Zu Unrecht überhört – Interessante amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts

  • Zu Unrecht überhört – Interessante amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts

    Zitat

    ... angefangen mit Gershwin und Bernstein, über Copland zu Barber, Schuman, Rorem, Hanson, Thomson, Diamond, MacDowel und später Adams. Habe ich einen Wichtigen vergessen ?

    also vergesst mir nicht unseren Elliott Carter, der ist schließlich schon 100 (!) Jahre alt + komponiert noch immer und ist einer der ganz großen US-Komponisten, möglicherweise der Größte. Von Ives ganz zu schweigen. Auch Schuller und Babbitt haben fetzige Musik geschrieben. Und da wären noch andere zu nennen... Nebenbei, das wäre auch mal ein interessanter Thread: Wichtige US-Komponisten des 20. Jahrhunderts. Kann den einer von euch mal starten ? Wäre prima....


    :wink:

    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann

  • Ich folge hier der Bitte von Amfortas nach einem solchen Thread, weil mich das Thema ebenfalls interessiert. Was aber heißt wichtig? Wichtig für die Entwicklung des amerikanischen Musicals und damit durchaus auch für die Weltmusik waren zweifellos viele Komponisten von George M. Cohan bis Stephen Sondheim. Die waren aber wohl nicht gemeint, obwohl Letzterer sehr wohl ein Plädoyer verdient, das ich aber schon anderswo gehalten habe.


    Ebensowenig Alan Hovhanness, dessen Diskussion diesen Wunsch auslöste, und ähnliche Wohlklangkünstler wie Leroy Anderson, Ferde Grofé oder Morton Gould, die ich deswegen weder gering noch überschätze. Und die Entwicklung der amerikanischen Filmmusik, die sehr viele bedeutende Komponisten hervor brachte, sei allenfalls im gleichen Zusammenhang angedacht, wie man Prokofieff oder Schostakowitsch für Filmkomponisten halten darf, also etwa bei George Antheil oder Virgil Thomson.


    Außen vor lassen sollten wir hier ebenfalls die anerkannten Größen von Ives über Gershwin bis Bernstein. Dieser Thread soll also vor allem eine Platform für solche amerikanische Komponisten bieten, die nach Eurer Auffassung zu Unrecht vernachlässigt werden. Ich werde hier in Kürze mal den ersten, den schon erwähnten Virgil Thomson - nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls bemerkenswerten Randall Thompson (1899-1984) - vorstellen, den ich nach wie vor sehr schätze.


    Fürs Erste möchte ich aber nur mal die bisher genannten Namen aufgreifen und um ein paar weitere ergänzen, die mir spontan einfallen, weil sie mich mit dem einen oder anderen ihrer Werke beeindruckt haben und hier auflisten:


    George Antheil
    Samuel Barber
    Marc Blitzstein
    Ernest Bloch
    Aaron Copland
    David del Tredici
    Lukas Foss
    Howard Hanson
    Roy Harris
    Scott Joplin
    Peter Mennin
    Edgar Meyer
    Gian Carlo Menotti
    Douglas Moore
    Walter Piston
    George Rochberg
    Ned Rorem
    Charles Ruggles
    Gunther Schuller
    William Schuman
    Randall Thompson
    Virgil Thomson


    Zugegeben, eine etwas einseitige und vielleicht arg spätromantische Auswahl, die meine Vorlieben und meine Sammlung reflektiert, aber dennoch viele Namen, die m. E. nähere Erörterungen wert sind.


    Wenn jemand einem von ihnen oder anderen lieber einen eigenen Thread widmen möchte, nur zu, und ich beteilige mich gerne auch daran. Aber vielleicht kann diese Liste schon mal eine Startrampe bieten, die mit Sicherheit um Namen ergänzt werden sollte und wird, mit deren Werk ich derzeit noch wenig anfangen kann (Babbitt, Carter, Cage etc.).


    Ich bin gespannt, wohin das führen wird.


