"Ein Klavier, ein Klavier": Jeden Tag eine Klaviersonate / ein Soloklavierwerk

  • Mit Spannung erwartet, gestern in meinem Briefkasten und heute in meinem CD-Player:



    Die Überraschung: Vikingur Ólafsson hat die hier vorgestellten 22 Klavierwerke zweimal eingespielt. Einmal auf einem großen Steinway-Konzertflügel ("CD 1: Grand Piano") und ein weiteres Mal auf einem "normalen" Klavier, dessen Klang durch eine Filzdecke auf den Saiten gedämpft wurde, wobei die Mikrofone so dicht am Klavier standen, dass man die Geräusche beim Drücken und Loslassen der Tasten hören kann ("CD 2: Upright Piano").


    Das Album ist György Kurtág gewidmet, dessen eigene Kompositionen und Bach-Bearbeitungen (von BWV 525 und 619) sich mit Werken anderer Komponisten - teils in Bearbeitungen von Vikingur Ólafsson - abwechseln: Adès, Bartók, Birgisson, Brahms, Kaldalóns, Mozart und Schumann.


    Aus dem Stand ist dieses soeben erschienene Album die Nr. 1 der Bestsellerliste bei Amazon im Bereich "Klassik - Soloinstrumente" sowie bei jpc im Bereich "Klassische Musik" geworden. Wohlgemerkt: Ein Album, das knapp zur Hälfte aus Werken von György Kurtág besteht und außerdem Werke u.a. von Thomas Adès, Snorri Sigfús Birgisson und Sigvaldi Kaldalóns enthält. Ich finde das bemerkenswert.

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

    Einmal editiert, zuletzt von music lover ()

  • Ich finde Vikingur Ólafsson einen äußerst interessanten Pianisten und habe ihn beim Rosendal Chamber Music Festival im Juli erstmalig live gehört. Zudem hatte ich die Ehre, ihn auch persönlich kennenlernen zu dürfen.

    Trotzdem überzeugt mich das neue Album “From Afar”, in das ich gerade per Spotify hineinhöre, nicht so recht. Es ist mir im Charakter zu einseitig “softig”. Zudem finde ich seine Bearbeitungen (z.B. KV339 von Mozart, BWV1005 von Bach oder auch das in Rosendal gespielte Adagio aus dem Streichquintett KV516) entbehrlich, da geht einfach zu viel vom Charakter des Originals verloren und der Klavierklang ist einfach fad. Und auch wenn in dem Album etliches von Kurtág, Adès etc. enthalten ist, so sind es alles Stücke, die für eine Kuschelstunde bei Kerzenlicht angenehm sind. Insofern wundert mich der von Dir als so bemerkenswert gefundene Bestsellerstatus eigentlich nicht sonderlich.


    Vergleichsweise finde ich das Album “Mozart & Contemporaries” spannender.

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    Was ist heute Kunst ? Eine Wallfahrt auf Erbsen. (Thomas Mann, Doktor Faustus, Kap. XXV)

  • der Klavierklang ist einfach fad

    Hast Du Dir die Konzertflügel-Version angehört oder die auf dem "normalen" Klavier mit der Filzdecke auf den Saiten? Letzteres geht übrigens auf die Aufnahmen der vierhändigen Bach-Transkriptionen von György Kurtág zurück, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau Márta Kurtág ebenfalls mit Filzdämpfung gemacht hat. Auch Ólafsson hat bei zwei Titeln der CD - einer Kurtág-Originalkomposition und der Kurtág-Transkription von BWV 525 für Klavier dreihändig - seine Ehefrau Halla Oddny Magnúsdóttir mit dabei.


    Das neue Album hat Ólafsson als einen Brief an einen Freund konzipiert. Dieser Freund ist Kurtág. Lies Dir mal das höchst informative Booklet des Albums durch (oder ist ein Booklet bei Spotify nicht abrufbar? Ich habe keine Ahnung von solchen Streamingmedien, bin aus tiefer Überzeugung CD-Käufer). Es ist von Ólafsson verfasst und hilft enorm beim Verständnis dieses tollen Albums, das für mich alles andere als "Kuschel-Klassik" ist. Dass es eher leise Töne anschlägt, bedeutet ja nun beileibe nicht, dass es seichte Musik ist.


    Mein Anspieltipp: Béla Bartóks Drei Ungarische Volkslieder aus Csik (Sz. 35a) (Tracks 5-7 des Albums). Einfach wundervoll gespielt, mit einem herrlichen Klavierklang. Ólafsson berichtet im Booklet von der unvergesslichen Unterrichtsstunde, die er 2003 an der Juilliard School bei György Sándor hatte. Nach dessen Meinung ist Bartóks Klaviermusik "voller Leichtigkeit, voller Gesang". Und genau so spielt Ólafsson dieses Werk.


    Thomas Adès hat übrigens die Komposition "The Branch" speziell für dieses Album geschrieben.

