Jimmy Giuffre (1921-2008) - Tenorsax/Baritonsay/Klarinette/Arrangeur/Komponist

  • Jimmy Giuffre (1921-2008) - Tenorsax/Baritonsay/Klarinette/Arrangeur/Komponist

    Jimmy Giuffre, der am 26.April 1921 in Dallas, Texas geboren wurde, war einer der prägenden Multi-Talente des Jazz, vor allem am der Westküste der USA. Er war sowohl ausübender Musiker, aber auch ein exzellenter Komponist und Arrangeur.


    Sein berühmtestes Stück dürfte ohne Zweifel "Four Brothers" für die Woody Herman Band 1947 gewesen sein. Der Titel des Stückes war danach eng mit dem Stil der Herman-Band verbunden, dem berühmten "Four Brothers-Sound" mit drei Tenorsaxophonisten plus Baritonsax im Bigbandsatz. Dieser Klang ohne die sonst verwendeten beiden Altsaxophone gab dem Sound eine gewisse Tiefe und auch Wärme, die aber wiederum auch "ccol" rüberkam.


    Wer war dieser Musiker wirklich? Wo liegt seine Bedeutung? War er denn "bedeutend", wenn ja, in welcher Form? Diese Fragen sind nicht so einfach zu beantworten, denn wir haben es hier mit einem wirklich recht unterschätzten Musiker zu tun, den man recht schnell versucht abzustempeln, wenn man nicht etwas weiter in die Materie einsteigt. Das ist nicht einfach, aber einen Versuch ist es wert.


    Zunächst studierte er am North Texas St.Teacher's College und erhielt ein Diplom (in was konnte ich nicht herausfinden), später studierte er auch Komposition. Erst spät für die damalige Zeit, nämlich 1947, kam er in die Bigbands von Boyd Raeburn (einem Modernisten damals, der viel mit der bombastischen Band Stan Kentons vereinte) und Jimmy Dorsey, der damals gerade zwischen gemäßigt modern und recht traditionell schwankte, ehe er in der Band von Gene Roland landete. Roland hatte nur eine Trompete, aber fünf Saxophone besetzt. HIER scheint er die ersten Versuche mit einem neu klingenden Saxophonsatz begonnen zu haben. Hier waren bereits Stan Getz und wohl auch Al Cohn mit dabei.


    Als im Oktober 1947 Woody Herman erneut eine Bigband mit jungen Leuten zusammen stellte, wurde Giuffre um einige Arrangements gebeten, da er bereits für eine andere Band tätig war. So kam es zum berühmten Stück und Sound von "Four Brothers". Guffre arbeitete noch anschließend etwa für den Drummer Buddy Rich (der zu dieser Zeit ebenfalls eine eigene Bigband leitete), und 1949 auch endlich für Woody Herman.


    Nach seiner Zeit bei Woody Herman kam er mit dem damals modernen "West Coast Jazz" in Verbindung. Hier wurden Einflüsse von Miles Davis' Capitol Orchestra von 1948/49 verarbeitet, etwa bei den Lighthouse All Stars um den Bassisten Howard Rumsey (Ex-Stan Kenton-Bassist) und dem Trompeter/Flügelhornist/Arrangeur/Komponist Shorty Rogers. Mit beiden Bands gibt es eine Reihe von Einspielungen. Ebenfalls war er viel mit diversen Formationen im Studio gewesen.


    Dann gründete er ein Quartett mit dem Trompeter Jacky Sheldon, und anschließend seine damals wohl wichtigste Formation, dem Trio. Hier wirkten zunächst Ralph Pena am Bass und Drummer Shelly Manne mit, dem wichtigsten Drummer des West Coast Jazz überhaupt. Dieser spielte zuvor u.a. in den Bigbands von Stan Kenton und Woody Herman, aber auch bereits mit Giuffre bei Howard Rumsey und Shorty Rogers. Später sollten etwa Bob Brrokmeyer (Ventil-Posaune) und Jim Hall für den Drummer dazu stoßen. Platten wie "The immy Giuffre Three", "The Train and the River" (1956), "Seven Pieces", "Western Train" oder "travellin'Light" prägten diese Zeit sehr stark. Sein Trio kam 1961 auf Europa-Tournee mit dem Pianisten Paul Bley und dem Bassisten Steve Swallow, die bis 1964 zusammen spielten. Es sollten Musiker wie Don Friedman (Klavier), Barre Philips und Richard Davis (jeweils Bass) , aber auch der Drummer Joe Chambers folgen.


