem Venice Baroque Orchestra? Wenn ja, wie werden diese bewertet?


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • 1) Größe der Besetzung: Verstehe ich dies richtig - es waren historisch mehr als 50 Musiker beteiligt? Denn mehr als 50 verschiedene Instrumente kommt mir etwas viel vor - das wäre ja Mahlersche Instrumentation... :D

    Lieber Symbol,


    gemeint sind sicher 50 Musiker, also eine für die damalige Zeit sehr starke Besetzung (deswegen wurde so wohl auch im Zeitungsbericht erwähnt).

    Zitat

    2) Aufnahmen I: Wie wird es auf HIP-Aufnahmen i. A. mit der Besetzung gehalten? Große Besetzung, analog zu dem zitierten zeitgenössischen Bericht?

    Die Besetzungsstärke hängt mit der Freiluftaufführung zusammen. Da Aufnahmen normalerweise in geschlossenen Räumen gemacht werden, wäre eine so starke Besetzung nicht unbedingt sinnvoll. Historische Aufführungspraxis bedeutet ja nicht unbedingt auch Wiederherstellung des Klangs bei einer historisch verbrieften Aufführung. Wer das wollte, müsste die Musiker während der Aufnahme in einem Schiff die Themse von London nach Chelsea hinunterfahren lassen. Das ist absurd und würde kaum die klanglichen Ergebnisse bringen, die man auf einer CD hören möchte.


    Liebe Grüße von der Stichnote

  • Liebe Stichnote,


    vielen Dank für die Infos! Du hast natürlich bezüglich des Freiluft-Aspekts vollkommen recht, den hatte ich nicht bedacht. Kurze Nachfrage: Gibt es eigentlich auch zeitgenössische Berichte von Händel-Aufführungen mit für damalige Verhältnisse großen Besetzungen in geschlossenen Räumen, also jenseits der Zwänge, die sich aus der Freiluft-Situation ergeben?


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Guten Abend


    Liebe Stichnote,



    1) Größe der Besetzung: Verstehe ich dies richtig - es waren historisch mehr als 50 Musiker beteiligt? Denn mehr als 50 verschiedene Instrumente kommt mir etwas viel vor - das wäre ja Mahlersche Instrumentation... :D


    Der Gesande des preußischen Königs in London geht in seinem Bericht über das Ergeinis etwas näher auf die Besetzung ein:


    "Auf das Boot des Königs folgte das mit den Musikern, 50 an der Zahl, die alle Arten von Instrumenten spielten, das heißt Trompeten, Hörner, Oboen, Fagotte, Querflöten, Blockflöten, Violinen und Bässe; Sänger waren nicht dabei"


    Bedingt durch die klimatischen Bedingungen auf der nächtlichen Themse hat man wohl auf empfindlichern Instrumente wie Cembalo und Lauten verzichtet haben.


    Gruß :wink:


    Deio

    " Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung !"


    (Heinrich Heine)

  • Guten Morgen


    Liebe Stichnote,


    Gibt es eigentlich auch zeitgenössische Berichte von Händel-Aufführungen mit für damalige Verhältnisse großen Besetzungen in geschlossenen Räumen, also jenseits der Zwänge, die sich aus der Freiluft-Situation ergeben?


    Eine große Besetzung verlangt das Concerto F-Dur HWV 334 aus den Concerti a due cori:
    Coro I: 2 Hörner, 2 Oboen, Fagott
    Coro II: 2 Hörner, 2 Oboen, Fagott
    dazu noch Streicher und B.c.


    Das Konzert wurde am 1. April 1741 im Convent Garden Theatre zur Premiere von Händels Judas Maccabaeus wahrscheinlich vor Beginn des III. Aktes aufgeführt.


    Gruß :wink:


    Deio

    " Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung !"


    (Heinrich Heine)

  • RE: Georg Friedrich Händel: Wassermusik

    Guten Morgen


    Bei den erwähnten "Sinfonien" handelt es sich um die Suite in D-Dur (HWV 349), zusammen mit den Suiten in F-Dur (HWV 348) und G-Dur (HWV 350) bekannt als "Wassermusik". Möglicherweise wurden während der Bootsfahrt die Suiten in D-Dur und G-Dur hintereinander gespielt. So sind diese Suiten auch heute noch oft zu hören, weil der Suite in G-Dur die Ouvertüre fehlt. Die Suite in F-Dur wurde wohl nicht zu diesem Anlass gespielt (wegen ihrer intimeren Instrumentierung ist sie für eine Freiluft-Aufführung weniger gut geeignet).


