HÄNDEL: Almira HWV 1 (1705)

  • HÄNDEL: Almira HWV 1 (1705)

    Es gibt noch wenige Einzelthreads zu Händel-Opern. Ich möchte in den nächsten Wochen versuchen, hier Konstruktives beizutragen. Bin ein Entdecker und bin so begeistert, dass ich die Begeisterung gerne weitergeben möchte.


    Persönlicher Ausgangspunkt:


    Georg Friedrich Händels Opern und Oratorien wollen auch einmal im Leben genauer gewürdigt werden. Ausgangspunkt für den Schreiber dieser Zeilen ist Nikolaus Harnoncourts Arbeit fürs Musiktheater, die (musikgeschichtlich chronologisch betrachtet) von Monteverdi über Purcell zu Händel führt.


    Die Neugier ist da, auch was Händels Lebenslauf betrifft chronologisch vorzugehen, also quasi die Werke in der Reihenfolge ihrer Entstehungsdaten kennenzulernen und so vielleicht die Entwicklung des Komponisten besser mitvollziehen zu können, mit ihnen mitzuwachsen. Herangezogen werden CDs, DVDs und Radioaufzeichnungen, nicht nur die Harnoncourt-Aufnahmen, andere Werke auch, aber nicht alle.


    Begonnen wird von mir demgemäß mit Der in Krohnen erlangte Glücks-Wechsel, oder: Almira, Königin von Castilien HWV 1, Händels erster Oper. Sie hat drei Akte. Als langjähriger jpc-Kunde, der das jpc-Label CPO sehr schätzt, staunt man und freut man sich, dass es im Jahr 2020 zwei Tonträgeraufnahmen dieses Werks gibt und beide von CPO veröffentlicht wurden. Die erste ist allerdings nur mehr im Second Hand Bereich greifbar.


     


    Zur Werkentstehung:


    Der bekanntermaßen 1685 in Halle an der Saale geborene musikalisch hochbegabte Georg Friedrich Händel zog 1703 nach Hamburg und konnte dort in der damals von Reinhard Keiser (1674-1739) geleiteten Oper am Gänsemarkt als Orchestermusiker Fuß fassen. Als Keiser vorübergehend in Weißenfels wirkte, sprang Händel als Komponist ein und kam so zu seiner ersten Opernkomposition und -premiere, uraufgeführt am 8.1.1705 unter Keisers Leitung.


    Mehr über Händels Entwicklung als Opernkomponist findet sich in diesem Capriccio-Thread.


    Das stolze um die vier Stunden lange Werk bietet wie ich es beim Kennenlernen empfunden habe schönste empfindsame Barockmusik, fast durchgehend nicht zu lange aber dafür besonders viele Rezitative und Arien, einige Tänze und nur ganz wenige Duette und noch weniger Chor. Das Libretto mit deutschen Rezitativen und Arien stammt von Friedrich Christian Feustking nach einer Vorlage von Giulio Pancieri. Eine gute Anzahl an Arien wird aber auf Italienisch gesungen.


    Der Inhalt:


    Im mittelalterlichen Valladolid wird die junge Almira nach dem Tod ihres Vaters Königin von Castilien. Testamentsgemäß muss sie einen Nachkommen des weisen Rats Consalvo heiraten. Das wäre Osman, der aber (noch) mit der eifersüchtigen Edilia zusammen ist, für den sich aber Prinzessin Bellante interessiert, auf die wiederum Consalvo ein Auge geworfen hat. Almira allerdings liebt den Sekretär Fernando, dessen Herkunft ungeklärt ist. Und dann stellt sich auch noch der mauretanische Gesandte Raymondo als Kandidat ein. Irrtümer und Missverständnisse prägen die Handlung. Mit dabei ist auch der Narr Tabarco, Fernandos Diener. Im Raum steht zwischenzeitlich, dass sich Fernando Edilia zugewendet haben könnte. Fernando wird sogar kurzzeitig eingekerkert. Am Ende stellt sich heraus, dass Fernando ein verlorengeglaubter weiterer Sohn Consalvos´ ist, womit ein dreifaches Happy End ermöglicht wird: Almira und Fernando, Bellante und Osman und Edilia und Raymondo.


