Teodor Currentzis

  • Currentzis ist schlichtweg einer der besten und inspirierendsten Musiker unserer Zeit.

    Das sehe ich auch so.


    Hier ein Artikel und eine Audiospur des Norddeutschen Rundfunks zum gestrigen Hamburger Konzert:


    Currentzis in Hamburg: Rauschhafte Musik und offene Fragen
    Mit seinem neuen Orchester-Projekt "Utopia" hat Teodor Currentzis das Publikum in der Hamburger Laeiszhalle restlos begeistert. Zum Krieg in der Ukraine…
    www.ndr.de

    Einmal editiert, zuletzt von music lover ()

  • Eine Beschreibung aus Sicht eines Fans. Schön. Mich löckt allerdings ein wenig der Stachel angesichts der Formulierung "Hamburger Publikum". Weder waren viele Hamburger in diesem Konzert, nicht mal im Promille-Bereich, noch war es ein neutrales Publikum. Der Heilsbringer musste ja nicht mal spielen, schon wurde er bejubelt. Ein Konzert für Fans also. Liebe des Hamburger Publikums sogar? Begib dich in die Fankurve eines Fußballvereins. Sind die Fangesänge Gradmesser für die Liebe der Stadt? Sicherlich nicht. Nicht zu hoch hängen, das Ganze also. Fans jubelten ihrem Idol zu und hatten einen schönen Abend. Ist nicht wenig, aber auch nicht mehr.

  • Mir ist jetzt erst aufgefallen, dass es in der Audio-Spur, die auf der in #921verlinkten NDR-Seite anzuhören ist, einige Interviews mit Konzertbesucher(inne)n gibt. Hör Dir diese Meinungsäußerungen mal an. Begeisterung pur. "Das ist das, was die Leute mitreißt. Hier strahlt alles! Musiker wie Dirigent wie Publikum", sagt z.B. eine Dame. Genauso war die Atmosphäre gestern Abend. Und das habe beileibe nicht nur ich als "Fan" so empfunden. Diese zwei Stunden haben - das wage ich mal zu behaupten - niemanden, der dabei war, ob "Fan" oder Erstkonsument, kalt gelassen.

  • Noch weitaus euphorischer als meine eigene Schilderung des gestrigen Triumphzugs von Utopia in der Hamburger Laeiszhalle ist der "Klassik begeistert"-Beitrag von Iris Röckrath:


    UTOPIA, Dirigent TEODOR CURRENTZIS Laeiszhalle, Hamburg, 5. Oktober 2022
    Foto: Teodor Currentzis © Astrid Ackermann Laeiszhalle, Hamburg, 5. Oktober 2022 UTOPIA TEODOR CURRENTZIS, Dirigent Igor Strawinsky (1882–1971) L’oiseau…
    klassik-begeistert.de


    Ihr könnt daran vielleicht sehen, dass ich nicht übertrieben habe, als ich gestern Abend von der Laeiszhalle nach Hause kam und ein paar Zeilen über den gestrigen Abend niederschrieb. Völlig zu Recht berichtet sie, dass die Laeiszhalle "Kopf stand" und das Publikum "tobte". Vieles, was ich gestern geschrieben habe, z.B. dass in der Pause viele fremdsprachige Menschen anzutreffen waren oder dass das Orchester spielte, als seien sie schon seit vielen Jahren aufeinander eingespielt, finde ich in ihrem lesenswerten Beitrag wieder. "Selten habe ich das Publikum in der Laeiszhalle so jubeln hören" schreibt sie zum Schluss, und das gilt auch für mich. Wenn die Ovationen nach den Bruckner-Andachten von Günter Wand in diesem Saal die Messlatte sind, dann war das gestrige Currentzis-Konzert vermutlich sogar ein paar Prozentpunkte darüber. Und das will wirklich etwas heißen.