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    (Jim Jarmusch)

  • der Klavierklang ist einfach fad

    Hast Du Dir die Konzertflügel-Version angehört oder die auf dem "normalen" Klavier mit der Filzdecke auf den Saiten?

    Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt. Ich meine damit, dass bei Ólafssons Bearbeitungen das Klavier als Ersatz für ein Streichquintett bzw. ein Orchester mit Singstimmen fad klingt. Diese Bearbeitungen bringen für mich einfach nichts und ich halte sie für überflüssig.


    Das Album Játekók mit dem Ehepaar Kurtág habe ich natürlich, und das finde ich viel spannender als Ólafssons Zusammenstellung. Ohne Kauf kann ich das Booklet nicht lesen und werde darauf verzichten, weil es mich nicht überzeugt…

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  • Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt. Ich meine damit, dass bei Ólafssons Bearbeitungen das Klavier als Ersatz für ein Streichquintett bzw. ein Orchester mit Singstimmen fad klingt. Diese Bearbeitungen bringen für mich einfach nichts und ich halte sie für überflüssig.

    Ah, verstehe. Und was hältst Du von Ólafssons Transkription des Adagios aus Bachs Sonate für Violine solo C-Dur BWV 1005? Dort wird das eine Soloinstrument durch das andere ersetzt. Die Werke Bachs für Violine solo haben sich vor ihm ja schon viele Transkribisten für Klavier vorgenommen: Brahms, Rachmaninow, Busoni...

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  • Ich habe mich ungeschickt ausgedrückt. Ich meine damit, dass bei Ólafssons Bearbeitungen das Klavier als Ersatz für ein Streichquintett bzw. ein Orchester mit Singstimmen fad klingt. Diese Bearbeitungen bringen für mich einfach nichts und ich halte sie für überflüssig.

    Ah, verstehe. Und was hältst Du von Ólafssons Transkription des Adagios aus Bachs Sonate für Violine solo C-Dur BWV 1005? Dort wird das eine Soloinstrument durch das andere ersetzt. Die Werke Bachs für Violine solo haben sich vor ihm ja schon viele Transkribisten für Klavier vorgenommen: Brahms, Rachmaninow, Busoni...

    Da ziehe ich auf jeden Fall das Original vor, am liebsten mit Isabelle Faust…

    ein Klavier ist einfach ein Schlaginstrument und kann die Abtönungen eines Violinklangs nicht wiedergeben.


    Busoni ist mir zu viel Theaterdonner, Rachmaninovs Version kenne ich nicht (aber ich bin sowieso kein Rach-Fan), Brahmsens Ciaconna (für die linke Hand!) hat einen gewissen Reiz (zumindest als Übungsstück, obwohl ich es nur mit zwei Händen halbwegs schaffe…)

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  • Brahmsens Ciaconna (für die linke Hand!) hat einen gewissen Reiz (zumindest als Übungsstück, obwohl ich es nur mit zwei Händen halbwegs schaffe…)


    Und ich dachte schon, dass ich der einizge wäre, der diesen Trick anwendet... Grins1


    LG :wink:

    "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler

  • Rachmaninovs Version kenne ich nicht

    Dem kann man abhelfen:


    Präludium, Gavotte und Gigue aus der Partita E-Dur für Violine solo BWV 1006, gespielt von Nikolai Lugansky (rec. 2010)

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  • Nochmal zu Ólafssons „From Afar“.

    Ich höre normalerweise nicht CDs, sondern Werke. Ich will damit sagen, wenn auf einer CD drei Sonaten von Mozart, Beethoven oder wem auch immer sind, dann picke ich eine heraus, die ich mir anhören will.

    From Afar ist mMn aber ein sogenanntes „Konzeptalbum“, das man am Stück hören sollte, weil der Künstler sich ganz bestimmte Gedanken bei der Zusammenstellung gemacht hat.

    Und dafür ist mir es mir eben zu einseitig, um nicht zu sagen einschläfernd, auch wenn es betörend schön gespielt ist.


    Da finde ich z.B. Marino Formentis Album „Kurtág‘s Ghosts“ eine wesentlich spannendere und vielschichtigere Zusammenstellung, wiewohl man über einzelne Interpretationen streiten kann. Da wird Kurtág mit Werken von Messiaen, Boulez, Stockhausen, Moussorgsky, Scarlatti und noch etlichen anderen konfrontiert.

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  • Gestern Abend:



    Dmitri Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen Op. 87 (Nrn. 4–20)

    Igor Levit


    Eine ausgezeichnete Einspielung.



    maticus

    Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten

  • From Afar ist mMn aber ein sogenanntes „Konzeptalbum“, das man am Stück hören sollte, weil der Künstler sich ganz bestimmte Gedanken bei der Zusammenstellung gemacht hat.