    Es gibt Hinweise, dass die Wassermusik bei der Bootsfahrt am 17.07.1717 schon vollständig mit allen 22 Sätzen aufgeführt wurde; Friedrich Bonet beschriebt ja genau das Instrumentarium:
    " toute sorte dínstruments, savior des trompettes, des cors de chasse, des haut bois, des bassons, des flutes allemandes, des flutes francaises a bec, , des violons et des basses."
    eine sonstige Komposition Händels in dieser Besetzung ist nicht bekannt.


    Zitat

    Kennt Ihr Händels "Wassermusik"? Welche Aufnahmen findet Ihr besonders gelungen und warum?


    An Einspielungen der Wassermusik besitze ich



    mit dem Concentus musicus Wien , und ihrem eigenwilligen Hörnerklang.




    mit dem Kings Consort , etwas brave Einspielung.



    mit Le Concert Des Nations , sehr lebendige Einspielung


    und



    mit Le Concert Spirituel , da scheppert und kracht es :D


    Gruß :wink:


    Deio

    " Ein Kluger bemerkt alles, ein Dummer macht über alles eine Bemerkung !"


    (Heinrich Heine)

  • Gibt es eigentlich auch zeitgenössische Berichte von Händel-Aufführungen mit für damalige Verhältnisse großen Besetzungen in geschlossenen Räumen, also jenseits der Zwänge, die sich aus der Freiluft-Situation ergeben?

    Ich meine mich zu errinern irgendwo über Aufführungen Corellischer Concerti mit um 100 Musiker gelesen zu haben... (also mehrfach besetzte Streicher, große Continuogruppe)
    Sie taten es schon, wenn sie genug Leute hatten... :P


    Jetzt wieder OT:


    Ich kenne auch mehrere Aufnahmen der Wassermusik, Pinnock bleibt bei mir die erste Wahl!

    "Vor dem Essen, nach dem Essen,


    Biber hören nicht vergessen!"



    Fugato

  • Es gibt Hinweise, dass die Wassermusik bei der Bootsfahrt am 17.07.1717 schon vollständig mit allen 22 Sätzen aufgeführt wurde; Friedrich Bonet beschriebt ja genau das Instrumentarium:
    " toute sorte dínstruments, savior des trompettes, des cors de chasse, des haut bois, des bassons, des flutes allemandes, des flutes francaises a bec, , des violons et des basses."
    eine sonstige Komposition Händels in dieser Besetzung ist nicht bekannt.

    Lieber Deio,


    in meiner Taschenpartitur finde ich nur 21 Sätze, offenbar gibt es hier abweichende Zählungen.


    Im Vorwort der Taschenpartitur wird der Bericht von Friedrich Bonet erwähnt, der Preussischer Beauftragter in London war. Laut Bonet dauerte die Aufführung des ganzen Werks eine Stunde, es wurde zweimal vor und einmal nach dem Souper gespielt.


    Bei dieser Aufführungsdauer können nur alle drei Suiten gespielt worden sein (Suite in F ca. 30 Minuten, Suiten in D und G jeweils ca. 10 Minuten, hinzu kommen noch Pausen zum Nachstimmen der Instrumente etc.).


    Ich hätte das Thema eingehender recherchieren müssen, dazu fehlte mir aber gestern abend die Zeit.


    Liebe Grüße von der Stichnote

  • Liebe Wassermusiker, :D


    bezüglich der genannten Einspielungen hätte ich ein paar kurze Rückfragen ad Harnoncourt:


    Von wann ist diese Aufnahme? Ich besitze Harnoncourts Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte aus den 1960er Jahren, die in derselben Reihe erhältlich war/ist, und muß ehrlich eingestehen, daß ich sie grauenhaft finde. Schleppende Tempi, Bläser, die ihre Instrumente kaum beherrschen, breiiges Musizieren. Seine Matthäus-Passion aus den frühen 1970er Jahren hingegen gefällt mir recht gut, so daß ich mir nicht ganz sicher bin, ob es vielleicht an der Frühzeit des Concentus Musicus lag, daß die Brandenburgischen Konzerte so daneben gingen (ähnliches äußerte mal ein CD-Fachverkäufer zu mir). Wie ist die Wassermusik gespielt? Und woher resultiert der genannte eigenwillige Hörnerklang des Concentus Musicus - ich würde doch vermuten, daß die verschiedenen Ensembles ähnliche Instrumente verwenden, oder? Vielen Dank bereits jetzt für alle Infos!


