Schwindelgefühle beim Musikhören?

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  • Schwindelgefühle beim Musikhören?

    Die drei Bogengänge im Innenohr registrieren Bewegungen des Körpers. Stimmen aber die optischen Eindrücke mit den Eindrücken des Gleichgewichtsorgans nicht überein, etwa weil ich mich im fensterlosen Inneren eines Schiffes befinde, löst das Gehirn Schwindel bzw. Seekrankheit aus.


    Hörorgan und Gleichgewichtsorgan sind dicht miteinander verknüpft.


    Auf anderen Gebieten, bei denen Sinnesorgane dicht beieinander liegen, kann es zu Fehlern bzw. Vermischungen kommen, wie etwa bei der Synästhesie, So kommt es, dass Hörorgan und Sehorgan interagieren, betroffene können Töne sehen.


    Ich hörte kürzlich einem Musiker zu, der offenbar etwas gegen ein gleichmäßiges Metrum hat. Als Interpretationsansatz für Stücke von Bach machte er ein eierndes Gummilaufband aus dem Metrum. Daueragogik bis zum Gehtnichtmehr. Ständiges Eiern in der Gestaltung der Musik, Phrasierungen als Dauerseufzermotive gestaltet.. Mich verstörte dies so, dass mir tatsächlich körperlich schwindelig wurde. Ist doch lustig/interessant/möglich, dass hier vielleicht Hörorgan und Gleichgewichtsorgan syästhetisch zusammengewirkt haben?


    Ist Euch auch schon mal so eine extreme körperliche Reaktion auf Musik mit eierndem / unberechenbarem Metrum passiert?

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Bei äußerst tiefen und lauten Tönen (nicht unbedingt in musikalischer Absicht erzeugt ;) ) kann einmal durchaus schon mal schlecht werden... ;)




    Auf anderen Gebieten, bei denen Sinnesorgane dicht beieinander liegen, kann es zu Fehlern bzw. Vermischungen kommen, wie etwa bei der Synästhesie, So kommt es, dass Hörorgan und Sehorgan interagieren, betroffene können Töne sehen.

    Töne "sehen" (u. ä.) kann man auch nach der Einnahme von LSD...

    zwischen nichtton und weißem rauschen

  • Interessante Beobachtungen!


    Bei mir geschieht es umgekehrt. Ich erlebe relativ oft Schwindelempfindungen: um sie zu neutralisieren, höre oder spiele ich Bach.
    Meistens hört der Schwindel dann auf!


    Herzlich grüsst Walter

  • Lieber ThomasBernhard,


    kann es auch sein, dass Dich die Interpretation dermaßen geärgert hat, dass der Kreislauf darauf reagiert hat? :D

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Nein, zum Ärger hat sich meine Verwunderung nicht gesteigert. Und ich war auch nicht betrunken.

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Im Prinzip halte ich das schon für möglich. Schwindlig wird einem auch dann, wenn man mit den Sinnen keinen gemeinsamen Bezugspunkt findet. Normalerweise ist natürlich eher der Sehsinn entscheidend, aber bei Musikern kann das wohl auch der Hörsinn sein. Ich nehme an, Du spielst das Stück selbst?

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • die konkreten Stücke nicht, aber ähnlich geartete spiele ich selbst und ich hatte die Stücke auch sehr gut "im Ohr".

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Lieber FM,


    nee, die unbehaglichen Schwindelgefühle, die ich in diesem Konzert hatte, hatte ich in dieser starken Form nur dort. Hatte vielleicht doch eher körperliche als musikalische Gründe.


    Ansonsten gibt es Musik, deren Rausch und Schwindel gewollt und hoch erwünscht ist, wie Queen Mab oder manches, was uns als "leichte", perlende Musik vorkommt (Mendelssohn, Rossini, gute Waler, etc.)

    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.