    :wink: Rideamus

    Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

  • ich möchte gleich diese Aufzählung ergänzen mit zwei Namen, die mir wichtig sind: George Crumb und vor allem Morton Feldman (letzterer wäre unbedingt ein eigener Thread wert).


    :wink:

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  • Hallo zusammen,


    auch wenn ich momentan kaum Zeit habe hier ausgiebig an einer Diskussion teilzunehmen, so will ich doch noch zwei Namen von Komponisten, die mir persönlich etwas bedeuten, in den Ring werfen:


    Lou Harrison
    Frederic Rzewski


    Was die Rideamus-Liste angeht, muss ich gestehen, dass ich von über der Hälfte noch überhaupt nichts kenne...


    Da Amfortas aber schon Adams genannt hat (den ich persönlich auf jeden Fall für wichtig halte), würde ich die Liste noch ergänzen um:


    John Adams
    Philip Glass
    Steve Reich


    Gerade Philip Glass ist doch immer wieder gut, um etwas Feuer in die Diskussion zu bringen! ;)
    Oder gelten diese Komponisten als schon zu stark anerkannt?


    Viele Grüße
    Frank


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  • Zitat

    Da Amfortas aber schon Adams genannt hat


    hatte ich in diesem Thread nicht genannt.


    Zitat

    Gerade Philip Glass ist doch immer wieder gut, um etwas Feuer in die Diskussion zu bringen!


    ja zweifellos, z.B. ich mit der Musik von Glass überhaupt nichts anfangen kann und sie - im Gegensatz zu Christian - nicht mal im Rausch ertragen kann :D .


    :wink:

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  • Lieber Frank,


    mir geht es wiederum bei Frederic Rzewski so. Aber das ist doch genau der Sinn solcher Listen, dass man überhaupt einmal verortet, wer dafür in Frage käme.


    Von wem unter den von mir Genannten, die ich keineswegs alle auf der gleichen Bedeutungshöhe sehe, weißt Du denn noch gar nichts? Vielleicht sollte ich eher mit denen anfangen als mit Thomson, der wohl eher zu den anerkannten, wenn auch heute meist vergessenen, großen amerikanischen Komponisten zählt.


    Ich würde Adams, Glass und Reich, neben denen man auch noch Terry Riley nennen könnte, keineswegs zu den zu Unrecht Überhörten zählen, denn ihre Gemeinde ist doch schon recht beachtlich, aber hier geht es ja nicht um Ausgrenzung sondern erst einmal um das Ausloten von Einzubeziehenden, und da gehören die von Amfortas und Dir Genannten wohl dazu.


    Wie gesagt, jeder kann den Anfang damit machen, über die bloße Namensnennung hinaus zu gehen, sei es hier oder gleich in einem eigenen Thread.


    :wink: Rideamus

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  • Zitat

    Wie gesagt, jeder kann den Anfang damit machen, über die bloße Namensnennung hinaus zu gehen, sei es hier oder gleich in einem eigenen Thread

    ja klar, vielleicht werde ich versuchen - frühestens ab Donnerstag-Abend - leidiges Faktum: Zeitbegrenzung - mir ein paar Zeilen über Morton Feldman :juhu: - hier in diesem Thread - aus dem Kreuz zu leiern, da ein bestimmter Teil seines Spätwerkes mir immer wichtiger wird....
    :wink:

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  • Lieber Rideamus,


    Von wem unter den von mir Genannten, die ich keineswegs alle auf der gleichen Bedeutungshöhe sehe, weißt Du denn noch gar nichts? Vielleicht sollte ich eher mit denen anfangen als mit Thomson, der wohl eher zu den anerkannten, wenn auch heute meist vergessenen, großen amerikanischen Komponisten zählt.


