• Echt? Wie geht das?

    Also, ich denke an Glenn Gould. Der hatte schon ein paar Ideen dazu, was Mozart meinte. Und doch machte er es anders.

    Insofern meine ich, dass durch bloßes Zuhören nicht unbedingt viel über die Auffassung (um das Wort "Verständnis" - "verstehen" zu vermeiden) herausgefunden werden kann.

    Darüber hinaus sind Musiker ja auch gute Musikschauspieler - man muss z. B. nicht unbedingt dringende Selbstmordgedanken hegen, um Tschaikowskys 6. Sinfonie gut zu dirigieren.

    Also, wie jemand musiziert und was seine Auffassung ist - das können zwei Paar Schuhe sein. Meine ich.

    Und die Frage, was "Verständnis" in der Musik bedeutet, hast Du auch nicht beantwortet.

    Ach ja, noch eine Frage. Du hörst Currentzis zu und hast eine Meinung zum Mozart-Verständnis dieses Dirigenten. Jemand hört ebenfalls Currentzis zu und hat eine andere Meinung zum Mozart-Verständnis dieses Dirigenten. Wer hat Recht? Und warum?

    Mir ist da zu viel Absolutheitsanspruch in der Aussage "Ich höre Herrn Currentzis zu und kenne dann sein Mozart-Verständnis". Tust Du nicht - meine ich.

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Immerhin hatte mir seine Salzburger Clemenza di Tito gut gefallen und mehr begeistert als die Rameau-Programm CD.

    Was sicher mehr über mein Verständnis von Mozart und Rameau als über Currentzis' sagt.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Den Artikel aus dem "Spiegel" würde ich sogar zur Kenntnis nehmen (nicht jeder "Spiegel"-Artikel über klassische Musik ist ja von vornherein so dermaßen zum Fremdschämen wie die Machwerke eines bestimmten Spiegel-Mitarbeiters, über die wir gerade vorgestern in der "Capriccio-Presseschau" schrieben), aber der Artikel ist leider durch eine Paywall geschützt.

    Wenn allerdings von irgendwelchen Leuten aus der Mainstream-Presse der Vorwurf kommt, Mozart zu "zerstören", würde ich dies eher als ein Zeichen für den Dirigenten ansehen, etwas richtig zu machen. Ich weise auf das Erlebnis von Sir Simon Rattle mit Herbert von Karajan hin, von dem Rattle in dem Buch von Nicholas Kenyon, "Simon Rattle - Abenteuer der Musik. Die Biographie", Henschel-Verlag, 2007, S. 101 f., berichtete: Karajan rief ihn an und trug ihm an, in Salzburg den "Figaro" mit den Berliner Philharmonikern an Ostern und mit den Wiener Philharmonikern im Sommer zu dirigieren, denn er selbst schaffe das nicht mehr, sein Körper mache das nicht mehr mit. Rattle zeigte sich begeistert, schwärmte ihm von alten Instrumenten vor, äußerte aber Bedenken, ob man so etwas mit den Wiener Philharmonikern machen könne. Darauf folgte eine lange Schmährede Karajans, der das, was Rattle sagte, offenbar als eine persönliche Beleidigung empfand, in der Richtung: "Ihr Stil ist längst passé". Karajan legte wütend mit den Worten "Also ich weiß wirklich nicht, in welchem Stil Sie zu dirigieren meinen, ich jedenfalls mache es im Stil von Mozart. Vielen Dank." den Hörer auf.

    Mainstream-Presseerzeugnisse wie "Spiegel", "Stern", "Focus", "Brigitte" und was es da sonst noch alles gibt, sind in der Regel, wenn sie denn überhaupt mal über klassische Musik schreiben, nicht sonderlich informiert. Wenn das "Argument" eines Mainstream-Rezensenten sein sollte: "Aber das habe ich doch vor zwanzig Jahren ganz anders gehört, als Lorin Maazel hier bei uns in der Stadt Mozart dirigierte", dann muss das einem in der heutigen Zeit arbeitenden Dirigenten nicht in Selbstzweifel stürzen. So wie Rattle es sich auch nicht zu Herzen, sondern mit Humor nahm, dass Karajan partout nicht an seinem Mozart-Bild gerüttelt wissen wollte. Karajan glaubte offenbar, Mozart für sich gepachtet zu haben, während die jüngere Generation ihn zerstöre. Wie gesagt: Das sollte die jüngere Generation eher als Kompliment ansehen.

