Eben gehört und geguckt

Vom 28. Januar 2022, 13.30 Uhr bis 03. Februar 2022, 13:30 Uhr findet die 12. ordentliche Mitgliederversammlung des Capriccio-Trägervereins statt. Mitglieder werden gebeten, sich für die Teilnahme ab Freitag hier zu registrieren. Die Freischaltungen erfolgen im Laufe des Freitags, wir bitten dann um etwas Geduld.
  • Vielleicht macht die Suche nach Liedern und Chorälen aus der Reformationszeit das Werk interessanter: Es sungen drei Engel ein süßen Gesang, Lauda Sion Salvatorem, Reiterliedchen, Gar bald wird niederfallen Mammon ... wurden z. B. in die Oper eingewoben. Auch einiges an Kontrapunkt ist zu finden. Die musikalische Sprache ist allerdings nicht ganz so spröde wie in der Kepler-Oper 'Die Harmonie der Welt', dessen kosmischen Kontrapunkt am Schluss ich schon sehr schätze. Überhaupt muss man sich über einer Oper seit Wagner mehr Gedanken machen. Alleine schon die Einbindung des Isenheimer Altars in Wort, Musik und Gesamtkonstruktion in der Mathis-Oper bedarf Vorkenntnisse. Die Musik (und in diesem Fall auch das Libretto) hat Hindemith nicht einfach so dahingeworfen. Eine Oper ist immer die Entdeckung einer Persönlichkeit, so wie man einen neuen Menschen kennenlernt.


    Diese Werk hat es aber auch geschichtlich nicht leicht:


    Hitler höchstpersönlich soll das Verbot der Mathis-Oper erwirkt haben:

    Zitat von Adolf Hitler über die Badezimmerszene aus Hindemiths Oper Neues vom Tage.

    «obszönste» und «kitschig-gemeinste Szene»

    Zitat von Wilhelm Furtwängler

    „Wir können es uns nicht leisten, angesichts der auf der ganzen Welt herrschenden unsäglichen Armut an wahrhaft produktiven Musikern, auf einen Mann wie Hindemith so ohne weiteres zu verzichten.“

    An den Tagen der Uraufführung von Mathis der Maler in Zürich:

    Zitat von Joseph Goebbels über Hindemith

    „Gewiss können wir es uns nicht leisten, angesichts der auf der ganzen Welt herrschenden unsäglichen Armut an wahrhaft produktiven Künstlern auf einen echten deutschen Künstler zu verzichten. Aber es soll dann eben ein wirklicher Künstler sein, kein atonaler Geräuschemacher.“

    Nach dem Krieg:

    Nachdem Hindemith Grünewald als den schlichten herzinnigen deutschen Meister Mathis veropert hatte, war kein Halten mehr. Daß die Spekulation, die wahrscheinlich mitspielte, dem Realisten Hindemith mißlang, sagt wenig; nie konnte ein Künstler oder ein Denkender es den Faschisten schlecht genug machen.

    Zitat von Adorno weiter über Hindemith

    'Handwerker' 'bloßer Musikant'

    Gruß
    Josquin

  • Alleine schon die Einbindung des Isenheimer Altars in Wort, Musik und Gesamtkonstruktion in der Mathis-Oper bedarf Vorkenntnisse.

    Dieses Machwerk steht seit gut zwanzig Jahren im Regal:



    Hoffe, das reicht ...

    Eine Oper ist immer die Entdeckung einer Persönlichkeit

    Genau. Monteverdi auf dem Weg in die Unterwelt auf der Suche nach der verstorbenen Frau. Ach nein, das war ja Gesualdo ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Dieses Machwerk steht seit gut zwanzig Jahren im Regal:



    Hoffe, das reicht ...

    Ich kenne das Buch nicht. Außerdem gibt es neue geschichtliche Wendungen über Grünewald, nachdem Hindemith die Oper schrieb. Mir ging es um die Einbindung von Grünewalds Werk (also die Bilder) in Hindemiths Oper.



    Genau. Monteverdi auf dem Weg in die Unterwelt auf der Suche nach der verstorbenen Frau. Ach nein, das war ja Gesualdo ...

    ??? Verstehe ich ad hoc nicht. ???



    Gruß
    Josquin

  • Zitat von Joseph Goebbels über Hindemith

    „Gewiss können wir es uns nicht leisten, angesichts der auf der ganzen Welt herrschenden unsäglichen Armut an wahrhaft produktiven Künstlern auf einen echten deutschen Künstler zu verzichten. Aber es soll dann eben ein wirklicher Künstler sein, kein atonaler Geräuschemacher.“


    Nun ja, Äußerungen von vergleichbarem sachlichem und verbalem Differenzierungsvermögen, gepaart mit demselben Anspruch auf absolute Wahrheit ("Diese Aufnahme ist gut/schlecht") gibt es ja noch heute in den (a)sozialen Medien.


    ??? Verstehe ich ad hoc nicht. ???


    War ein joke ... es ist vielleicht nicht immer ganz leicht, die Persönlichkeit hinter der Oper zu entdecken. Sei es Mathias Grünewald oder Hindemith selbst.


    Ok, bei Wagner mag es einfacher sein.


    Bei Monteverdis "Orfeo" ist es eventuell alleine durch den zeitlichen Abstand enorm kompliziert.


    (Gesualdo hat seine Frau umgebracht. Von ihm wäre eine Orfeo-Vertonung sicher sehr interessant.)


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich habe es so verstanden, dass es nicht darum geht, die Persönlichkeit hinter der Oper durch deren (Noten-)Text kennen zu lernen, sondern dass die Oper selbst wie eine Persönlichkeit ist, die man immer besser kennen lernen kann, wenn man sie immer wieder trifft und Zeit mir ihr verbringt.

