Strauss, Richard: Oboenkonzert D-Dur

  • Strauss, Richard: Oboenkonzert D-Dur

    Nachdem der Oboenkollege Cherubino hier dankenswerterweise ein Fagottkonzert vorgestellt hat, drängt es mich jetzt doch zu ein paar Zeilen über das von mir besonders geliebte Oboenkonzert von Richard Strauss (generell schätze ich gerade im Bereich der Orchestermusik den späten Strauss höher als den frühen - für das 2. Hornkonzert, das Oboenkonzert, die Metamorphosen und das Duett-Concertino gebe ich sämtliche Sinfonischen Dichtungen von "Aus Italien" bis zur "Alpensinfonie" bedenkenlos hin!):

    In dem unmittelbar nach den Metamorphosen entstandene Konzert findet Strauss zu einem luziden, zunächst einmal heiter wirkendem Stil zurück. Aus dem simplen, in Sekunden wechselnden Eingangsmotiv der Celli erhebt sich nach zwei Takten die Oboe mit nahezu endlosen, bukolisch wirkenden Sechzentel-Girlanden. Nach über fünfzig Takten wird schließlich ein ausdrucksvolles, ruhigeres Seitenthema erreicht, dann kommt in der Kombination, Variation und Verbreiterung dieser beiden Elemente einiges an Leidenschaftlichkeit auf. Diese wiederum wird abgelöst durch einen scherzomäßig lebhaften Teil, der das Soloinstrument in Zweiundreißigstel-Skalen regelrecht Kobolz schießen läßt. Alle Motive werden dann noch bis zum Beginn des langsamen Satzes sehr ökonomisch und altersweise synthetisiert.

    Der langsame Satz beginnt beziehungsreích "auf ein Neues" mit dem Sekundspiel der tiefen Streicher, welches schnell in die "himmlischen Längen" einer wunderbaren Kantilene des Soloinstrumentes übergeht. Alles in allem wirkt dieses "Andante" ausgesprochen zeitvergessen. Es mündet mit seiner vom Solisten nur unter größten Schwierigkeiten zu realisierenden Reminiszenz in silberblaue Traumes- oder Erinnerungsfernen.

    Die virtuose Kadenz zwischen dem 2. und 3. Satz reißt den Hörer dann wieder einigermaßen aus dem fernem Blau heraus. Sie stellt die Überleitung in eine Art Scherzo dar. Ein wenig offen bleibt die Frage, ob Strauss sein Oboenkonzert eigentlich drei- oder viersätzig angelegt hat, aber auf jeden Fall schlägt der Komponist mit den auf den Kopf gestellten Wechselnoten, die das Stück beschließen, eine geistreiche Brücke zum Anfang der Komposition.

    Das Oboenkonzert hat Richard Strauss 1945 auf Anregung des damals als Soldat in Garmisch stationierten Pittsburgher Solooboisten John de Lancie komponiert, Während Strauss der kurz zuvor erfolgten Uraufführung seiner Metamorphosen nicht beiwohnte, saß er bei der Premiere des Oboenkonzerts zunächst hinten im Saal, aber eine Zuhöhrerin aus der ersten Reihe tauschte dann doch symbolisch den Platz mit ihm.

    Auf die verschiedenen Aufnahmen des Stücks gehe ich dann (vornehmlich aus Oboistenperspektive :schaem: ) gerne noch später ein.

    Viele Grüße

    Bernd


    .

  • Aus dem simplen, in Sekunden wechselnden Eingangsmotiv der Celli erhebt sich nach zwei Takten die Oboe mit nahezu endlosen, bukolisch wirkenden Sechzentel-Girlanden.

    Zu diesem Eingangsmotiv wird folgender witziger Hintergrund überliefert:
    Strauss hatte eigentlich keine Lust mehr zu komponieren, die vom Auftraggeber gebotenen "thousand Dollar" sorgten dann aber doch dafür, zusammen mit dem Zureden von Frau Pauline, die Bedenken beiseitezulegen.
    Diesen Entscheidungsprozess hat Strauss im Beginn verewigt: "thousand Dollar?... thousand Dollar?..." - dann erst darf der Oboist zu seiner weit ausholenden Kantilene starten.
    (wurde mir von einem sehr bekannten Oboisten erzählt)

    Gruß,
    Khampan

  • Hallo arundo donax und andere Richard-Strauss-Liebhaber!