    Natürlich lerne ich nicht unbedingt die Komponisten als erstes kennen, die allgemein die meiste Anerkennung erfahren. Dies geht schon über verschlungenere Wege...
    Ich habe mal versucht alle genannten Komponisten für mich einzuordnen.


    kein Stern: ich glaube den Namen höre ich heute zum ersten mal
    :* Namen habe ich schon mal gehört
    **: Habe ich schon mal was von gehört, kenne ich aber nicht richtig gut
    ***: kenne ich ein paar Werke von einigermaßen gut
    ****: kenne ich mehrere Werke von, einige davon sehr gut


    George Antheil *
    Samuel Barber ****
    Marc Blitzstein
    Ernest Bloch **
    Aaron Copland ***
    David del Tredici
    Lukas Foss **
    Howard Hanson **
    Roy Harris *
    Scott Joplin **
    Peter Mennin
    Edgar Meyer
    Gian Carlo Menotti *
    Douglas Moore
    Walter Piston *
    George Rochberg *
    Ned Rorem *
    Charles Ruggles
    Gunther Schuller
    William Schuman *
    Randall Thompson
    Virgil Thomson *


    Viele Grüße
    Frank


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  • Na, das ist ja eine umfangreiche Hausaufgabe. Dann lasse ich mal alle weg, die mehr als einen Stern haben, und es bleibt nch mehr als genug übrig. Thomson wird dann trotzdem der erste sein, womit ich das Feld von hinten aufrolle.


    Zur Vorabinfo füge ich mal ein, zwei Werktitel hinzu, die mir besonders gefallen, leider aber meist nicht ver greifbar sind, weil es sich um LP aus der Phase handelt, in der ich diese Musik sehr intensiv gehört habe:


    George Antheil - Ballet mécanique for four pianos and percussion (nicht so mein Ding, aber faszinierend)
    Marc Blitzstein - THE CRADLE WILL ROCK (Brecht/Weill á l'Américaine, aber sehr eigenständig)
    David del Tredici - FINAL ALICE (eine magische Oper in der Einspielung von Georg Solti)
    Roy Harris - Sinfonien Nr. 3 und 4 (zu Recht "Folk Song Symphony" genannt)
    Peter Mennin - z.B. Sinfonie Nr. 3 (eingespielt von Mitropoulos) oder Nr. 7 in einem Satz (eingespielt von Jean Martinon)
    Edgar Meyer
    Gian Carlo Menotti - der braucht einen eigenen Thread für seine Opern. Die bekanntesten sind wohl die Weihnats-TV-Oper AMAHL AND THE NIGHT VISITORS und THE CONSUL)
    Douglas Moore - Auch Oper: THE DEVIL AND DANIEL WEBSTER und vor allem THE BALLAD OF BABY DOE)
    Walter Piston - Snfonie Nr. 2 - (eingespielt von Michael Tilson Thomas)
    George Rochberg - ich mag besonders seine 4. Sinfonie in einer Aufnahme von Eugene Ormandy)
    Ned Rorem -
    Charles Ruggles (1876-1971) - Der große unbekannte Zeitgenosse von Charles Ives, dessen gesamtes Werk locker auf eine einzige cd passt, die Michael Tilson Thomas einmal eingespielt hat.
    Gunther Schuller - Seven Studies on Themes of Paul Klee - (eingespielt von Erich Leinsdorf)
    William Schuman - Sinfonie Nr. 3 ( eingespielt von Leonard Bernstein u.a.)
    Randall Thompson - Sinfonie Nr. 2 - (grandiose Aufnahme von Leonard Bernstein)
    Virgil Thomson - schon seine Oper FOUR SAINTS IN THREE ACTS nach Gertrude Stein würde ich zu den zeitlocsen Meisterwerken zählen. Leider sind die Aufnahmen heute Raritäten, auch diese:


    Manche mag ich natürlich lieber als andere, und wann ich die schaffe, steht in den Sternen. Andere dürfen also herzlich gerne auch ran um die Liste abzutragen.


    :wink: Rideamus

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  • Mit amerikanischer Musik habe ich mich noch nicht beschäftigt. Dies steht aber schon länger auf meiner to-do-list. Deswegen liebäugle ich mit folgender Box:



    Darin gibt es laut Simon Rattles Homepage Werke von John Adams, Leonard Bernstein, Duke Ellington (jeweils 1 CD) und George Gershwin (4 CDs). Auf dem Cover stehen noch einige weitere Namen. Die werden auf der Rattle-Homepage unterschlagen.
    Kann jemand etwas dazu sagen?