    Ich empfehle auch wirklich, sich die Audiospur des Norddeutschen Rundfunks anzuhören, die ich oben verlinkt habe. Die haben mit dem Richtmikrofon in den Saal hineingehalten und so einige Minuten des gestrigen Konzerts festgehalten. Und sie haben eine ganze Reihe von Publikumsstimmen eingefangen, die ausschließlich völlig enthusiasmiert waren. Einige Beispiele: "Das war glücklichmachend!"; "Mitreißend in allen Belangen"; "Mega! Wahnsinnig ergreifend! Differenziertes Musizieren! Wir sind hin und weg!"; "Currentzis enttäuscht nie! Das war ja fantastisch!". Auch der NDR selbst spricht von "Weltklasse", "perfekt", "herausragend", "einer kleinen Sternstunde" und "einem grandiosen Konzert".


    Das Hamburger Abendblatt titelt in seiner morgen erscheinenden Ausgabe "Teodor Currentzis in der Laeiszhalle - Bravorufe schon vor Konzertbeginn". Leider mit Paywall, deshalb vermag ich heute noch nicht zu lesen, was morgen in der Print-Ausgabe geschrieben steht:

    Teodor Currentzis in der Laeiszhalle: Bravorufe schon vor Konzertbeginn
    Der Wahlrusse wird mit seinem Utopia-Ensemble in der Laeiszhalle gefeiert. Der Angriffskrieg gegen die Ukraine ist kein Thema.
    www.abendblatt.de

  • Ganz unabhängig von der Qualität des Gebotenen (die ich natürlich nicht beurteilen kann, weil ich das Konzert nicht gehört habe) finde ich einen solchen Starkult mit fast schon religiöser Überhöhung eines Dirigenten schon etwas sonderbar :/

  • Morgen (7.) und am Sonntag (9.) tritt das Orchester in Wien auf. Meine "Spione" aus der Currentzis-Fanszene sind schon in Stellung, werden mir brühwarm berichten, wie die Konzerte dort aufgenommen werden. Auch in Berlin am 11. wird sich eine sehr gute Freundin von mir dem Utopia-Klangrausch hingeben. Es ist vielleicht möglich, dass sich ein solcher Triumphzug wie in Hamburg dort nicht wiederholen wird. Das war schon wirklich einmalig, was gestern in der Laeiszhalle abging. Aber vielleicht passiert in Wien und Berlin auch dasselbe wie bei uns. Schau'n mer mal...

  • Ich weiß nicht. Begeisterung nach einem Konzert ist nach meinem Verständnis kaum mit "Starkult" gleichzusetzen.

    :cincinbier:

    "it's hard to find your way through the darkness / and it's hard to know what to believe
    but if you live by your heart and value the love you find / then you have all you need"
    - H. W. M.

  • Ich weiß nicht. Begeisterung nach einem Konzert ist nach meinem Verständnis kaum mit "Starkult" gleichzusetzen.

    :cincinbier:

    Danke, lieber Hueb'! Das sehe ich auch so. :cincinbier:


    Wenn jemand restlos begeistert nach einem Konzert ist, dann ist das nichts, was man kritisieren muss. So sollte es ja eigentlich sein. Und ich habe gestern nicht einen einzigen Menschen gesehen bzw. gehört, der nicht restlos begeistert war. Die vom NDR befragten Menschen sprachen in ihrem Grundtenor allesamt von einem überragenden musikalischen Ereignis, das Enthusiasmus auslöste. Ebenso die Menschen, mit denen ich gestern im Saal, in der Pause und auf dem Weg aus dem Konzertsaal heraus gesprochen habe. Und das waren schon einige. All diese zutiefst glücklichen Menschen. Was kann Musik alles bewirken. Ich bin auch einen Abend später immer noch ganz "high" von diesem Erlebnis.

  • Ganz unabhängig von der Qualität des Gebotenen (die ich natürlich nicht beurteilen kann, weil ich das Konzert nicht gehört habe) finde ich einen solchen Starkult mit fast schon religiöser Überhöhung eines Dirigenten schon etwas sonderbar :/

    hmmm… sagte hier jemand Karajan?

