Benjamin Britten: Violinkonzert Op. 15

  • Benjamin Britten: Violinkonzert Op. 15

    Benjamin Britten begann die Arbeit an seinem Violinkonzert Op. 15 im Jahr 1938 und vollendete es ein Jahr später nach seinem vorübergehenden Umzug in die Vereinigten Staaten. Er widmete es seinem ehemaligen Lehrer am Royal College of Music, Henry Boys. Wiederum ein Jahr später wurde es in New York von dem mit Britten befreundeten spanischen Geiger Antonio Brosa und dem New York Philharmonic unter John Barbirolli uraufgeführt, danach noch überarbeitet.

    Der Komponist selbst hinterließ in Hinblick auf das Konzert keine nennenswerten Informationen zu möglichen Zusammenhängen mit biographischen, geschichtlichen Geschehnissen oder auch dem Einfluss anderer Komponisten. Dafür scheint es umso mehr Deutungen von anderer Seite gegeben zu haben.

    Pieter van Nes fasst in seiner wie ich finde sehr instruktiven und auch unterhaltsamen Bachelorarbeit diese Annahmen über das Werk pointiert zusammen:
    Fünfundsiebzig Jahre musikwissenschaftlicher Reflektion auf Brittens Violinkonzert hätten aus dem Werk „die vertrackte Geschichte eines jungen, talentierten englischen Komponisten gemacht, der versucht, seinen Platz auf der musikalischen Weltbühne zu erobern. Er reist nach Barcelona, wo er die Premiere eines unvergesslich schönen Werkes eines von ihm verehrten Komponisten hört, den zu treffen er niemals die Gelegenheit hatte. Kurze Zeit nach seinem Besuch dieser Stadt bricht der spanische Bürgerkrieg aus, woraufhin er beginnt, ein modernes, in die Tradition eingebettetes Meisterwerk zu komponieren, um über all diese Schrecken des Todes und der Zerstörung zu trauern, dabei die großen politischen Werke eines unterdrückten Sowjetkomponisten vorausempfindend. Nebenstränge dieser Handlung sind seine Freundschaft mit einem heimatlosen spanischen Violinvirtuosen, seine aufkeimende Homosexualität, der Tod seiner Eltern und seine Flucht vor dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten auf der Suche nach einem besseren Leben.“

    Wie auch van Nes einräumt, kann man die Einzelheiten durchaus nachvollziehen.

    Britten verehrte Alban Berg, bei dem er auch studieren wollte, was zunächst durch Brittens Eltern verzögert und dann durch Bergs Tod im Jahr 1935 ganz vereitelt wurde. Er war bei der Weltpremiere von Bergs Violinkonzert 1936 in Barcelona auf einem Musikfestival anwesend, auf dem er auch seine eigene Suite für Violine und Klavier mit eben Antonio Brosa aufführte. Manches an Brittens Op. 15 mag auch stimmungsmäßig an Bergs Werk erinnern, ohne dass allerdings klare Anspielungen oder Zitate wahrzunehmen wären.

    Auch nahm Britten starken inneren Anteil insbesondere am spanischen Bürgerkrieg und am Schicksal seines Freundes Antonio Brosa. In diesen Zusammenhang werden spanisch anmutende Rhythmusmuster gesetzt, so das Schlagwerkmotiv gleich zu Beginn oder auch ein Abschnitt im Finalsatz, in dem ein archetypisch spanischer Rhythmus im Streichertutti und dann in der Violine vorkommt. Zudem kann man, wenn man möchte, in allen Sätzen manche Passagen in Blech und Schlagwerk mit Illustrationen von Kampf- oder Kriegsszenen assoziieren.

    Der Finalsatz, eine Passacaglia, hat Assoziationen an den später mit Britten befreundeten Dmitri Schostakowitsch begründet, der diese Form des Variationssatzes in seinen Werken oft verwendete, so auch im langsamen Satz seines ersten Violinkonzerts, das Schostakowitsch allerdings (wahrscheinlich ohne Kenntnis des Britten-Werks) erst 1947 zu komponieren begann und das dann noch später im Jahr 1955 uraufgeführt wurde. Außer Schostakowitsch wird als möglicher weiterer russischer Einfluss gerade in Hinblick auf die ungewöhnliche Satzfolge (langsam – schnell – langsam) und auf motivische Ähnlichkeiten der jeweiligen Mittelsätze Prokofjews erstes Violinkonzert Op. 19 von 1915 genannt. Sehr gut nachvollziehbar ist auch ein nicht-russischer Einfluss, nämlich Beethovens Violinkonzert mit dem markanten Einsatz der Pauken im Kopfsatz.

    Van Nes geht diesen Einflüssen in seiner Arbeit nach, relativiert sie aber in den meisten Fällen in ihrer Wichtigkeit für die Entstehung von Op. 15.

    Unabhängig von den musikalischen und außermusikalischen Einflüssen finde ich das Violinkonzert beeindruckend reif und geschlossen.