    Ich bin auch ein Liebhaber des Spätwerkes von Richard Strauss, das ich als einen einzigartigen Ausdruck einer zweiten Naivität eines großen Künstlers betrachte. Während andere Spätromantiker, die vor dem Ersten Weltkrieg ihre künstlerische Reife erlangt hatten, im hohen Alter verstummten, man denke hier etwa an Sibelius, bekam Richard Strauss, dessen Werk zwischen den Weltkriegen deutliche Zeichen einer nachlassenden künstlerischen Kraft trägt, noch einmal einen großen Kreativitätsschub in seinen letzten Jahren. Vielleicht eine Belohnung der Musen für den berühmten Schritt zurück, den Strauss nach der Elektra nahm?

    Anders als dem Strangeröffner gefällt mir das ochestrale Werk von Richard Strauss vor dem Ersten Weltkrieg sehr gut, auch wenn natürlich hier mehr als nur ein kleiner Hauch der Dekadenz, welche die europäische Welt in dieser Zeit erfasste, vorhanden ist.Trotzdem gefällt mir die stupende orchestrale Meisterschaft und auch die inhaltliche Mischung aus Bombast und Ironie sehr gut. Glücklicherweise muss mich gar nicht zwischen Früh- und Spätwerk entscheiden, sondern kann beide genießen.

    Unter den späten Bläserkonzerten ist mir eigentlich das Concertino für Fagott und Klarinette mit seiner melancholischen Stimmung am meistens ans Herz gewachsen. Das Oboenkonzert höre ich mittlerweile aber auch gerne. Kennengelernt habe ich dieses Werk in der Box mit Orchesterwerken mit der Staatskapelle Dresden unter der Stabführung von Kempe, die es bei EMI, mittlerweile aber auch als Nachpressung bei Brilliant gibt. Die Kempe-Box hat einen sensationellen Ruf, den ich allerdings nicht ganz stützen kann. Sicherlich ist ihr Erwerb ein guter, und vor allem preisgünstiger Einstieg, aber ich hatte eigentlich keine Mühe, für die meisten Werke Alternativaufnahmen zu finden, die mir viel besser gefallen. So auch beim Oboenkonzert. In der Kempe-Box ist der Solist Manfred Clement. Irgenwie klang mir die Oboe hier zu quäkig, zu wenig körperhaft, und auch der Mischklang der Staatskapelle Dresden war meiner Meinung nach nicht optimal, um die Feinheiten der Partitur zur Geltung zu bringen.

    Als nächstes lernte ich das Obenkonzert mit Alex Klein, dem Solooboisten des Chicago-Symphony-Orchestra, unter der Leitung von Barenboim kennen. Hier gefiel mir das Werk schon viel besser. Der Schwachpunkt dieser Aufnahme ist das etwas zähe Dirigat, das aber immerhin die Partitur gut durchhörbar macht.

    Den richtigen Durchbruch mit diesem Werk verschaffte mir erst die Aufnahme mit Heinz Holliger (Solist und Dirigent) und dem Chamber Ochestra of Europe. Holliger ist nicht nur ein Meister auf seinem Instrument , sondern ihm gelingt es auch, die musikalischen Strukturen vollkommen logisch zu präsentieren, vielleicht hat er hier durch Betätigung als Komponist (ich kenne seine Werke allerdings nicht) einen Vorteil gegenüber seinen Kollegen.

    Soviel zu meinen laienhaften Eindrücken. Mit Interesse erwarte ich die Einschätzungen der Aufnahmen durch einen professionellen Oboisten wie arundo donax.

  • Khampan, die 1000-Dollar-Anekdote kannte ich noch nicht! Ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes ist sie auf jeden Fall bezeichnend für Straussens Geschäftstüchtigkeit. Und ohne John de Lancies Vorstoss gäbe es das Oboenkonzert vermutlich nicht, denn auf die Frage des Amerikaners, ob er jemals daran gedacht hätte, ein solches Werk zu schreiben, hat Strauss der Überlieferung nach zuerst mit einem deutlichen "Nein!" geantwortet.