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Ihr könnt daran vielleicht sehen, dass ich nicht übertrieben habe, als ich gestern Abend von der Laeiszhalle nach Hause kam und ein paar Zeilen über den gestrigen Abend niederschrieb. Völlig zu Recht berichtet sie, dass die Laeiszhalle "Kopf stand" und das Publikum "tobte".

    Was ich schwierig finde, ist die zirkelschlüssige Argumentation:


    "Hier ist ein Bericht, der sagt [cum grano salis] dasselbe wie ich, also hatte ich Recht"


    "Ich sage Euch: Völlig zu Recht berichtete sie ..."


    Da gibt einer dem anderen Recht - also muss es ja stimmen!


    Zuletzt traten hinzu zween falsche Zeugen und sprachen ...

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Beim ersten Lesen ging es mir spontan erstmal ähnlich:


    finde ich einen solchen Starkult mit fast schon religiöser Überhöhung eines Dirigenten schon etwas sonderbar :/


    Beim weiteren Nachdenken dann aber nicht mehr, denn mir ging und geht es ja ebenso wie music lover, in meinem Falle allerdings bezogen auf viele Einspielungen von Celibidache (nicht nur was Bruckner betrifft, dies nur nebenbei). Und den hab ich noch nichtmal live erlebt...


    Starkult? Ich denke, es ist eher Begeisterung. Und sowas entsteht, wenn jemand sehr eigene Wege geht und die Richtung dieser Wege im Begeisterten etwas Verwandtes anrührt.


    Ich kenne wenig von TC, aber das bißchen was ich hier habe ist in seiner extremen dynamischen Zuspitzung jedenfalls sehr eigen (auf, wie ich finde, gelungene Art). Es ist auf Begeisterungsstürme geradezu angelegt, wenn man es so mag, und das ist kein Fehler in einer Musiklandschaft, der frischer Wind sicher mal guttut. Daß Currentzis mit einem derart prominent besetztem Ensemble Außerordentliches auf die Beine stellt glaube ich unbesehen. Ich besitze neben der wirklich außerordentlichen Rameau-CD seine Tschaikowsky 6, und auch wenn ich meine Bernsteinaufnahme mit dem ewigen Finale und vor allem Celibidache/Münchner vorziehe, möchte ich sie nicht missen.


    Der Starkult bei Karajan bezog sich doch mehr auf die mediale Ausstrahlung (silberne Fönfrisur, die Art wie er sich Filmen ließ, die Art wie Fachblätter a la HörZu und BILD ihn darstellten) als auf die Interpretationen selbst. Bei Bernstein gab es ja Vergleichbares. Von Currentzis hat ein solches Publikum vermutlich nie etwas gehört; das ist kein Starkult, das ist schon Musik: in einer sehr zugespitzten Weise, die man ja nicht mögen muß, aber eben kann.


    Schön, daß Du einen so gelungenen Konzertabend hattest, lieber music lover!



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Der Starkult bei Karajan bezog sich doch mehr auf die mediale Ausstrahlung (silberne Fönfrisur, die Art wie er sich Filmen ließ, die Art wie Fachblätter a la HörZu und BILD ihn darstellten) als auf die Interpretationen selbst. Bei Bernstein gab es ja Vergleichbares. Von Currentzis hat ein solches Publikum vermutlich nie etwas gehört; das ist kein Starkult, das ist schon Musik: in einer sehr zugespitzten Weise, die man ja nicht mögen muß, aber eben kann.

    Darüber müsste man genauer nachdenken: Ohne das näher untersucht zu haben, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es zahlreiche Gemeinsamkeiten in der Inszenierung Karajans und Currentzis' gibt.

