Heute und demnächst im Stream / im Internet

  • Danke Cherubino, Du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht.

    Es hat manchmal förmlich weh getan, dabei zuzusehen, wie sich diese drei Damen verausgaben. Das ist weit weg von einem normalen Leben.

    Und genau, es hat nichts mit den normalen Interviews und Sängerportraits zu tun, wie ich auch schon sagte.

    Ich kenne diesen Satz auch "Das Publikum muß weinen, nicht Du" (kann es sein, daß er ursprünglich von Julia Varady stammt?), bei Ermonela Jaho kann man zusehen, wie sie sich förmlich quält, um ihren eigenen Emotionen gerecht zu werden. "Eine gequälte Seele hilft in der Kunst", sagt sie. Sie sagt es vorsichtig, fast entschuldigend." (Tagesspiegel)

    extrem berührend, aber auch irritierend bei Barbara Hannigans Klavierbegleiter, dem wir im Film dabei zusehen, wie er auf die Knochen abgemagert, kaum noch in der Lage zu stehen bis zum Tod Satie aus sich herausquält.

    Ja, das war richtig schlimm. Und extrem rührend, wie Barbara Hannigan ihn lange in den Arm nimmt.


    Zitat Tagesspiegel:

    "Aber der Film nähert sich dem Feuer an (und verbrennt sich mitunter daran), mit dem freien, wilden Assoziieren via Kopfhörer, mit intimen Nahaufnahmen während der Proben und Aufführungen, und mit Gesprächen."


    Der Film geht richtig unter die Haut, man wird ganz still. Und ich kann ihn nur jedem empfehlen, er ist wirklich etwas ganz Besonderes.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Ja, ich kann Eurer Beschreibung so in etwa zustimmen, ganz so extrem habe ich es aber nicht empfunden.

    zB hier :

    die Künstlerinnen und Künstler im Film quälen sich und opfern sich selbst auf, extrem berührend, aber auch irritierend bei Barbara Hannigans Klavierbegleiter, dem wir im Film dabei zusehen, wie er auf die Knochen abgemagert, kaum noch in der Lage zu stehen bis zum Tod Satie aus sich herausquält.

    Zu herausquälen fällt mir ein, dass die Idee des Film mMn sein sollte, wie ein Sänger das "Fuoco sacro" produziert, oder ein bisschen weniger dramatisch formuliert: wie ein Sänger es schafft beührend zu singen. Eine der Sängerinnen, E Jaho sagte ja genau dazu, dass sie es nur meint zu können, wenn sie auf eigene Seelenqual, die sie selber erlebt hat, zurückgreifen kann. Sie meint es sei kein Geheimnis. dass eine gequälte Seele einem Künstler helfe.

    B Hannigans, obwohl sie sagte, dass Distanz helfen kann, sagte aber an andere Stelle, dass ihr schlecht gelungener Plan A immer noch besser rüberkäme als ihr bester Plan B. Wobei Plan A "alles geben" beinhaltet und Plan B "auf Nummer Sicher gehen" ist. So habe ich es verstanden, was sie sagte.


    Interessanterweise, ohne jetzt zu bewerten, wie mir die Stimme selber gefällt, fand ich nun Jaho generell viel überzeugender in ihrem Vortrag als Hannigans. Hannigans kam mir nicht annähernd so authentisch in ihrem Ausdruck vor.


    Ich dachte übrigens immer, dass ein Künstler aus anderem Grunde die Kontrolle bewahren möchte, nämlich damit ihm/ihr nicht die Technik entgleitet. Ich habe Asmik Grigorian auch genau so verstanden. Wenn sie alles gäbe und zu emotional würde, dann käme sie in Gefahr die Kontrolle über die Situation zu verlieren - damit meinte sie ihre Technik, auf jeden Fall habe ich das so verstanden. Für mich waren das die interessantesten Stellen des Films (obwohl ich nur die ersten 60 min gesehen habe), als Grigorians Methoden zur Beherrschung ihrer Technik im Ernstfall, also unter Einfluss von Lampenfieber, gezeigt wurde. Es sah so aus, als programmiere sie ihr Unterbewusstsein. Da hat jeder so seine Methoden.....


    Irritierend fand ich eigentlich nichts. Ich hätte nur gerne mehr von Grigorian erfahren.

    Wenn man Interviews mit Sängerinnen liest, dann geht es häufig um das Singen als Beruf, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Opfer, die man für diesen Beruf bringen muss, den Druck, unter dem man arbeitet, die Arbeitsbedingungen, aber auch die Leidenschaft für ihn. Nichts davon in den Interviews in diesem Film. Eine Welt jenseits der absoluten Identifikation mit dem emotionalen Gehalt der Musik scheint es für die drei porträtierten Sängerinnen überhaupt nicht zu geben.