    Zitat

    Ich bin auch ein Liebhaber des Spätwerkes von Richard Strauss, das ich als einen einzigartigen Ausdruck einer zweiten Naivität eines großen Künstlers betrachte.

    Malsehn, eine vergleichbare Stilentwicklung läßt sich interessanterweise bei dem anderen großen Spätestromantiker dieser Zeit ausmachen: Hans Pfitzners Sinfonien op. 44 und 46, das Quartett op. 50 sowie das Sextett op. 55 zielen ebenfalls Richtung Haydn, sind melodisch/harmonisch heller, zunächst "einfacher" anmutend gehalten als seine teilweise hart an die Grenzen der Tonalität gehenden mittleren Werke.

    Zitat

    In der Kempe-Box ist der Solist Manfred Clement. Irgenwie klang mir die Oboe hier zu quäkig, zu wenig körperhaft, und auch der Mischklang der Staatskapelle Dresden war meiner Meinung nach nicht optimal, um die Feinheiten der Partitur zur Geltung zu bringen.

    Clements Oboenklang wirkt auf meine Ohren recht obertonreich, aber gleichzeitig auch sehr weich, warm und substanzvoll. Tonlich ist das ziemlich nahe an meiner Idealvorstellung, aber leider spielt Clement in agogischer und dynamischer Hinsicht sehr steif und geradeaus. Deshalb habe ich mit seiner Interpretation dann doch Probleme.
    Am besten gefällt mir am Ende ebenfalls Holliger, der in der Tradition der alten französischen Schule einen sehr hellen, dünnen, nasalen und irgendwie plärrigen Klang pflegt. Ausgeglichen wird dieser für viele deutsche Oboistenohren unattraktive Klang jedoch durch eine bestechende Beweglichkeit in Kombination mit einem absolut sicheren musikalischen Gespür.

    Zitat

    Holliger ist nicht nur ein Meister auf seinem Instrument , sondern ihm gelingt es auch, die musikalischen Strukturen vollkommen logisch zu präsentieren

    Da stimme ich uneingeschränkt zu! Persönlich favorisiere ich allerdings gegenüber der Einspielung mit dem Chamber Ochestra of Europe meine alte LP, auf der Holliger vom New Philharmonia Orchestra London unter Edo de Waart begleitet wird.

    Ansonsten liegen mir noch sehr klangschöne, aber musikalisch weniger fesselnde Interpretationen mit Fumiaki Miyamoto (bei dem ich mal eine kürzere Zeit studiert habe), Lajos Lencses und Albrecht Mayer vor. Eine Aufnahmung mit Ingo Goritzki sagt mir weder tonlich noch musikalisch zu.

    Viele Grüße

    Bernd

  • Zitat

    Clements Oboenklang wirkt auf meine Ohren recht obertonreich, aber gleichzeitig auch sehr weich, warm und substanzvoll. Tonlich ist das ziemlich nahe an meiner Idealvorstellung, aber leider spielt Clement in agogischer und dynamischer Hinsicht sehr steif und geradeaus. Deshalb habe ich mit seiner Interpretation dann doch Probleme.


    Hallo Bernd!

    Um wieder vom dekadenzträchtigen Exkurs zum eigentlichen Thema dieses Strangs zurückzukommen: Ich habe mir heute noch einmal die Kempe-Aufnahme angehört, und ich nehme meine Charakterisierung des Tons von Clement als "quäkig" vollkommen zurück. Ehrlich gesagt fand ich den Ton sogar schöner als den von Holliger, der tatsächlich sehr hell, fast schon ein bisschen spitz im Vergleich ist. Auch das Dirigat von Kempe gefiel mir heute sehr gut. Vielleicht war mein Urteil über Kempe auch etwas ungerecht. Der Don Quixote in der Strauss-Box ist zum Beispiel sehr gut.

    Trotzdem war es tatsächlich so, dass ich mit dem Werk jahrelang in der Kempe-Aufnahme nicht recht warm wurde und erst mit Holliger der Durchbruch für mich kam. Und danach hatte ich die anderen Aufnahmen gar nicht mehr gehört, sondern nur noch Holliger (so oft höre ich das Werk auch nicht): In meinem Beiträg verließ ich mich ausschließlich auf mein trügerisches Gedächtnis.