    So habe ich es gehört:


    Der 19jährige Händel komponiert durchgehend barock empfindsam, die Gefühle zwischen echter Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Zuneigung und Begehren kommen ganz unmittelbar und textlich auffallend volkstümlich in den für einen 19jährigen bestechend ausgereiften Rezitativen und Arien zur Geltung. Wunderschön setzt Händel Flöten und Oboen in den Arien ein. Almira schießt den Vogel ab was empfindsame Tiefe der aufrichtigen Liebe betrifft, und Tabarco hat den komödiantischen Part, in Ansätzen fast ein Vorläufer von Mozarts Papageno und Johann Nestroy.


    Musikalische Höhepunkte im 1. Akt sind die erste von zwei bis heute berühmten Sarabanden (Ende 1. Szene, bei Almiras Krönung), Almiras Moll-Arie Chi piu mi pace in der 3. Szene (mit Solo-Oboe, sie kann Fernando nicht heiraten) und die vielleicht neben der vorigen schönste Arie des ganzen Werks, wieder eine Almira-Arie (Geloso tormento, Szene 6): sie glaubt tieftraurig, Fernando liebt Edilia (wieder mit Solo-Oboe). Der 1. Akt dauert in der ersten Aufnahme stolze 86:24 Minuten und endet dort fragmentarisch mit einem Missverständnis-Rezitativ. In der zweiten Aufnahme, die auch auf zum Zeitpunkt der ersten Aufnahme noch nicht bekannte Fundstücke bauen konnte, wird er mit einer weiteren italienischen Arie Almiras deutlich schlüssiger abgerundet.


    Der 2. Akt beginnt mit einem Rezitativ - und mit dem Auftritt Raymondos. Wieder hat Almira die musikalisch bewegendsten Momente für sich – in der Szene 9 Accompagnato und Moll-Aria (Ich kann nicht mehr verschwiegen brennen/Move i passi, zwischen Osman und Fernando stehend), und innig in Szene 11, mit Rezitativ und Aria (Beglückter Tag/Sanera). Der Schluss dieses 2. Akts (der in der ersten Aufnahme 63:58 Minuten lang ist) gehört in beiden Aufnahmen dem Narren und einem kurzen tänzerischen Instrumentalnachspiel.


    Der 3. Akt stellt zu Beginn Europa, Afrika und Asien gegenüber. Die zweite bis heute berühmte Sarabande des Werks hört man in Szene 3, wenn sich Asien vorstellt. (Ihr wird man in „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ 1707 und noch prominenter in „Rinaldo“ 1711 wiederbegegnen.) Anrührend traurig ist Edilias Aria in Szene 5 (Quillt ihr überhäufften Zähren). In der Szene 8 hat dann Almira eine wahrhaft königliche Eifersuchts-Aria zu singen (Vedrai). Nicht zu verachten ist auch ihr aufgewühltes Accompagnato und die darauffolgende Rache-Aria in Szene 10 (Treuloser/Kochet, nahezu Mozarts Königin der Nacht vorwegnehmend), und gleich danach ihre Aria in Szene 11, der ins Herz getroffene Pfeil aufgrund Fernandos vermeintlicher Untreue (Werthe Schrifft). Aber die große wichtige Szene 15 der beiden macht alles gut, sie harmonisiert die Situation zwischen den beiden ganz sanft und dann tänzerisch heiter vom Missverständnis zur Liebe fürs Leben und gehört als besonders feinfühlig komponierte Opernmusik und Schlüsselmoment schlechthin auch zu den schönsten Momenten der Oper. Spielzeit Akt 3 in der ersten Aufnahme: 76:52 Minuten. Der einzige große Chor des Werks in der ersten Aufnahme (im 1. Akt gab es nur ein kurzes Viva zur Krönung, in der zweiten Aufnahme auch noch einen weiteren kürzeren knapp vor Schluss) beschließt das Werk.


    Auf die Länge des Werks muss man sich einstellen. Vieles mag „Barock-routiniert“ erscheinen, aber jedes Detail hat seine empfindsame Bedeutung. Man kann durchaus die ganze Zeit mit all diesen sehr menschlichen Opernfiguren mitleben. Und vor allem der Almira hat Händel derart schöne Musik gegeben die schade wäre, verpasst zu werden im Leben.