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Die "Wassermusik" ist eine gute Gelegenheit, mich im Hörvergleich zu üben und meine Geschmacksurteile zu verfeinern. Mit meiner Beurteilung der Cello-Sonaten von Maisky/Argerich bin ich ich ja ziemlich abgeschmiert ... :whistling:


    Folgende Aufnahmen besitze ich:







    Sehr gut abgeschnitten haben bei mir die English Baroque Soloists unter Gardiner (1984) und die Academy of St. Martin-in-the-Fields unter Marriner. Die Marriner-Truppe nimmt ein recht flottes Tempo, die Instrumente sind höher gestimmt als bei allen anderen Aufnahmen, die ich kenne. Ihr große Stärke liegt in den lyrischen Passagen, aber auch in den prunkvollen Tuttisätzen stehen sie hinter anderen HIP-Aufnahmen kaum zurück. Die Wassermusik von Gardiner ist vielleicht noch eine Spur ausgereifter und klangtechnisch befriedigender, aber persönlich gebe ich dem warmen Spiel der Academy den Vorzug. Manch einem mag jedoch das verzierungsreiche Spiel, das manchmal auch ein Vibrato nicht scheut, zu romantisch vorkommen.


    Über die Aufnahme des Stuttgarter Kammerorchesters unter Münchinger (1982) hat man, glaube ich, das meiste gesagt, wenn man es eine ordentliche Nicht-HIP-Einspielung nennt. Die Streicher sind mir zu laut und hell, die lyrischen Passagen zu romantisch-wiegend, fast pathetisch, aber leider nicht barock-tänzerisch. Trotzdem eine ganz ordentliche Leistung, die einem anderen Klang- und Stilideal verpflichtet ist, der nicht der meine ist.


    Hogwoods Aufnahme von 1978 fällt etwas ab. Hier fehlt es ein wenig am Schwung und an der Eleganz, die Händels Musik verströmen kann, stattdessen werden die Takte pedantisch durchexerziert und die Musiker schienen vom Ideal beseelt zu sein, nur das zu spielen, was in den Noten steht. Ich übertreibe etwas, aber ich könnte nicht sagen, warum man sie z.B. Münchinger vorziehen sollte, außer das Hogwood historische Instrumente verwendet.


    Beim Vergleichen habe ich mir auch mal die JPC-Hörschnipsel anderer wichtiger Aufnahmen zu Gemüte geführt. Richtig erschrocken war ich von Harnoncourt. :faint:





    Die Hörner klingen in der Tat unmöglich, wie meckernde Ziegenböcke, so kann das Händel nicht gemeint haben! Und die Air der Flöten in der 3. Wassersuite (in anderen Aufnahmen "Menuett" oder "Andante") ist in einem unglaublichen Affentempo bis zur Unkenntlichkeit zuschanden geritten worden. :stumm:


    Zitat

    Bedingt durch die klimatischen Bedingungen auf der nächtlichen Themse hat man wohl auf empfindlichern Instrumente wie Cembalo und Lauten verzichtet haben.


    Obwohl wir hier in Köln immerhin den Rhein haben, hat sich das Concerto Köln in seiner Aufnahme von 2008 dazu entschlossen, die Air der ersten Wassersuite auf dem Cembalo (!) einzuspielen. HIP goes Postmoderne! :D Ich glaube nicht, dass diese originelle Entscheidung historisch-aufführungspraktisch begründbar ist, oder doch? Immerhin hat Händel seine "Schlager" gerne recycelt, auch in anderen Instrumentationen. (Cembalo-Suite oder Concerto Grosse zu Orgelkonzert z.B.) Seinen Segen hätte das sicher gehabt.