    Das geht mir übrigens oft so: Eine Aufnahme stößt die Tür zu einem Werkverständnis auf, und anschließend gefallen mir auch die Aufnahmen gut, welche mich vor diesem Schlüsselerlebnis nicht ansprachen. O Wunder der Hörpsychologie...

  • Der Begriff "Dekadenz", der ja eine allgemeine Lebenseinstellung und ästhetische Haltung dieser Zeit kennzeichnet, ist mir, offensichtlich im Gegensatz zu dir, übrigens auch schon des öfteren in der Musikgeschichte untergekommen!

    Aber als Stil- und Epochenbegriff? Mir nicht: Wenn man Strauss schon in eine Epochen-Schublade einsortieren möchte, gehört er wohl am allerehesten in die Spätromantik.

    @ Bernd

    Zitat


    Nachdem der Oboenkollege Cherubino hier dankenswerterweise ein Fagottkonzert vorgestellt hat, drängt es mich jetzt doch zu ein paar Zeilen über das von mir besonders geliebte Oboenkonzert von Richard Strauss (generell schätze ich gerade im Bereich der Orchestermusik den späten Strauss höher als den frühen - für das 2. Hornkonzert, das Oboenkonzert, die Metamorphosen und das Duett-Concertino gebe ich sämtliche Sinfonischen Dichtungen von "Aus Italien" bis zur "Alpensinfonie" bedenkenlos hin!):

    Welche Aufnahme würdest Du denn zum Kennenlernen empfehlen?

    Herzliche Grüße, :wink: :wink:

    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Christian, Malsehn hat schon Recht, wenn er Holligers Interpretation(en) als besonders zwingend ansieht - bei diesem Ausnahmekünstler erscheint fast jede Phrase so, als ob sie notwendigerweise genau so und nicht anders gespielt werden müßte. Die Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe gibt es gerade bei jpc zum Schnäppchenpreis von 5,99; sie würde ich zunächst empfehlen.

    Eine andere wichtige Einspielung habe ich oben vergessen, nämlich die von Lothar Koch mit den Berlinern unter Karamalz. Unbeschadet meiner Vorurteile gegen letzteren gefällt sie mir musikalisch eher besser als die Versionen von Clement, Miyamoto und Mayer. Und Koch hat wohl wie kein anderer das Oboenklangideal der deutschen Schule in späten zwanzigsten Jahrhundert geprägt. Dunkel, obertonarm, weich und voll ist sein Ton, der auch mich vor 30 Jahren sehr begeistert hat. Inzwischen sehe ich das etwas anders, mir ist diese Art des Spielens tendenziell zu eng und zu klarinettig. Ich suche einen etwas offeneren, vielschichtigeren Sound, wie ich ihn zum Beispiel bei Clement finde.

    Viele Grüße

    Bernd

  • Danke Bernd!

    Dann werde ich mich die beiden mal besorgen- ich habe ja schon soo lange keine CD mehr bestellt :D :D

    Herzliche Grüße, :wink: :wink:

    Christian

    Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

    Cato der Ältere

  • Nichts zu danken, Christian! Die Koch-Karajan-Aufnahme könnte unter Umständen schwierig zu beschaffen sein. Bei JPC habe ich sie jedenfalls nicht gefunden.

    Hier noch ein paar Zitate zum Strausschen Oboenkonzert:

    Zitat

    ...ein ganz nettes, aber irgendwie doch belangloses Herumgedudel....

    N.N. (Oboenprofessor an einer großen deutschen Musikhochschule)

    Zitat

    ...Erstaunlich, welch gelöste Stimmung Strauss hier nach den bedrückenden Metamorphosen wieder gefunden hat. Das Werk atmet die sublime Heiterkeit Mozarts, den Strauss so unvergleichlich dirigierte. Das Orchester ist fast zum Kammerensemble reduziert, die Transparenz des Spätstils herrscht.....die Wechselnotengeste, die das Konzert eröffnete, wird zum Abschied auf den Kopf gestellt: Abrundung bis zum Letzten.