  • Vielleicht hatte es bei mir heute auch körperliche Ursachen, aber beim konzentrierten Hören des Mab Scherzos haben mir die vielen rhythmischen Quertreiber und Häkchen echt auf den Magen geschlagen. Bei Mendelssohn ist mir das noch nicht passiert. Das ist zwar rhythmisch auch virtuos aber nicht auf so hochraffinierte Art subversiv wie Berlioz' Scherzo hier.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Das Thema finde ich sehr interessant! Als Einstimmung kann man gleich mal das passende Stück von Ligeti dazu hören:https://www.youtube.com/watch?v=LkYNZZxE01c


    Ich kenne einige körperliche Reaktionen von mir oder anderen. Beispiele sind Unwohlsein / Übelkeit bei stark verstimmten Instrumenten oder bei Instrumenten, die nicht der Stimmung des (falls vorhanden) eigenen absoluten Gehörs entsprechen. Herzrasen, erhöhter Puls usw. bei bestimmter Art der Darbietung in Konzerten, dazu gehört ein sehr unsicheres Spiel ("bitte flieg nicht raus... bitte finde wieder rein...") oder eine Interpretation, die ich unverschämt, arrogant oder eingebidlet finde. Tatsächlich entwickle ich manchmal eine regelrechte Abneigung gegen Musiker aufgrund ihrer Interpretation, ohne je mit ihnen gesprochen zu haben - das tut mir dann immer leid und ich schelte mich selber ein bisschen dafür, aber gegen diesen Eindruck kann ich auch nichts machen.
    Ich habe auch schon von "Zusammenbrüchen" bei Rachmaninovs 3. Klavierkonzert gehört (und zwar nicht beim Pianisten, sondern beim Zuhörer daheim vor der Anlage). Von Tränen und (vorübergehender) Apathie braucht man natürlich erst gar nicht zu sprechen.


    Warum sollte Schwindel nicht auch dazugehören?


    Auslöser können u.U. auch Schallwellen sein, z.B. besonders hohe oder tiefe. Eine Freundin meiner Mutter fiel mal in Ohnmacht, als mein Bruder sehr hoch Geige spielte; (sehr) tiefe Bässe, die man möglicherweise kaum noch auditiv wahrnimmt, wirken ebenfalls sehr stark auf den Körper (merkt man im Kino), sowie überhaupt ein hoher Schalldruck vor Boxen bzw. nah an Musikinstrumenten körperlich stark wahrnehmbar ist.

  • Ist Euch auch schon mal so eine extreme körperliche Reaktion auf Musik mit eierndem / unberechenbarem Metrum passiert?

    obwohl mich Interpretationenen ohne irgendwie erkennbaren "Puls" zum Wahnsinn treiben, hatte ich solche körperlichen Symptome noch nicht, nur die dann halt auftretende innere Unruhe und Unlust.
    Ansonsten bin ich rhythmisch hart im Nehmen. Ungenau gespielte 7/8-Takte finde ich schwer zu ertragen, aber das .liegt vielleicht daran, daß zusammengesetzte Metren schon von sich aus eine höhere Konzentration verlangen und es extre, nervt, wenn die dann gestört wird von Unklarheiten.


    Was mir körperliches Übelsein verursachen kann, sind türkische ("neutrale") Terzen und andere Vierteltöne.
    Während ich die indischen Intonationen meistens als genauer und stimmiger empfinde als die westlichen, zumindest bei Bordunmusik, die ein genaueres Hören der melodischen Stufen ermöglicht.

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Was mir körperliches Übelsein verursachen kann, sind türkische ("neutrale") Terzen und andere Vierteltöne.

    Was verstehst Du unter "türkischen" Terzen? ?( Und um "Vierteltöne" im Sinne von 50 cent-Schritten dürfte es sich dabei doch auch nicht handeln....