    Die Coverphotographie ist jedenfalls ein typisch postmodernes, augenzwinkerndes Spiel mit Zitat und Realität. Das Wasser, auf dem Händels Musik gespielt wurde, als Bild im Museum. Da kann man dann auch ein Cembalo davorstellen, ohne dass es von den nassen Elementarkräften in Mitleidenschaft gezogen wird. :D


    Grüße,
    Jürgen

    --

    "Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
    Alfred Brendel


    "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie

  • Von wann ist diese Aufnahme? Ich besitze Harnoncourts Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte aus den 1960er Jahren, die in derselben Reihe erhältlich war/ist, und muß ehrlich eingestehen, daß ich sie grauenhaft finde. Schleppende Tempi, Bläser, die ihre Instrumente kaum beherrschen, breiiges Musizieren.

    Lieber Symbol,


    die Brandenburgischen Konzerte sind ein Thema für sich, und dazu noch ein ziemlich umfangreiches. Vielleicht kann die Moderation Deine Anmerkungen in ein neues Thema verschieben oder kopieren?


    Liebe Grüße von der Stichnote

  • Ich besitze neben dem bereits erwähnten Savall (auch meine erste Wahl) noch eine interessante Aufnahme mit August Wenzinger am Pult der Schola Cantorum Basiliensis. Diese frühen Vertreter der HIP-Bewegung liefern eine sehr respektable, wenngleich nach heutigen Maßstäben doch eher betuliche Einspielung ab. Um die Leistung aber voll würdigen zu können, muß man sie aber im Vergleich zB. zu Münchinger oder den damals üblichen Pultgöttern (zB HvK) sehen, nicht im Vergleich zu den heutigen Ensembles.


    Dritte Einspielung in der Sammlung ist die Tafelmusik unter Lamon. Gut, aber eher Mainstream-HIP, wenn ich so sagen darf.

    Die Grünen sind die Partei für all diejenigen, die bisher FDP gewählt haben und jetzt noch eine verkehrsberuhigte Straße vor ihrer Villa haben möchten.

  • Mit meiner Beurteilung der Cello-Sonaten von Maisky/Argerich bin ich ich ja ziemlich abgeschmiert ... :whistling:

    Lieber Nocturnus,


    es liegt in der Natur der Sache, daß zwei Menschen, die dieselbe Interpretation eines Musikstücks hören, nicht denselben Eindruck davon haben. Solange niemand seinen Eindruck zum einzig wahren erklärt, finde ich das völlig in Ordnung.


    Zu den Aufnahmen: Bei modernen Instrumenten ist die Academy auch mein Favorit, da wird sehr spritzig und mit viel Spielfreude musiziert. Es macht mir einfach Spaß zuzuhören. Die Münchinger-Aufnahme kenne ich nicht, allerdings habe ich eine Aufnahme der Bachschen Orchestersuiten, die mich in etwa ahnen läßt, wie die Wassermusik-Aufnahme wohl klingen würde.


    Bei den Aufnahmen mit Originalinstrumenten habe ich eine Einspielung mit dem Linde-Consort aus der EMI-Reihe "Reflexe" sowie eine weitere mit The English Concert aus dieser Box (meine sieht anders aus, der Inhalt ist aber gleich):



    The English Concert gefällt mir besser, der Linde-Consort klingt mir etwas zu akademisch (beide Aufnahmen entstanden Anfang der 80er Jahre).

    Zitat

    Die Hörner klingen in der Tat unmöglich, wie meckernde Ziegenböcke, so kann das Händel nicht gemeint haben!

    Wie kannst Du da so sicher sein? Nur, weil dieser Klang ungewohnt ist? Was Händel gemeint hat, könnte nur er selbst sagen. Leider ist er schon 250 Jahre tot, deswegen können wir ihn nicht mehr befragen. Die Hörner werden hier sehr "schmetternd" gespielt, das klingt so gar nicht wie der weiche Hornklang, den man aus der Romantik gewohnt ist.


    Ähnlich "schmetternde" Hörner gibt es auch oft in Telemanns Doppelkonzert für zwei Hörner aus dem 3. Teil der "Tafelmusik" zu hören, z. B. in dieser Aufnahme:



    Die Hörner spielen ja oft Dreiklangsmotive (z. B. im "Menuet for the French Horn" in der ersten Suite der Wassermusik), das klingt dann "schmetternd" gespielt wie ein rustikales Jagdsignal.

    Zitat

    Und die Air der Flöten in der 3. Wassersuite (in anderen Aufnahmen "Menuett" oder "Andante") ist in einem unglaublichen Affentempo bis zur Unkenntlichkeit zuschanden geritten worden. :stumm:

    Das gefällt mir auch nicht, ich habe das Stück zuerst gar nicht wiedererkannt. Ich weiß nicht, was er sich dabei gedacht hat...