    Falstaff

  • mir fällt noch ein nicht unwichtiger Name ein: Gloria Coates. Ich habe letztes Jahr mir einen Radiomitschnitt eines ihrer Streichquarette reingezogen; fand ich aber nicht so spannend für mich. Aber sie dürfte trotzdem wichtig in unserer Aufzählung sein.

    Zitat

    Charles Ruggles (1876-1971) - Der große unbekannte Zeitgenosse von Charles Ives, dessen gesamtes Werk locker auf eine einzige cd passt, die Michael Tilson Thomas einmal eingespielt hat.

    inzwischen vermutlich 2 Cds. Es ist vieles fragmentarisch bei Ruggles. Sicherlich auch eine Art Bindeglied zwischen Tradition und Moderne, ich empfinde Ruggles Musik etwas "konservativer" als den späten Ives. MTT engagiert sich sehr und zu Recht für Ruggles.
    :wink:

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  • Zu dem Thema habe ich:



    Muss ich mir mal wieder anhören.


    :wink:

    Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)

  • Ein Name, der zu Unrecht praktisch nie genannt wird, ist Meredith Monk (*1942). Ich betrachte sie als eine der ganz großen amerikanischen Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, ihre Musik ist sehr vital und von umstürzender Originalität. Bekannt ist sie für die von ihr entwickelte "erweiterte Vokaltechnik", eine über den gewöhnlichen Jazzgesang weit hinausgehende gesangstechnische Kontrolle von menschlichen Lautäußerungen wie Murmeln, Jauchzen, Schreien etc., sie hat hier eine unglaubliche emotionale Palette zur Verfügung, die auf manche verstörend (und hysterisch) wirkt. Diese Gesangstechniken hat sie bisher nur ihren Bühnenkollegen vermittelt, sicher ein Grund für die mangelnde Verbreitung ihrer Musik.


    Ein weiterer markanter und absolut originaler Zug in ihrer Musik ist die Rhythmik, die aus der tänzerischen Bewegung geboren ist. Monk ist ja nicht nur Komponistin und Sängerin, sondern auch Tanztheater-Performerin, mit übrigens engen Kontakten zu Merce Cunningham und John Cage. In ihren Werken der letzten Jahre sind zur minimalistischen Anlage ihrer Musik immer stärker polyphonere Züge getreten, sie hat zuletzt sogar reine Instrumentalwerke komponiert (die ich leider nicht kenne).


    Meredith Monk ist eine große, fast noch Unbekannte, deren Zeit noch kommen wird. (Und irgendwann werde ich auch den schon lange geplanten Thread über Meredith Monk beginnen.)


    "When the time comes, perhaps a hundred years from now, to tally up achievements in the performing arts during the last third of the 20th century, one name that seems sure to loom large is that of Meredith Monk. In originality, in scope, in depth, there are few to rival her." — The Washington Post


    Und außerdem möchte ich hier noch einen großen Komponisten der leichten Muse nennen, der mit einer wunderbaren melodischen Erfindungsgabe gesegnet ist: Burt Bacharach (*1928). Wer kennt z.B. nicht "Raindrops keep falling on my head?", "The look of love", "I'll never fall in love again" und viele weitere wunderbare Songs (oft für Dionne Warwick geschrieben), von denen man oft gar nicht weiß, dass sie von ihm stammen. Burt Bacharach erfuhr eine große Ehrung durch die Verleihung des Polar Music Prize, des inoffiziellen Nobelpreises für Musik, im Jahr 2001, zusammen mit Karlheinz Stockhausen und Robert Moog.