    Musik mach(t)en Currentzis und Karajan und Bernstein, in Frage gestellt wird halt die Qualität des Ergebnisses. Ohne Audiomitschnitte kann man, ohne dabei gewesen zu sein, keine sinnvolle Aussage über das Konzert treffen. Ich meine aber auch und gebe zu bedenken, dass sich Begeisterung und Ergriffenheit nicht notwendigerweise in Herumgebrülle und Jubel äußert: Wenn man wirklich ergriffen ist, hat man auch manchmal einfach nur das Bedürfnis nach Stille.

    Aber eigentlich mag ich hier in diesem Thread nicht so viel posten: Es gibt andere Dirigenten, mit denen ich mich lieber beschäftige als mit einem wie Currentzis, dessen musikalischen Leistungen mir nicht gefallen.

  • In den Sechzigern trieb der Karajankult vergleichbare Blüten. Es wird so schön beschrieben, daß er sich vor Konzerten mit geschlossenen Augen zu sammeln pflegte, „bis die ersten Damen in Ohnmacht fielen und die Wissenden ein Schmunzeln nicht mehr unterdrücken konnten“

    Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)

  • Ohne das näher untersucht zu haben, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass es zahlreiche Gemeinsamkeiten in der Inszenierung Karajans und Currentzis' gibt.

    Mag sein, lieber Sadko, mag sein. Aber ich weiß noch ganz gut, wie das war als ich jung war: es gab kein Internet und wenige "Leitmedien". Und Karajan (dem ich nebenbei nix ans Zeug flicken will, er hat ja seine Meriten), der wurde als die Inkarnation klassischer Musik überhaupt abgefeiert (und das nahmen auch Leute an die nur Schlager hörten), auf eine Weise, die heute unvorstellbar ist. Und die heute unhaltbar erscheint, selbst seinen größten Fans.


    Ich will und kann Currentzis weder verteidigen noch hochjubeln. Aber er hat nicht 5% des damaligen Karajan-Bekanntheitsgrades in der allgemeinen Bevölkerung. Wer sich nicht aktiv für klassische Musik interessiert kennt nichtmal den Namen. Denn die Medienlandschaft ist ganz anders.


    "Starkult" ist hier einfach ein falscher Begriff. Sowas gibt es bei Dieter Bohlen und Menschen die unter 16 sind ;)

    Wenn man wirklich ergriffen ist, hat man auch manchmal einfach nur das Bedürfnis nach Stille.

    Ja. Aber music lover möchte es eben teilen. Beides ist ok, beides hat seine eigene Schönheit und beides find ich toll ;)



    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

  • Lieber Garcia!

    Da kann ich nicht widersprechen, und auch wenn Teodor Currentzis nicht denselben Bekanntheitsgrad wie Anna Netrebko hat (die auch viele Leute ohne Klassik-Bezug kennen), genießt er doch innerhalb seiner Fangemeinde -- meiner Beobachtung nach -- eine messiasähnliche Verklärung. Ob man das Starkult nennt (wie ich) oder einen anderen Begriff wählt, ist nicht vorrangig.

    Wie gesagt, auch ich habe in der Nacht von gestern auf heute (hier) ausgedrückt, dass mich freut, dass Music Lover ein gelungenes Konzert erlebt hat. Aber Eindrücke, aus denen hervorgeht, dass die Currentzis-Inszenierung mit ganzen Drumherum polarisiert, finde ich trotzdem angemessen.

  • Sicher.


    Aber Begeisterung finde ich trotzdessen sympathisch. Wir wollen es doch immer nur lauwarm, nicht?


    Aber Eindrücke, aus denen hervorgeht, dass die Currentzis-Inszenierung mit ganzen Drumherum polarisiert, finde ich trotzdem angemessen.

    Jupp. Klar! Angemessen ist immer alles was man fühlt.


    Aber ich als alter Grateful Dead Enthusiast {subjektiver als ich kann man also nicht sein}. (nicht vergleichbar weil keine Klassik...) --- ich find's halt schön wenn das Herz mal dem Kopf davonstürmt :)


    Das ist doch das Salz in der Suppe. Köpfe können dumm sein. Herzen eher nicht. (Ausnahmen bestätigen etcpp...)




    :)

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

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