Jörg Widmann - im Konzertleben omnipräsent?

  • Jörg Widmann - im Konzertleben omnipräsent?

    Auf Anregung aus dem Vorstand aus der Presseschau hierher verschoben.
    AlexanderK, Moderation


    Das fällt mir schon länger auf: Wenn irgendwas Zeitgenössisches aufgeführt wird, gerade im orchestralen Bereich, gerade in normalen Abo-Konzerten mit "Mischprogramm" - dann ist die Chance, auf eine Komposition von Jörg Widmann zu treffen, sehr groß. Der Komponist und Musikblogger Jeffrey Arlo Brown nimmt das Phänomen aufs Korn:


    https://van.atavist.com/widmann-kritik


    :wink:

    .

  • Brown scheint von Widmanns kompositorischen Fähigkeiten nicht überzeugt zu sein. Kann ich nicht beurteilen, denn ich habe Widmann als Komponisten noch kaum gehört. Dafür als Klarinettisten (Mozart-Konzert) in Heidelberg, wo seine Werke aber auch öfter aufgeführt werden.


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

  • Hm.... Als ich den Artikel gelesen habe, hatte ich ein bisschen den Eindruck der Autor sei vielleicht einfach neidisch. Das kompositorisch kann ich natürlich auch nicht beurteilen, bin aber grundsätzlich froh, wenn nicht nur Mozart und Beethoven (die über allen Verdacht erhaben sind :D ) gespielt werden.

    Viele Grüße, Michael

  • Mich überzeugt diese Kritik nicht.
    Dass Jeffrey Arlo Brown Widmanns Musik nicht sonderlich originell findet, sei ihm unbenommen. Aber, dass er seinen Erfolg so schlecht redet, finde ich verdächtig.
    Widmann ist ein Tausendsassa, er ist als Dirigent, Komponist, Klarinettist und Buchautor überaus produktiv. Statt das zu würdigen wird sein Erfolg als blosser Selbstläufer (Schneeballeffekt) marginalisiert, die die ihn gut finden werden als oberflächlich diffamiert und die Genderkeule wird auch noch völlig unnötig ausgepackt. Selbst dass andere (möglicherweise unverdient) in seinem Schatten stehen wird ihm zur Last gelegt.
    Ein bedeutender Grund, warum Widmann bei einem breiteren Publikum so beliebt ist, ist sicherlich auch seine Gabe mühelos verständlich und wie gedruckt über Musik reden zu können. Dabei kommt er stets freundlich und hellwach rüber.
    Ich glaube gern, dass viele heutige Komponisten mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Aber Widmann ist nicht das Problem. Im Gegenteil.


    Hudebux

  • ich teile Jeffrey Arlo Browns Abneigung gegen Jörg Widmanns Mucke, sowie seinen Zuspruch für Widman als Instrumentenquäler.
    Aber Browns hätte in diesem Fall ebenso Mucke von Thomas Ades oder George Benjamin auf Korn nehmen können; zumal Benjamin als Dirigent recht präsent ist.


    Von der komponierten Mucke praktizierender Orchester- bzw. Instrumentenquäler vom Format eines z.B. Stefan Litwins, Emilio Pomaricos, Johannes Kalitzkes kommt rüber was Brown mit „bei denen ich nicht vorher schon weiß, wie das eine Neue-Musik-Stück klingen wird.“


    Allerdings seinen Allgemeinplatz „Kunst, die wirklich von Bedeutung ist, gibt uns das Gefühl, sich in ihr wiederzuerkennen und gleichzeitig nicht in der Lage zu sein, zu beschreiben, was man fühlt.“ find ich mega-uncool. Denn Mucke, bei der mir Feeling rüberkommt, dass ausgerechnet ich mich darin wiedererkenne, wäre schrecklich öde. Das Gegentum davon ist erforderlicher Fluchtpunkt.


    Für ziemlichen Käse halte ich Browns Argumentation, dass ausgerechnet die Präsenz von Widman-Mucke auf Kosten bzw. zu Lasten anderer Notenquäler funzt, in Anbetracht großer Menge von Schrottmucke, die sowieso im sog. E.-Bereich fabriziert und aufgeführt wird.
    Meisterwerke werden halt leider nicht am laufendem Band ausgeschissen.