    Grüße,
    Jürgen

    --

    "Wo die Beziehung zu unseren heutigen Ohren, Nerven, Erfahrungen und Lebensbedingungen verlorengeht, wird Interpretation zur Flucht in die Vergangenheit."
    Alfred Brendel


    "Music is a fish defrosted with a Hair-Dryer." Maisie


  • Hallo Fallstaff,


    die EMI-Box gibt nur einen groben Überblick über amerikanische Komponisten. Ich finde es besser, wenn man sich keinen "Sampler" kauft, sondern sich mit den Komponiosten einzeln beschäftigt und sich diese auch auf CD so anschafft.


    Nachdem ich Anfang des jahres 2009 im TV das Rattle-Konzert mit dem Thema amerikanische Komponisten gehört habe, möchte ich leicht von dieser Box abraten: Es fehlte mir die Spielfreude, die rhythmische Energie und die Emotion bei Rattle, die bei anderen Aufnahmen diese Werke so hörenswert machen. Kurz: Es kam alles ein wenig soft rüber - Gershwins Ein Amerikaner in Paris habe ich noch nie so hingabelos und lahm gehört.

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang

  • Und außerdem möchte ich hier noch einen großen Komponisten der leichten Muse nennen, der mit einer wunderbaren melodischen Erfindungsgabe gesegnet ist: Burt Bacharach (*1928). Wer kennt z.B. nicht "Raindrops keep falling on my head?", "The look of love", "I'll never fall in love again" und viele weitere wunderbare Songs (oft für Dionne Warwick geschrieben), von denen man oft gar nicht weiß, dass sie von ihm stammen. Burt Bacharach erfuhr eine große Ehrung durch die Verleihung des Polar Music Prize, des inoffiziellen Nobelpreises für Musik, im Jahr 2001, zusammen mit Karlheinz Stockhausen und Robert Moog.


    Grüße,
    Jürgen

    Lieber Jürgen,


    ich hatte mir Burt Bacharach auch kurz überlegt, dann aber verworfen wie die anderen Komponisten, deren wesentliche Stärke der melodische Einfall und dessen Arrangements ist. Gemeinhin wird das - womöglich noch leicht verächtlich - als Unterhaltungsmusik abgetan, wobei m. E. die Grenzen dermaßen fließend sind, dass ich die jeweiligen "Lager" nur an ihren Extremen eindeutig erkennen kann.


    Ich denke, man kann gerade mir glauben, dass die Trennung bei mir nichts mit einer Geringschätzung der melodischen oder anders griffigen Qualität zu tun hat, sondern damit, dass die Verarbeitung von Material bei einem Komponisten im allgemeinen höher bewertet wird als die Qualität des Materials selbst. Die besten Komponisten beherrschen beides, und auf solche wollte ich mich in diesem Thread konzentrieren. Sonst wäre er wirklich uferlos.


    :wink: Rideamus

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  • RE: Liste der amerikanischen Kompnisten - Werk-Favoriten

    Hallo Rideamus und Frank,


    die Liste der amerikanischen Komponisten ist schon sehr umfangreich und nur fast vollständig. Zwei der Wichtigsten (nach meinem Geschmack) hat Rideamus aber vergessen - Leonard Bernstein und Charles Ives ! Auch ich möchte mich zu der Liste äußern, diese erweitern und meine favorisierten amerikanischen Orchesterwerke nennen. Das sind nicht nur vier Sterne für das Kennen der Komponisten, sondern auch für die Wertschätzung der Werke. Die Reihenfolge ist zufällig, aber Bernstein steht an der Spitze:


    1. Bernstein: West Side Story - Sinf.Suite und die GA; On the Waterfront - Sinf.Suite, Sinfonien Nr.1-3, Serenade .... ich könnte die Aufzählung weiter fortsetzen, aber belassen wir es erstmal dabei.


