Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 12 Es-Dur op. 127

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 12 Es-Dur op. 127


    Auch wenn Beethoven gedanklich schon seit 1822 an einem neuen Streichquartett arbeitete, brauchte er doch bis März 1825, bis er sein erstes neues Quartett in Es-Dur fertiggestellt hatte. Auftraggeber für die damals stolze Summe von 50 Dukaten und Widmungsträger war Fürst Nicolaus von Galitzin, ein Petersburger Aristokrat mit Affinität zu Wien und Beethovens Musik.


    Die Uraufführung fand am 6. März 1825 mit dem Schuppanzigh-Quartett in Wien statt. Sie war ein Misserfolg, was vor allem einem mangelhaften Zusammenspiel geschuldet gewesen sein dürfte - das Quartett hatte das neue Werk in nur zehn Tagen einstudiert -, aber dennoch der fehlenden musikalischen Übersicht des Primarius Ignaz Schuppanzigh angelastet wurde. Das führte zum vorübergehenden Zerwürfnis zwischen dem Komponisten und dem Geiger, der bei einer Folgeaufführung durch den Konkurrenten Joseph Böhm ersetzt wurde. Das Werk setzte sich dennoch rasch durch, auch in Hausmusikkreisen, wobei hier oft ein "fünftes Quartettmitglied" zum Taktschlagen nötig gewesen sein soll. Schuppanzigh wurde im Verlauf wieder rehabilitiert und verantwortete die Uraufführungen der folgenden Quartette.


    Jan Caeyers weist in seiner Biographie darauf hin, dass Beethoven im Gegensatz zu den Sinfonien bei den Streichquartetten schon im Skizzenstadium vierstimmig arbeitete, insofern das Vertikale bei der Quartettkomposition für ihn eine bedeutende Rolle spielte, die Komplexität dann aber zu Schwierigkeiten in einer schnellen praktischen Umsetzung in Probe und Konzert führen musste. Hieraus erklärte sich folgerichtig die bei Quartetten neue Forderung Beethovens an seine Verleger, mit den Stimmen auch gleich eine Partitur zu veröffentlichen.


    Von der äußeren Anlage ist Op. 127 nicht ungewöhnlich:


    I. Maestoso - Allegro (Sonatensatz)
    II. Adagio molto espressivo (Variationssatz)
    III. Scherzando vivace (Scherzo)
    IV. Finale im Alla-breve-Takt (Rondo)


    Der Wikipediaartikel zum Werk liefert eine meines Erachtens gute Übersicht auch über den Verlauf der Sätze.


    Besonders auffällig für mich:

    • Das Maestoso mit seinem gegen die Taktschwerpunkte verschobenen Rhythmus, der mir immer wie verfremdet punktiert vorkommt.
    • Der Einsatz des Maestoso als gliederndes Element zwischen den Formabschnitten.
    • Die - abgesehen von der Tonart - eher geringen Unterschiede im Charakter von Haupt- und Seitenthemenkomplex im Kopfsatz-Allegro.
    • Die Zeitrelationen - der Kopfsatz ist der kürzeste des Werkes (wenn im Scherzo alle Wiederholungen beachtet werden) und nimmt bei Einspielungen nur ungefähr ein Drittel der Dauer des Adagios in Anspruch.
    • Entsprechend die quasi unendliche Melodie des Variationssatzes, dessen einzelne Variationen nicht als solche gekennzeichnet oder durchnummeriert sind
    • Die Komplexität des Scherzos mit Fugato- und durchführungsartigen Abschnitten
    • Die Vielfalt der Stimmungen im Finale von der derben Volkstanzkarikatur bis zum elysischen Gesäusel des Allegro con moto zum Schluss.


    Das ist natürlich nur ein Bruchteil dessen, was das Quartett interessant macht.


    Auf Eure Ergänzungen freue ich mich.

  • NB das dritte Auftauchen des Maestoso schließt die Durchführung nicht ab. Das ist eine Art "Scheinreprise" (bzw. eigentlich kaum genug "Schein", um so zu wirken, da in der falschen Tonart und sobald das Allegro weitergeht, ist klar, dass es keine Reprise war).


    Interessant ist tatsächlich die bei Beethoven beinahe einzigartige "Dominanz" der Binnensätze. (Vom "Gewicht", nicht von den Dimensionen ist op.74 ein bißchen ähnlich.) Das Stück ist ja direkt nach der 9. Sinfonie komponiert worden und es liegt nahe, dass auf Adagio (hier gibt es auch Ähnlichkeiten) und Scherzo die Dimensionen der entsprechenden Sätze der Sinfonie "abgefärbt" haben. Verglichen damit sind die Ecksätze sowohl emotional relativ "neutral", eher pastoral-humorvoll als auch relativ knapp gehalten. op.132 setzt das mit eher noch umfangreicheren Binnensätzen fort, wobei dort der Kopfsatz allerdings sehr viel gewichtiger bleibt (und das Scherzo ein bißchen an den Gestus des op.127-Kopfsatz erinnert). op.130 (besonders in der Urfassung) ist dann genau umgekehrt mit den umfangreichsten Ecksätzen und knappsten Binnensätzen aller "späten".


    Ich bin nicht sicher, aber es scheint mir auch das erste Kammermusikstück Beethovens mit deutlich "zyklischen" Aspekten zu sein. Das Scherzo schließt sich eng an das Adagio an; jemand schrieb, der Beginn könne beinahe als erneute Variation betrachtet werden. Und das Finale enthüllt in der Coda seine Verwandschaft mit dem Kopfsatz.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

  • Ich bin nicht sicher, aber es scheint mir auch das erste Kammermusikstück Beethovens mit deutlich "zyklischen" Aspekten zu sein.

    Wie steht es mit dem Erzherzog-Trio? Da gibt es ja auch thematische Bezüge zwischen den Sätzen, und der letzte Satz könnte trotz des krassen Stimmungsgegensatzes auch als Fortsetzung des langsamen Satze durchgehen, zumal es attacca weitergeht.

  • mit deutlich "zyklischen" Aspekten

    Ich wollte gerade auf die (leider unterschätzte und zu wenig gespielte) fünfte Sinfonie in c-moll verweisen, sehe aber, dass hier wieder mal nur von Kammermusik gesprochen wird. ;) :versteck1:


    :wink:

    .

  • Beim Erzherzog-Trio ist es für mich nicht ohne weiteres hörbar. Ich vermute mal, dass es auf diesem Level natürlich noch viel mehr Verwandtschaften gibt. Oder op.101 mit dem Zitat in der Einleitung zum Finale, vielleicht auch op.106, insofern ist nicht so verwunderlich, dass das erste späte Quartett so etwas bringt. Bei op.127 ist aber besonders die Coda des Finales so ein emphatischer Rückbezug wie bei keinem vorherigen Kammermusikstück.
    Die 5. Sinfonie hatte ich natürlich im Blick, daher die Einschränkung auf die Kammermusik.

    Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
    (B. Pascal)

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