    "Nichts davon" kann ich nicht so sagen.....es wird doch einiges indirekt vermittelt. Die Leidenschaft kommt durch. Einiges vom Druck wird auch indirekt besprochen, zB kam die Rede auf den Tag der Aufführung und was man da nicht tut oder gerade tut.....daraus kann man mMn Rückschlüsse ziehen auf die Opfer und auf den Druck. Aber du hast Recht, woher sie ihre Inspiration nehmen, das fehlte weitgehend, ausser eben bei Jaho, wo es aber auch nicht viel war, was man dazu hörte.


    Es ist wohl wirklich so, dass ein Musiker/Sänger/Dirigent (und wohl auch ein Bühenschauspieler,) sich kontinuierlich in einem Zustand entweder VOR einer Aufführung oder NACH einer Aufführung befindet. Er/sie ist ständig am Vorbereiten und am Nachbereiten, dh Ausruhen, "Zurückkommen" aus der Traumwelt der Aufführung in eine stinknormale Realität (davon sprach zB Jaho). Man muss als Familie und Freund immerzu Rücksicht nehmen. Im Grunde ist so jemand nur bedingt ansprechbar für normale Menschen. <Seufz> Sehr verständlich, wenn man sich überlegt, dass er/sie viele Dinge gar nicht selber erlebt hat, muss sie aber dennoch darstellen. Das fordert eine unglaubliche Energie, Fantasie, Zeit und man muss ja auch die Inspiration irgendwoher finden, ganz abgesehen von der Technik, die auch stimmen muss. Dazu, also woher die 3 Sängerinnen ihre Inspiration nehmen, hätte ich gerne mehr gehört, eben besonders bei Grigorian.

  • Ich bin mir nicht ganz sicher, aber schau Dir die letzten 35 Min. auch noch an, vielleicht findest Du dann die Antwort auf Deine Frage. Jedenfalls lohnt es sich, den GANZEN Film anzuschauen.

    Interessanterweise, ohne jetzt zu bewerten, wie mir die Stimme selber gefällt, fand ich nun Jaho generell viel überzeugender in ihrem Vortrag als Hannigans. Hannigans kam mir nicht annähernd so authentisch in ihrem Ausdruck vor.

    Ermonela Jaho hat es natürlich auch leichter. Bei Puccini oder auch Verdi kann sie natürlich viel mehr Ausdruck in ihre Stimme legen, als Barbara Hannigan mit ihrem modernen Programm. Ein Ligeti oder auch ein Satie spricht die Emotionen sicherlich nicht in gleichem Maße an wie beispielsweise Suor Angelica von Puccini.

    »Was da, Identität!« rief Charlotte erzürnt. »Will er mich wohl mit seinen Identitäten in Frieden lassen? Ich habe durchaus keine Zeit für Identitäten. Sag' er seinem Herrn Doktor …« »Absolut!« versetzte Mager unterwürfig.

  • Ja stimmt und dabei - das hatte ich vergessen zu erwähnen - ist eventuell für die Frage "Distanz oder voller Einsatz" im Film ein Missverständnis entstanden. Hannigan sagt nämlich - ich paraphrasiere - dass Distanz besser sein kann und man hört dann dazu quasi als Beispiel etwas, was eben auch eine eher unbeteiligte Haltung vertragen kann. Aber wie man Butterfly mit Distanz rüberbirngen kann..? Naja, kommt darauf an, was nun genau damit gemeint ist.


    Ich bin ja kein Solist gewesen, habe aber natürlich als Kind und Studentin solitsich gespielt und kann nur sagen, dass ich keinerlei Distanz angestrebt habe, sondern das Gegenteil. Kontrolle nur in der Vorbereitung, sozusagen alle Risiken 1000mal durchgeübt. Dann im Konzert so wenig wie möglich bewusste Kontrolle, sondern volle Automatik der Technik, damit man da gar nicht mehr dran denken musste. Sonst bin ich im Plan B auf Nummer sicher hängengeblieben und es kam dann auch so rüber. Aber wenn ich in einer eigenen Welt drin war - und genau dies muss man auch üben, wie man unter Druck in diese Welt hineinkommt - und alles andere vergessen habe, dann wurde es gut. Was man dann am feedback des Publikums bemerkte.