    2. Copland: Appalachian Spring, Sinfonie Nr.3, Connotations for Orchestra


    3. Barber: Sinfonie Nr.1, Violinkonzert, Klavierkonzert, Adagio für Streicher, Essays Nr.1-3


    4. Gershwin: Ein Amerikaner in Paris, Klavierkonzert, Rhapsody in Blue, Second Rhapsody, Cuban Ouvertüre


    5. Harris: Sinfonie Nr.3 (mit Bernstein in beiden Aufnahmen auf SONY und DG)


    6. Morton Gould: Spirituals for Orchestra (am besten in Morton Goulds eigener Aufnahme auf CBS)


    7. Rorem: Sinfonien Nr. 1-3, Violinkonzert


    8. Ives: Sinfonie Nr.2, The unansweres Question


    9. Bloch: Schelomo für Cello und Orchester (die Aufnahme mit Bernstein/Rostropowitsch ist umwerfend)


    10. Hanson: Sinfonie Nr.6


    11. Schuman, William: Sinfonie Nr.3, New England Tryptych


    12. Kraft, William: Concerto für 4 Percussionssolisten und Orchester, Contextures


    13. Russo, William: Drei Stücke für Blues Band und SO (mit Ozawa und der Siegel-Schwall-Band auf DG)


    14. Adams, John: Harmonielehre, Violinkonzert (bei der Harmonielehre ist Rattle (EMI) auch super)



    :!: Für den Einstieg in die Welt der amerikanischen Orchesterwerke empfehle ich (obwohl auch nur ein Überblick und keine Gesamtheit geboten wird) die hervorragende Bernstein-DG-5CD-Box, die alle auch als Einzel-CD´s vorliegen; sowie alle käuflichen CD´s mit amerikanischen Komponisten auf denen der Dirigent Leonard Bernstein heißt.

    ______________


    Gruß aus Bonn


    Wolfgang

  • Wurde Charles Ives schon genannt?


    Ein in meinen Ohren hervorragender Lied-Komponist, der sogar deutsche Texte (z.B. Heine) vertont hat. Lohnt sich unbedingt kennenzulernen! :juhu: :klatsch: :juhu:




    Ich habe zwar nciht diese Cd sondern eine Andere ,die es nciht mehr auf dem Markt gibt, aber hier ist der Titel so nett! :angel:



    F.Q.

    Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)

  • Lieber Teleton,


    das einzige Problem, das ich mit Deiner Liste habe, ist nicht wirklich eines, nämlich die Einbeziehung der arrivierten Komponisten, die ich in meinem Eingangsposting und mit dem Threadtitel bewusst ausschließen wollte, denn sie verdienen sämtlich eigene Threads, nicht nur zu den Komponisten selbst, sondern auch zu den von ihnen genannten Werken. Die New York Musicals Bernsteins habe ich ja andernorts schon einmal dargestellt. Überhört werden sie wohl kaum mehr (oder doch schon wieder?)


    Dazu gehören natürlich, Ives, Barber, Gershwin und Bernstein. Vielleicht ist es aber auch gut, hier einmal auch diejenigen aufzuführen, die zu dieser Klangwelt gehören und sich damit durchsetzen konnten.


    Wie versprochen, arbeite ich derzeit gerade an einem Artikel über Virgil Thomson, dessen Werk ich mir gerade wieder mal anhöre, und von dem ich auch jetzt wieder begeistert bin. Was für eine erstaunliche Kreuzung der Einflüsse christlicher Hymnen und der Kühnheit Saties und der groupe de six, mit der er befreundet war.


    Hier schon mal eine Würdigung von Leonard Bernstein nach Thomsons Tod im Jahr 1989:


    "Der Tod von Virgil T. ist wie der Tod einer amerikanischen Stadt: unerträglich... Wir alle liebten seine Musik, spielten sie aber nur selten. Die meisten von uns zogen seine unvorhersehbare, provokative Prosa vor (in seinen letzten Jahren war Thomson ein sehr einflussreicher Musikkritiker). Aber er wird in der Geschichte der Musik immer ein strahlendes Licht bleiben, und sei es nur wegen des außerordentlichen Einflusses, den seine witzige und simplizistische Musik auf seine Kollegen ausübte, allen voran Aaron Copland, und durch diese auf den größten Teil der amerikanischen Musik unseres Jahrhunderts."