    Diese Musik war sehr anspruchsvoll, zudem höchst kammermusikalisch gehalten. Giuffre schrieb in dieser Zeit auch ambitionierte "Third-Stream-Werke" , also die Verbindung von Klassik und Jazz. Hier seien etwa "Fugue", "Pharaoh" und "Music for Brass" erwähnt. Alle im größeren Rahmen, was die Besetzung angeht.


    Groß angelegte Projekte sollten ihn immer wieder beschäftigen, oftmals für Klarinette oder Trio plus Streichorchester. Außerdem erweiterte er seine Lehrtätigkeit auf eine Vielzahl von Universitäten, die sein Spielen ziemlich verdrängten. 1975 kam er dann wieder zurück auf die Bühne, erneut mit Paul Bley als Partner. Später setzte er auch immer wieder die Bass-Flöte ein, ein sehr seltenes Instrument im Jazz.


    Giuffre sollte sich stets in seinem Spiel selbst neu erfinden, und so wurde dieser Stil mit der Zeit immer "offener" und "freier". Wer sich seine Musik bis ca. 1955 anhört, der wird einen Musiker vorfinden, der absolut in den West Coast Jazz mit all seinen Stärken und Schwächen finden. Klanglich klar zur coolen Richtung a la Stan Getz tendenzierend, aber ohne dessen noch vom Bop geprägten Hang zu schnellen Stücken. Giuffre suchte direkt bei Lester Young seinen Weg, vor allem auch auf der Klarinette, die er zunächst nur in der tiefen Lage spielte, und dabei aber eine unglaubliche "Wärme" ausstrahlte, auch weitaus weniger technisch spielend wie etwa Buddy de Franco.


    Die Frage, warum er denn einen so eigenen Sound auf der Klarinette hatte, soll er mal damit begründet haben, dass Registerwechsel bei der Klarinette technisch sehr schwierig sein sollen, und er dieses technische "Handicap" erst überwinden müsse. Später hatte er es überwunden und konnte entsprechend seinen Tonumfang erweitern.


    Auf dem Tenorsax scheint er mir etwas zwischen dem Stil der ganzen "coolen" Jungs gestanden zu haben, er konnte doch schon recht "bluesig" spielen für einen weißen Musiker der Westküste damals. Auf dem Bartionsax war er wiederum in der Lage, eine gute und machtvolle Basis für den Satz zu erzeugen, aber auch wiederum eine gewisse "Coolness" an den Tag zu legen, dass dieses umständliche Horn fast schon "elegant" klang.


    Musikstilistisch sorgte er dafür (vor allem in seinen Trios), dass alle Instrumente gleichzeitig auch Melodie-Instrumente seien. Daher verschwand der Drummer bald aus der Band, denn Melodien konnten andere Instrumente einfach besser spielen als eine Trommel. So kam es zu atemberaubenden Einspielungen mit etwas Bob Brookmeyer und Jim Hall.


    In den 1970-er Jahren formte er ein weiteres Trio (mit heute teilweise wenig bekannten Musikern), und nahm mit der Bass-Flöte und dem Sopransax zwei weitere Instrumente dazu.


    Durch die Parkinson-Krankheit gesundheitlich stark eingeschränkt, beendete er 1992 seine Karriere als aktiver Musiker, am 24.April 2008, zwei Tage vor seinem 87.Geburtstag, verstarb er in Pittsfield/Massachusetts an deren Folgen.


    CD-Empfehlungen gibt es später dann.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)


  • Woody Herman: Hier findet man z.B. "Four Brothers" drauf. Die CD umfasst in einem Querschnitt die Zeit 1945-1947, dazu dann einige Stücke aus dem Jahre 1954, die den Sax-Sound, den Giuffre geprägt hat, weiterführt. 1954 hatte die Herman-Band einen Sound, der zumindest durch die Solisten auch teilweise sehr an den damaligen West Coast Jazz erinnern lässt. Etwa durch die Tenoristen Richie Kamuca und Bill Perkins, oder die Trompeter Dick Collins und Don Fagerquist.