    Es hat drei Sätze: 1. Moderato con moto – Agitato – Tempo primo –, 2. Vivace – Animando – Largamente – Cadenza – und 3. Passacaglia: Andante lento (Un poco meno mosso).

    Moderato- und Agitato-Abschnitt des Kopfsatzes kontrastieren durch Tempo und Haltung stark. Während man dem Violinsolo über dem rhythmischen Ostinato zu Beginn durchaus einen klagenden Charakter bescheinigen kann, wirkt das Agitato im Solo eher optimistisch und kämpferisch, wobei im Verlauf im Orchester durchaus auch eine bedrohliche Stimmung evoziert wird. Der Vivace-Satz ist rasant, virtuos und bissig. In der Kadenz, die zur Passacaglia überleitet, wird motivisches Material aus den ersten beiden Sätzen verarbeitet; hier erzeugt Britten zum Teil verblüffende Klangeffekte, so etwa mit Spaltklängen von Violin- und Piccolo-Diskant gegen Tuben-Tiefbässe. Die Passacaglia über eine oktatonisch auf- und äolisch absteigendes Basslinie wird bereits in der Kadenz des zweiten Satzes vorbereitet. Der Passacaglia-Satz strebt im Verlauf der Variationen einem energisch-optimistisch anmutendem Höhepunkt zu, der Schluss jedoch verklingt piano im Diskant der Solo-Violine. Auf mich übt das bei aller inneren Geschlossenheit extrem farbenreiche, ausdrucksstarke und vielschichtige Konzert in der letzten Zeit einen enormen Sog aus.

  • Die französische Wikipedia-Seite zum Konzert führt neun Einspielungen von 1950 bis 2000 und deren elf seit 2000 auf, wobei diese Liste unvollständig sein dürfte. Jedenfalls wurde das Werk bei Interpreten seit der Jahrhundertwende offenbar immer beliebter. Es wird kolportiert, Jascha Heifetz habe das Konzert unspielbar gefunden, was mich angesichts der technischen Anforderungen seines Repertoires wundert.

    Die Originalversion des Konzerts vor der Bearbeitung 1950 wurde 1948 von Theo Olof mit Hallé unter John Barbirolli eingespielt, die aktuelleste Aufnahme stammt aus dem Jahr 2015 (Vilde Frang, hr Sinfonieorchester, James Gaffigan).

    Ich persönlich kenne neben der ausdrucksvoll-exaltierten Frang-Einspielung noch die Aufnahme mit Brittens Lieblings-Interpreten des Werks, dem Oistrach-Schüler Mark Lubotsky, der das Konzert wohl 1968 mit Kyrill Kondraschin einspielte und dann mit Britten als Dirigent beim Aldeburgh-Festival aufführte und 1970 auch mit diesem am Pult des English Chamber Orchestra aufnahm. Lubotsky hat da schon eine ungeheure Präsenz und strahlt eine schwer erreichbare Autorität aus. Sehr gut aufgenommen ist das auch noch. Außerdem steht bei mir noch die Einspielung mit Frank-Peter Zimmermann und Manfred Honeck am Pult des Schwedischen Radio-Symphonieorchesters im Regal. Schnell, souverän und präzise, ausdrucksvoll, aber vergleichsweise unsentimental, so würde ich die mal beschreiben. Klingen tut sie ebenfalls sehr gut.

    Olof/Barbirolli: ASIN B013Q7KFNA

    Ich bin wie immer auf eure Anmerkungen gespannt.

    Quellen:
    Deutsche, englische und französische Wikipedia-Seiten zum Werk
    Pieter van Nes: Benjamin Britten’s Violin Concerto: A Musicological Narrative, Utrecht 2013: https://dspace.library.uu.nl/bitstream/hand….pdf?sequence=1

  • Ida Händel hatte das Konzert von Britten im Repertoire . Es gibt Mitschnitte davon. Am 28/5/1994 spielte sie das Werk mit dem Deutschen SO unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy, und mit dem Gürzenich Orchester Köln unter James Conlon am 12/10/1993. Und natürlich die Studio-Aufnahme mit dem Bournemouth SO / Berglund .

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

  • Hallo Braccio,

    die beiden Aufnahmen mit Lubotsky/Britten (Decca) und Zimmermann/Honek (SONY) haben sich (zumindest bei mir) als die Etabliertesten entwickelt. Ich schätze Beide, wenn gleich die Britten-Aufnahme Autenzität und mehr Tiefe ausstrahlt.

    Die dritte absolut neue CD mit Vilde Frang/Gaffigan (WARNER), gilt als die Version "Violinkonzert für die linke Hand" ................ gem. CD-Cover.

    ( :D Kleiner Witz am Rande:
    Bei Capriccio ist die CD mit entsprechendem Hinweis im Thread - Das Grauen auf der Netzhaut - eine Ansammlung an fürchterlichen CD-Covern vertreten !
    Sonst ware ich gar nicht drauf gekommen.)