    Und Rebecca Saunders Mucke hat m.E. im Muckenbetrieb ein vergleichsweise erfreuliches Standing (übringens auch die Chaya Czernowins und Mark Andres )
    z.B. Saunders geiles Violinkonzert wurde schon mindestens 5 x , ihr super-fetziges Stasis – Raumcollage mindestens 3 x gequält.......
    Nicht bloß in Wittener Tage für Neue Kammermucke oder Donaueschingen, sondern auch Lederhosen, BBC-SO, ORF gab/geben sich Saunders-Mucke.
    Und Dresdner Staatskapelle hob drei ihrer Mucken erstmalig aus der Taufe.

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Jörg Widmann bewegt sich auf vielen Feldern der Musik souverän. Dass Instrumentalisten oder Sänger sich im vorgerückten Lebensalter gerne als Orchesterleiter betätigen, zeitigt nicht automatisch geniale Ergebnisse, ist aber aufgrund ihrer Erfahrungen im Positiven wie im Negativen nachvollziehbar (breite Kenntnisse in Theorie und Praxis und Bekanntheitsgrad vs. eine gewisse Bequemlichkeit beim Üben, um drei Aspekte zu benennen). Noch bzw. schon ist Widmann ein genialer Instrumentalist und ein überzeugender Komponist, Dirigent und wohl auch Musikologe. Dass es ihm gelingt, sich perfekt darzustellen mit all den Konsequenzen, welche in dem Artikel gegen ihn verwandt werden, kann man ihm egentlich schwerlich zum Vorwurf machen. Auch Arlo Brown zäumt ja eher das Pferd von hinten auf und bedauert oder bemängelt nicht in erster Linie einen Scharlatan Widmann, sondern die Schatten, welche auf andere geworfen werden.


    Den Komponisten Widmann sehe ich doppelbödig. Ich habe Werke von ihm mindestens viermal live erlebt und bin einerseits verblüfft, wie auf den Punkt gebracht er sich unterschiedlichsten Erfordernissen anpassen kann, andererseits stellt sich schon die Frage, ob und in welchem Maß bei ihm die konsequent eigenständige Verfolgung einer musikalischen Aussage, eben eines Stils festgestellt werden darf. Oder ist er wirklich jener rücksichtslose Opportunist, als welcher er im Kommentar implizit bewertet wird? Er hat für die Verabschiedung von Jonathan Nott einen skurrilen "Bamberger Marsch" geschrieben, er hat eine Techno-Parodie (Parodie?) für Streicherensemble komponiert, die ich in Würzburg gehört habe. Ich kenne ebenso aus eigener Live-Hörerfahrung einen Zyklus für Sopran und Ensemble und schließlich sein Violakonzert.


    Was diese Werke - ich erinnere mehr oder minder flüchtig noch andere, meinst kleinere und ältere von der CD oder vom Rundfunk - an Individualität gemeinsam haben könnten, ist mir zugegebenermaßen bislang unklar. Eher klar scheint mir, dass er keine ernsthaft neuen Perspektiven damit aufgezeigt hat. Aber ist es berechtigt, ihm dies im Zeitalter der Postmoderne vorzuwerfen? Macht er es sich zu bequem unter der Sonne seines Erfolgs? Oder gibt er einem breiteren Publikum, das nicht zu Avantgarde-Festivals pilgert, die Chance, seinen Horizont zu erweitern?


    Amfortas benennt Saunders und Czernovin, zwei Frauen im Getriebe immerhin, deren Namen man keineswegs selten liest und die zweifellos unbequemer erscheinen. Ganz so schlimm wird es wohl nicht sein, wie von Brown behauptet. (Ades geht für mich übrigens eher in die Richtung eines neuzeitalterlichen (Übersetzung aus dem Englischen! :P ), neurussischen Minimalismus, ist also schon arg modisch ...)