    Jimmy Giuffre : The Small Group Sessions 1947-1953


    Diese 3-CD-Box lässt dann keine Wünsche mehr offen, was die Zeit von 1947-1953 angeht. Hier kann man ganz gut seine Aktivitäten vor allem mit Shorty Rogers nachvollziehen, aber auch einige Stücke von ihm anhören, die er für dieses Umfeld geschrieben hat. Doch auch Einspielungen mit typischen "Boppern" wie Dexter Gordon und dem Pianisten Dodo Marmarosa, einem der Beop-Pioniere, sind mit dabei.


    Leider ohne Bild :


    Jimmy Giuffre : The New Forms in Jazz - The Complete Capitol Recordings 1954-1955


    Alle Stücke hier stammen aus der Feder von Giuffre selbst. Gespielt werden sie im Quartett, Quintett und Septett. Immer mit dabei war sein damaliger Trompeter Jacky Sheldon, der vor kurzem erst verstorben ist. Des weiteren Musiker vom Format eines Shorty Rogers, Shelly Manne, dem Pianisten Russ Freeman, Bob Enevoldsen, DEM typischen Posaunisten des West Coast Jazz, der auch Bass und Tenorsax spielen konnte, Bud Shank am Altsax und die Bassisten Curtis Counce und vor allem Ralph Pena, seinem Hauptbassisten der Zeit 1954-1958.



    Diese Boxen sind ein kleiner Überblick seiner Trios und Quartette bis Mitte der 1970-er Jahre, für die Leute, die sich mal relativ günstig einen Überblick verschaffen wollen.



    Ich habe versucht, die Zeit von 1947 bis ca. 1975 so gut als möglich mit Aufnahmen abzudecken, die relevant, erhältlich und auch hier per Bild zu posten gingen. Sie würden dann aufzeigen, dass Jimmy Giuffre einer der Vorreiter des freien Jazz war, wenn er auch doch weitgehend sich im tonalen Bereich aufgehalten hat. Aus der Generation 1920-1925 gab es davon nur sehr wenige Musiker, etwa Charles Mingus, Charlie Mariano, auch ein wenig Lee Konitz, Lennie Tristano (den man unbedingt erwähnen muss, da er als Lehrer an einer Weiterentwicklung des Jazz viel beizutragen hatte) und eben Jimmy Giuffre.


    Giuffre war vor allem an der Weiterentwicklung eines modernen Klarinettenstils beteiligt. Etwa in der gleichen Art und Weise, wie ein Sam Most der Flöte den Weg vom Bop zum freien, offenen Spiel ermöglicht hat (mit etwa Yusef Lateef zusammen), während man heute nur die Namen Frank Wess, James Moody oder Herbie Mann aus dieser Zeit kennt.


    Der Weg der Klarinette war ein anderer. Hier spielten die Musiker entweder a la Benny Goodman, erst dann kamen Musiker wie Aaron Sachs oder Stan Hasselgard, die beide heute nur noch Insidern bekannt sein dürften. Sachs spielte bereits moderne Jazzklarinette mit ganz eigenem Timbre, bevor der allmächtige Buddy de Franco aufkam um 1944 herum. Später sollten Musiker wie Tony Scott, Jimmy Hamiton (Ja, genau !! Der Hamilton der Ellington-Band, dessen Einfluss erst nach seiner Zeit beim Duke zur Geltung kam), Rolf Kühn und die ganzen weiteren Modernisten. Giuffre wurde aber vom vielleicht "größten Non-Klarinettisten" Lester Young geprägt, der nur wenige Einspielungen mit Klarinette machte (vor allem mit Count Basie), aber dessen Einfluss auch hier in den 1950-er Jahren hervorbrach. Eben Dank Jimmy Giuffres Spiel.


    Jetzt hoffe ich mal, dass man das Ganze so halbwegs versteht, was ich hier geschrieben habe.

    Viele Grüße sendet Maurice

    Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)

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