    Wulf Konold

    Zitat

    ...Die Künstler diese Instrumentes werden es Strauss zu danken wissen, was er ihnen auf diesem vernachlässigten Gebiet für ein brillant-herzerfrischendes Werk schenkte. Wie verstand er es, die technischen und klanglichen Möglichkeiten der Oboe in virtuosen Skalen und witzigen Sprüngen zu nützen und das Instrument *singen* zu lassen. Drei miteinander verbundene Sätze verbreiten eine arkadische Stimmung von schimmernder Transparenz..mit dem Oboenkonzert hat Strauss die schwere Stimmung der Metamorphosen überwunden. Beiden Werken ist die meisterlich kultivierte Form und das Überwiegen des Spirituellen über dem Vitalen gemeinsam.

    Ernst Krause

    Viele Grüße

    Bernd

  • Vielen Dank, Bernd, für die Zitate zu diesem Stück, die ich alle irgendwie nachvollziehen kann. Bis gestern hielt ich dieses Konzert auch mehr oder weniger für ein "ganz nettes, aber irgendwie doch belangloses Herumgedudel". :hide: Natürlich höre ich, dass das großartig komponierte Musik ist, aber der Funken wollte bei mir einfach nicht überspringen, auf der emotionalen Ebene hat mich da nichts gepackt, nichts berührt.
    Ich habe nun heute einen neuen Versuch gestartet, und mir mit deiner Beschreibung und den hier gegebenen Hinweisen im Kopf das Konzert noch einmal ganz bewusst angehört. In deinem Eröffnungsbeitrag hast du, meiner Meinung nach, das Stück sehr schön beschrieben, vor allem, wo die Stärken des Werkes liegen. Mein Lieblingskonzert ist es nun immer noch nicht, aber es gefällt mir mit jedem Hören besser. Die kompositorische Meisterschaft von Strauss ist wirklich beeindruckend- und vor Heinz Holligers Atemtechnik kann man wirklich nur vor Bewunderung im Boden versinken! :schaem:

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Hallo Lars,

    ich freue mich sehr darüber, daß hier im Forum jemand mitschreibt, der ebenfalls Oboe spielt :prost: - und noch mehr freut es mich natürlich, wenn dir dieser Thread eine neue Sicht auf das Strauss-Konzerts gebracht hat!

    Welche der verschiedenen Holliger-Aufnahmen besitzt du denn? Die mit Gielen (der nicht gerade zu meinen Leiblingsdirigenten zählt, aber dazu sage ich mal an anderer Stelle mehr) am Pult des Cincinatt-Orchesters kenne ich offengestanden gar nicht, sie fehlt mir noch in meiner Sammlung.

    Holliger spielt den Strauss sicherlich mit permanenter Atmung, die ich nicht beherrsche (trotz mehrfacher Anläufe habe ich den Kniff nicht herausbekommen). Ohne diese Technik ist es nicht einfach, den ersten und zweiten Satz zu überleben. Es geht aber, wie "Fumi" Miyamoto, der ebenfalls keine Permanentatmung gelernt hat, mit seiner Aufnahme beweist.

    Beste Grüße

    Bernd

  • Strauss wird in den letzten Jahren meiner Einschätzung nach viel Unrecht getan. Sich als Strauss-Fan zu outen ist ähnlich heikel wie zu bekennen, dass man gerne Aufnahmen von Karajan hört ... nach Gründen dafür sollten wir an anderer Stelle suchen. Und um es gleich klarzustellen: Ich liebe den "Rosenkavalier" und die "Alpensinfonie", schätze das "Heldenleben" und die "Frau ohne Schatten" :o: . Auf den Spielplänen trifft man Strauss nicht allzu häufig an. Wer im schönen Frankenland wohnt, hat dass Glück, dass Nürnbergs GMD Christof Prick regelmäßig Werke von Strauss in Oper und Konzert aufführt. Erst kürzlich dirigierte er das Oboenkonzert, Solist war Albrecht Meyer :juhu: . In Vorbereitung auf dieses Programm habe ich das Oboenkonzert kennengelernt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, zuerst erschien mir das Konzert recht spröde. Aber nach einiger Zeit hat es mich regelrecht entzückt.

