"Rossini in Wildbad" Reihe bei NAXOS

  • Zuletzt hat er hauptsächlich die "Splitter" gefüllt...

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Wenn ich von der gewohnten Qualität seiner Beiträge ausgehe , wird er dort mal das Niveau gehoben haben .

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

  • Elisabetta regina d'Inghilterra

    Soeben erschienen:

    2021 aufgenommen, 2024 veröffentlicht

    mit

    Elisabetta - Serena Farnocchia, Sopran
    Leicester - Patrick Kabongo, Bass
    Norfolc - Mert Süngü, Tenor
    Matilde - Veronica Marini, Sopran
    Enrico - Mara Gaudenzi, Mezzo-Sopran
    Guglielmo- Luis Aguilar, Tenor

    Philharmonischer Chor Krakau (Chorleiter Marcin Wróbel)

    Philharmonisches Orchester Krakau
    Leitung: Antonino Fogliani

    03-04.07.2021, Krakau und 21.07.2021, Bad Wildbad

    Es war ein kompliziertes Unterfangen, wie die Wartezeit zwischen Aufführung und Veröffentlichung erahnen lässt.

    Zuerst sollte Elisabetta 2020 in Bad Wildbad aufgeführt werden, fiel aber der Pandemie zum Opfer. Das Projekt wurde im folgenden Jahr wieder aufgenommen, mit einer teilweise geänderten Besetzung.

    Pandemiebedingt fanden die Aufführungen auf einer Freilichtbühne statt, wobei ein Platzregen die Akustik störte. Glücklicherweise war es eine Koproduktion mit Krakau und Mikrophone waren dort im Juliusz Słowacki Theater gestellt. Die Toningenieure hatten sicher eine Menge zu tun, um alles zu kombinieren (es ist keine Rundfunkaufnahme) aber das Ergebnis lässt sich gut hören.

    Die Tonqualität ist für meine Ohren gut; diskrete Bühnengeräusche sind zu hören, einige begeisterte Zuschauer konnten ihren Applaus nicht bändigen, dies stört aber kaum und die Begeisterung der Zuschauer lässt sich gut nachvollziehen.

    Ehre, wem Ehre gebührt: einen großen Anteil daran hat Maestro Antonino Fogliani. Er dirigiert kein museales Stück sondern ein leidenschaftliches Drama mit Schwung und Energie. Die Ouvertüre ist allgemein bekannt. Rossini hatte sie bereits für Aureliano in Palmira komponiert und würde sie später in Il barbiere di Siviglia wiederverwenden. Allerdings hat er sie für das reichere Orchester des Teatro San Carlo u.a. um Bläserstimmen erweitert. Oft hört man, wie der Dirigent die Barbiere-Falle vermeiden will, indem er demonstrativ unterstreicht, dass es sich hier um eine Opera seria handelt. Nicht so Fogliani. Er stürzt sich voll ins Drama, dazu mit einer Klangperspektive und einer Transparenz, die seinem Orchester beinahe HIP-Qualitäten gibt. Die bekannte Melodie ist dynamisch gut abgestuft, die reichere Instrumententextur kommt voll im Einsatz (und die Krakauer Bläser sind auf der Höhe), das Rossini-Crescendo unverwechselbar. Und ja, es geht um Liebe und Tod, um Eifersucht und Rache, um Macht und Verschwörung wie in The Tudors und nicht in einem Doku-Drama des Bildungsfernsehens.

    Bei Otello hatte ich ab und zu "den Eindruck, dass das Orchester kommentiert, statt das Geschehen voranzubringen". Dies war 2008. 13 Jahre später ist es völlig anders. Man versteht, was Rossini sagen wollte, als er schrieb, dass er zu Schmidts etwas kühlen Text eine musica calda komponiert hatte. Fogliani hat sicher auch die Musiker aus Krakau begeistert und inspiriert, das Orchester reagiert wie eine Präzisionsmechanik. Der Chor ist gut, wohl wegen der Aufführung-Situation teilweise etwas unterbelichtet Dramatisch lässt auch das Sänger-Team kaum Wünsche offen und die Rezitative bringen keinen Verlust der Spannung,

    Mara Gaudenzi ist ein jugendlicher Enrico mit schönem Timbre. Beide Tenöre sind Wildbad-Habitués und haben mehrmals ihre Affinität zu Rossini unter Beweis gestellt. Hier sind beide Rollen für Baritenore gesetzt, obwohl tenori contraltini wie David oder Rubini später die Rolle des Norfolc sangen, während die Nozzari-Rolle des Leicester in dessen Repertoire und auch in dem von gewichtigeren Tenören wie Donzelli blieb. Patrick Kabongo bringt hier Eleganz und scheinbare Mühelosigkeit in der Koloraturen. Mert Süngü hat das nötige Quantum Aggressivität als Norfolc, ohne die Klarheit seiner Linien zu gefährden.

    Die Sopranistinnen, beide Wildbad-Neulinge, erfüllen alle Erwartungen. Veronica Marini ist als Matilde nicht der soprano leggero, den man oft in dieser Rolle hört, sondern ein echter lyrischer Sopran. Tatsächlich haben die Sängerinnen der ersten Aufführungen oft die Partien der Elisabetta und der Matilde vertauscht. Dies bringt den Vorteil, dass die Ensembles besser ausgewogen sind. Das Duett der beiden Soprane im zweiten Akt ist auf Augenhöhe. Serena Farnocchia hat Autorität als Elisabetta. Ihr Bell'alme generose hat nicht die Verführung einer Caballé, Gencer oder Antonacci, ist aber konsistent mit ihrem Charakter nach der koloraturreichen Arie, in der sie dem Verräter eine furchtbare Hinrichtung verspricht.