    Soweit ohne Systematik und Tiefgang ein paar Bltzlichter meinerseits. ;) :)


    :cincinbier: Wolfgang

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • Ich habe Werke von ihm mindestens viermal live erlebt und bin einerseits verblüfft, wie auf den Punkt gebracht er sich unterschiedlichsten Erfordernissen anpassen kann, andererseits stellt sich schon die Frage, ob und in welchem Maß bei ihm die konsequent eigenständige Verfolgung einer musikalischen Aussage, eben eines Stils festgestellt werden darf. Oder ist er wirklich jener rücksichtslose Opportunist, als welcher er im Kommentar implizit bewertet wird?

    "Einen Stil entwickeln" ist schon eine eher altmodische Forderung, heute erwarte ich eher, dass mich ein Komponist immer wieder überrascht - aber das heißt nicht, dass ich es ablehne, wenn jemand sich selbst zum 1.000sten Mal selbst kopiert.
    Mich hat live ein Orchesterwerk von Widman sehr begeistert - ich glaube "Chor" oder so. Die wergo-CD, die ich habe, hat noch nicht viel bei mir ausgelöst.
    Eigentlich halte ich es nicht für nötig, Adès und Saunders gegeneinander auszuspielen, das kann schon gut nebeneinander existieren. Hoffentlich zumindest - wenn man die neuen Programme der Rundfunkorchester sieht, wird einem eher schlecht, Neue Musik (im engeren Sinne) für Orchester scheint kaum eine Zukunft zu haben. Vor dem Hintergrund kann man dann wieder vor Widmann warnen, wenn die letzten Möglichkeiten einer "weichgespülten" Variante vorbehalten bleiben.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)

  • Ich habe das jetzt auch noch gelesen - was da steht, ist größtenteils nicht Widmann-spezifisch sondern gilt allgemein für Stars: Wer schon bekannt ist, bekommt mehr Möglichkeiten und Würdigung, es ist nicht so leicht nachzuvollziehen, warum gerade X berühmt wurde und Y nicht, Vor lauter Aufführungen von X gibt es keinen Platz im Konzertprogramm für Z.
    Das dürfte in der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts noch viel schlimmer gewesen sein, Verdi hatte so viel Erfolg, dass nur wenige Konkurrenten auf die Bühne konnten - glaube ich, mal gelesen zu haben.

    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
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  • Zitat von putto

    "Einen Stil entwickeln" ist schon eine eher altmodische Forderung, heute erwarte ich eher, dass mich ein Komponist immer wieder überrascht - aber das heißt nicht, dass ich es ablehne, wenn jemand sich selbst zum 1.000sten Mal selbst kopiert.

    Bei im weitesten Sinne klassischer Musik bin ich da gerne altmodisch, bei zeitgenössischer könnte ich mir puttos Erwartung zu eigen machen. Nehmen wir Genzmer - er hat zunächst Hindemith imitiert, um dann einen doch persönlicheren Stil zu finden, den er - bisweilen hart an der Grenze, zugegeben - genau in dem Maße zur Geltung bringt, in dem man bzw. ich mich freue, diesen Stil eindeutig zu erkennen, aber in neuem Kontext angewandt zu sehen. Diese Art der "Überraschung" deckt sich dann genau insoweit mit dem Wiedererkennungseffekt, als mir das intellektuelle Freude bereiten kann. Philipp Glass bereitet mir diese Freude nicht - aber das mag eine relativ subjektive Sicht der Dinge sein, also geschmäcklerisch. Ich könnte es dennoch bis zu einem gewissen Grad begründen, dieses Fehlen intellektueller Freude. In diese Richtung dürfte Dein Kommentar am Ende der zitierten Passage wohl gehen: In Gedanken setze ich mal das Adverb selbst kursiv. ;)


    Bei meinen Begegnungen mit Widmann bislang war ich schon "überrascht" - und das meine ich auch gar nicht negativ, konnte aber den Eindruck kaum je abschütteln, dass ein belesener Musiker sich im Rahmen eklektischer, wenn auch geschmackvoller Mittel für den jeweiligen Zweck aus der Tradition im zeitgemäßen Gewand bedient. Das ist mir eigentlich zu wenig - nicht bezüglich zwangsläufig der jeweils gehörten Musik an sich, aber bezüglich deren Unverwechselbarkeit im Rahmen eines Personalstils.