    Zitat

    Obwohl wir hier in Köln immerhin den Rhein haben, hat sich das Concerto Köln in seiner Aufnahme von 2008 dazu entschlossen, die Air der ersten Wassersuite auf dem Cembalo (!) einzuspielen. HIP goes Postmoderne! :D Ich glaube nicht, dass diese originelle Entscheidung historisch-aufführungspraktisch begründbar ist, oder doch?

    Wohl kaum. Man nimmt an, daß kein Cembalo mit im Boot war. Bei einer Freiluft-Aufführung hätte man das Stück gar nicht gehört, wenn es vom Cembalo allein gespielt worden wäre. Aber ich finde, es ist eine aparte Abwechslung im Klang. Warum nicht?

    Zitat

    Immerhin hat Händel seine "Schlager" gerne recycelt, auch in anderen Instrumentationen.

    Ein Zeitgenosse schrieb über ihn: "He never wasted a good tune." Das trifft es ganz genau.


    Liebe Grüße von der Stichnote

  • Guten Tag



    Lieber Deio,


    in meiner Taschenpartitur finde ich nur 21 Sätze, offenbar gibt es hier abweichende Zählungen.


    Ich habe folgende Aufzählung der Sätze, die auch den meisten Einspielungen zugrunde liegen:


    No. 1 HWV 348/1 Overture
    No. 2 HWV 348/2 Adagio e staccato
    No. 3 HWV 348/3 [ohne Bezeichnung]
    No. 4 HWV 348/4 Andante
    No. 5 HWV 348/5 Allegro
    No. 6 HWV 348/6 Air
    No. 7 HWV 348/7 Minuet
    No. 8 HWV 348/8 Bourree
    No. 9 HWV 348/9 Hornpipe
    No. 10 HWV 348/10 [ohne Bezeichnung]
    No. 11 HWV 348/11 [ohne Bezeichnung]
    No. 12 HWV 348/12 [ohne Bezeichnung]
    No. 13 HWV 350/16 [ohne Bezeichnung]
    No. 14 HWV 350/17 [ohne Bezeichnung]
    No. 15 HWV 350/18 [ohne Bezeichnung]
    No. 16 HWV 349/14 Lentement
    No. 17 HWV 349/15 [ohne Bezeichnung]
    No. 18 HWV 350/19 Menuet
    No. 19 HWV 350/20 [Menuet 2]
    No. 20 HWV 350/21 [ohne Bezeichnung]
    No. 21 HWV 350/22 [ohne Bezeichnung]
    No. 22 HWV 350/13 Menuet


    In mindestens drei Sätzen (11, 16 + 22) handelt es sich um Entlehnungen Händels von Werken Reinhard Keisers.


    Zitat

    Im Vorwort der Taschenpartitur wird der Bericht von Friedrich Bonet erwähnt, der Preussischer Beauftragter in London war. Laut Bonet dauerte die Aufführung des ganzen Werks eine Stunde, es wurde zweimal vor und einmal nach dem Souper gespielt.


    Bei dieser Aufführungsdauer können nur alle drei Suiten gespielt worden sein (Suite in F ca. 30 Minuten, Suiten in D und G jeweils ca. 10 Minuten, hinzu kommen noch Pausen zum Nachstimmen der Instrumente etc.).


    Es gibt Hinweise, die Vermuten, dass bei der königlichen Bootsfahrt zwischendurch Pausen eingelegt wurden, um der Bevölkerung Gelegenheit zu geben den König zu huldigen und mit Standespersonen zu konversieren.
    (Stelle mir gerade vor, unsere jetzige Regierung fährt in Booten über die Berliner Wasserstrassen und läßt sich dabei huldigen :D )


    Gruß :wink:


    aus der Kurpfalz


    Deio

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    (Heinrich Heine)

  • Zu den Aufnahmen: Bei modernen Instrumenten ist die Academy auch mein Favorit, da wird sehr spritzig und mit viel Spielfreude musiziert. Es macht mir einfach Spaß zuzuhören. Die Münchinger-Aufnahme kenne ich nicht, allerdings habe ich eine Aufnahme der Bachschen Orchestersuiten, die mich in etwa ahnen läßt, wie die Wassermusik-Aufnahme wohl klingen würde.