    Absolut. Mich persönlich stört ein wenig die "Träumerei" von Schumann, die zwischen zwei Kurtág-Stücken eingereiht ist. Solch ein "Klavierstundenstück" muss ich nicht haben, deshalb überspringe ich diesen Titel der CD gern. Aber sonst höre ich das Album en suite. Und bin bei den beiden Brahms-Intermezzi aus op. 116 (Nr. 4 und 5) immer wieder erstaunt, wie visionär diese Musik in das 20. Jahrhundert reicht. Das wird vielleicht auf einem Konzeptalbum wie diesem mit Schwerpunkt auf der Musik des 20. Jahrhunderts deutlicher, als wenn man diese beiden Intermezzi auf einem reinen Brahms-Album hört. Ólafsson vertritt im Booklet die Meinung, dass das Intermezzo op. 116/5 weit vorausweist bis zu Webern und von dort zu Kurtág.

    Und dafür ist mir es mir eben zu einseitig, um nicht zu sagen einschläfernd, auch wenn es betörend schön gespielt ist.

    Im Gegensatz zu Dir mag ich dieses neue Album, obwohl ich Deine Position natürlich schon nachvollziehen kann.

    Vergleichsweise finde ich das Album “Mozart & Contemporaries” spannender.

    Unübertroffen in der Ólafsson-Diskografie bleibt für mich das Philip Glass-Album. Aber "Mozart & Contemporaries" ist natürlich auch klasse.


    Bei mir läuft gerade eine Aufnahme von Bing Bing Li, einer in Großbritannien lebenden chinesischen Pianistin, die zu den etwa 2.000 "Steinway Artists" gehört. Bereits im Alter von 10 Jahren gewann sie den Wettbewerb "China's National Piano Competition". Sie wirkte als Professorin für Klavier zunächst an der Royal Academy of Music, danach am Royal Conservatoire of Scotland und aktuell an der Chetham’s School of Music sowie am Royal Northern College of Music.


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    Ein paar kleine manuelle Unsicherheiten registriere ich bei dieser Aufnahme, aber interpretatorisch mag ich sie gern.

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    (Jim Jarmusch)

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  • From Afar ist mMn aber ein sogenanntes „Konzeptalbum“, das man am Stück hören sollte, weil der Künstler sich ganz bestimmte Gedanken bei der Zusammenstellung gemacht hat.

    Ist das denn nicht eine Grundforderung, die wir an jedes Album stellen können, Konzeptalbum oder nicht?


    Und selbst wenn ich den Terminus "Konzeptalbum" akzeptiere (von dem ich hoffe, dass er auf jedes Album zutrifft), was sollte mich hindern, Olafssons Sicht auf Schumanns "Der Vogel als Prophet" auch isoliert zu hören - also ohne den Konzeptkleister, der ja nicht von Schumann ist?

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Und jetzt bei mir dieselbe Bach/Busoni-Transkription (Chaconne aus der Partita BWV 1004) mit dem unvergleichlichen Shura Cherkassky (80th Birthday Recital, Carnegie Hall, N.Y.C., 2. Dezember 1991):


    Hier ein Videomitschnitt aus diesem Klavierabend:

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    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

  • Unübertroffen in der Ólafsson-Diskografie bleibt für mich das Philip Glass-Album.


    Mit diesem dürfte ich persönlich das Problem haben, dass es vermutlich Musik enthält, die von Philip Glass komponiert worden ist. :versteck1:


    LG :wink:

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  • Mit diesem dürfte ich persönlich das Problem haben, dass es vermutlich Musik enthält, die von Philip Glass komponiert worden ist

    Das Thema hatten Du und ChKöhn auf der einen und ich auf der anderen Seite schon irgendwann mal irgendwo in diesem Forum Grins2

    «Musik ist die größte Inspiration. Wenn du traurig bist, denk' an all die Musik, die du noch nicht gehört hast.»
    (Jim Jarmusch)

  • Mit diesem dürfte ich persönlich das Problem haben, dass es vermutlich Musik enthält, die von Philip Glass komponiert worden ist

    Das Thema hatten Du und ChKöhn auf der einen und ich auf der anderen Seite schon irgendwann mal irgendwo in diesem Forum Grins2


    Die Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden. Grins1 Jetzt, wo Du es sagst, dämmert mir: da war mal was...


    LG :wink:

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  • "Träumerei" von Schumann .. Solch ein "Klavierstundenstück" muss ich nicht haben

    Oh, das finde ich aber sehr ungerecht gegenüber diesem fantastischen Stück! Ich denke, es ist auch nicht so leicht, die Träumerei wirklich adäquat zu spielen.

    Im Zweifelsfall immer Haydn.

  • Möchte mich dem Felix Meritis hier mal ganz entschieden anschließen. Oder hast du es einfach zu oft gehört? Dann mag es den Fluß stören... Aber ein fantastisches Stück, ja, das ist es sicher.

    "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
    (Shunryu Suzuki)

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