    Warum man über diesen großartigen Komponisten, der alleine schon wegen seiner kongenialen Vertonung von Getrude Steins FOUR SAINTS IN THREE ACTS mit den unsterblichen Zeilen "When this you see remember me" und "Pigeons in the grass alas and a magpie in the sky" und THE MOTHER OF US ALL in jedes musikalische (und natürlich auch poetische) Pantheon gehört, in unseren eurozentrischen Musikführern so gut wie nichts erfährt, zeigt deren Grenzen auf wie nur wenig sonst.


    Mehr in Kürze.


    EDIT @ Fairy: Thomson ist auch ein viel zu unbekannter Liedkomponist. Erst kürzlich erhielt ich eine Rundfunkaufzeichnung seiner faszinierenden "Five Songs from William Blake" mit Thomas Hampson und dem Boston SO aus Tanglewood.


    Vielleicht sollte ich ihm doch besser gleich einen eigenen Thread widmen.


    :wink: Rideamus

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  • Hallo!


    Ich möchte gerne einen Komponsiten vorstellen, der nun nicht ganz in die Reihe derer passt, die hier bisher genannt wurden, aber doch schon ein amerikanischer Komponist des 20. Jahrhunderts ist: Arthur Foote. Foote ist mindestens eine, wenn nicht zwei Generationen älter als die meisten hier bisher in die Diskussion gebrachten Namen, hat für viele dieser Komponisten aber als Leher und Vorbild große Wirkung gehabt.
    Arthur Foote wurde am 5. März 1853 in Salem in Massachusetts geboren, sein Vater Caleb Foote war Besitzer und Herausgeber der einflussreichen "Salem Gazette", seine Mutter gut befreundet mit Dichtern wie Emerson, Peabody und Howthorne. Es war ein frommes Elternhaus, in dem Foote aufwuchs, die Eltern hatten sich im Kirchenchor kennengelernt und unterrichteten in der "Sundays School" der Kirchengemeinde. Footes Zwillingsbruder wurde Pfarrer in der Unitarian Church, seine Schwester gab Anthologien mit Erbauungsliteratur heraus. Der Bruder heiratete später die Tochter des Bostoner Bürgermeisters und Schwester des Präsidenten der Univerität von harvard, die Familie Foote gehörte also zur etablierten wohlhabenden Oberschicht in Neu-England. Die Mutter starb früh, Foote und sein Bruder wurden von der älteren Schwester aufgezogen. Die berufliche Perspektive war klar: Der Sprössling sollte von seinem Vater die Zeitung erben und als Herausgeber betreuen. Foote war dieser Aussicht wohl auch nicht abgeneigt, Musik betrachtete er als Hobby, zu Beginn seines Studiums aber wohl nicht als ernsthafte Berufsperspektive.
    Foote begann dann an der Boston University Harmonielehre und Kontrapunkt zu studieren, sein Lehrer war Stephen Albert Emery, der seinerseits inLeipzig und Dresden studiert hatte, unter anderem beim Thomaskantor Moritz Hauptmann. Dann wechselte Foote an die Harvard Unversity zu John Knowles Paine, einer der wichtigsten Autoritäten im amerikanischen musikleben der Zeit. Auch Paine hatte in Deutschland studiert, vor allem in berlin bei dem organisten Carl August Haupt. 1874 schloss Foote sein Studium ab, 1875 wurde ihm der erste "Master" verliehen, den eine amerikanische Universität je in Musik vergeben hat. Foote ist der erste namhafte Komponist des landes, der komplett in den USA ausgebildet worden ist und nicht, wie noch seine Lehrer, den wesentlichen Teil seines Studiums in Europa absolviert hat.
    Nach seinem Abschluss beschloss Foote, den Berufsweg eines Musikers einzuschlagen, er nahm weiteren Unterricht bei Benjamin Johnson Lang, der als Organist und Dirigent damals das Bostoner Musikleben dominierte (er leitete 1875 zum Beispiel die Uraufführung von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert mit Hans von Bülow als Solisten). Auch Lang war in Deutschland ausgebildet worden, unter anderem auch von Franz Liszt.
    Foote gab Klavier- und Orgelunterricht, trat als Pianist auf, vor allem in Kammermusikkonzerten, und übernahm 1876 seinen ersten Organistenposten. Zwei Jahre später wurde er als Organist und Chorleiter an die "First Church, Unitarian, Boston" berufen, diesen Posten hatte er dann für 32 Jahre inne. 1880 heiratete der Komponist, seine einzige Tochter schrieb später mit ihm gemeinsam seine Autobiographie. Foote etablierte sich rasch im amerikanischen Musikleben, er war Vorsitzender der "American Guild of Organists" und eine der führenden Kräfte in der "Music Teachers National Association", ab 1920 unterrichtete er am "New England Conservatory". Er war ein gesuchter Lehrer, was sich auch in seinen theoretischen Schriften niederschlägt. Mit "Modern Harmony in its Theory and Practise" legte er 1905 eine Harmonielehre vor, die sich nicht, wie die meisten Harmonielehren, in der Analyse von Bach-Chorälen und den daran demonstrierten Zusammenhängen erschöpft, sondern die versucht, ein zeitgemäßes, modernes Unterrichtswerk zu sein und Harmonielehre und Kontrapunkt in der Musik der Spätromantik zu durchleuchten und zu vermitteln. Neben Büchern über Kompositionstechnik und einer Klavierschule veröffentlichte Foote auch über amerikanische Musikgeschichte. Besonders sympathisch ist sein Einsatz gegen den um die Jahrhundertwende auch in Amerika grassierenden Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus. So vertonte er zum Beispiel indianische Texte, oder Gedichte über das Leben der Ureinwohner, schrieb Musik für Synagogen und Chorwerke, in den er jüdische und christliche Traditionen verband.