    Das Warten hat sich gelohnt. Diese Aufnahme ist nicht nur ein Fest der Stimmen sondern Musiktheater auf hohem Niveau. Für mich jetzt fraglos und trotz wichtiger Konkurrenz die Nummer 1 für diese Oper.

    Ein Wort über die Ausgabe. Es wird nicht nach der kritischen Ausgabe der Rossini-Fondation unter Leitung von Vincenzo Borghetti musiziert, sondern nach einer "neuen Ausgabe von Aldo Salvagno nach dem Manuskript und zeitgenössischen Handschriften für Rossini in Wildbad". Einige Rezitative werden gekürzt. Es geht hier um recitativi semplici, wo Streicher die Akkorde des continuo im recitativo secco übernehmen. Sonst habe ich keine wesentlichen Abweichungen gemerkt.

    :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:

    Alles, wie immer, IMHO.

    2 Mal editiert, zuletzt von Lionel (10. Februar 2024 um 01:05)

  • Es wird nicht nach der kritischen Ausgabe der Rossini-Fondation unter Leitung von Vincenzo Borghetti musiziert, sondern nach einer "neuen Ausgabe von Aldo Salvagno nach dem Manuskript und zeitgenössischen Handschriften für Rossini in Wildbad".

    Ich habe nichts Erhellendes über diese Editionen gefunden. Handelt es sich um konkurrierende Projekte, oder ist das eine für die Wissenschaft und das andere fürs Theater?

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Die kritische Ausgabe von Vincenzo Borghetti ist Teil der Gesamtausgabe der Rossini-Fondation bei Ricordi. Sie wurde 2016 herausgegeben und für die Pesaro-Aufführungen 2021 eingesetzt. Wohl hatte Pesaro das jus primae noctis, in diesem Fall die Exklusivität für die ersten Aufführungen, die ursprünglich 2020 hätten stattfinden sollen.

    Elisabetta sollte in Wildbad auch 2020 aufgeführt werden und wohl deshalb wurde die Ausgabe von Aldo Salvagno ad hoc für Wildbad erstellt.

    Im Endeffekt wurde die Oper beinahe gleichzeitig in beiden Festivals aufgeführt. Die Pesaro-Aufführungen wurden gefilmt - ich werde wohl darüber berichten :)

    Elisabetta bringt editorisch nicht so viele Probleme wie andere Opern. Ian Schofield hatte schon für Opera Rara eine performing edition auf der Basis eines fac simile des Manuskripts erstellt. Es ging hauptsächlich darum, die fehlenden spartitini (Zettelchen, die man auf der Partitur geklebt hat und wo man zusätzliche Stimmen z.B. für Bläser notiert hat) zu ergänzen. Einige Stimmen davon wurden tatsächlich später gefunden und in die kritische Ausgabe integriert. Wohl hat Salvagno aufgrund von "zeitgenössischen Kopien" diese Stimmen rekonstruiert, die nicht im Originalmanuskript vorhanden sind. Ich werde mich in Wildbad im Sommer erkundigen.

    Alles, wie immer, IMHO.

    Einmal editiert, zuletzt von Philbert (12. Februar 2024 um 09:40)

  • Um Deine Frage weiter zu beantworten, geht es nicht um die "Bärenreiter-Dissidenz". Nachdem Philip Gossett sich mit Pesaro verkracht hat, hat er eine unabhängige kritische Rossini-Aufgabe in die Wege geleitet, die bei Bärenreiter erscheint. Maometto secondo erschien dort 2013 (die Ricordi-Ausgabe von Ilaria Narici 2023), Le comte Ory (kritische Ausgabe von Damien Colas) 2014, usw ... Die in Wildbad benutzte Ausgabe von Elisabetta gehört nicht zu diesem Projekt.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Nachdem Philip Gossett sich mit Pesaro verkracht hat, hat er eine unabhängige kritische Rossini-Aufgabe in die Wege geleitet,

    Sowas wusste ich gar nicht. Was für ein Krimi. Gut, dass noch was Hörenswertes produziert werden kann.

    Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.

  • Tatsächlich ist die Colas-Ausgabe von Le comte Ory sehr wichtig (mehr darüber wohl in einem speziellen Thread). Bislang wurde sie u. a. in Zürich (DVD mit Cecilia Bartoli) und Paris (DVD mit Julie Fuchs) eingesetzt. Um bei dem Thread zu bleiben, wird Ory diesen Sommer in Wildbad aufgeführt, mit Fogliani am Pult und ich hoffe, sie werden sie auch benutzen.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Zu Elisabetta in Wildbad

    Ich habe soeben festgestellt, dass in der Rollenliste irrtümlicherweise ene Anaï, eine Sinaïde und eine Marie auftauchen.

    Leider ist es zu spät, um den Eintrag zu korrigieren. Es handelt sich selbstverständlich um copy-paste Fehler.

    Alles, wie immer, IMHO.

  • Ich habe es korrigiert.

    "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)

  • Bald geht es weiter .

    Bitte darum . Durch deine Ausführungen wurde ich mit ins Bad genommen .

    Good taste is timeless "Ach, ewig währt so lang " "But I am good. What the hell has gone wrong?" A thing of beauty is a joy forever.

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