  • Karajan glaubte offenbar, Mozart für sich gepachtet zu haben, während die jüngere Generation ihn zerstöre. Wie gesagt: Das sollte die jüngere Generation eher als Kompliment ansehen.

    Es gibt keinen Mozart-Stil per se. Dazu müssten wir wissen, wie Mozart selbst seine Werke unter Idealbedingungen aufgeführt hätte. Und eventuell sogar unterstellen, dass Mozart im Alter von 25 Jahren andere Vorlieben hatte als mit 35 - immerhin war das ja ein neugieriger und sich kontinuierlich weiterentwickelnder Künstler.

    Das Learning aus rund 100 Jahren Schallplattengeschichte ist doch: Es gibt nicht "den" Stil. In jeder Generation gibt es Interpreten, die uns die Illusion vermitteln, besser ginge es nicht. Manche versteigen sich dazu, zu meinen, sie hätten den idealen Mozart-Stil.

    Bei Mozarts Streichquartetten denke ich z. B. an die Grillers, an das wunderbar warm aufspielende Quartetto Italiano, dann an die erste Aufnahme der letzten 10 Quartette mit dem ABQ - schlank, sportiv, doch auch aus der Beethoven-Perspektive, d. h. irgendwo auch ein wenig verniedlichend, verkleinernd, dann das Quatuor Mosaiques, HIP-orientiert, doch wider Erwarten ganz häufig tiefenentspannt musizierend, gar nicht so in dem bisweilen zu hörenden Drauflos-HIP-Stil, dann die Klenkes mit einer für meine Ohren zeigemäße, stimmige, bisweilen mitreißende Darstellung, die Armidas mit der m. E. jüngsten GA, ziemlich zupackend, eher scharf artikulierend (also irgendwie vieles von dem, was man bei den Mosaiques hätte erwartet haben können), und dann famose Einzelaufnahmen mit den Ébènes, mit dem Jerusalem Quartet, Casals, Hagen , ...

    Und immer wieder die Illusion, das Ensemble X habe Mozart auf den Punkt gebracht, und dann Gegenhören mit dem Ensemble Y, und alles steht wieder in Frage.

    Nein, wer von "dem" Mozart-Stil spricht, hat damit seine Satisfaktionsfähigkeit eigentlich schon an der Garderobe abgegeben.

    Selbstverständlich kann man auf Currentzis draufhauen und sich Selbiges für die eigene Person verbitten. Warum nicht. Wer ist schon Currentzis ...?

    Das Kunstwerk ist größer als sein Schöpfer. Was bei Mozart viel heißt. Es steckt mehr drin, als Mozart hineingesteckt hat. Seine Musik verträgt so unglaublich viele Beleuchtungen und verliert nicht ihren Zauber. Das ist doch das Wunder ... und nicht die Verengung des Werks auf eine bestimmte Art der Wiedergabe. Die wir alle auch nur kraft unserer zeitlichen Prägung rezipieren können, d. h. unsere Maßstäbe sind freilich auch nicht überzeitlich und ewig gültig.

    Ich kann nicht sagen, dass Currentzis' Mozart-Wiedergaben mich bisher sonderlich überzeugt hätten (Requiem, 3 x da Ponte). Müssen sie ja auch nicht. Wo es einzelne Wiedergaben gibt, die uns eine temporäre Illusion des Elysiums bieten, da muss es eben auch andere geben, die das nicht schaffen. Wir brauchen die Breite in der Spitze, damit ... äh, ja. ;)

    Zu alledem kommt noch das Sender-Empfänger-Problem - und hier gibt es eventuell zeitliche Konstanten. Man könnte mal untersuchen, in wie weit die Formulierungen zu Harnoncourt aus den 1980er Jahren deckungsgleich sind mit denen, die man heute zu Currentzis lesen kann. Eventuell ist das die einzige Konstante.

    Oder anders formuliert:

    „Auf böse Menschen ist Verlass. Sie ändern sich wenigstens nicht.“ (William Faulkner)

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Gurnemanz 11. Juli 2024 um 16:36

    Hat das Thema geschlossen.
  • Mehrere Beiträge - Verstöße gegen Forenregeln bzw. Reaktionen darauf - wurden entfernt und der Thread vorläufig geschlossen. Die Moderation berät über das weitere Vorgehen.

    Freundliche Grüße von der Moderation
    Heino

    Es grüßt Gurnemanz

    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Gurnemanz 13. Juli 2024 um 17:39

    Hat das Thema geöffnet.

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