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

  • Ich habe es so verstanden, dass es nicht darum geht, die Persönlichkeit hinter der Oper durch deren (Noten-)Text kennen zu lernen, sondern dass die Oper selbst wie eine Persönlichkeit ist, die man immer besser kennen lernen kann, wenn man sie immer wieder trifft und Zeit mir ihr verbringt.

    Ok! Falls das so gemeint gewesen wäre, dann wäre dieses

    Eine Oper ist immer die Entdeckung einer Persönlichkeit, so wie man einen neuen Menschen kennenlernt.

    entweder die Überschätzung der Gattung Oper oder die Unterschätzung der Gattung Mensch.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Wagner ist für uns heute einfacher, dank tausend Büchern und den darin enthaltenen Erkenntnissen. Nicht jeder hatte damals so jungfräulich innere Einsichten wie vielleicht z. B. Ludwig II.


    Ich bezeichne ja Monteverdi als den welschen Wagner.



    Gruß
    Josquin

  • Gibt's da in der Musikerwelt noch mehr von der Sorte? So allmählich entsteht ein Nest.

    Ist Kinderlosigkeit erblich?


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • man kann auch erst zeugen und dann morden.

    Man(n) kann auch erst die Ehefrau meucheln und dann anderweitig Zeugnis ablegen ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ok! Falls das so gemeint gewesen wäre, dann wäre dieses
    entweder die Überschätzung der Gattung Oper oder die Unterschätzung der Gattung Mensch.


    Gruß
    MB


    :wink:

    Eigentlich mochte ich nie Oper. Allein die Erkenntnis der Projektion des Komponisten von menschlicher Schwächen und Stärken auf die Protagonisten in seinen Opern erleichtert mir das Zuhören.



    Gruß
    Josquin

  • Allerdings die Erkenntnis der Projektion menschlicher Schwächen und Stärken des Komponisten auf die Protagonisten in seinen Opern erleichtert mir das Zuhören.

    Danke! Dann wäre es eben doch die Persönlichkeit des Komponisten (und Librettisten), die zu erkennen wäre.


    Es ist wohl gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen, welche Aspekte einer Oper uns berühren. Vermutlich sind es im Figaro andere als im Don Giovanni oder in der Così. Und im Otello andere als im Falstaff.


    Und die Musi spielt dazu, wohl wahr ...


    Das Spannende ist ja: Das gilt für ein Streichquartett nicht anders. Und jetzt sag mir, wo die Persönlichkeit des Komponisten ist ...


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Ich erkläre es mal an einem Beispiel. Neulich hörte und sah ich die Oper 'Heart Chamber' von Chaya Czernowin.



    Diese Oper, in der es um die Liebe geht, wurde noch interessanter durch die beiliegende Dokumentation. Darin beschreibt die Komponistin eine Stelle in der Oper. Das wäre mir so nie ohne Erklärung eingefallen. Der verfremdete Klang einer E-Gitarre stellt nach Czernowins Komposition den Faden einer Spinne, worin sich die Sonne bricht, dar. So erklärt, schloss sich mir die Musik auf. Ich begriff die Komponistin seziert die Liebe. Nun muss ich ihr aber schreiben, dass sie mir ja auch alle anderen Klänge erklärt - ich benötige ihr Handbuch. Soweit der Versuch der Klärung Deiner Frage.



    Gruß
    Josquin

  • Ich habe es so verstanden, dass es nicht darum geht, die Persönlichkeit hinter der Oper durch deren (Noten-)Text kennen zu lernen, sondern dass die Oper selbst wie eine Persönlichkeit ist, die man immer besser kennen lernen kann, wenn man sie immer wieder trifft und Zeit mir ihr verbringt.

    Wenn man eine Oper hört tritt man immer in die Sphäre des Komponisten (und auch des Librettisten) ein. Die Geschichte und der Ausdruck in der Oper ist Spiegelung des Schöpfers und dessen Ansichten darüber selbst.



    Gruß
    Josquin

  • Wolfgang Koch, Kurt Streit, Franz Grundheber, Manuela Uhl, Raymond Very, Magdalena Anna Hofmann, Billy Joel
    Slovak Philharmonic Choir
    Wiener Symphoniker
    Bertrand de Billy

    Chose mit oder ohne Cuts ?(

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Das wäre mir so nie ohne Erklärung eingefallen.

    Kunst, die man erklären muss, war mir stets suspekt.


    Dass das Erlebnis von Kunst durch das Drumherum bereichert werden kann - unbestritten.


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Die Geschichte und der Ausdruck in der Oper ist Spiegelung des Schöpfers und dessen Ansichten darüber selbst.

    Genau. Z. B. in den Opern des Barock, in denen ein Souverän verherrlicht wurde und am Ende als Deus ex machina erscheint.


    Analog gäbe es in der Symphonie bspw. Schostakowitschs Fünfte mit ihrem umstrittenenen Finale (vgl. den Faden dazu in diesem Forum).


    Gruß
    MB


    :wink:

    "Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten." - Johann Wolfgang von Goethe

  • Die Musik war auch ohne Erklärung hörbar (aufgrund der Inszenierung auch verständlich). Doch der Blick in die Werkstatt fand ich überaus fasziniert, weil das Ergebnis so überaus nachvollziehbar ist. Durch die Geschichte mit dem Spinnfaden entstand aber für mich die Ansicht, dass die Komponisten die Liebe eher der auf Ebene der Physik sieht (Spiel der Hormone). Aber welche Urteile sollten schon abschließend sein?



    Gruß
    Josquin

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