    Das im orientalischen Bereich (z.T.?) andere Stimmungen verwendet werden als in Europa, ist mir durchaus bekannt.

    zwischen nichtton und weißem rauschen

  • Was verstehst Du unter "türkischen" Terzen? ?( Und um "Vierteltöne" im Sinne von 50 cent-Schritten dürfte es sich dabei doch auch nicht handeln....

    ich hatte mal eine Saz in der Hand, da sind tatsächlich zwischen "unseren" Halbtönen noch Bünde (wenn auch nicht überall), und zwar ziemlich genau dazwischen. Gibt auch Gitarristen, die sich extra Bünde einbauen lassen. Ob das jetzt in temperiertem Sinne genau Vierteltöne sind dann, war mir jetzt nicht so wichtig: mir hat der Ton zwischen großer und kleiner Terz körperliches Unwohlsein verursacht.
    Und da ich ihn außer in türkischer Musik noch nicht gehört habe, meine saloppe Bezeichnung, mit der ich niemandem zu nahe treten wollte.
    Wahrscheinlich kann man sich auch einhören und dann Genuß empfinden dabei, aber das war ja hier nicht das Thema...

    Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
    daß Alles für Freuden erwacht

  • Es gibt so etwas wie eine musikalische Muttersprache - anerzogen. Man hat mit Säuglichen Experimente gemacht, auf welche Art von Musik sie wie reagieren. Anfangs war die Reaktion auf westliche, östliche und noch andere Musik (ich weiß nicht, was alles dabei war, vielleicht auch afrikanisch usw.) gleich, später hat sich dann die kulturell präferierte herauskristallisiert.
    Gleichzeitig gibt es auch "Bimusikalität" - Menschen, die von Geburt an in zwei "Musikalitäten" zu Hause sind. Könnte z.B. bei Asiaten der Fall sein, die Folksmusik und klassische Musik kennen.
    Was das für eine Studie war, weiß ich leider nicht mehr, habe ich am Anfang meines Studiums gehört (bei Dr. Andreas Lehmann aus Würzburg), fand es aber sehr interessant.


    Also: Ja, man kann jede Art von Musik genießen - und genießen lernen. Wenn man sich z.B. mal mit indischen Rags beschäftigt, was ich im letzten Semester getan habe, entdeckt man, was das für Musik ist und wie komplex und entwickelt sie ist. Wenn man hingegen einem Indigenen aus dem Regenwald die Goldbergvariationen vorsetzt, wird er die vermutlich auch nicht sonderlich genießen können und wollen. Den Rag vermutlich auch nicht. Es hängt alles damit zusammen, ob man die Musik versteht. Wobei "verstehen" schon manchmal auf sehr geringem Niveau funktioniert, z.B. bei Kenntnis der akzeptierten Metren, Rhythmen und des Tonsystems - sonst könnte ein Normalbürger ja gar nicht Radio hören.

  • Es gibt so etwas wie eine musikalische Muttersprache - anerzogen

    das ist sehr interessant zu lesen, diese soziale Prägung. Denn damit wäre die von manchen vertretene These, dass sog. tonale Mucke natürlich/naturgegeben und der Weg in die sog. Atonalität ein Irrweg wäre, weil unnatürlich, nicht haltbar; wie etwa die Überzeugung, dass nur "gesunde" Ohren bestimmte Art von Dissonanzen zurückweisen

    man hat mit Säuglichen Experimente gemacht, auf welche Art von Musik sie wie reagieren. Anfangs war die Reaktion auf westliche, östliche und noch andere Musik (ich weiß nicht, was alles dabei war, vielleicht auch afrikanisch usw.) gleich, später hat sich dann die kulturell präferierte herauskristallisiert.

    mich würde interessieren, wie Säuglinge auf z.B. sog. freie Atonalität der Neuen Wiener Schule reagieren.....

    Also: Ja, man kann jede Art von Musik genießen - und genießen lernen.

    ich denke auch, dass der Zugang zu den verschiedenen Mucken-Ausprägungen durch und durch gesellschaftlich vermittelt ist....

    Wobei "verstehen" schon manchmal auf sehr geringem Niveau funktioniert, z.B. bei Kenntnis der akzeptierten Metren, Rhythmen und des Tonsystems - sonst könnte ein Normalbürger ja gar nicht Radio hören.

    Der Prozess des Verstehens vollzieht und differenziert sich m.E. in Schichten bzw. Stufen, ist und bleibt somit prozessual...
    Mucke die mir sofort gänzlich verständlich wäre, würde mich sowieso nicht interessieren.

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

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