  • Jede Distanz verschwindet, die Künstlerinnen und Künstler im Film quälen sich und opfern sich selbst auf, extrem berührend, aber auch irritierend bei Barbara Hannigans Klavierbegleiter, dem wir im Film dabei zusehen, wie er auf die Knochen abgemagert, kaum noch in der Lage zu stehen bis zum Tod Satie aus sich herausquält.

    Ich denke eher, daß Reinbert de Leeuw für sich eine Entscheidung getroffen hat, wie er mit seiner verbliebenen Zeit umgehen sollte. Bei ihm hatte ich den Eindruck, er hätte sich für Plan A ausgesprochen. Er mag gelitten haben, aber er hat nicht geklagt; und er vertraute vielleicht auch auf den Augenblick, daß die Kunst alles vergessen läßt.


    Der ganze Film geht genau um dieses Thema: in die Kunst einzutauchen, um dem Publikum etwas zu geben. Dieser Augenblick der Vorführung, wo alles zusammenkommt und die Illusion einer Realität aufgebaut wird; das reicht nur für diesen Zeitraum der Aufführung, aber er ist dann real. Daher habe ich gar nicht vermißt, daß die Damen nicht über ihre Inspirationen gesprochen haben; sie ist die Basis der Grundmotivation, aber nicht immer der konkrete Anlaß für jede Darbietung. Die steckt eher im Fuoco Sacro.

    "Interpretation ist mein Gemüse."
    Hudebux

    "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
    Jean Paul

  • Die interessante Frage für mich ist, wie zB Grigorian es erreicht, eine bestimmte Figur zu verstehen oder für sich zu erschliessen. Wie geht sie vor? Und woher kommen die Ideen? Wie erreicht sie es, sich mit der Rolle zu identifizieren? Das meinte ich mit Inspiration. Ich meine, dass ohne diese Inspiration in der Vorbereitung, auch dann in der Vorstellung nichts überwältigend Besonderes stattfinden kann. Vielleicht sehe ich das aber falsch.


    Klar, im Moment der Aufführung entsteht (hoffentlich) etwas Magisches, was man nicht erklären kann, was aber den Unterschied zwischen einer weniger oder mehr "beseelten" Darbietung macht. Aber ich meine, dass diese Magie in der jeweiligen Stimme sich auch auf ein Fundament der Inspriation für die Figur stützt. Will sagen, dass ich glaube, dass man die beiden "Inspirationen" nicht voneinander trennen kann. Die erste bedingt die zweite. Ohne Vorbereitung auf die Figur (und ich meine eben nicht nur die technische) wird es wahrscheinlich nicht viel werden, aber selbst mit dieser Vorbereitung kann man sich nie darauf verlassen, dass die zweite, also das Fuoco Sacro dann in der Vorstellung die Stimme "entflammen" lässt.


    Der Film hat ja nun nach einem "Fuoco sacro" gesucht, und ich meine, dass E Jaho dazu immer noch am meisten gesagt hat. Sie sprach über ihre eigenen Erfahrungen, die sie heranzieht, um in sich eine Seelenqual zu finden , die sie dann benutzt, um ihre Rolle zu beseelen. Und sie sprach über ihre Vorbereitung kurz vor der Vorstellung. Dabei was es ihr wichtig, wie sich der Raum, also die Bühne mit Kulisse, anfühlt, in dem sie heute singen wird. Sie sprach von der Energie des Raumes, von ihrem Revier, in dem ihre Figur sich dann bewegen wird (territory, like an animal). Es wurde gezeigt wie sie sich vor der Vorstellung auf dei Bühne begibt, halb in Maske, und sich in die Atmosphäre des Raumes hineindenkt. Die Energie des Raumes hilft ihr langsam ihre Realität zu verlassen und ihre Traumwelt zu betreten. Ich nehme an, dass sie genau das braucht, damit sie dann im Moment der Vorstellung auch das Fuoco sacro "empfangen" kann. Vielleicht ist sie sonst zu "versiegelt", zu angespannt.


    Hannigan sprach nun davon, dass sie sich am Tage der Vorstellung "immer weiter öffne". Sie könne deshalb an diesem Tag keine neuen Eindrücke vertragen. Man kann hier auch den Rückschluss machen, dass sie sich sehr genau auf ihre Figur vorbereitet hat und durch nichts von dieser Vorbereitung abgelenkt werden will. Denn wieso würde Neues sie sonst stören? Wenn nur das Fuoco Sacro im Moment der Vorstellung herabsteigen müsste? Sie öffnet sich also immer weiter in Richting Traumwelt (welche sie genausestens vorbereitet hat) um dann im entscheidenden Moment das Fuoco sacro empfangen zu können, welches die Stimme entflammen lässt. So habe ich das verstanden, aber vielleicht liege ich falsch.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!