    Am besten hat mir übrigens das Violakonzert gefallen - hier hat man keineswegs den Eindruck von Gebrauchsmusik, hier gefallen die spezifische Virtuosität des Soloparts und der eigenwillig zurückgenommene, ja skelettierte Orchesterapparat.


    Wenn wir im 20. Jahrhundert bleiben, denke ich idealerweise an Strawinsky. Wie er im Kontext seines Personalstils vom Expressionismus über den Neoklasszismus zur Dodekaphonie gelangt ist, beeindruckt mich schon sehr, selbst wenn manche die Werke der Zwanziger oder Dreißiger für einen blässlichen Rückschritt halten.


    Selbstverständlich können Saunders und Widmann nebeneinander existieren, von mir aus auch Adès und Glass ... ;)


    :wink: Wolfgang


    PS: Danke übrigens an die Redaktion für das Hoch-Redigieren der Widmann-Sprengsel! :verbeugung2:

    He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.

  • was da steht, ist größtenteils nicht Widmann-spezifisch sondern gilt allgemein für Stars

    Ja, sicher. Es werden immer einige Komponisten mehr gespielt, andere weniger oder gar nicht.


    Aber was bei Widmann m.E. schon auffällt: er komponiert nicht selten Stücke, die sowohl in puncto Länge wie in puncto Faktur maßgeschneidert für gemischte Konzertprogramme sind. Kleine Happen ("Tapas" nennt das Rattle) zum Einstieg, Instrumentalkonzerte oder kleine Liederzyklen für zwischendurch, Größeres (aber nie zu Großes) für "nach der Pause". In relativ klassischen Orchesterbesetzungen, technisch anspruchsvoll, aber immer noch so, dass ein gutes Orchester das in angemessener Zeit geprobt kriegt. Gelegentlich schräg, aber immer gut klingend. Und vor allem: immer gerne auf ältere Musik bezugnehmend, diese zitierend, durchscheinen lassend, apart verfremdend (der Artikel nannte ja das Beispiel mit Mozarts Sonata facile, man könnte andere hinzufügen).


    Und außerdem: Widmann ist anscheinend gerade mit den "großen", international bekannten Orchestern, Dirigenten, Instrumental- und Vokalsolisten hervorragend vernetzt, wozu auch sein Doppeltalent als Instrumentalist und Komponist beiträgt. Was man gar nicht negativ sehen muss, das ist schon eine eigene Fähigkeit und Leistung.


    :wink:

    .

  • Ich finde auch, dass man Widmanns Erfolgsrezept nicht negativ sehen muss. Da die Tapas ihn beim Publikum bekannt und beliebt machen, wird er dann und wann ein grosses Werk bringen können, ohne dass die Programmdirektoren davor zurückschrecken.


    Ich fände es wünschenswert, wenn mehr Dirigenten auch eigene Kompositionen in den Konzertbetrieb einbringen würden. Leider können das nur wenige oder haben nicht den Mut dazu.


    Hudebux

  • Tach,


    https://youtu.be/VHIWWWZJ1js


    Bronfman und Jansons mit dem BR spielen Widmanns Trauermarsch. Ich habe das Stück in derselben Besetzung hier in Dortmund live gehört und war schlicht begeistert :thumbup:


    Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster: das Werk wird ein Klassiker !


    Etwas anderes von Widmann kenn ich aber - noch - nicht.


    VG Bernd

  • Jörg Widmann

    Lied für Orchester

    Bamberger SO

    Jonathan Nott



    Widmanns Auseinandersetzung mit Schubert klingt in meinen Ohren wie das Adagio aus Mahlers 12. Symphonie. Muss man nicht mögen, mir gefällt es sehr.


    FonoForum 11/05: "Mit ganz modernen Mitteln erzeugt Widmann einen zutiefst romantischen Sehnsuchts- und Wehmutstonfall, den die Bamberger in seinem Innersten erfassen. Bravourös bewältigen die Streicher die Schwindel erregenden Flageolett-Strecken."

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