    Liebe Stichnote,


    ich habe gar nicht bemerkt, dass die Academy auf modernen Instrumenten spielt. :hide:
    Immerhin zeigt sie, das man auch auf modernen Instrumenten historisch informiert spielen kann. Wenn du wissen willst, wie Münchinger spielt, hör doch mal in die JPC-Kostproben rein. Auch wenn die Klangqualität natürlich nicht super ist, für Hörvergleiche reicht das allemal.


    Die Hörner klingen in der Tat unmöglich, wie meckernde Ziegenböcke, so kann das Händel nicht gemeint haben!


    Wie kannst Du da so sicher sein? Nur, weil dieser Klang ungewohnt ist? Was Händel gemeint hat, könnte nur er selbst sagen. Leider ist er schon 250 Jahre tot, deswegen können wir ihn nicht mehr befragen. Die Hörner werden hier sehr "schmetternd" gespielt, das klingt so gar nicht wie der weiche Hornklang, den man aus der Romantik gewohnt ist.


    Ähnlich "schmetternde" Hörner gibt es auch oft in Telemanns Doppelkonzert für zwei Hörner aus dem 3. Teil der "Tafelmusik" zu hören, z. B. in dieser Aufnahme:


    In dieser Aufnahme schmettern die Hörner, das gefällt auch mir sehr gut. Hör aber mal in die JPC-Tonschnipsel von Harnoncourt rein, insbesondere in den 3., aber auch den 6. Track. Das ist kein Schmettern mehr, sondern wirklich ein hässliches Meckern. :stumm:


    Obwohl wir hier in Köln immerhin den Rhein haben, hat sich das Concerto Köln in seiner Aufnahme von 2008 dazu entschlossen, die Air der ersten Wassersuite auf dem Cembalo (!) einzuspielen. HIP goes Postmoderne! :D Ich glaube nicht, dass diese originelle Entscheidung historisch-aufführungspraktisch begründbar ist, oder doch?


    Wohl kaum. Man nimmt an, daß kein Cembalo mit im Boot war. Bei einer Freiluft-Aufführung hätte man das Stück gar nicht gehört, wenn es vom Cembalo allein gespielt worden wäre. Aber ich finde, es ist eine aparte Abwechslung im Klang. Warum nicht?


    Ebend. Die tausendundxte Einspielung der Wassermusik sollte wirklich was Apartes für sich haben. 8+)


    Ich dachte nur an die Möglichkeit, dass die Wassersuiten auch an Land gespielt worden sein könnten, da hätte Händel das Cembalo möglicherweise als B.C. verwendet. Als Solo-Instrument jedoch eher nicht, denke ich.


    Zitat


    Ich habe folgende Aufzählung der Sätze, die auch den meisten Einspielungen zugrunde liegen:


    Die unterschiedlichen Zählungen kommen nicht nur durch verschiedene Namensgebung zustande, sondern auch dadurch, dass in manchen Einspielungen Sätze zusammengefasst werden, die anderswo getrennt sind. Das ist insbesonders bei der Suite Nr. 3 G-Dur der Fall:


    Marriner: Without tempo indication - Rigaudon - Menuet - Bourrée (4 Sätze, ca. 9,5 min)
    Hogwood: (Menuet) - Presto - Menuet - (Menuet) - Country Dance (5 Sätze, ca. 10 min)
    Gardiner: ohne Tempobezeichnung - (Rigaudon - o. T.) - (Menuet - o. T.) - (o. T. - o. T.) (7 Sätze, 4 Tracks, ca. 10 min)
    Concerto Köln: (Menuet) - Rigaudon - ohne Satzbezeichnung - Rigaudon da capo - Menuet - o. S. - o. S. - o. S. (8 Sätze, ca. 8, 5 min!)


    Grüße,
    Jürgen

    --

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    Alfred Brendel


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  • Ein großes Mißverständnis, wenn man historisch informierte Aufführungspraktik -bzw. die tatsächliche historische überlieferte Besetzung immer mit kleinen Ensembles in Verbindung bringt.


    Gerade höfische Orchester - oder eben jene Konzerte in Rom waren ziemlich stark besetzt.
    Das frz. Hoforchester umfasste auch gute 60 Musiker, da sind 50 Musiker bei Händel keineswegs zu hoch gegriffen.