    Foote schuf Beiträge zu fast allen musikalischen Gattungen, zwei Orchestersuiten (die man genausogut als Symphonien bezeichnen könnte), die "Four Character Pieces after the Rubaiyat of Omar Kayyam", die zu seinen Lebzeiten sein meistgespieltes Werk waren, eine Fülle von Kammermusik, die heute als das Metier betrachtet wird, in dem er sein Bestes leistete, über 100 Kunstlieder, Klavierstücke und natürlich Chor- und Orgelmusik für den gebrauch im Gottesdienst oder bei Kirchenkonzerten. Foote war in der Tradition der deutschen Romantik ausgebildet worden und diese Traditionslinie hört man seinen Werken auch deutlich an. Im 20. Jahrhundert wurde er deswegen oft als konservativer Komponist betrachtet, ein Vorwurf, gegen den er sich immer wehrte, vor allem mit dem Hinweis auf die musiklische Welt, in der er aufgewachsen war: "These were the days when St. Saëns’ music came to us as a stunning novelty . . . when the new Grieg concerto fascinated every one, and when some of us went over to Bayreuth in 1876 to the first performances of the 'Niebelungen Ring.'". In seinen ersten jahren wurde Foote sogar als Radikaler betrachtet, weil er sich zusammen mit seinem Lehrer B. J. Lang für die Musik Liszts, Brahms´ und vor allem Wagners einsetzte. Seine Musik steht klar in der Tradition der deutschen Romantik, es ist keine "nationale" Musik, wie sie der Amerikanismus später anstrebte, es ist aber ausgesprochen qualitätvolle Musik auf der Höhe ihrer Zeit. Man wird Foote vielleicht am gerechtesten, wenn man ihn als Exponenten der europäischen Spätromantik betrachtet. Seine große Stärke sind lyrische Klangfarbenmalereien, die in ihrer harmonischen Originalität und Extravaganz schon stark auf den Impressionismus vorweisen. Wer etwas für Kammermusik der Spätromantik und der klassischen moderne übrig hat, kann bei Arthur Foote wirklich lohnende Entdeckungen machen!


    Foote starb am 8.April 1937 hochgeachtet in seiner Heimatstadt Boston, ein Nachruf bezeichnete ihn als "Dean of American Composers".


    Musikalische Grüße,
    Lars

    Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde

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