    Zu den Aufnahmen, persönliche Eindrücke:


    Die erste CD-Aufnahme entstand von 2. bis 8.7.1994 im Sendesaal von Radio Bremen (3 CDs CPO 999 275-2) im Umfeld einer von Ulrich Peters inszenierten Bühnenproduktion für Bremen und Halle. Es singen Ann Monoyios (Almira), Linda Gerrard (Bellante), David Thomas (Consalvo), Patricia Rozario (Edilia), James MacDougall (Fernando), Douglas Nasrawi (Osman), Olaf Haye (Raymondo) und Christian Elsner (Tabarco), es spielen die Fiori musicali unter der Leitung von Andrew Lawrence-King.


    Die zweite, etwa zwanzig Minuten längere CD-Aufnahme wurde am selben Ort eingespielt, von 21.1. bis 1.2.2018 (4 CDs CPO 555 205-2). Die hier zugrundeliegende Bühnenproduktion hatte im Juni 2013 ihre Premiere. Hier hört man Emöke Baráth (Almira), Amanda Forsythe (Edilia), Colin Balzer (Fernando), Christian Immler (Consalvo), Zachary Wilder (Osman), Jesse Blumberg (Raymondo), Teresa Wakim (Bellante) und Jan Kobow (Tabarco), und es spielt das Boston Early Music Festival Orchestra unter der Leitung von Paul O'Dette und Stephen Stubbs.


    Die erste Aufnahme überzeugt den Schreiber voll und ganz – anmutiges Orchesterspiel und tolle charakterintensive, vibratolose Stimmen. Die zauberische Ausgewogenheit der Aufnahme berückt vollkommen.


    Die zweite Aufnahme besticht anders, orchestral wie stimmlich, sie ist straffer aufgezogen, opernhaft-dramatisch zugespitzter, vollblütiger, bunter, schillernder, auch deutlich exotistischer wo dies möglich ist und dazu noch dank einiger Erweiterungen 20 Minuten länger (insgesamt 241:55 Minuten!). Almira hat etwa im 1. Akt eine Arie mehr, womit dieser Akt wie bereits erwähnt mit einer großen dramatischen Arie von ihr abschließt. Und die aus Ungarn stammende Almira dieser Aufnahme, Emöke Baráth, hat eine tiefere, gesetztere Sopranstimme, sie erscheint damit allein akustisch schon für eine 20jährige als eher gewöhnungsbedürftig mütterlicher, reiferer Typ. Gleichwohl bietet auch sie wie die in Connecticut (USA) geborene Ann Monoyios zuvor eine grandiose, makellose Gesangs- und Charakterleistung.


    Die ausgeglichenere Herangehensweise und der „jüngere“ Stimmtyp der Almira in der ersten Aufnahme stehen dem Schreiber dieser Zeilen näher. Diese weist aber noch einige Lücken auf, die mit der neueren Aufnahme zu einem in sich noch geschlosseneren Opernerlebnis ergänzt werden.


    „Almira“ wurde bis 25.2.1705 etwa 20mal aufgeführt und dann von Händels zweiter, leider verschollener Oper „Nero“ abgelöst. 1732 brachte Georg Philipp Telemann das Werk in eigener Bearbeitung in der Oper am Gänsemarkt zur Wiederaufführung. Ab 1878 führte das Hamburger Stadttheater eine von Johann Nepomuk Fuchs gekürzte Fassung auf. Erst 1985 wurde die Oper in Leipzig wiederaufgeführt, danach eben 1994 in Bremen, worauf ja die erste Aufnahme beruht. Dirigiert hat diese Thomas Albert, der aber, wie im Booklet erklärt wird, krankheitsbedingt nicht die Tonträgeraufnahme leiten konnte.


    Quellen: Die wikipedia Seite zum Werk und die CD-Booklets.


    Ich bin mit diesem Werk richtig "heiß" geworden, viele weitere Händel-Opern kennenzulernen (mehr dazu vielleicht demnächst). Wer allerdings lieber mit Highlights beginnt, sollte sich besser an diesem interessanten Capriccio Thread orientieren.

    Herzliche Grüße
    AlexanderK

  • Vielen Dank, lieber Alexander, für die schöne Einführung! Auch wenn Händel gerade nicht zu meinen Hörschwerpunkten gehört: Freue mich auf weitere Vorstellungen und hoffe, die eine oder andere Barockoper auch mal wieder live erleben zu können, vielleicht erneut bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe, wo Almira zuletzt 2005 geboten wurde. (http://www.omm.de/veranstaltun…le2005/KA-2005almira.html)


    :wink:

    Es grüßt Gurnemanz
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    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann

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