    Zitat

    Bedingt durch die klimatischen Bedingungen auf der nächtlichen Themse hat man wohl auf empfindlichern Instrumente wie Cembalo und Lauten verzichtet haben.


    Solche Instrumente wurden bei der Freilichtmusik prinzipiell nie benutzt - ich glaube da hat man sich auch an Frankreich orientiert, da man da Mittel und Wege fand, ein ganzes Orchester dem König durch die Gärten spielend folgen zu lassen.
    Ich wusste nur durch die Quellen, dass das so gemacht wurde - aber ich konnte mir nicht vorstellen wie man das gemacht hat, gerade wegen den Instrumenten die man ja nur sitzend spielen kann.


    Aber es gab Gamben und man denke an das Cello da spada, die an der Brust gehalten wurden: Problem gelöst :D



    Was die Continuo Instrumente betrifft, so gibt es die These, dass diese Instrumente in der Oper bei den Ensemblestücken (also Instrumentalnummern) nicht mitspielten, sondern nur die Rezitative begleiteten.
    Daher ist es denkbar, dass man auch bei der Aufführung von Suiten darauf verzichtete.
    Es gibt da verschiedene Versuche das so zu machen - ob man das mag, muss man selbst entscheiden - ich persönlich mag beide Ansätze mit und ohne :D

  • Neulich erst erstmals bewusst durchgehört...


    Ich finde: Händels abwechslungs- und farbenreiche Stücke bestechen mit inspirierter melodischer und einfallsreicher instrumentatorischer Abwechslung, feierlich, teilweise polyphon, sich ausbreitend, dann wieder ganz kurz, vielfach ineinander übergehend, Tanzsätze und Zuhörmusik voller überraschender Einfälle. Mit dieser Aufnahme dafür gewonnen:



    Der Konzertmitschnitt vom 15.5.2016 aus der Stadthalle Göttingen mit dem von Laurence Cummings geleiteten FestspielOrchester Göttingen, veröffentlicht auf CD Accent ACC 26407, präsentiert die Musik in gegenüber den Suiten leicht veränderter (eine Art konzertanten Bogen deutlicher spannender) Stückfolge meinem Hörempfinden nach orchestral großartig, man ist gleich Feuer und Flamme für sie.


    Die Abfolge in Göttingen 2016: 1 Ouvertüre: Largo - Allegro HWV 348/1, 2 Adagio e staccato HWV 348/2, 3 Allegro HWV 348/3, 4 Andante - Allegro da capo HWV 348/4, 5 Allegro HWV 348/5, 6 Air HWV 348/6, 7 Minuet HWV 348/7, 8 Bourrée HWV 348/8, 9 Hornpipe HWV 348/9, 10 Allegro moderato HWV 348/10, 11 Allegro HWV 349/11, 12 Alla hornpipe HWV 349/12, 13 Sarabande HWV 350/16, 14 Rigaudon HWV 350/17, 15 Rigaudon HWV 350/18, 16 Lentement HWV 349/14, 17 Bourrée HWV 349/15, 18 Menuett HWV 350/19, 19 Menuett HWV 350/20, 20 Gigue HWV 350/21, 21 Gigue HWV 350/22 und 22 Menuett (Coro) HWV 349/13.


    Was könnte man herausheben? Die Oboenmelodie des Adagio e staccato, das zehrend-sehnsüchtige Allegro moderato (10), das Wechselspiel der Trompeten und Hörner in der Hornpipe (12), die zauberische Flötenmelodiesarabande (13) oder den auch zauberischen Menuett Tanz (19)? Bei mir seither: Ganz durchhören, immer wieder, dann kommt aller Zauber inmitten des Feierlichen, Würdigen umso berückender.


    Nikolaus Harnoncourts Aufnahme mit dem Concentus Musicus Wien (weiter oben bereits kritisch genannt, auf die war ich dann auch gespannt) höre ich so: Anders spannend wird hier die Musik gestaltet, etwas geschärfter (schnarrende Hörner!), kontrastiver, weicher und dann wieder umso kantiger, auch geheimnisvoller, in ihrer Art (jedenfalls für mich) genauso überzeugend wie die Göttinger Aufnahme. Der beherzte Zugriff des Concentus Musicus hat für den Schreiber einmal mehr etwas besonders herzlich für sich Einnehmendes.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

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