    ______________

    Gruß aus Bonn

    Wolfgang

  • Neben der bereits genannten Lubotsky/Britten-Aufnahme schätze ich diese noch sehr:

    Janine Jansen
    London Symphony Orchestra
    Paavo Järvi

    Gruß
    MB

    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Hallo zusammen!
    Danke für die Anmerkungen. Jansen und Haendel muss ich demnächst mal hören. Die Sache mit Frangs linker Hand hat hier bei Capriccio auch schon für Unterhaltung gesorgt.


  • Mir hat der Weihnachtsmann diese Aufnahme gebracht.
    Mir gefällt sie sehr, weil die Solistin, die übrigens unglaublich spielt, so schön ins orchestrale Geschehen eingebettet ist. Sehr organisch ist das alles, im Gegensatz zu der gewiss nicht schlechten Aufnahme mit Vilde Frang, die die einarmige Geigerin sehr nach vorne zieht. Im zweiten Satz ist das ganz cool, aber sonst fehlt mir die Einbettung.
    Brittens eigene Aufnahme mit Lubotsky ist m.E. wegen Authentizität usw. nicht zu schlagen, zumal sie fabelhaft aufgenommen ist, aber mir gefällt doch die Steinbacher-Aufnahme besser. Liegt vielleicht an den Tempi, ich weiß es nicht. Ich muss meine vorliegenden Aufnahmen (da sind noch Andere) mal gründlich durchhören.
    Aber wie auch immer: Danke, lieber Weihnachtsmann! Was für ein schöner Ohrenöffner für ein fabelhaftes Werk.

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Sir John Barbirolli war der UA-Dirigent von Benjamin Brittens Sinfonia da requiem und seinem Violinkonzert. Letzteres wurde von ihm am 28.3.1940 mit dem NYPO und dem Geiger Antonio Brosa uraufgeführt. Koussevitsky und Goosens hatten die Partitur zuvor abgelehnt.

    Kürzlich erschien bei der JBS eine CD mit Liveaufnahmen der Werke aus den 1960ern mit dem Halle Orchester (mono). Im Falle des Violinkonzertes war der früh verstorbene Ralph Holmes (1937-84) der Soloist.
    Eine ausführliche Kritik findet man hier: http://www.musicweb-international.com/classrev/2021/…lli-SJB1104.htm

    Toleranz ist der Verdacht, der andere könnte Recht haben.

  • Die französische Wikipedia-Seite zum Konzert führt neun Einspielungen von 1950 bis 2000 und deren elf seit 2000 auf, wobei diese Liste unvollständig sein dürfte.

    Die Dissertation "An Analytical Study of the Britten Violin Concerto, op. 15" von Shr-Han Wu aus dem Jahr 2017
    https://scholarcommons.sc.edu/cgi/viewconten…144&context=etd
    listet auf dem Stand von 2017 die vorhandenen Einspielungen auf (a.a.O. S. 55 ff.). Bei "Ida Haendal" auf S. 61 muss es natürlich Ida Haendel heißen. Auf der S. 58 ist ihr Name richtig geschrieben.

    Vollständig scheint die dortige Auflistung auch nicht zu sein. b-major nennt in Posting #3 drei verschiedene Einspielungen von Ida Haendel

    Ida Händel hatte das Konzert von Britten im Repertoire . Es gibt Mitschnitte davon. Am 28/5/1994 spielte sie das Werk mit dem Deutschen SO unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy, und mit dem Gürzenich Orchester Köln unter James Conlon am 12/10/1993. Und natürlich die Studio-Aufnahme mit dem Bournemouth SO / Berglund

    wobei ich jetzt nicht weiß, ob die Mitschnitte mit Ashkenazy und Conlon "offiziell" veröffentlicht wurden. Jedenfalls gibt es noch einen vierten Mitschnitt von ihr mit dem BBC Symphony Orchestra, der "offiziell" erschienen ist:

    In der Dissertation ist nur die Studioeinspielung mit dem Bournemouth Symphony Orchestra aufgeführt.

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • im Gegensatz zu der gewiss nicht schlechten Aufnahme mit Vilde Frang, die die einarmige Geigerin sehr nach vorne zieht

    Wieso "einarmig"? Vilde Frang ist doch nicht einarmig. Auch wenn das CD-Cover ziemlich idiotisch ist:

    «Denn Du bist, was Du isst»
    (Rammstein)

  • Angeregt durch die Wiederbelebung des Themas kürzlich im Musikstück der Woche läuft hier jetzt Isabelle Fausts neue Aufnahme mit dem SO des Bayerischen Rundfunks unter Jakub Hrůša. Und die kann sich hören lassen, meine ich.

  • Angeregt durch die Wiederbelebung des Themas kürzlich im Musikstück der Woche läuft hier jetzt Isabelle Fausts neue Aufnahme mit dem SO des Bayerischen Rundfunks unter Jakub Hrůša. Und die kann sich hören lassen, meine ich.

    Ja, wäre auf jeden Fall noch eine Idee für mich, selbst wenn er nicht die Bamberger leitet! Das BRSO ist für mich die gleiche Güteklasse, für andere vielleicht noch ein wenig stärker - oder zumindest anders. :)

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

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