    Der Spätstil von Strauss fasziniert mich. Da ist ein wirklich abgeklärter, souveräner Meister am Werk, der sich um Zeitströmungen, Modeerscheinungen und jede Art von "Fortschritt" nicht mehr zu kümmern braucht. Scheinbar ignoriert er die musikgeschichtlichen Entwicklungen der vergangen Jahrzehnte und gibt sich einem auf den ersten Blick leicht verständlichem Klassizismus hin (Ganz nebenbei: Strauss begann als Klassizist, auch wenn man diese Frühwerke kaum mehr kennt, und kehrte im hohen Alter zu einer Art Klassizismus zurück. Dennoch sind diese Früh- und Spätwerke grundauf verschieden. Dazu vielleicht auch an anderer Stelle mehr...). Als komponiere er nur noch für sich, und nicht mehr für seinen Ruhm.

    Zu diesem Spätwerk von Strauss scheinen sich viele zu bekennen, die Strauss ansonsten nicht mögen. Zum einen die späten klassizistischen Bläserkonzerte. Zum anderen die "Metamorphosen" und die "Vier letzten Lieder", die als vielleicht einzige Werke von Strauss voll und ganz anerkannt sind. Das verwundert mich ein wenig. Sind die genannten Werke doch "altmodisch" und "rückwärtsgewandt" und voller "Schönklang", um Worte zu nennen, die ihre Gegner gegen sie vorbringen könnten. Vielleicht liegt es daran, dass ihnen der "Schwulst" und das "dick aufgetragene" fehlt, das den Tondichtungen oft angeredet wird.

    Beste Grüße,
    Falstaff

  • Zitat

    Zu diesem Spätwerk von Strauss scheinen sich viele zu bekennen, die Strauss ansonsten nicht mögen.

    Ich schätze auch die meisten Opern von Strauss sehr, allen voran wieder die späten, die leider kaum aufgeführt werden (oder hat schon mal jemand "Die Liebe der Danae" live gesehen?), durchaus jedoch auch die Salome oder den Rosenkavalier. Außerdem höre ich verschiedene seiner Lieder ausgesprochen gerne. Keine Ahnung, warum mir die sinfonischen Dichtungen so wenig sagen - ich habe es heute morgen während der Arbeit noch mal mit dem Don Quichotte versucht, aber diese Musik läßt mich einfach völlig kalt. Und ähnlich ergeht es mir mit dem Heldenleben, dem Zarathustra, der Alpensinfonie...

    Viele Grüße

    Bernd

  • Die in diesem Thread begonnene Diskussion über die Ästhetik des Fin de siècle wurde hierhin verschoben.

    Michel

    Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)

  • Es war keine Liebe auf den ersten Blick, zuerst erschien mir das Konzert recht spröde. Aber nach einiger Zeit hat es mich regelrecht entzückt.


    Diese Beschreibung trifft ziemlich genau, meine eigenen Erfahrungen mit dem Stück, ich hätte es nur nicht so schön ausdrücken können...

    Der Spätstil von Strauss fasziniert mich. Da ist ein wirklich abgeklärter, souveräner Meister am Werk, der sich um Zeitströmungen, Modeerscheinungen und jede Art von "Fortschritt" nicht mehr zu kümmern braucht.


    ...aber aus genau diesem grunde bewundere ich das Konzert inzwischen doch.


    Welche der verschiedenen Holliger-Aufnahmen besitzt du denn?

    Erst einmal freue ich mich natürlich auch, mit unserem etwas "exotischen" Instrument hier nicht allein zu sein! :prost: Ich besitze die Aufnahme aus dem Jahr 1996, in der Holliger auch selbst das Chamber Orchestra of Europe leitet. Er spielt eindeutig mit Permanentatmung, und da ich die auch nicht beherrsche, finde ich es um so bewundernstwerter, wie perfekt Holliger das tut! Im ersten und zweiten Satz hat man wirklich den Eindruck, er spielt und spielt, ohne überhaupt Luft zu brauchen. :juhu:

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Beim Strauss Obnoenkonzert höre ich noch immer sehr gerne die Einspielung von Lothar Koch unter Karajan. trotzdem ich eigentlich kein großer Bewunderer von HvK bin. Obwohl ich selbst amateurhaft mit der Oboe zugange bin, habe ich -schande, schande- noch keine Aufnahme dieses Werks mit dem großen Heinz Holliger. Mein erster Oboenlehrer, der heute Solooboist im Gewandhausorchester Leipzig ist, hat mir das Konzert mal im Unterricht vorgespielt, nachdem ich als absoluter Anfänger gerade das Gabel-f malträtiert hatte. Werde nie vergessen, wie er die Introduktion ohne permanente Atmung auf einen Zug vorgespielt hat. Ist halt auch konditionell ein Ausnahmeoboist. :klatsch:

    Gruß,

    Scherchen

    "Music is the voice of the all - the divine melody - the cosmic rhythm - the universal harmony." aus Music for all of us (Stokowski, 1943)

  • Zitat

    Obwohl ich selbst amateurhaft mit der Oboe zugange bin...

    Noch einer aus der Zunft - ich bin begeistert! :prost: :prost:


    Zitat

    Werde nie vergessen, wie er die Introduktion ohne permanente Atmung auf einen Zug vorgespielt hat.

    Aber nicht die kompletten ersten anderthalb Seiten, auf denen es "offiziell" keine Pause gibt, oder? Ich kann mir nicht vorstellen, daß man das auf einen Atem blasen kann. Jeder, den ich kenne, praktiziert da an den passenden Stellen ein paar Mal Blitzatmung.

    Ich hege ja die leise Hoffnung, daß ich das Strauss-Konzert irgendwann mal mit Orchesterbegleitung spielen kann. Eine Freundin, die ein Amateurorchester in Essen leitet, ist der Idee grundsätzlich nicht abgeneigt....deshalb übe ich das Stück immer wieder. Dicht an meine derzeitigen Grenzen gelange ich damit aber auf jeden Fall.

    Viele Grüße

    Bernd

  • Doch, eben um diese langen und anstrengenden 1,5 Seiten geht es! Irgendwie ist es für mich auch heute noch ernüchternd! :juhu:
    Wenn Du es wirklich mit diesem Orchester durchziehst, dann ziehe ich vor Deiner Leistung und Deinem Mut den Hut. :thumbup: Mir selbst hat schon das Bach Doppelkonzert gereicht, dass ja von der Technik her nicht vergleichbar ist.

    Gruß,

    scherchen

    "Music is the voice of the all - the divine melody - the cosmic rhythm - the universal harmony." aus Music for all of us (Stokowski, 1943)

  • Zu diesem Spätwerk von Strauss scheinen sich viele zu bekennen, die Strauss ansonsten nicht mögen.

    Da fühle ich mich angesprochen, ja, so einer bin auch ich. Beim Durchstöbern hier angelangt, habe ich in meiner Sammlung zwei Aufnahmen des Oboenkonzerts gefunden (vielleicht das beste seiner Gattung?), die Leichtigkeit und Frische, im Gegensatz zu vielem, das vorausging, eine ganz und gar unangestrengte Musik, die mich anspricht: einmal die schon angesprochene Aufnahme mit Manfred Clement, Rudolf Kempe und der Staatskapelle Dresden (EMI, aufg. 1975), die mir im Klang, auch im Ton der Oboe etwas eng erscheint - dann eine Einspielung mit einer mehr "sprechenden" Oboe in einer Interpretation, die das Graziöse, Feine ganz gut erfaßt (allerdings kenne ich andere Einspielungen nicht):

    Simon Fuchs, Oboe; Tonhalle-Orchester Zürich; Ltg.: David Zinman
    Arte Nova, aufg. 2002

    Was meinen die Spezialisten?

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Hallo Gurnemanz,

    als "eng" empfinde ich Clements Ton, den ich wie gesagt sehr gerne mag, überhaupt nicht. Ich würde ihn vielmehr als voluminös, voll, weich und trotzdem obertonreich beschreiben. Was mir weniger gefällt, ist Clements doch sehr lotrechte musikalische Gestaltung des Konzerts.

    Deine Aufnahme kenne ich leider nicht, und auch von Simon Fuchs habe ich bislang noch nie etwas gehört. Das muß aber gar nichts heißen; natürlich kann es sich bei Fuchs trotzdem um einen Ausnahmeoboisten handeln.

    Herzliche Grüße

    Bernd

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